Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 35 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 136 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/6492351-8723730-5959593--1456-5374180- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
samcn LaudeSvaterS hat Deutfchlaud eine tonangebende Stellung übernommen im europäisch« Bölkerlonzerte. Da» Vaterland in diesem Umfange und in dieser achtnnggebietenden Stellung — da» ist eben unsere Sedanernte. An diese» Vaterland wollen wir un» anschlirßm mit unserem ganzen Herzen, treu der Mahnung eine» deutschen Dichter»: Ans Baterland, an'» theure schließ' Dich an, das halt« fest mit Deinem ganzen Herzen! — In Leid und Freud', in Roth und Tod laßt un» die Treue ihm nicht brechen. Wenn aber später Leute zu euch sprechen sollten. Wo es uns gut geht, da ist 'unser Vaterland, wo wir in Ueppigleit und Schwelgerei leben, mit Bequemlichkeit unseren Lüsten frühnen können, so höret nicht auf sic. Folget ihnen »ich», wenn sie euer Herz bethörcn, zur Treulosigkeit gegen das Vaterland, zum feigen Verlassen desselben euch verleiten wollen. ' Ist der vielleicht euer Vater, der im Vorbeigehen einmal mit Schmeichelworten und Süßigkeiten sich euch nähert, um eine flüchtige Freude euch zu bereiten, oder ist cs vielmehr derjenige, der vom ersten eurer Lebeustaae für euch Iahe au» Jahr ein sich abmüht, um euch, das tägliche wen» auch dürftige Brot zu erwerben, der euch erwärmt mit der Glut seines VatcrherzenS, der euch führt an seiner starke» und treuen Vatcrhand. Niemals, liebe Kinder, würdet ihr diesen euren Vater, den arn'.cn, den schlecht gekleideten, der euch in Entbehrungen mancher Art aufzieht und euch vor aller Roth nicht schützen kann —niemals würdet ihr ihn ein» tauschen gegen ein Fremden, bei dem ihr cs besser hättet, der aber doch euer Vater nicht ist. So ist e» auch mit unserem Vaterlandc. Der große deutsche Patriot Ernst Moritz Arndt sagt mit Bezug hierauf so treffend: »Und seien cs kahle Zclsen und öde Inseln, und wohne Armuth und Mül)c dort mir Dir, Du mußt das Land ewig lieb haben. Dieses Vaterland ist daS edelste Gut, wa« außer der Religion ein guter Mensch auf Erden besitzt und zu besitzen begehrt." So lasset auch ihr dereinst vom Vaterland« nicht, verachtet nie die Scholle dessclben, auf der ihr die frohen Tage der Jugend verlebt habt, vergesset nie die Unzahl,gen Wohlthaten, welche ihr vom Vaterland« empfangen. Nicht dem Zwange sollt chr folgen, tvenn es sich dereinst für euch um die Elffüllung der dem Baterlande schuldigen Pflichten handeln wird, sondern dem Drange eures Herzen«. Nicht auf Kommando, nicht aus Berechnung, nicht als überzeugungslose Knechte und Werkzeuge anderer latzt uns da» Vaterland lieben, sondern freiwillig au» dem von Gott in uns gelegten natürlichen Gefühle der echten, innigen und selbstlosen Vaterlandsliebe. Und wir Dürfen zu euch, den von deutschen Lehrern erzogenen deutschen Kindern da» Vertrauen haben, daß ihr in diesem Sinne dereinst freie und treue Patrioten sein werdet, dann wird da» Vaterland ruhig sein können; dann wird der 2. September nicht auf« hören, ein vaterländisches Erntefest zu sein. Wir haben zweiten-» durch die in den Tagen von 1870/71 aus'gcslreutc Saat geerntet — eine reine Muttersprache. Wiederum könntet ähr fragen: Haben wir denn nicht auch früher eine Muttersprache gehabt? Wohl! Aber abgesehen von der Zeit, in welchrr jeder einigermaßen angesehene Mann es für unwürdig hielt, deutsch zu reden, di« Sprache de» Bauern und des gemeinen Volkes, halte sich selbst m» in die neueste Zeit, in welcher die Muttersprache schon a! Zungen und alle Herzen für sich erobert hatte, dennoch ei alle eine krankhaft« Sucht erhalten, die klaren, einfach« und leicht verständlichen Worte der Muttersprache durch Beimengung von allerhand fremden Wörtern und Redensarten schöner erscheinen zu lasten. Dies« Schwäche ist seit den groß« artigsten Erfolgen des deutsch-französischen Krieget überwunden- Ein Krieg ist heute nicht mehr ein Kampf allein