Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 44 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/6492351-8723730-5959606--1497-5374215- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
' : .• ' ' "'; ' — Hl'.—- ' Hier fotyt mm eine Schilderung von Zuständen, welche säst unglanblnh scheine» Wir könne» sie nicht wiedergeben, obfchon die wahrheit-getreue Wiedergabe dein dem holländischen Blatte Mitaetheilten vielleitht dazu bettragen könnte, die Behörden an ihre Pflicht zu ennnern. »Gegen Abend erinnert die Schuttkarr« daran, allen Unrath dieser Krühengeniste zusammenzittragen. Die Eimer müssen nun 2, 3 oder 4 Treppen hinuntergetragen werden. Manchmal muß ein Kind diese Arbeit verrichten und man kann sich leicht vorstrllen, wie dir Treppen nach solcher Arbeit au-sehen müssen, besonderam Montag, da am Sonntag diese Karren nicht Vorfahren. Wir können un» jrdoch mit dem Gedanken trösten, daß ein Amsterdam in dieser Hinsicht noch nicht am schlimmsten bestellt ist. JuleS Simon schildert in seinen Beiträgen zur .Temp»" unter der Ueberschrist »Man Petit journal" Pariser Zu. stände, welche noch viel trauriger sind. Doch sind wir durchaus nicht neidisch und wünschen nur, daß wir Pari» in diesem Punkte noch weit hinter unzurücklassen könnten." .Wir suchen nun mit Hilfe einezweiten Zündhölzcheneine Thür ausfindig zu machen. Wir klopfen an, und «m gastfreundliche- .Herein!" ladet unS zum Eintritte ein. Wir befinden unin einem kleinen Zimmer, von sechs Jn» saffen, Later, Mutter und vier Kindern, bewohnt. Der Fußboden ist mit rothen Ziegelsteinen belegt, welch« hier und da aber schon gewattig zerbröckelt sind. In demselben befindet sich nur «ine Bettlade, aber in der innern Thüröffnung sind zwei Hängematten besesttgt, welche sich um die Thüranaeln drehen; die beiden ältesten Kinder schlafen auf dem Fußboden. DieS ist aber noch eine luxuriöse Einrichtung, denn «S kommt auch vor, daß Bretter in einer gewisse» Höhe über der Bettlade angebracht sind, welch« hierdmch zu einer zweistöckigen Ruhestätte wird." „Du suchst vergeben» nach einem Krahne, welcher die Familie mit Wässer versorgt. Bitte, bemühe dich auch nicht umsonst! Zwar habe« einige HauStigenthümer dieser Nachbarschaft in jüngster Zeit Wasserleitungen in ihre« Häusern -anlegen lassen, aber nicht zur Bequemlichkeit für die Miether, sondern nur zur Bereicherung ihreeigenen Seckelsdenn wo diesegeschah, wurde sofort der wöchentliche MiethzinS um einige Cent« in die Höhe geschraubt. Der jährlich Gejammtertrag deckt vollständig die Anlagekosten und die an oie WafserleitungSanstalt zu zahlende Steuer. Auch geschieht «S nicht au- Scmität-rümichten gegen die Bewohner besagter Räume, sondern in Wirklichkeit nur, um Geld zu machen, da jeder Eimer Wasser den Miether« 2 Cents (4 Pfennige) kostet. Eine Berechnung der Waffermenge aber, welch die jüdisch Familie wöchentlich zum Waschen de» Körper», zum Scheuern de» FuhbRienS und der HauSgeräthe, zum Zubereiten der Speisen, .zum Spülen der Tischgeräthe und zum Triubm verbraucht, ergiebt, daß sie für Wasser wöchentlich durchschnittlich 40 bi- 30 Prozent der eigentlichen WohnungSmiethe »u entrichten hat. Sicher ist aber hierbei, daß sie sich m dem Verbrauche des Wasser» nicht so einschränkn .würde, wenn sie nicht» Wetter zu thun hätte, als nur den ^Krahn loS- und zuzndrehen." »Unter diesen Umständen können wir eS un» auch erklären. weshalb die öwnomffche Hau-frau manchmal das schmutzig« und übelriechende Kanalwaffer zum Scheuern de» Fußboden» benutzt und weßhalb der Arzt manchmal eine Zeitlaug warten muß, «he er einen Napf reinen Wasserkur seinen Patienten bekommen kann." »Man hat oft Klage« über den Mangel an Reinlich' beit in dieser Nachbarschaft erhoben. Wir dürfen jedoch hierbei nicht te^effe^ daß tue «öthige Reinlichkeit und die nicht minder nöthrge Sparsamkeit oft m Collifio» gerathen, wo «der einzelne Eimer Wasser so theuer bezahlt werden muß. Ein» steht fest. De» Ansprüchen au nötiger Reinlichkett , kann am bann entbrochen werden, wenn.jede Wohnung