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Jüdisches Familienblatt · 1890-01-01 · 44 (1890) · p. Seite 170

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1890
Issue
44 (1890)
Date
1890-01-01
Page
Seite 170 (sequence 2)
Language
German
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.Ja, ein solcher Drohbrief, versehen mit dem Siegel der Nationalrrgierung, findet sich unter meine« Papieren." .Dann verschieben wir die Vollziehung der Strafe noch auf zwei Wochen, damit di« ihrigen inzwischen Zett^g«ug haben jene- Dokument aufzufinden; jedenfalls aber bleiben Sie bis dahin bei uns hinter Schloß und Riegel.- Der Großwttrr gab sich mit diesem AuSspruchr zufrieden, auch seine Familie war über diese glückliche Wendung der Dinge hocherfreut, denn thatsächlich kam ja auch dem Groß« Kater ein solcher Drohbrief zu und bei seiner Ordnungsliebe durste man keinen Augenblick daran zweistln, daß jener Brief gewiß unter seinen Papieren sorgfältig aufgehoben ist. Sofort begann man zu Haust unter den Papieren zu suchen, vorsichtig, stdeS noch so unbedeutsame Zettelchen bedachtsam öffnend und lösend. Verjährte, vergilbte und längst im Archiv vergrabene Papiere tauchten wieder auf die Oberfläche, doch daS waS man suchte ließ sich nirgend» blicken. Dadurch etwas beunruhigt, fing man mit erneuter Kraft zu suchen an, immer nervöser, immer fieberhafter. Alle Schubläden flogen auf und zu, jedes Stückchen Papier machte den Gang durch zehn Hände. Di« Fächer, die Schränke leerten und füllten sich wieder — doch vergebens! Mit immer steigender Angst gina daS Suchen vor sich. Man stöberte überall herum, warf alle Schränk neuerdings auseinander. Man wühlte in allem Möglichen und Unmöglichen. Mit. fieberhaft brennenden Händen warf man einander die Dinge zu, zum nochmaligen Beschau, doch weiß Gott, das Gesuchte ließ sich just nicht finden! Kalt rieselte es Allen über den Rücken, ein Tag und eine Nacht waren bereits vorüber. Und immer hastiger und stürmischer ging daS Suchen vor sich — Schränk, Betten, Stühle, alle Hausaeräthe wurden zerlegt, auseinander geschraubt, alle Düngerhaufen zerwühlt und durchsirbt, man riß die Dielen vom Fußboden herunter — umsonst, alles umsonst! Inzwischen verrann Tag nach Tag. Mit stdem Tage wuchs daS Entsetzen. ES war als sehe man den Tod mit langgestreckten Beinen immer näher heranrückea. Eine Woche war bereüS dahin — Angst sträubte Allen daS Haar — nur noch sieben Tage! Convulsivisch arbeitete eS aus allen heraus. DaS war kin Suchen mehr, sondern ein Wersen, Schleudern, Hacken und in die Wände graben. DaS Gesuchte hätte hundertmal vor Augen kommen mögen, man hätte eS dennoch nicht erkannt. Alle waren wahnsinnig, geblendet, so daß die Dinge wie Grablichter vor den Augen tanzten. Und wieder ein Tag und wieder rin Tag! In den letzten Tagen fühlten sich Alle gebeugt, gebrochen, der Stopf hohl und leer — es war als hätte der Schmerz seine Spannkraft verloren. Stieren Auges saßen sie Alle mtt verschränken Händen in dumpfer Betäubung. L»S diesem stumpffianigen Zustand riß sie ans einmal die Erinnerung auf, daß nur noch zwei Tage für sst übrig bliebe». Einmal müßte« sie ch« ja doch noch sehe», den Unglückliche», und koste «s auch das Herzblut. Sem Leben hat ja uur.uoch Stunde» zu zählen. Da« war ei» Gang, schauriger, grausiger al» in daS Grab. Mft stnmmem, ftageudem Blicke sah der Großvater dst Seinigen au, als sie zu chm i» die Krrkerzrlle traten. Was hätte» sie chm nur autworte« sollen? Stiere Auge» und häudermgeub« Verzweiflung waren dst Antwort. Der Unglücklich« ließg deu Kopf auf dst Brust fintca. ,U»d so will «S de»» .Sott; daß ich uuschchldig sterben soll!" stammelte der Aermsst, erdfahl im Gesichte. Run, so sei e* des»!"