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Jüdisches Familienblatt · 1890-01-01 · 38 (1890) · p. Seite 148

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1890
Issue
38 (1890)
Date
1890-01-01
Page
Seite 148 (sequence 2)
Language
German
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ffm Bers-hm»>gA«he«». Bon Berlh« .Bist Dn allein?' Ein junger schlanker Bursche spricht diese Sorte, indem er leise an da» niedre Fenster V* Häuschen» klopft. „Du bist es, Josef?" kommt es ebenso gedämpft zurück; der Fensterladen fliegt auf und ein dunkler Mädchenkopf kommt zum Vorschein. .diäter und Mutter sind längst iu der Synagoge; Lurchte und Mägde schlafen,' berichtet das Mädchen. — „flütnra nur herein, dis ich fertig bin!" Er tritt in den großen niedrigen Scheokraum. dessen Thür nach dem Wohnzimmer geöffnet ist, wo aus einem schneeweiß gedeckten Tisch ein paar Wachskerzen in einem silbernen Armleuchter brennen. Ein Buch mit hebräischen Lettern liegt davor ausgcschlagcn: da» sind die Gebete für das Vcrsöhnungssest, da« man heute „vom Abend bis znm Ilbend stiert.'.j Während da» Mädchen sich mit dem Einpacken ihrer Habseligkeitcn beschäftigt, tritt der Bursche an den Schenk« tisch, der heut am Feiertage verödet ist — und gießt sich ein paar Gläser voll. „Trink nicht so viel!" bittet daS Mädchen. „Ei was, das gicbt frischen Muth! Bist Du fertig?" .Ich bin bereit.' Einen letzten Abschiedsblick noch läßt sic über die vertranten Räume gleiten, ein leiser Seufzer stiehlt sich über ihre Lippen, dann folgt sie dem Burschen zur Thür hinaus, di« sie noch sorgfältig verschließt, den Schlüssel in einem Versteck bergend. .Hast Du etwamitgenommen außer dem da?' be» giu.it er endlich zögernd, auf da» kleine Bündel deutend, da» sie iu der Hand trägt. „Rur meine eigene Sparkaffe, fünfzig Gulden." .Gieb her!' will er sagen, besinnt sich aber rasch. Man muß da» Bögelchen nicht gleich scheu machen. ES ist ihm ja auch weniger um's Geld zu thun; das hübsche frische Judenmädchen gefällt ihm wirklich überaus: und Abenteuerlust einerseits und religiöser Fanatismu«, den es reizt, eine Seele zu retten, andererseits, haben den Haupt» antheil an diesem nächtlichen Streich. „Geliebte» Herz," flüstert er schmeichelnd dem stumm neben ihm hergehenden Mädchen zu. .Ach Joses, liebst Du mich denn wirklich?" fragt sie halb im Zweifel zurück, er aber antwortet ihr mit einer Gluth von zärtlichen Worten und Küsten. Unter Schmeicheln und Losen führt er sie zum Wagen, den er in einiger Entfernung zurückgelaffen, hebt sie mit starkem Arm hinauf — und fort gchr» über die öd« Landstraße, vorbei an de« spärlich verstreuten Hütten zu beiden Seiten de» Weges. Da» elterliche Haus liegt schon weit hinter ihnen, allgemach verschwinden die Häuser des Dorfes, der kalte Wind, der über die kahlen Felder streicht, hebt da« groß« Tuch, das sie einhüllt — sie sieht und spürt nicht» Sein sehniger Arm umfaßt sie, in dem Andern hält er fest die ZÄgcl — und bei den zärtlichen Worten, die er ihr iu den «elodischrn Lauten seiner polnischen Muttersprache zuflüstert, schwinden die bangen Zweifel, di« sie noch eben gequält. An seine Brust gelehnt, fährt sie dahin im seligen Traum, au« de« sie jäh cmporschreckt, al» der Wagen plötzlich still hält. Drüben, jensrft de« Graben«, steht ein Hau«, größer als di« andern; durch die breiten Ritzen der Fensterläden fällt der Lichtschimmer auf die Straße; durch das Gemurmel vieler Stimmen, da« au« dem Innern dringt, schallt eine wunderbare Melodie deullich zu ihnen herüber. Des ist der alte heilige Gesang, der an diese« Abend in allen israelitischen Gotteshäusern angestimwt wird. „Warum hältst Du hier an der Synagoge?" stug sie angstvoll, „wenn un» Zstmand