Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 37 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Mt Damm nicht auf dt» Wtg geachtet, und sind dahtr sehr verwundert, sich schon vor der Friedhofspforte zu befinden. Hier staut sich btt Mtugt. Dtr schwärzt, schlichte Sarg wird htrauSgthobt» und in dit Hallt gebracht; die Trauernden entsteigen ihren Wagen. Mit der Scheu, die der Anblick des Schmerzteinflößt, weicht die Menge nach beiden Seiten zurück, um die Trauernden durchzulaffen. Voran wankt die Wittwe, geführt von einigen Freundinnen, die wie bezahlte Klageweiber jammern und weinen; ihr immer noch schönes Antlitz zeigt mehr den Ausdruck starren Entsetzens als den de- Schmerzes Es ist, als habe sie immer noch nicht ganz begrrffen, welch ein schwerer,Schicksalsschlag sie, die Verwöhnte, so plötzlich getroffen. In einiger Entfernung, das Haupt gesenkt, zögernd, als habe sie kein Recht hier einzutreten, folgt die Tochter. Eine arme Cousine hat sich mitleidig ihrer angenommen, und sie ist derselben, die sie sonst, in besseren Togen, wohl kanm eines Blickes würdigte, so dankbar dafür. Denn ohne ihre Stütze müßte sie zusammenbrechen unter der Last des Schmerzes und der Reue! — Und dabei fühlt sie die neugierigen Blicke, die sich auf sie heften, hört das hämische Geflüster, das hinter ihr drein tönt. . . . Endlich sind Alle in der geräumigen Halle versammelt; — tiefes Schweigen herrscht in dem geweihten Raume. Bor der schwarz verhüllten Bahre beginnt der Cantor den eintönigen schaurigen Llagegesang, der das Herz erbeben macht. Dazwischen tönt unterdrücktes Schluchzen, und da» Rauschen der Trauerweiden draußen und das Rieseln des Regens »lischt sich darein. Und nun besteigt der junge Prediger die kleine Kanzel. Mit dem bleichen, edelgeschnittenen Gesickst, den dunkelleuchtenden Augen, der hohen Gestatt in dem schwarzen Talar, ist er das verkörperte Ideal eines junge» Priesters. Nach einigen allgemeinen Sätzen über Menschenlos und Menschenleid beginnt er von dem Verstorbenen zu sprechen. Er greift die Vorzüge, die dieser im Leben gezeigt, er rühmt die Treue, die dtt Gattin dem Verblichenen bewiesen, er sucht sic aufzurichten durch die Tröstungen der Religion. Der Tochter gedentt er mit keinem Worte. Es ist, als ob sie für ihn nicht da sei. als ob er sie nicht bemerkt. Er darf ja an die Abtrünnige da» Wort nicht richten an dieser geweihte» Stätte. Uud doch sieht er sie. Er führt sogar, während er mechanisch weiter spricht, mtt ihr eine stumme Unterhaltung, die von Niemandem bemerkt wird. Einen Moment nur tauchen ihre Blick in einander, dann senkt sich der ihre, und - der seine schweift wieder ruhig über die Versammlung hin. Ein Augenblick nur — doch waS liegt nicht Alles darin! Eine ganze Skala von Liebe, Schmerz, Verachtung, Trotz. — Er hatte ihr seine Neigung geschenkt, der liebreizenden Tochter des Hause», da» dem jungen Prediger zuerst seine gastlichen Pforten geöffnet hatte. Roch war's nicht ausgesprochen, aber es galt als ein stillschweigendes Uebereinkommen im Hause, daß der Rabbiner die Tochter desselben heimführeu sollte, — bis durch ihre plötzliche Flucht au» dem Elternhaus diese Hoffnung jäh zerstört wurde. Ob sie das geträumte Glück gefunden? — Ob sie noch niemals ihren Schritt bereute? — Ob sie sich wohl fühlte in jenen Kreisen, die in Denkweise und Anschauungen von den ihrigen so ganz verschieden waren? — Er glaube das Gegentheil aus ihre» Mienen zu lesen. Doch — waS haben sich seine Gedanken mit der Abtrünnigen zu beschäftigen? Ruhig setzt er seine Leichenrede fort: »Deine Tugend geht vor Dir her, und Gottes Herrlichkeit nimmt Dich auf. — Er ist eiu milder Richter denen, die in Seiueu W«en wandeln.