Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 23 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 89 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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«ft« (• |((biqcbc «ftd plastische, daß selbst wir sttftder d» Sedankerr errirth», von welchen di« Natar stch hatte letten kaffen; wen» tu an m>S daher fntg, bei wem wir lernen? antworteten wir: .Bei den Paie «." Und dieser Beiname Stieb an meinem Melamed haften und vertrat bei ihm di« Stelle de« Bor- und Familiennamen». <X» sei noch bemerkt, daß wir unseren Melamed nicht «ln« im Scherz sondern im vollen Ernst „$ai«»‘ nannten. Vir warm naiv genug, uw zn glauben, daß wir un« bei Niemand ander» als bei den Paie» in Unterricht befänden, die an» zumal als lebend« Weien erfchimm Dmn zur Rechten und Linken unsere» Lehrer» fitzend, konntm wir nie sein Seficht sehen, weil daffelbe in da» vor ihm liegend« Buch vergraben schien, sondern wir sahm nur die Pate», welche allein nü un» zn reden, un» zu unterrichtm, ttn» zn schelten ich irrte«. Und wir halt» ihre Eigmschaftm so trefflich studirt. daß wir gleich bei ihrem Anblick di« gemüthliche Dersoffnug de» Individuum» erkauntm, welche» fie trug. Fiel» fie wie sech» gesonderte, sorgsam gekräuselte Löckchen — je drei auf jeder Sette — von dem LSpvcheu hernieder, io bedentete r», daß unser Melamed wohlgemuth und znfriedm sei, daß ihn etwa» freue. In solchen Fällm begann -er Unterricht später al« sonst, und auch dann erst »ach der -dritten «nffordernng, di« dann lautete: ,E» ist Zzzzeit — llllernm, nkMuder i' Halte sich iudeß da» halbe Dutzend wohlgeordneter Löckchm in zwei Paare verwandelt, so warm wir sicher, daß unser Lehrrr, obscho» nicht sehr bös«, so doch nicht recht bei Stimmung war. In diese« Falle setzten wir an» gleich noch der ersten Aufforderung nieder, welche jetzt, minder verheißungsvoll, dahin lautete: ,Und llllemen braucht «an wohl gar nicht mehr, MmwLßiggängrr?!" Ach, wie schauertm wir aber znsammm, wrnu wir bei« Betretm de» Ehrder wahmahwm, daß die beidm Paie» da» Anssehm zweier pechschwarzm Schlangm, die sich in die Schläfm unsere» lkhranu» festgesogen, augenommm hattm l Da konntm wir nicht» Gute» erwarten und mnßtm tut» auf allerhand Unzutrtglichkeiten gefaßt machen. »LUrrn», Mmmörder l° lautete dann der Ernß unsere» Lehrer», »u salchm Echlangmtagm behandelt« er un» «r emoniU«, traktirte nn» mit dm gemeinsten Lchimpfwotten, kniff un» blaue Flecken, schlug un» mit sein«» knöchernen '. Fäusten, wohin er gerade traf. An solchen Lagen erdnldetm — wir wahr« Folterqual», und wußtm nicht, wodurch und auf »welche Leise die »Paie»" zu besönstige»; jete» Wort rrrrgte sie di» zur Raserei, und dies« sucht« siih alsdann in Kneip» und Fußtritt» und Fanftschlägm Lust ,n machen. Lrotz seiner absoluten Dummheit, schi» n°ser Melamed «s instinktiv gefühlt zu Hab», daß di« ganz« Kraft seine« Böescu» in seine» Pale» liege, daß e» ihm einzig mit der» Hilfe gelinge, un» »Mörder" i« Zaum zu halt» und daß . ahne dieselben die Lheder-Visztpliu nnmögltch sein würde. Und dämm liebte er sie über Alle», behütet« er fie gleich . «tnem unschätzbar» llleüwd, hegte »nd pflege er fie, wie «ine zärtlich« Mutter ihr th«re» lind »ud »oidmet« ihnm fast alle seine Mußestunden. Er hielt für sie, stutzerhaft, «in niedliche» Kömmcheu und ein Töpfchen Pomade, kräuselt« che geschickter und kunstvoller, als der beste Coiffeur — bei welchrr Prozedur er einen hölzern» Löffel in eine Brennhcheere und ein» Wafferkübel in ein» Spiegel »trwandelte — mit einem «orte, er nahm r» schr ernst ruft der Sott«». Date, die ihm befcheert ward« war. Seine Spezialkolleg» verurthellt» ihn ob diese» unsinnig» «eöahren», allein er war ebenso überzeugt wie wir, daß diese» Gebahr» nuurn- Bänglich nothwrndtg, daß ^ne diese» Gwahrrr die Pate» chr« Kraft verlier« »ürb» nnd baß e» ihm daun schwer ward» würde, mit solch» .