Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 43 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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" Hrrausgegeben von Dr. M. >«Hmer in Magdeburg. & Kr Dckltzili»»» nt -tlchmi fit die itnMtzk -mLik- * ,, Da» Gebetbuch. Silhouette« von Nathan Samuely. — Eine Episode aut dem deutsch-französischen Kriege. — Allerlei für den jlltyfllt! AanrUientisch.^-^e ältesten Schriftstücke au» Jerusalem. — Baron Hirsch. — Adeline Patti ist «ine Jüdin! — .Gotte» Sohn- -Aufgaben. «Sthsellofunge». tllndetngtrr Nachdruck an» »lese« Blatt» ist nntersagt.) »«» G«retr«ch. ' Silhouetten von Nathan Samuely. Ich Hab« rin altes Gebetbuch, grau und verwischt, da» wie tip runzlige« Großvätrrche» au«..der Lieih« meiner modern aufgeputzten Bücher hervorblickt, mit zerschlissenen Täftlibeu, abgeriebenem Rücken, in welchem di« dort aufgedrnaten Buchstaben nur Ritzen und Bertiefungen zurückgelassen, aus tvelchen hie und da ein Fünkchen verblaßten Goldes hervorglimmt, mit einem verschwommenen Rand« schnitt, der einst goldig war. jetzt aber keine Farbe mehr bekennt und mit plumpen, unbeholfenen Lettern, nach Art der früher« Typographie. O, cS hat' schon Geschlechter überlebt, diese« Gebetbuch! Alle jene Augen, die darin hineingeweint, sind längst schon vermodert im Grabe, aber Spuren von allen ihren Leiden und Freuden haben sie darin zurückgelasseu, jene versunkenen Geschlechter, hier eine sinnige Inschrift, dort ein welke« Blättchen, und hier wieder die unverwischbare Spur einer Thräne, lauter beredte e, die die Tobten vor mir heraufbeschwüren, ihre Zungen lüsen, daß sie über das Grab hinweg, dem spätesten Enkelkind« Geschichten erzählen aus alten, verklungenen Zeiten. Mir ist eS, so oft ich dieses Buch öffne, als trete ich in die gehelligttn Hallen eiue« Ahnensaales ein. Auch hier entfteiaen jedem Blatte längstverblaßte B:lder, dir mich mit ihre» seliaverklärtrn Augen ansehen und e« tönt unb klingt wie ein Geisterruf auS dem Buche heraus und Gestalte» werden lebendig, die lange schon im Schattenreiche weilen und mitten unter diesen drängen sich die verblichenen Bilder meiner Kindheft, wie Tobte au« de» Gräbern. . . Einige Gestalten lass« ich hier au« dem Rahmen de« Gebetbuches hervortrrtrn. jtvenn Du durch'» Feuer gehst, wirst Tu nicht verzehrt, Und die Flamm» kann Dir nicht» «»haben- Vieser Bibelsatz findet sich im Urtext« auf einem der ■ Blätter meine« Gebetbuches mit der Handschrift meine» ' Later«, wobei auch da» Tages- und Jahresdatum nicht srhft: de» drriundzwanzigsten Tag im Monat» Elul, im Jahre sechshundertfünf nach jüdischer Zeitrechnung. DaSwlbe Blatt aber, auf welchem jener Bibelsatz mit btt Handschrift meine« Baker« zu lesen ist, ist ganz rnffig »ud angeraucht, al« hätte die Fenerzunge rS einmal.schon berührt »nd durch «ne wunderbare Fügung wieder verschont. . . Fürwahr so ist e« auch! Einen Augenblick nur und . diese« Buch wäre ein Ranb der Flammen, aber rechtzeitig - erfaßte «S eine rettend« Hand, di« e« dem verderben entriß. vteMe Hand aber eaknß damals auch mich dem Feuerglluude, der mich gierig zu verschÜngen drohet«. Jene ibelftelle erinnert muh also ewig daran, daß eine gewisse Zusam nicngehürigkeit mich mit meinem Gebetbuch« verknüpft, daß wir beide einem und dcmsrlbem Manne das Dasein zu verdanken haben. Ich selber erinnere mich freilich nicht a» jeneu Borfall, da ich ja damals kaum ein Jahr alt war, aber meine Eltern erzählten rS mir sehr oft, wob?, sie mir die Brandstelle in meinem Gebetbuch«: zeigten, dir auch jetzt mir vor Augen ist und mir zuzurufcn scheint: .Wir beide gehören zu einander!" DaS trug sich nach der Erzählung meiner Eltern in folgender Weise zu: ES war am ersten Tag der Selichot*), an einem jener Tage, die eine feierliche Ouvertüre bilden für die hohen Festtage. Der Jude steht an diesen Tage» mitten in der Nacht auf und eilt mit Weib und Kind in die Synagoge, um seine heißen Gebete zum nächtlichen Himmel hinanznsenden, der so schwarz und düster auf die Exde hinunterschaut, wie auf ihn sein machtvolles Geschick und seine tausendjährige Leidensgeschichte. Wer noch heute Gelegenheit hat jene Tage in eioem kleinen Städtchen Galizien« zu verleben, der genießt ein Schauspiel, das gewiß nicht verfehlt, einen tief ins Herz zu treffen. Schon einen Tag vor dein Beginne jener Älichottage, sieht man die Leute wie düstere Schatten umherhuschen mft gesenkten Häuptern, trüben Blicken nnd ernsten, ja ängstlohen Mienen, als befände, man sich unmittelbar vor dem jüngsten Tage. Allerhand Bolbereitungen werden für den Empfang dieser weihevollen Mitternachtsstund« getroffen.- Männer und Frauen eilen zum.Packenträger-^, der heute vor dem Eingänge der Synagoge seine Bude aufgeschlagen, um sich bei ihm mit allerhand heiligen Utensilien zu versehen. mit SelichoS, Mesuse», ZiziSf) und sonstigem heiligen Kram. Auch Laternen und bunte, in Rollen zusammengewickeüe WaMkerzcn, werden heute in den Handlungen «kaust, zum Gebrauch« für die nächtlichen Gänge in die Synagogen. Junge und alte Frauen besorgen in aller Eile ihre «genS für biefeit Tag bestimmten Toiletten, Haarbänder und schwarz« Seidentücher, denn aller Schmuck ist in diesen Tagen verbanut inb du Stelle der Robendiademe nchmen schwarz« Tücher ein, mit welchen die Frauen ihre Köpfe umwickeln. Au» allen Bethässrrn dringen den ganzen Tag, ohne Unterlaß die schrillen Töne de« Schofer; hier und dort auch die feierlichen Gesänge der Hoheit Feste. Die Funktionäre der 'Gemeinde nämlich, die Vorbeter und Schofrrblaser, verweilen dort während de« ganzen Monate« Elul ganz« Tag» uad Nächte nnd halten mft ihren Thorkoaben, du .Unterhelfer* genannt, Proben auf Probe« ab, daß e« weit in die Gaffe hinaushallt. — Ganze Schaaren sieht man in den Straßen dem rituellen Tauchbade zuströmen. -3 Beiwoche vor dem Neujahrsfeste. «Me Art jüdischer «wchhindler. Gebetbücher, heilig« Thtirtapfel und Schaustiden.