Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 43 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 166 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/6492351-8723730-5959605--1491-5374210- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wo fit Alstitz Ne gckockrrtru SKäatt olif^WWI ifliV *»*nV weift m da» trüb« Gewässer der Zisterne sich versenken. Schon »it Sonnenuntergang wird heute in allen jüdischen Häusern Nacht gemacht» so daß in der achten Abend« stunde kein Fuß eine» Inden mehr in der Gafie zu taffen ist. Alle liegen sie bereits in die Betten und erwarten pochenden Herzens die feierliche Mitternachtsstunde, in welcher der Schnlllopftr sie mif zwei Hammerschlägrn gegen da« HauSthor. au« dem Schlaft weckt. Um jeden Augenblick zum Aufbruche bereit zu sein, unterlassen sie rS heute, sich vor dem Schlafengehen der Lleidcr zu entledigen. Die Frauen, die mit besonderer Aengstlichkeit darüber wachen, dm Augenblick de» AufstehenS nicht zu verpafft«, schlaft« diese Nacht, man könnt« sagen, nur tropsweise. Fast jcbc fünf Minuten fahren sie erschreckt aus de» Schlaft empor, in der Meinung, daß man soeben angeklopst hat, und olarmirrn da» ganze Hau», man solle nur rasch in dft Synagoge eilen, denn es sei bereit« schon die höchst« Zeit. In jenen jüdischen Häusern gar, in denen cS an einer Uhr fehlt, geschieht eS oft, daß di« ganze Familie schon um elf Uhr au spricht und in dft Synago« eilt, wo sie jedoch vom Nachtwächter erfahren, daß dft Nacht erst im Beginnen sei, so daß sie wieder den Weg zurüek nach Häuft machen upd sich wieder in dft Betten begeben, um ans» neue jede fünf Mnuten erschreckt ans dem Schlaft emporzufahren. Da» geht so ab und zu, bi« endlich dft Hammerschlägt sich wirllich vernehmen lasftn mit dem feierlichen Ruse de« Synagogen» dienert: „Geht nach frommem Gebot, dienen dem lebendigen Gott!* da wird es auf einmal lebendig in allen Ecken und Enden der Stadt. Au« allen Häusern drängen sich ganze Schoaan von Männern, Frauen und Lindern, alle mit angezündeteu Laternen und Wachskerzen in den Händen, und da regt und bewegt et sich geisterhaft durch die Nacht, huschend« Lichter und flüsternd« Stimmen, geheimnißvolle Schaarrn, dft in dft Nacht hinau-zfthen, um den Himmel mit ihren Gebeten zu stürmen! Aber noch andere. Wesen giebt e« in der Stadt, dft dieft Nacht große Borkehrnngen taffen. Alle Strolch« nnd Verbrecher der Stadt nämlich, die für ihr umheimlicheS, lichtscheue« Handwerk kaum je einen geeigneftan Zeitpunkt sr Laren sich ja dft jüdischen Häuser ganz von ihan Hä Bewohnern, so daß sie dft Nacht sich selb« überlaffen bleiben. '.so . . ist die Zest günstig« zum Stehlen und Plündern daß in t " " ' - den Taffen dft nächtliche Ruhe und wann ot« heute? Kaum wftderkehrt. schlüpfen sie au« ihren Mördergruben und mache, sich mft ihren höllischen Werkzeugen über dft Häuser her. So manche Familie kehrt früh morgen« von der Synagoge zurück und steht entsetzt vor eine« an«geplündertrn Häuft, da« man ihnen zurückgelaffen. Fakt kein Jahr giebt tt, daß mau nicht um dieft Zest von Diebstählen und Plündereien höreft, di« an jüdischen Häusern begangen wurden, aber da« Jahr hat zwölf Monate und bi« diese wieder um sind, vergißt man unter so manche« Unbill de» vergangenen Jahre», auch diese». Uebrigen» ist ja da« Herz dieser Armen von einem solchen Schocken erfüllt vor den herannahenden „furchtbaren Tagen', wft sie dft hoben Fest« nennen, daß neben diesem ein« andea Furcht gar nicht »ehr austommen kann, und so überließen sie immer auf« Nbu« ia jener Nacht ihr Hab und Gut dem Schutze de« Zufalles, was jede« Jahr dft Strolche der Stadt sich machen. zu In jener Nacht, von der ich erzählen will, ging e» nicht ander« ziv Auf dem doppelten Ha tat . im bitte um zwei Uhr Nacht» in dft Synagoge. Da» ganz« Hau» und alle» wa» darin war, ließ man nun bi« ans »ft Amme zurück, dft in der Nähe der Wiege de» Linde« Giertet war. Da