Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 37 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 145 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ho« hohem Wuchst, die Matter dabei breitschultrig ' und corpulent, Lorchea leicht wie ei«« hinschwebende Sylphe, alle Gliedmaßen in vollendeter Harmonie. Die Mutter trug eine blonde Pcrrücke, welche in ihr schönes stolzerhobeueS Haupt «ine klein« Di-harmonie brachte; Lea — oder wie man sie allgemein nur nannte, Lärchen — hatte jenes wellenartige, duftige, goldgelockte Haar, wie «S begeisterte Künstler der Venus Anadiomeue beiznlegen suchen. Frau Peste war sehr stolz auf ihre Schönheit und noch stolzer auf ihren Reichthum. Eben weil sie so schön war. gelang e» ihr trotz ihrer sehr armen unbedeutenden Herkunft, einen sehr vermögenden SpirituShändler, welcher der Ehassidim-Partei angehörtt, zu heirathen. Diese orthodoxen Fanatiker haben oft einen besonder» seinen Sinn für Raturschünheiten. Er "brachte ihr zwei Häuser, eine große Grldbaarschaft und viele kostbare Juwelen mit. Er ließ ihr die unbeschränkte Herrschaft darüber und sie schaltete mit feine« Vermögen, als wäre e» ausschließlich ihr Ligenthum. Auf was sie jedoch ihre prahlerische Ueverhebung zumeist setzte, war ihr „Jiches." Alle Freuden d«S Lebenhatte sie auf die Verwirklichung diese- Gedanken-, auf dir Herstellung ihres „Jiches", gestellt. Ja, ihr Man» und oesten Vermögen, wie ihr einzigeholde- Start waren ihr nur untergeordnete Tinge, waren ihr nur Mittel, dieses Ziel zu erreichen. Eie h7.tte schon oftmals versucht, die Abstammung ihrer Familie von verschiedenen stammen Männern oder Wunderrabdi's auS Polen und Ungarn herzuleiten. Sie vermochte .kein rechtes Vertrauen in ihren Angaben bei den zur Forschung geneigten chassidischen Parieianhängern ihre» Mannes zu gewinnen. Nun sollte der glänzende Einzug de» wunderthätigen Dialosiker Rabbi, ihreleibhaftigen Onkels, jeden Zweifel an die Echtheit ihres Stammbaumeverscheuchen. Sie hatte Allevorbereitet, daß die Sonne ihre« Jiches auch nicht einen Flecken aufweisrn sollte. Deshalb triumphirte sie heute und sie schmückte sich zu dem glänzenden Siege, den sie nunmehr errungen hatte. Woher diese JicheS-Leidenschast in ihr entstanden? — Man wollte hinter ihrem Rücken misten, daß sie in ihrer Jugend sehr freien Ansichten gehuldigt habe, daß sie in lebhaft«» Umgänge mit einigen Herren aus der Univnsität kein solches Verbrechen fand, daß irgend ein Liebesverhältniß ihrem Herzen tieft "Wunden geschlagen hatte. Damußte ein für allemal aus» ^rlüscht werden. Sie hatte jetzt einen Thossid, «inen gutherzigen Menschen, zum Manne» der ftine Frau liebte und ihr nichts abschlaaen konnte. Regelmäßig Samstag Abendwar bei ihm große Versammlung seiner Parttigenosteu, da wurde viel Wein getrunken, viel hernmgesprungrn» dabei wurden ohrzerreißende Lieder gesungen. Hier war di« gedechliche Stätte, wo Peste für ihren Onkel, den Dialosiker Rabbi, allerlei Mährchcn auSstreneu und ihm einen ftften Anhang sichern konnte. Mit seltener Unerschrockenheit warf sie sich zur Protectorin de- Chassidismus aus. Sie hatte mit ^ihrer Vergangenheit für immer gebrochen, sie gehörte einer ^Partei an und wiederholte sich: „wer das Schwert zieht, muß di« Scheide wegwerfenl" Krieg jeder Bildung war ihre Loosung und nur werden fthen, wie sie selbst ihr Theuerstes. das Glück ihrer Tochter, der Jiches-Leidenfchaft zum schnöden Opfer brachte. Der Dialosiker Rabbi war eingettoffen. Mit klingende« Spiele, mit' Jauchzen und Schreien, mit Tanzen und Lärmen, mit Küsten, und Huldigungen, welche den krassesten Blödsinn seiner fanattschen Verehrer zur Schau trugen, unter einem Steinhagel ausgearteter Gaffenjungen, unter Flüchen und Gebete«, unter der Verachtung und Vergötterung entajchengefttzter Parteien, di« wie Feuer und Wasser in gefährlichem Gischt aneinander geriethen, feierte der Rabbi seine« Einzug. Er war ein kleines dünnes Männchen. .Silbergrau« Locken und ein langer grauer Bart ließen die humränderteu Augen kaum sichtbar werden. Er