Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 36 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 140 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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gelernt zu habe» und fortzulernen. Most» Mendelssohn ging nicht ohne ernste und tiefe Studie», die er früh begann und sein ganzes Leben hindurch fortfetzte, au das Denken über Gott und Religion. Er .lernte und dachte," und so blieb er Gott und Religion treu. Darin liegt aber der Feh-er unsrer Zeit: sie beritt, ohne gelernt zu haben, und urihellt, ohne gedgcht zu Haben, so kommt sie zu scheiubarer, falscher Aufklärung, zu religiöser Gleichgültigkeit und zu religiösem Abfall. Unsere Jugend lernt nichts von Religion oder nur die ersten Anfänge und ist dann für das ganze Leben fertig, Unterricht und Lernen, Denken und Urtheil sind abgeschloffen. Unsere Jugend lerut dazu «och mit Gleichgültigkeit, dicht mit Eifer ,hr religiöses Wissen, ungern und mit Unlust, denn sie begreift nicht den Nutzen davon für das Leben und erkennt schon früh die Gleichgültigkeit der Eltern dagegen; mit brät 13. Jahre sind daun die Eltern [unb Kinder froh, von dem überflüssig scheinenden und für nutzlos erachteten jüdischen Religionsunterricht befreit zu sein, das Haus ist alles religiösen LernenS und Lebens, Redens und Denkens bar, so wird unsere Jngeud in Unkenutniß von der Religion und in Gleichgültigkeit gegen die Religion, zum Abfall von der Religion geführt und erzogen. Der Schluß allereligiösen Unterrichts und alles religiösen Lebens ist die jugeudnche Bar-Mizwa-Festr, und worin besieht diese? Der 13 jährige Knabe erfaßt die Tora, nach der er zu leben verspricht, mit dem Gedanken und Borsatze, dagegen gleichgültig sein oder gar alsbald davon abfallen zu wollen; er spricht dabei ftruer bewußt» und gedankenlos eine Formel nach, worin er Gott dankt, als Israelit geboren zu sein und die Lehre Gotte», die israelitische Religion, kennen gelernt zu haben. Mau versteht die in unbekannter Sprache gesprochenen Worte nichtverstände man sie, man würde sie vielleicht mcht nachsvrecheo. So aber wird das religiöse Leben de» Israeliten aus Unkenntniß und Gleichgültigkeit mit einer Lüge und Unwahrheit eingeweiht, und dazu nach an heiliger Stätte und in heiliger Stunde. Es ist ein Wunder, daß der religiöse Abfall in Israel nicht größer ist, jedenfalls ein Zeugniß von der religiösen Kraft, die Israel und dem Judcnthum inwohnt. Aber der Schaden ist groß genug, um ihn bessern zu müssen. Gott bessere e», ist mein Gebet, aber auch meine Mahnung ist: bessert ihr Menschen eS, denn nur wer sich selbst bessern will, dem hllst Gott dazu! _._ Beftlrrmumg. Eine Prager Ähetto-Keschichte von Mathias Kisch. 4s - l"«4»r», (Fortsetzung und Schluß.) .Aha, ich weiß schon," sagte dort augekommen der Hausherr, .wegen der Redan (Mitgift) wollt Ihr gewiß reden; ich Hab' ganz davon vergessen." Und dabei öffnete er eine eiserne Geldtruhe, entnahm ihr ein Paquet, rieß es auseinander und zeigte Simon einige Rollen Ducaten. „Seh't, da liegt sie schon die längste Zeit, nit eia Heller fchlt, Rosse Wolf ist gewöhnt sein Wort zu halten." Doch Simon blickte kaum auf diesen Schatz, er schüttete gekräntt sein Haupt. . .Was? nit e Kuck thut Ihr auf da» Geld?" fragst Rosse fast schreiend vor Erregung. „Ist e» Euch zu wenig? ich geb' mehr, was liegt Rosse an eia paar hundert Ducaten, sagt waS wollt Ihr?" Simon trqstn die Thränen in die Augen. »Rein, Reb Rosse, das Geld geh't mich nichts an, aber Ihr seid im großen Jrrchum, ich bin nicht der, oen Ihr zu erwarten scheint." ' „Nit der, nit der! Wer denn?!" schrie Rosse. „Seid Ihr nit Koppel Bcueth, der Bochur von Rebbe Mvscheh Sostr?