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Jüdisches Familienblatt · 1890-01-01 · 39 (1890) · p. Seite 152

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1890
Issue
39 (1890)
Date
1890-01-01
Page
Seite 152 (sequence 2)
Language
German
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lieblich, wie ehemals, auch verlaugst sie, daß ich au ihrem Bettchen sitze, ja, sie scher»« und spielt, mit mir. schüttelte sich wieder, wie ehemals die Locken au» dem «esichtchen, und krauet« mit dem Hündchen sich in «ein Kopfhaar, «ie ich glücklich in einem solch« Augmblick war, und erst die guten Eltern! Sie sahen so eigenartig au«, sie lachten unter Thrünen. spielt« mit ihre« Herzkinde, als ob sie selber Linder wür«. ries« es mit taus«d Losenamen und häuften um dasielb« Spielzeuge auf Spielzeug, da» sie au» dm Handlungen immer frisch komm« ließe». Leider waren solche glücklich« Wendungen nur von sehr kurzer Dauer. Mitten im Spiele stieß oft da» Lind ein« jäh« Schrei au» und schon glüht« ihm wieder die WLnglein und da» Lvpfchen wühlte sich schon wieder schmerzhaft in die Lisi« hinein. Schrecklicher al» die Tage warm die Nüchte, die lang«, lang« Nächte. Da stand« Bater und Mutter wie Schild» wachen zu beiden Seit« deS Bettchen», lauschmd auf die Athemzüge d«S Linde». Hin und wieder vom Schlaft überwältigt, nickt« sie ein, doch fuhr« sie beim mindest« Laut de» Lindes zusammm. Die arme Saluschu stöhnst und ächzte, rang oft vor Schmer» die Händchen, oder streckte diese hülftsucheud zu ihren «strn empor. So verwirrt warm die Elte« in d« letzt« Tagen, daß sie sich dem Will« der ande« Leute, der Rachbam und Nachbarinnen, ganz überließ«, die nach ihrer Art verj schieden« Heilmittel Vorschlag«. Der eine brachte einen I Wunderbauer, daß er dem Linde, wie e» hieß .Lohlm! ablösche". Ein anderer wieder ließ eine alte Bäuerin holen, damit sie dem Lind« „Wachs göße". Lauter abergläubische Mittel, die einen ungeheuren Rauchqoalm im 1 Zimmer verbreiteten, daß man schier erstickte. Di« Mutter! sah diesem tollen Treib« apachisch zu. Jedm Morgen jedoch raffte sie ihr bi-chen Besinnung zusamm«, stürzte in die Synagoge, wo sie die Thür« der Bundetlad« auf» riß und mit rührend« Worten dst heiligen Thorarolle« beschwor, daß sie vor dem Thron« Gotte» Fürsprach« halt« mvg« für ihr Lind, ihr« Augapfel, für ihr Herrleb«. Der Bater streute unterdessen mit vollen Händ« Almosen unter die Armen au-, heißt e» ja in der heiligen Schrift: „Wohlthätigkeit rettet vom Tode!' Allein auch das wollte nicht nützen. In den letzt« Tag« wehrt« e» nicht einmal da» Lind, daß man ihm d« Löffel Medizin in den Mund schüttete, e» ließ Alle» geschehe«, ja man hörte e» nicht einmal wein«, sonde« leift piqren, wie «in kranke» Hühnchm. Ja einer ftaer Nächte war e« gar arg mit der süßen Saluschu. Ihr zu Häupteu saß ein fremder Manu, eia - Krankenwärter. Dir Eltern könnt« vor Müdigkeit kein« Finger rühren. Die Aerzte kam« und ging«, ohne wie früher etwa» zu verschreiben. Da» Gesicht de» Linde» glühte nicht mehr, e» war weiß wie Kreide. Mich brachte man in jener Nacht ftüh zu Bette, doch kaum daß ich eia« kurze Zeit darin lag, trieb mich au» demselben eia grausige» Pfeift« und Röcheln, da» au» dem »wetten Zimmer sich vernehmen ließ. Das unheimliche Röcheln, wie ich mich bald überzeugte, kam au» dem halbgeöffnet« Munde meine» Schwesterchen», da» mtt groß«, offen« Augm theilnahmslo» vor sich .hinstarrte. Die-mal bog sich der fremde Mann über da- Lind hin und al» er sich wreder aufrichstst, warf er mtt einer eigenchümlicheu Handbewegung di« Sorte hin: ,L» geht zu Ende!" Was weiter geschah, könnte ich kaum g«au erzähl«, aber auf einmal ersAll ein laute» Wein«, Lichter wurden