war : gegen die Freuden uud Leiden der Welt abgeschlossen, seinem Nein«« poluischen Orb! lebte er im Schmutz und Elend und machte hi« und dcirin kleines Zauberstkickchen» au die selbst seine ftnrigsteu Anhänger nicht ernstlich glaubt«. Jetzt hatte ihn Frau Peste erkoren, «ine Rolle ,n einer großen Stadt zu spiele». Der unschuldige Rabbi wußte gar nichts von all den Wundern, die man ihm nacherzähle, er ahnte nicht wie viele Lügen, Werbungen und Bestechungen in Umlauf gesetzt wurden, um ihm einen Glorienschein um da« Haupt zu flechten. Peste sah mit Entzücken, daß ihr Plai gelungen sei. Ihr Wiedersehen mit dem Werkzeuge ihrer Jiches-Sucht war fast zu innig. Der Rabbi glaubte sich in den siebenten Himmel versetzt. Mit heißen Danke-- thränen übergotz er die Hände Pesse's. Al» sie mit ihm endlich allein war, zeigte sie ihm einige verdeckte Thüren und geheime Wendeltreppen, die sie für seine mysteriösen Operationen hatte anlegen lassen. Sie gab ihm einen klugen Adlatus zur Seite. „Dieser Mann,' sprach sie schlau, »wird Dir, iveiser Onkel, viel Kunde» zu'ühren, Dich über ihre Wünsche belehren und durch gewisse Zeichen uud Manipulationen mit Dir jene Wunderstückchen schaffe», die man von Dir durchaus erwartet, lsei mehr klug als weise, und zeige Dich als rin wahrer Heiliger.' Solche Lehren wirkten. Sie selbst wirkte eifrig mit, seine Heiligkeit in chassidischen Kreisen als unanfähtbar hinzustellen. Bald wurde der Dialosiker Rebe eine Macht für sie. für den Fanatismus und für den Aberglauben. Die zeloti>che Maste hörte mit Entzücken und blinder Verehrung die wildesten Auswüchse seiner in hitziger Phantasieschwärmerei geschaffenen Gebete, die Weiber wallfahrten zu ihm um Rathschläge und Heilung, und der Rabbi wie sein Adlatus machten glänzend« Geschäfte. Frau Peste war überglücklich. ES war rhr, als würde Alle», was auf den Rabbi Bezug hat, auch ihr gelten, als wäre sie selbst jene Fromme, ^Heilige, Wunderthätige, als würde di« Glorie eines WeltzaddikS, der Ruhm einer Miriam, Judith, von ihr auSstrahlen. Nun hieß e» aber das Eisen schmieden. Lorchen sollte einen ersten Jiches-Schidduch machen. Sie hatte sich die an- , gesehenste jüdische Famile,. die de« Reb Mottle, ausgesucht. > In derThat war Red Mottle ein hochachtbarer talmudisch! geblldeter und vermögender Mann. Seme Ahm r waren anerkanntt jüdische Geistesheroen. Jeder, welcher Partei er immer angehvren mochte, mußte dem würdevollen Äuftrettu Reb Mom.es volle Achtung zollen Er zeichnete sich durch Bescheidenheit wie durch sttlle wohlthätige Handlungen au». Sein Sohn Leib war der Gegensatz de« BattrS. Während . Ersterer bis in die spätt Nacht talmudischen und wiffenschaftlichen Studien oblag, spieltt dieser Karten. Nicht gutmilchig und wohlthätig wie der Vater, sondern leichtsinnig, verschwenderisch, unbarmherziz, ^überhaupt unzugänglich für Allewa- Bllduag und Edelmuch heißt. Er war «in durch und durch mißrathener Sohn. Was kümmerte dies Frau Peste? Die wilde Jagd nach Jiches machtt sie taub gegen die allgemein betannttn Laster des jungen Mannes. Er ivar in ihren Augen die einzige Jiches-Parthie für ihre Tochter. Diese Parthie mußte also am jeden Preis zu Stand« gebracht wnden. Während Frau Peste rasch an da» Werk ging, mit Hilft des Rabbi, die Familie, dtt Elttrn de« erwähnttn Leib und diesen selbst für „Lorchen' zu gewinuen, hatte diese dereitS ihre eigene Wahl getroffen. Lorchen war nicht so dumm, daß sie sich wider ihren Willen, "den ersten Besten sollte anhängen lasten. Sie hatte ein zu ftine- Zartgefühl und eine schr vernünftige Freundin, und wähltt ganz vorzüglich. Jbre Freundin Johanna (eigentlich Ehanele) wohnte im Hause ihrer Elttrn gemeinschaftlich mit ihrem Bruder in einem bescheidenen evenerdigen Zimmer. Dtt beiden gleichgestrminten sympathischen Mädchen hatten rasch Freundschaft geschlosst». Johanna hatte eia etwas dunkles liebreizende» Zigeunergestchtcheu mir tieffchwarzen blitzenden 'Augen unttr den feinen Brauen. Sie halt« vor mehreren Monattn ei« geheime- Liedckverhältuiß mü einem junge»