„ Simon schüttelte verneinend mit dem Kopse. „Wer feib Ihr also und wa» wollt Ihr von mir, wa» haltet Ihr mich auf?" Simon erzählte mra^sti« Geschichte: tvie er totf Hause weggegangen, in Boäkowitz eine Empsthlnng -hierher erhalten, ru der- Garküche vom Esse» weggeriffen und her mitten in die HochzeitSsülbe gebracht wurde. Reb Rosse stand während dn Erzählung am ganze» Körper zitternd, mtt der Hand an den Tisch gestützt. AlS Simon geendet hatte, entstand eine lange Paust. Endlich schien ein Entschluß bei Reb Rosst zu reist«. „Seid Ihr noch ledig?" fragte er Simon. „Ja," antwortete derselbe erröthend. „Hört «ich. Heut Hab' ich einen Ehoflen au» Preß»- bürg, einen seinen Bocher, hier erwartet, der hätte soll« meine Tochter Blümele zum Weib nehme«. Um Ein» sollst zi die Ehuppe fein, jetzt ist ein Mertel aus Zwei, er ist noch immer nicht da. Gut. denn, Euch schlckt unser Herrgott, wer weiß zu was e» gut ist; — Ihr seid aus Prag, an Eure« ganzen Beriehmen stb' ich, daß Ihr ein feiner Mensch und an Euere Rü»e daß Ihr kein Am-Horez seid, Ihr gefallt mir. Wollt Ihr meine Blümele zu« Weib nehmen? Ich geb ihr Zehntausend Gulden mit. Ich möcht' beut nicht gern Schand erleben «nd denen drinue» e Schadenfreud thun. Gefällt Euch meine Tochter? — Wollt Ihr sie zum Weibe nehmen?" Simon überlegst eine Weile, währenddessen Reb Rosst angstvoll, al» ob Tod oder Lebe« davon abhinge, auf seine Antwort harrst Simon dachst bei sich „mir »väre geholfen, — ja — zehntausend Gulden sind ein bedeutende» Vermöge», ich kann mir einen Ersatzmann kaustn, kann wieder zu mein«! lieben Elstrn heimkchren." Schon stellst er sich i« Seifte { die Ueberraschungeor, wenn er plötzlich nach Prag zurück» i käme, und seiner Mutter die schöne Frau und da» viele Geld zeigen würde. Und das Babel«, die ihn so liebst, wst würde die sich freue«, und dst ganze Khille, wst die sich wundern würde, ihn so plötzlich al» reichen Mann wieder» sthren zu sehe«. Diese Bilder zogen in seinem Geiste vorüber, er ver» setzst sich in dst Wirüichkeit, und in der Freude über da» Glück, da» ihm beschieden sei, sagst er: „Ja, Reb Rosse, ich nehme Euere Tochter, Ihr sollt an mir einen Schwiegersohn haben, der Euch keine Schande machen wird." Reb Rosse war nun der glütllichsst Mensch und umarmte ei« über da» ordere Mal Simon. „Ich bin auch auch kein Amhorez,"') sttzst dieser fort, ich Hab' etwas gelernt, ich gehörst zu den beste« Bocheri» vom Roda Bijhude') und — „Ich weiß, ich weiß," unterbrach Reb Rosst dessen Redefluß, .wäret Ihr nicht ein guter, stommer Mensch, hätte unser Herrgott Luch nicht em so seines Weib, me mein Blümeleben ist, bescheert. Ich sth' schon, ihr Beide« - seid für einander bestimmt, drum kommt, mache» wir ' der Sache ein Ende und gehen wir rasch zur Ehuppe; dst t Lenf werden sich so schon dst Köpft zerbreche«, wa» da ■-? vorgeht und länger krauen wir sie auch nicht aufhalte», sie werden so schon Alle hungrig sein." ,. Die letzst Bemerkung spornst auch Siriron zur Eile an. Beide gingen freudensstaf^end wiüstr zu den Gäste« zurück, verließen aber sofort wieder da» Zimmer, Ihne« folgten sämmtliche männliche Anwesend««. & - -i Auf dem Wege »ur Synagoge machst Reb Rosst de» ~ Rebbe mit dem Geschehenen bekannt, ließ sich aber von ihm da» Versprechen gebe«, daß er Niemanden st eine Silbe davon verrathe. .3 In der Synagoge wurde nun da» Minchagebet ver» / richtet und Alle gingen dann in den Schulhof. Dort war. j die Ehuppe ausgestellt. - Kaum war Simon mit Rosst und dem zweiten Unter?,' führrr unter dst Ehuppe getreten «nd der Rabbi hatte ') UmBineahtr. *) @o wurde öladtt Ezechiel Lauda» »ach berühmtest«» Werst genannt.