angezündet, einige Familienmitglieder drängten gewaltsam Bitter, Mutter und «ich au» dem Zimmer. Man zerrte uu» in da» Rachbarhau» fort. Draußen war e» schwarz und düster, nur die blendenden Schneeflocken sah man glitzernd in der Lust um hertauz«. Ju de« Nachbarhau», wo wir waren, schlich ich mich ängstlich zum weinend« Bater hin. .Bater", fragt« ich sch«, .wa» ist mit Saluschu?" Der Bater schluchzt« laut auf. .Saluschu ist im Himmel", «rwttderte er. ES lag etwa» i« der Miene de» Bater», da» alle weite« Frag« in mir zurückdrängte. Ich kauerte mich in. einem Winkel de» Zimmer« zusammen und wunderbar arbeitete es in meine» Gehirn. Saluschu ist i« Himmel, wiederholte ich di« Worte de» Bater», hm, wie ist e» »ur möglich? Hatte sie d«a Flügel wie ein Bögelein, daß sie in dew Himmel fliegt? Und wa«m kan» ich nicht fliegen? Ich breitete di« Arme au», aber e» hob mich auch nicht unr ein« Zoll von der Erde. Und nun Saluschu. die nicht einmm die Least hatte, ein« Finger zu rühr«, sollte flieg« könn«? Und warum haben sie un» übrigen» au» dem Häuft gedrängt? Wäre e» dma nicht schön, tonn wir e» mit angesehen hätten, wie Saluschu - jenem goldnen Bögelch« gleich, ein paar Flüglein ausspanne und zum Himmel emporfiiege? Rach und «ach reifte in mir der Plan — ich muß mich davon überzeug«, rief ich mir zu, ach, wenn «»nur schon Morgen wäre! Die ganz« Nacht bracht« ich mtt wachen, offnen Augen in meinem Bette zu. E« war furchtbar, so führ ich mir Mühe gab, die Antwort de» Bater» wollte mir nicht in d« Kopf. Pochenden Herzen» erwartete ich den Morgen. Laum daß der Morg« zu grauen anfiag, verließ ich leift meine Lagerstätte, Neidete mich, so aut e» gin^ au, und schlüpfte verstohlen au» de« Nachbarhaus«. Ich arbeitete mich durch den Schnee, der über Nacht di« ganze Straß« verwehst, bi» zum Elstrhauft hin. Ich. weiß nicht, ober mit jedem Schritt« fühlte ich da» Herz in mir schwerer und banger, und al» ich gar dst Schwelle de» Hause» überschritt, war ich von einer Angst befalle», daß ich zurücklauftn wollte, doch trieb mich dir Neugstche an und schon legte sich dst Hand an die Klinst. Der Schreck wuchs iw mir, allein dst Thüre gab inzwischen nach und schon kannst ich durch dst halbgeöffnete Thüre ein« Blick in» Zimmer wergen. WaS-ist d«n über Nacht hier vorgegcng«? Spiegch Bilder, Hängelampen, Alle» war mit weiß« Leintücher« umhängt. Da» Zimmer war leer, e» sah sehr traurig drin au». Bon Neugstrd« gedrängt, machst ich, nicht ohne Zähneklapperu, einen Schrttt bi» an dst Schwüle de» groß« Zimmer», wo dst Saluschu geleg«. Auch hier ließ sich niemand blicken, aber von einer Sette her kam ein leise» Murmeln. Dadurch ermuchigt überlrat ich dst Schwell«. Lin roher Mmsch mtt «uem strohgelb«, struppig« Barst' saß vor dem Beist und summst au» einem Grbetbnche. Z» Häupt« de» Bette» brannte ei« Licht. Ans dem klein« Tischchen lag noch wie gestern verschstdene« Spielzeug herum, hier und dort auch ein Fläschchen, au» welche« l man noch gestern dem Kinde jede Stunde ei« Löffelch« eingeschenkt. Mein Blick fiel unwillkürlich auf da» Bett. Saluschu war darin nicht zu seh«, aber ei« weiße» Leintuch war darüber auSgebrcitet und auf dstsem hob«- sich; Körpertheist ab, wie dst eiur» Linde», i Ich stand mtt geisterhaft aufgeriff«« Luge« vor de«! ftrmd« Manne. Dieser unterbrach sich in seinem Gebe«! und fragst mich roh: .Waö suchst Du hier, Kleiner?' .Ist hier die Saluschu?" fragst ich »tt beb«d« Lippen. Der fremde Man» sah mich an und etwa» tok ei» verächtliche» Lächeln zuckst um seine Mundwinkel. .Wa» ist sie d«n Deine, dst Saluschu?" «Ei» Schwesterchen — ist sie hier?" „Nun ja", brummst er, „sie ist hier." 4

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