* * Die Feier ist zu Ende. Ein. breiter Menschenstrom ergießt sich aus der Halle auf den Friedhof, der so ftill und schön daliegt mit seinen hochragenden Lebeasbäumea, den schimmernden keicheustetnen unter den Trauerweide« . und -Eschen, die im Wind« leise rauschen. —■‘ffin Poltern, — da« schaurige Geräusch nachgeworfener Erdschollen' — ei« Gebet —„—; bald ist. Alles vorüber. Allmählich leert sich der Platz, nur eine Frauengestatt kauert noch an dem frischen Hügel. — Niemand beachtet sie; — sie ist eine AuSgestoßcne. Hier am Grabe des BaterS fühlt sie das mehr denn je. — Den unüberlegten Jugendstreich hätte mau ihr vielleicht verziehen, wenn es nicht ei« Andersgläubiger wäre, den sie sich erwählt, wenn sie nicht ihre Religion zugleich gewechselt hätte. Dir Welt, der sie von Jugend auf augehörte — hat ihr Achturtheil über sie ausgesprochen.-Sie fühlt sich tief unglücklich. Sie macht sich Borwürft, ob dem Vater nicht doch au« Schmerz über sie das Herz gebrochen! Stunden vergehen — sie liegt noch immer auf de» Grabe, die Abendschatten breiten sich au», ein kalter schauriger Wind weht über die Gräber dahin. Der alte Totengräber kommt, um ihr zu bedeuten, daß er den Friedhof nun schließen müsse. Sic erhebt sich nicht; er wiederholt seine Aufforderung, den Ort zu verlassen; — keine Antwort. Er faßt sie an, richtet sie mit Mühe aus; sie fällt zurück, der aufsteigende Mond beleuchtet ein bleiche) Antlitz, die Auge» sind starr, - der Mund geöffnet. Aus dem - frischen Grabhügel, der des Vaters L«che deckt, liegt nun die abtrünnige Tochter — entseelt. Der Tod hat sie wieder vereint. Die Jagd «ach „Asche»?") Bon tfwilit Bett. 1] - (»«Mm« KiMoLt »Mamachen! Diese Perlenschnur noch an Deinem Schwanenhälse, dieses Diamautendiade« auf Deine« Hauptes Entzückend! So reizend habe ich Dich, Mütterchen, wahrlich noch nie gesehen. Biel schöner bist Du, wie eiust die Königin von Saba und hätte Dich Michel Angela gekannt, er würde seinen Meisterwerken Deine herrlichen Züge eingeprägt haben. Dieser herrliche Schmack ist auch ganz ausnahmsweift wie für Dich geschaffen" — »Ach, plaudre nicht so viel, Mädchen, mit Deiner verderbcabringen'oea Schmetchlerkunst. Mein kostbarster Schmuck bist Du nur meine Einzige, Du allein.' „Was ist denn eigentlich heute für ein Feiertag, daß Du dich so schön machst, liebste Mama?" . „Also Du weißt es noch nicht, Lorchen. Der Einzug meine» liebwerchen angebeteteu Onkel», findet heut: ftott, des Dialosiker Rabbi, der so viele Wunder, machen kann." „Der wird also da» Hau» bewohnen, welches Du für ihn auf der Dreitsttaße Herrichten ließest und Du willst, iyn wie eine bezaubernde Königin am Eingänge empfangen?" „Ganz natürlich. Nun mache Dich auch bereit, denn Du gehst mit mir. Ich fürcht, wenn er Dich erblickt, wird er in der That von dem Wahne befaßt sei«, daß eigen» .. 1 vom Himmel der reizendst« Engel niederftieg, um ihn hier uflTbtg zu begrüßen." Diese wechselseitigen Schmeicheleien waren nicht über» -\1 trieben. Beide Damen waren von ganz ausnehmender Schönheit. Frau Pesft zählte einige dreißig, Lorchen sechs» ' - zehn Jahre. Beide hatte» ünen blendendweißen Teint und ' ihre klassischen Züge machten sie zu gar herrliche» Gebilde» der Schöpfung. Beide hatten feuerglühende schwarze Augen. Nur blitzt« es au« de» Augen der Matter wie - etwas Dämonischer, Bösartiges, während die Augen der Tochter de« klaren wolkenlosen Himmel in seiner vollendete« Reinheit wiederstrahlten. Die Lippen der Mutter wäre« zusammengedrückt und meist geschloffen, als würde sie irgend eine innere Auch verbeißen, die der Tochter waren gleich V" den in FrühlingSpracht aujbrecheuden Rofeatnospen. Belda ° ' '1 *) Born hebr. „Jiehna“ (4b>«. 1,18, Arhn». Iß) Absta««untz» j SumiUtnobel. *