geschah e«, als mau gerade in der Sh. mitten in dem »ollen Zuge de» Gebete» sich befand ulld der tauftMlimmia, Ruf ertöuft: ^„Erh-rr. V Mott, uuftr Flehen!', daß plötzlich die Thüo ausaerisftu wurde und der Nachtwächter »ft de« Schrecken »rufe in dft Sy» uagoh« pralft: .Rettet Euch dft Häuser, sie brennen!' Anfangs schien Alle» bei dreft« Ruft »ft erstarrt, aber mau ermannte sich bald, nnd Kopf über Lopf stürzten sie all« durch dft enge Thür der Synagoge in eine» wllbeu» aufgelösten Flucht auf die Gaffe hinan» mft dem Ruft: „E« brennt. Gewalt, c» brennt!" Draußen wuchs die Berwirrung zn einer Todesangst, den» hier vcrmißtt der Mann seine Frau, da dft Mutter ihre Linder, und hier wieder blutete manche Frau au beiden Ohren, von denen soeben eine räuberisch« Hand dft Ohrgehänge herunftrgezwftkt hat. Dft Gaff« und dft Straß«, dir von Minute zn Minnft «ft einer größeren Menschenmenge sich füllten, waau gehüllt in Tageöhellr, beleuchtet von den Dächern, die über di« Häuser wie unheimliche Fackeln hinanflodertcn. ■ Lnitternd flog e» jedeSmal wft ein« neue Rakete durch dft List, von einem Dache bi« in da« zweite Ende der Stadt auf «iu zweite» Dach hin und schon ' C'te auch dieses in Hellen Flammen empor. Mitten in Knistern und Lnastern de« entftffelten Elementes» da» wie eine Furie über dft Dächer tanzte, ertönt« jedeSmal da» Geheul der erschreckten Menschenkinder: .Rettet, habt GM im Herzen, rettet!' Al« der Bater und die Mutter in wirrer verzweifln« vor ihrem Hause gelaugten, fanden auch sft da« Dach <nq demselben jn loher Flamm« empörst ackern, aber sie hatten keine Zeft, diese« nur eine» Augenblick zu betrachten, denn sie gewahrten vor sich dft Amme ihre» Linde«, halbnackt und mit wildaufgestränttrn Haaan, die ein zusammen« gerollte» Polster gegen ihr Her» drückte. „Um Gotteswilleu, wo ist das L>nd?' fuhr sie dft Mutta an. .Unglückliche, wo ist da« Lind?' schüttelte sieder Bater heftig an den Schultern. Dft Amme schien sie nich sie sah st« starr an un gegen ,hr Herz, al« wollte Dft Unglückliche hatte, als 'sie so plötzlich durch den Lärm an« de« Schlaft emporfuhr und da« Dach über ihm« Haupt in Flammen sah, in ihrer vewürrmng statt nach dem Lind«, nach einem zusammgngaollten Polster gegriffen, mit de« sie, iu der vollen Urberzeuauua, daß sie da« Lind in ihren Armen hält, aus dft Straße sich hiuausrettet«. >. Dft Mutter rang iu wilder verzweifln»- dft Hände und machte den Versuch, sich in da« bannende Hau« zu stürzen, aver dft vor demsübeu mft geladenen Gewehren »achthabenden Soldaten warfen sie zurück. Bereit« war m» Ha»«thor zu Asche verbrannt und der Rahmen desselben bildete einen Feuehaum, der iu Millionen Fnukeu sprühet«. Durch dft Imster sah .' nnuern. sie nicht verstanden zu haben, denn und drückt« noch mehr bu» Polster Ute sft sagen: „Da ist «» ja!' irch dft Fenster sah «an schon «tnalue Flämmcheu in. den inneren Räumen emporpmjftlu. Auch dort griff daß - Wiederholt machte dft Mutter den Jener bereit« n« sich. - Wiederholt machte verzweifelten versuch, iu da« bannende Hau« eiuzndringeu, aber sie wurde immer auf« Ren« von den Soldaten zurückgeworftu. Ihr Geheul glich dem einer Wölfin, der mau dft Jungen geraubt Niemand jedoch gedachte mchr au dft Rettung de« Linde». — Wir war da» auch m»glich? Wer wird sich de« sichern Tode iu den Rachen stürze«? Da tauch» plötzlich vor den entsetzten Blick« der Menge eine Gestalt ans iu den iuueru Räum« de« Hause«, dft fahl vor den wilden Flammen beleuchtet, wft ei« überirdische Erscheinung sich ausah. Wer dftse war, Nftwand erkannt« sie; woher und durch welche Seite sie in da« bannend« Hau« hineingelangte, da ja diese« von Soldaten umringt war — Niemand wußte es. Durch dft Fensterscheiben sab «an sie in den iuueru Räumen uwhergcheu, »ährend dft Mammen sie von allen Seiten umzüngelten. Nur «iu Augenblick und dft Gestuft war plötzlich verschwunden. «u Regen von Millionen Funke, stäubt» f .-i Ä.-4 -