«grdem" wie wir, fertig zu werden. Die Dienstpflicht erheischt« «in trene» nnd unverrückbare» Festhalt» n »er »Fahne" nnd er unterwarf sich wtllt, und gern dieser Pflicht — zu seinem Heile, da er Rast nicht hätte Melamed bleib» können. Iq weiß die» . an» Erfahrung. Denn «^ kam einmal vor, daß wir unser» Melamed nicht bei der »Fahne" trafen, d. h. dag di« Paie» nicht auseinandergtkämwt und gekräuselt waren, sondern ivie die Mähne eine» Bauemgaul» herunterhingm, da verwandeltm die schüchterueu Chederkoabm fich jäh in wa, halfig« Nihilist», »men nicht» heilig war; wir stellten im Zimmer Alle« auf den Kopf und von einem Unterricht tonnte gar nicht dir Rede sein. Bergeben» appellieren die Paie» an unseren gewöhnlichen Gehorsam, fie erschienen nn» einfach lächerlich, jämmerlich; ihre Drohungen reizten und veraulaßtm un» vielmehr zur Brrübung neuer Uuthatm, bi» diese» Bmehmrn mr» schließlich selber auwiderte. Dieser unglückselige Tag hatte nun dm Melamed wie auch un» vollend» iiberzmgt, daß die Paie» tu ihrem gekräuselten Zustande einfach ein Tali«man waren. ' Und als ein Lalisman crwiesm fich die gekräuselten Paie» unsere« Melamed« noch nach anderer Richtung hin. Unsere kindlich« Beobachtungsgabe hatte e» nämlich schnell berausgesundeu. biß zwischm unserem Melamed — der Littwer war — und der benachbarten verwittweten Bäckerin Riw« (Redbekka) eine wechselseitige Herzm«ueigung bestand, wir gründeten unsere Bermuthuug auf den Umstand, daß unser Melamed mit gleicher Regelmäßigkeit Möglich zwei Mal zu Rtwm ging, um seine Pfckse in Brand zu setz» — da in der Backstube >a» Feuer nimmer au»giug — und daß Riw« ihrerseits mit gleicher Regelmäßigkeit zwei Mal täglich zu un» in da» Cheder kam, um fich »nach der Zeit zu erkundigen," indem ulrser Melamed vorgab, nach dem Staub der Sonne die Vluude gmau augrbm zu kvuum, wiewohl er fich stet« um zivri di» drei Stuudm irrte. Ferner war nn» nicht entgangen, daß unser Melamed in der Gegenwart der Witlw« mit besonderem Eifer sein« Paie» zu kräuseln beliebte, die, so sie von einem Sonnenstrahl berührt wurden, über da» ganze Zimmer ein» Glanz verbreiteten, vor welch»» di« geblmiete Witt«« fich mit ihrer Schürze schütz» wußte. Und obwrhl wir damals in der Krmst, Weiberherz» zu »iflammm, noch sehr uuersahr» wäret», mußte e» nu» dennoch Iler werden, daß unser Melamed diese Experimente mit sein» Paie» nicht van ungefähr, sondern mit einer ganz bestimmt», uns übrigen» schr einleuchtenden Abficht varurhme . . Und wir ging» tu unser« Annahme nicht fehl, d»u unser Melamed empfing jcht oft b» greif» Scham««»') Barruh, der »rb» feterat Amte noch die Profesfiau eine» Schabrheu') ansübt«. Au» bm Unterhandlungen, welch« zwischm bar beredt» Echabchm und dm stotternd» Prcke» im Flüstert,ne gepflagm wrrrd», erfuhren »otr, daß e» fich n« ein Hiirachsprijekl zwischm de« Letzter» und der Bäckertu Rime handelte. Seg» diese» Projekt hatten wir nicht nur nicht» einzuwenb», sau»«» wir begünstigt« daffelbe sogar ko gut wir e» vermocht». Diese Legüuftiigung bestand erstlich darin, daß wir, sobald Iwr aretse Brach kam, unter allerhand Borspiegelaug» »>ch emanber da» Zimmer »erließ», u» die Unterredung nicht zu stör»; ferner indem wir keinerlei Ungendgenheiteu »erübt», so oft unser Melamed fich nach der Backstäbe verfügte, um da» Stelldichein nicht zu stör» «der zu »«kürz». Allerdings begünstigt» wir da» Projekt lediglich an» kraff« Selbstsucht; denn wir halt» wie zwei Mal zwei ansgerechnrt, baß wir am Hochzeit»- und vielleicht auch «u dem darauf folgend» Tage »am Chebrrbesuche — »au ckuer Pflicht, dt« uns so lästig war, wie «wo dem Leibeigener» die Fahnde — befreit w«d» würden. Sodann war« wir au» den bekannt« Griiubm ficher, daß die Satt» »ach b« Hochzeit nicht friedlich neben einander leb», sondern fich zank», schlogm nutz zu« Rabbiner lauf« würden um ihre Angelegenheit untersuch» und schlicht» zu laff»; e» stand nn» somit rin« Anzahl von schnlftei» Stunden, ja Dag» in Aussicht, wie sollt» wir unter solch» Umfläud» die Absicht unsere» Melamed», tu d« Stand der Ehe zu ttekru» nicht uckt all» «u» zu Sebote stehend»