steht! Ich bitte Dich, fahr' zu!' Hab schon st oft gehört von rnrrr „laugen Macht"; will mrr die Geschichte einmal selbst ansehea I" Bei diesen Worten schwingt er sich audem Wagey und Hilst auch ihr herunter. .Hab' keine Angst, die haben Alle mst sich selbst zu thuu." * Mechanisch folgt sie ihm an eines der Fenster, wo sie durch einen breiten Ritz i« Fensterladen hineinschauön können. Da stehen sie, die Mäoner ihre-, — jetzt noch ihre« — Volkes, angcthan mit d n weißen Sterbekitteln und Gebet» mänteln darüber, und die weiße» seidnen Mützen auf de« Haupte, und flehen unter Fasten und Beten Gott um Vergebung ihrer Sünden an. Der goldgestickte Borhang ist zurückgezogen von der heiligen Lade, au» der die silberne« Schilde und buntscidenen Hüllen der GrsetzeSrollen hervorschimmern. Und dort steht auch ihr Baker und schlägt die Brust wie die Andern alle: .Wir haben gesündigt-“ Halb unbewußt sprechen ihre Lippen da« Sündeobekenutniß mst, da» ihr von frühester JugrNd an geläufig ist. Wie andächtig ihr Vater betet! Ach — er ahnt nicht den Ber» rath, den unterdessen sein eigne« Lind an ihm beacht? Er wähnt sie daheim in der sichern Hut der Mägde, betend an dem Tisch, auf de« die Weihclichter brennen. Und wenn er dann heimsthre» wird in der Wcihestimmuna. da« Herz geläutert, auSgesöhnt mit seinem Gotte, und sein einziges Lind wird ihn nicht empfange«; und wenn er daun endlich begreife« wird, daß sie entflohen ist mit dem Andersgläubige«, dem Bauern, i« dieser heiligsten Nacht de» JahreS; sein ' stomme» Herz wird brechen vor Schmach und Weh! Und am andern Tage wird er neben dem Namen ihrer Mutter in da» Gebet für die abgeschiedenen Seelen auch ihre« Namen einschließen als de» einer—Toten? Oder —wird er der Abtrünnigen nicht fluchen? .... Darohe Lachen de» Bursche« schreckt sie au« ihrem Brüten auf. „Wie närrisch sie auSsehen, di« alte» Juden in ihren weißen Hrmde«! Wie sie sich bücken und schreien und singen!' „Spotte nicht über die Gebräuche meine» Volkes!" sagte da» Mädchen ernst. „Sie sind heilig, wie die Deinen." „Dein Bolk? — Rein, mein Schatz, Du gehörst ja nicht mehr zu ihnen. Wir fahren ja jetzt zum Herrn Pfarrer, bei dem Du bleiben wirst, bi« Du in den Bund unsrer heiligen Sirche ausgenommen wirst." Der fromme Eifer regte sich bei ihm. „Aber mst denen dort hast Du nicht» mehr zu schaffe». Oder meinst Du, daß das noch Dein Bater ist, der Schnap»jude dort mit dem struppigen Bart?" Und er lacht laut auf. Zögernd läßt sie sich von ihm fortziehe». Zerrissen ist der Schleier, der noch vor ihrer Seele gelegen, sie sieyl mst schrecklicher Klarheit auf welche» Wege sie sich befindet, welches Lo» ihrer harrt. Der Rausch ist verflogen, geschwunden der Zauber, mst dem ihre Phantasie den hübscheu Burschen da umlleidet hatte. Sie hött nicht mehr sein« leidenschaftlichen Aebesworte, sie hört nur noch Sin rohes Lachen; sie sieht nicht sein schönes, souugebräunte» ntlitz; sie sieht nur die glänzend« Augen eines Halb» trunkenen. . . . Und kein Ausweg — keine Rückkehr! .Holla, steh' Brauner! — Da ist etwa« nicht iu Ordnung!" Er läßt das Mädchen, das seiu Ar» umschlungen gehalten, lo«. und macht sich am Zaumzeug des Pferdes zu schaffen. Wie er sich nach einer Weil« wieder umwendet, , ist seine B«leitrrin verschwunden. Er eilt ihr nach, er sucht sie iu dem tiefen Schatten der Synagoge — vergebens. < Sie ist durch ein Seitenpförtchen, da» er nicht keuut, st» da» Gotteshaus ein getreten. Flucheud gebt der Bursch zu seinem Gefährt zurück und lenkt zur nächsten Scheute, um feinen Arrger und seine LottSoschuag zu vertrink«. In der Borhalle des Gotteshauses ab« siebt eine dunkle Gestalt. Keiner vo» de» Männern da drin»«

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