der rohen physischen Kräfte, sondern mehr denn je auch ein Ringen der Geister. Mit den deutschen Waffen hat der deutsche Geist gesiegt, und dieser.siegreiche und »un sckbstbewnßte deutsche Grift verschmäht e» seitdem, in der Sprache Anlechen zu mache« bei anderen Völkern. Frei geworden ist b<L0 Vaterland, frei auch die Muttersprache von alleck unsaubere» Beiwerke. Laßt sie un» auch frei und rein erhalten, wie sie un» erkämpft worden ist. Hüten wir un», sie zu beflecken durch Lug und Trug! Di« Wort« der Muttersprache, die über unsere Lippen strömen, sollen den ' Stempel reinster Wahrheit an sich tragen. Hüten wir un» > ferner, sie, die etwa» Heiliges an sich hat, zu entweihen durch Ausbrüche niedriger Roheit nnd Gemeinheit. An» ,\i dem Herze», dem Tempel drr Nächstenliebe, soll sie entv; steigen mit warmer Empfindung, um sich wiederum in die -1 Herzen der Menschen zu senken al» eine Woblthätcrin, al» ein von Gott gesandter Heilsbotc. Hege» und pflegen laßt un» die Muttersprache, erwerben laßt sie un» >n ihrer ' Vollkommenheit und Schönheit al» eine» der höchsten Güter de« Lebend. Die reichen Schätze aber, welche in ihr von großen Dichtern und Denkern geschaffen worden sind, wolle» wir, wrrthc Kollegen, un» zu eigen machen, um da» gediegene Gold derselben in kleinerer Münze hier in der Schule zum Segen der uns anvectrauten Jugend ausgeben zu können. Dann. wird da» Vaterland wiedcrhallen von den reinen und süßen Tönen der heiligen Muttersprache, und Treue und Ehrlichkeit werden dann die Tugenden auchde« gewöhnlichsten Mannes sein, und jedesmal, wen« wiederum ein Sedantag kommen wird, werden die Errungenschaften nach dieser SÄte hin, wird der Ertrag twr Sedan-. -- ernte sich vervielfacht haben. ' Da« dritte, wa» uns die Saat jener Tage ein- , gebracht hat. ist ein treues Brüdervolk, ist die Thal« | fach«, daß innerhalb des deutschen Reiche», unsere» Vaterlandes, jegliche Schrank« gefallen ist, welche die Mensche« von einander trennte. Ohne Unterschied de» Stande» und Glaubens haben vor neunzehn Jahren gleichmäßtg unsere Väter und Brüder für da» Baterland geblutet,- gemeinsam die schweren Opfer für da» Wohl desselben dar«.' gebracht. Heute nun, da wir ein große» vaterländische» * Erntefest feiern, wollen wir nicht Unterschiede machen und sagen: Du hast keinen Anthecl an der Ernte. Nein, Kinder! Die Sbhne desselben gemeinsamen Vaterland«^ - die mit ehrfurchtsvoller, unletthä Niger Liebe zu demfelbe» Landesvater emporblicken, dieselben Pflichten gegen da» A Vaterland haben, sie müffen naturgemäß ein .Volk -von Brüdern" darstellen. Nicht soll ferner durch Bruderhaß die i Kraft de» Landes zersvlittert und verringert werden. Einigkeit mutz uv» verbinden nicht allein zur Abwehr gegen den äußeren.Feind im Kriege, sondern auch im Friede« zur s Lösung der un» gestellten Lebensaufgaben. So sollt auch ' ihr nicht treulo» sein einer gegen den anderen, sondern wie Brüder und Schwestern unter der väterlichen Führung j eurer Lehrer in Frieden mit einander verkehren. Dann * werdet ihr heranwachsen wie «ine ftste Mauer gege« alle - Gefahren von außen, wie eine feste nimmer wankende Säule von Innen, undda» Baterland wird gedeihen und unter': seinen Bäumen wird der Bürger ruhlg wohnen. Friede wird sein im Land«, Fried« in oen Wohnungen, -Friede uich ,'j Glückseligkeit in den Herzen der Menschen. Dann wird nicht mehr Haß und Abneigung die Unterthanen von eckander trennen, sondern Liebe wird sie verrmen. Dan« werden sie sich nicht mehr mtt Worten de» Zanke» uud der Zwietracht begegnen, sondern mit dem freundliche» Gruße guf dm Lippen: Friede mit dir, mein Bruder! In einem Gebete werde» dann auch alle Untertbaue»^ freudig sich einigen, in dem Gebete für da» Wohl de» ■ Landesherr«. 1 Und so wollet» auch wir, heute unseren Gefühle» der Liebe zu unserem Herrn uud Kaiser Ausdruck geben durch ein inniges Gebet zu Gott, de« Allmächtigen: Vater tat Himmel! der du 'die Lrdenldnige auf ihre» setzest uud da» «Ilterheil ihnen «cheimstellest, erhöre uu», s» mir