au-reichenl) mit Wasser versorgt ist und. der Gebrauch von Eimer» und Wasserkübelu nur noch antiquarische- In teresse hat. .In diesem Falle müßte dann.aber auch dafür gesorgt werden, daß die Wasserleitung so bequem wie möglich angelegt werde und nicht, wie wir diesein einigen Häusern gesehen haben, wo die Röhren läng» der Jnnensette der Außenmauer liegen. Hier dienen viereckige Mauerlücher al- Fenster, welche im Winter dem Froste ungehinderten Zutritt gestatten, so daß die Röhren springen und die Benutzung der Leitung ganz unmöglich machen. Der Krahuen ist in der Regel nn Erdgeschoß, welches im Winter gewöhnlich von dem Miether verlassen wird, deshalb wird er mit Anbnuh der Dunkelheit zugedrrht, so daß da» Wasser, welche» während der Rächt nicht abfließen kann, in der Rühre gefriert. — Warum legen aber die Eigenthümer nicht so viel mehr an, um die Einrichtung bequem und brauchbar zu machen? — Einen Gußstein mit einem Abflußrohr für das benutzte und unbrauchbar gewordene Wasser fanden wir in den von unbesuchten Häusern nicht vor, obschon in der letzten Zeit «ine solch unerölßliche Borrichtung in allen neuerbauten Häusern angebracht wurde. Man findet zwar oft einen solchen für die vielen in einem Hause befindlichen Haushaltungen und muß in diesem Falle alles schmutzige Wasser eimerweise auf die Straße getragen und in die Sttaßenrinne entleert werden. „Bei diesen Unzuträglichkeiten können wir undaher nicht genug wundern, welche Sorgfalt man auf Reinhaltung der HauSgeräthe verwendet, besonderdarauf, daß die Kupfer- und sonstigen Metallgeräthe immer sauber und blank erscheinen. Betrachte einmal den Ofen oder Heerd, auf welchem die Speisen nach jüdischem Religionsgesetz gekocht werden, seinesgleichen kann man nur in dieser Nachbarschaft finden; die blank geputzten Thüren könnten al» Spiegel dienen. „Und die Miethe für ein solches Zimmer? Sie bettägt in der Regel nicht weniger al» 1Gülden, (2,63 Mk) wöchentlich und sobald ein Miether abzieht, sind schon Dutzende da, welche sich um den Raum bewerben. „Die». Allemuß man jedoch mit eigenen Augen sehen, um zu einem Berständniß solcher Berhältniffe zu gelangen. Ein Besucher, welcher, wie Schreiber dieftr Zeilen e» jüngst gethan, in einem ,o engen und miserabel« Raum ttitt, in welchem Eltern und Kinder jn einem Rauch sitzen, welcher die Augen blendet, so daß er selbst nach Athem schnappen muß und dann hört, wie der Later mit einem gewissen Wohlbehagen sagt, daß dieser Rauch gar so schädlich nicht sei und man sich bald an den erstickenden Qualm gewöhne; schaudert bei dem Gedanken, mtt dieser Familie auch nur einen Abend in solcher Umgebung, zubringen zu müssen. Er wird e» begreifen, welch schädlichen Einfluß ein solcher Qualm auf den Gesundheitszustand der Bewohner übe« muß, selbst wenn der Later sich dessen nicht bewußt sein sollte. „WaS kann nun gethan werden, solchen Uebelständen abzuhelfen? ES wäre vergebens, wollte man von den HauSeigenthümern erwarten, daß sie chr Eigenthum in gesunde, wohnbare Loccklttäten umschaffen würden. - Solche Erwartungen würden sich erst dann realisiren, wenn ihr eigener Bortheil dabei füue Rechnung fände. Da» ist aoer nicht der Fall. Trotz der hohen Miethe sind alle Räume besetzt und in Folge stetiger Zunahme der BevölkrrunMiffer erfährt die Nachfrage keine Verminderung, vielmehr finden die Löcher bei dieser stetigen BevölkerungSzunahme immer wieder ihre Reflectanten. „SBarum die Juden besonder» gern in dieser Nachbarschaft wohnen, dafür giebt eS mehr denn einen Grund. Jn diese« Stadtviertel findet sich der Jude zu Hause. E» ist die» ein Gefühl, für welcheein Christ, der in einem ander-. Stadttheile wohnt, keine Erklärung hat. Hier haben die Eltern und Großeltern der heutigen Geschulter gewohnt und sich geplagt: hier wollen auch sie ihr Brod verdienen. Hier lebt der Jude in der Mitte ferneeigene» Volke-. Rach emer vor kaum einem Jahre gemachten Aufstellung wohnen nur «6 christlich. Familien in der Uuenburgerstraat, Bachen bargerstruat, de« Walerlooplei», der Joden Houttninea