-> rief er daun w««r, mit de» letzten Much der Berzweifluug .Gotte» Wille gttchehe. Jetzt aber heißt «S, a» dst letzte Stunde denk», «le nur jemand vo» Euch nach Haust, um mir meine« Betsack herzubriugen, denn in meinem Btt-Talar bekleidet will ich meine» letzte» Saug machen und aus meinem Gebetbuch« will ich ■'*! »ein letzt» Gebet verrichte«. Bevor eine vierte Stunde vorüber war, hatte der Großvater seine» Bctsak vor sich.' Bchächtig zog er seine» Betmantll au» de« Betsak > hervor, dessen Schaufäde» er sorgfältig uachzählte. Darauf 2. rollte er * die Sebetrstme» «»Semauder, nachdem er auch v damit fertig war, hotte er a«S einer Lederschachtel sei» Gebetbuch Kaum stdoch daß er dieses üffaek, glitt au» demselben etwa» wie em Pavier zu Boden, und za gleicher Zeit entfuhr dem Großvattr der jähe Freudeuruf: »Kinder ich bi» gerettet! DaS au» dem Buche herauSgefallene Papier war eben stuer Drohbrief. .Wa« darauf geschah", führst mein gottseliger Vater au», der mir diese Begebenheit al» SelbsterlebstS mittheilst, .weiß ich kaum selber mehr, wir waren ja all« wst vo« einem Taumel ergriffe», aber noch jetzt glaube ich dst Freudenrufe zu hören, mit welchen der in so wunderbarer Weist Gereist von allen Seiten begrüßt wurde, »ad dst jauchzend« Menge zu sehen, die ih» au« dem «efäugniß nach Haust begleitest." An demselbem Tage noch schrieb der Großvater auf der vierundsechzigsten Seist de» Gebetbuch«», au» welchem das ihn rettende Papier herauSaefalle», je«« denkwürdige, zu mir noch heust sprechende Inschrift ein: .GotteShilfe kommt in einem Augenblick.. Die Woh»»«ge» der jüdische« «rme» i« Amsterda«. Eine höchst instressanst Beschreibung von l« Art und Weise, wst manche jüdische «rme i» Amsterdam beherbergt werden, veröffentlicht jüngst Herr Tour», «in hervorragender nichtjüdischer Mitarbeiter des .Algrmee« Handelsblad', einer der bedenbmdstrn täglich erscheinenden Amsstrdamer Zeitungen. Der Artikl zeigt, daß die elendsten Höhlen, in welchen so manche Londoner Arme zusammengepfercht sind, im Bergleich zu stnen Amsterdamer Wohnräumen noch wahre Paläste fiud. Die Wohnungen, wst sst in diesem Artikl beschrieben sind, scheinen den besonderen Zweck zu haben, denjenigen al» Äudiumzu dienen, welche sich vergewissern wollen, welchem liebermaß gesundheitstörenderEinflüffedermenschlicheSörperznwiderssthen vermag. Der Ursprung diese» Uebel« ist in de» Artikl freimüthig dargelegt. Er resuttirt aus der Habsucht der HauSügeu« thümer und der NachlÄsigkft, mit welcher die städtische» Behörden dst Handbabnna der bestehenden SanitätSvorschäften überwachen, m Folge deren tausende unserer Brüder gezwungen werden, in Schmutz versuukn zu stben und verdarben« Lust einatbmen zu müssen. Herr Tours schildert auch den lobeuSwerthen Eifer, mtt welchem unsere arme» Brüder gegen dst bestehenden Verhältnisse anlämpsru; dieser muß ab« um so mehr unser innigste- Mitleid mtt ihrem Loose wachrusen. Doch lassen wst Herrn Tour» jetzt selbst sprechen: .Dstse Treppe hinauf! Vorsicht! D« möchtest dich wohl lstber an dstse« glänzende« Seist nicht sesthatte«. Folge aber «einem Rache und klammere dich fest daran! Dst Gefahr, solch eine ausgetretene, enge und stelle TreWe hiuauszuklettrrn, ist zu groß. Und dennoch müsse» All«; welche hier wohnen — Smder, Greise, Fragen, ja manche sogar mtt schweren Lasst» — auf derselben auf- und ab» steigen. Würde Jemand hierbei ei«« Fehltritt thun, weA ifcm!" .«st kommen un» aus einen geschwärzten, duukl» Treppenabsatz, wo nicht» unS erwartet, als ei» höchst mtas* gatdjmtt Dust. Wst streichen ei« Zündhölzchen. an und bemerk« zwei Eimer, welche den zwei Familien, dst Etrme bewohnen, zur Ablagerung alle» möglichen ist! flusseS dienen." .

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