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Jüdisches Familienblatt · 1890-01-01 · 39 (1890) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1890
Issue
39 (1890)
Date
1890-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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M 99 49. Jüdisches 189t« Herau«gegeben von vr. «. U«h«rr in Magdeburg. E 8^ '««r Lelelmi»! fir Ae tafitlitifit («üilif 9 Inhalt Jir Sitrt|ilt«i| n) -rlrhnms fit lit ismlttische fiwiür. Bilder au4 meinem «ebelbuch. Bon Rathan Lamurly. — Dt« Jagd nach .Jiche«'. (Fortsyung). Bon Emilie Bett. — * Abraham Lincoln und der Deserteur. — Psalm 15. Metrisch übersetzt von Ben-Jehuda. — Allerlei für den gamilientisch. — Sttthsel-Aüsgaben. PreidrSihsel. RSthselldsungen. <U»v«i»,ter «»«»ruck an« »lest« Blatte «st unters,,«.). Bilder a«» meinem Bebetbnch.*) Bon Rathan Lamuely. Ansere «Ließe». „Jahrzeilen", lautete die Ueberschrift eines der unbedruckten Blätter, von welchen viele meinem Gebetbuche beigebunden sind, die für wichtige Familiennotizen bestimmt sind. Darauf folgt ein« lange Reihe von Namen, männliche und weibliche, mit genauer Angabe d«S Jahre«- und de« Todestage«. Da« sind .unsere Lieben", die in der bessern Welt wellen. 3u« der Mitte dieser Reih« taucht vor meinen Blicken ein schwarzlockiges Kinderküpfchen auf, mit leuchtenden Lugen, vollen Wänglein und einem schnippischen Rosenmund — ein dreijähriger Posaunenengel. Da« ist mein Schwesterchen Saluschu. Wo« war da« für ein Kind die Saluschu! Früh morgen«, wenn sich ihr die schwarzen, lachenden Augen öffnete», da war auf einmal Licht und Jubel im ganzen Hause. Bon allen Seiten, von Bater, Mutter und Hau»« leutrn tönte c» frisch herüber und hinüber „Saluschu! Saluschu!" Auf diesen Ruf schüttelte sich da« Kind die wogenden Locken au« dem Gesichtchen, di« r« ganz überschwemmten, und da leuchteten erst recht zwei große, lachende Augen im Zimmer herum, und zwei Wänglein wurden sichtbar, frisch und rosig, wie in Thau gebadet» mit einem kleinen schwellenden Kirschenmund, an dem man sich so gerne hätte festsaugen mögen. .Saluschu! Saluschu!" tönte e« inzwischen immer Heller in allen Winkeln — da« war ein Herzen und Scherzen! Im bloßen Hemdchen mit deu nackten, rosigen Füßchen flog und kollert« da» lockige Engrlchen vom Bater zur Mutter, und da gab e« unter Jauchzen ein Küßen, Drücken und Schwenken, während mitten hinein da« helle Lachen de« Kinde« tönte, da« mit einer reizenden Koketterie sich jedeömal die schwarzen Locken o»« dem Gesicktchen schüttelte, und fort kugelt« e« von Arm zu >rm, so hell lachend, da« chm die Wänglein immer thauiger, frischer und rosiger wurden, indeß die welligen Locke« ihm jeve«mal da« Gesichtchen überflutheten, di« et mit einem immer erneuerten Liebreiz sich in den Nacken u»rückwarf. Beinahe vergaß man durch diesen süßen Schalk da« Aufftrhen, denn sowie der heitere Scherz einen Augen- Lick stockt», sah sie Linen mit einem so schelmischen Blicke an, daß da« Walzen und Scherzen wieder aast Neue beginnen mußle. War endlich die Mutter bei ihrer Wirthschast und der Bater auf der Gasse bei seinem Geschäfte, da war ich e« wiÄer, an den da« Kind sich macht«. Ich, der große, stattliche Junge von fünf Jahren wandelte mich auf den *) Unter obigem Titel werben wir im nächste« Quartal ein« Reihe von Erzählungen an» der Feber be» treffltcbste» Schildern« Mischen Enltnr- und Familienleben« in Galizien bringe». (Red.) Wunsch dieser fleine« Zauberin in ein Roß, da« sie mittelst eine« laugen Faden» eiuspannte, deffen zu beiden Seiten au»laufend«r Enden fl« sich ul« Zügel bediente. Wiehernd, stampfend und stolz da« Haupt wiegend ging e« trab - trab im Zimmer herum und lustig knallte die Nein« Rofftlenkerin hinterdrein mit ihrer Peitsche zu, fort und fort rufend: .Hollayopp! Hollahoppl" In Zwischenräumen wurde ich frellich etwa« ungebärdig, denn ich schlug um und küßte gewaltsam meine kleine Lenkerin tüchtig ab, aber ich mußte mich bald in meine Pftrderolle fügen, denn dir Kleine knallte gar lerführerisch mit ihrer Peitsche und jauchzte lustig in die Welt hinein: „Hollahoppl Hollahoppl" Da geschah e« eine« Tage«, daß Saluschu nicht mehr jauchzte. Mitten in einer schneeigen Wiatrrnacht war ««, da fuhr Saluschu au« dem Schlaft und stöhnte. Erschreckt stürzten Bater und Mutter au» den Betten und standen zu Häupten de« Kinde«. Saluschu stöhnte fort. Die Augen brannten ihr in Fiebergluch und auf ihren Wangen spielten zwei Feuerrosen. „Saluschu, Herz süße», was fthlt Dir?" Saluschu »ergrub da« Lockenköpfchen in di« Kissen und stöhnte noch lauter. Die Mutter hob da« Kind au« dem Bettchen, wiegt« e« in ihren Armm, schmunzelte dazu, trommelt« an der Fensterscheibe, um e« zu zerstreuen — allein, immer lauter wurde da« Stöhnen und Lechzen de« Kinde». Der Bater rannft eine Well« rathlo» im Zimmer herum, dann, wie sich besinnend, lief er, kaum zur Hälfte geflridrt in die Rocht hinau», zum Doctor. Bald kehrte er mit einem schlanken Manne, dem Doctor. zurück, der sofort da« Kind zu untersuchen anfing. „ftinb liebe«", fragte er, „wo chut'« weh?" Da« Kind stöhnte laut auf und hob da« Händchen gegen den Kopf, wie um den Ort de« Schmerze« anzuveuten. Da« war eine Reihe trüber Tage, die darauf folgte. Die Mutter schlich händeringend um da» Kind herum. Der Bater stürzte kopflo« von einem Arzte zum andern, die rr alle herbeirnf, um ihm da« Kind zu retten. Allein, alle«, was sie vermochten war: auf Papierstreifen Recepte niederzufchrerben. Da« war herzbrechend muanzufthen, wie die Eltern dem sich sträubenden und mit Händen und Füßen ringenden Kinde langsam die Medicin einlöffelten. Der gute Bater mußte »'ft seinem Liebling, feinem Herzkindche», oft Hände ftsthaltea, »ährend ihm die Mutter deu zusammengeklemmtrn Mund aufriß, um ihm die todtbittere Medicin hineinzuschütteu. O, wie de» arme» Bater dabei dft Hellen Thräuen in den Augen standen und dft Mutter sank jrde«uull nach einem solchen an chrem Kind« verübten Gewaltstreich leichenblaß zusammen, oder brach in ein krampfhafte« Weinen au«. Bisweilen ließ dft Hitze ganz yach und da war e« wieder-dft frühere, süße Saluschu. Sft lachft wieder so

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