Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Familienblatt · 1890-01-01 · 19 (1890) · p. Seite 72

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1890
Issue
19 (1890)
Date
1890-01-01
Page
Seite 72 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
82% known words query
IRI
…/6492351-8723730-5959576--1376-5374116
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

SRtnfA, der bei jeder Dtsrnffio» sagte: .betrachte» wft näher diese Nngelegenhett", fich »ft de» Worte» .ich ^änbe" ,eS scheint «ir" ». s. w. nicht bepüigt, ttiu «en» «ch di« allerschöustr, aber leere Phraseologft mb Gemeinsätze »icht litt, ihre» glatten Redestrom mit de» R»fe: ,D«S sind Wort«, nur Sorte" unterbrach »»d sich schließlich »icht »iS ein solcher Mensch ermte», an de» fi» früher oftw «dsche» einfach nicht denke» konnte, mid de» sie jetzt demüthig bewundern nud mit herzlichem Jvtereffe «nd mit dem llnsgebot all ihrer geistiger sträste höre« «nßte. — .Galizien hat seit jeher der Mangel an wahrhaft wissenschaftlich grblkdete» Mensche» und festen Charakter» z» Grunde gerichtet; selbst bei den tonangebende» Spitze» der Gesellschaft ist ei» empfindlicher Mangel a« ans gründlicher Forschung und gewissenhafter Arbeit beruhenden Urberzrngnnge«, und unr solche find rationell und der Achtung würdig", wiederholte Jakob oft. Hier läßt fich die Majoritilt »ou einer mawentaueu Phantasie, von eine« einseitige» Sesühie, vom .et» fachen", kurzfichtigcn Berstande, von. von den Vorfahren geerbte« oder vor einem vierteljahrhuudert erwarb«»«» Ueber- »eugnngeu, leite», obwohl jetzt die Verhältnisse fich von Grnnd auf geänderl habe», die» schon «tt StMschweige» übergehend, daß ein ungeheuerer Theil unserer geehrte» Bürger, jeder i» seine» Beruft und streift» sein« eigene Lasche als Probirrsted» der Nützlichkeit, Gerechtigkeit und Würdigkeit betrachtet. Und die Summe von »u dem ergiebt ein Resultat diese« chiuefische» Geisterlebeu«, dieser politischea Machtlosigkeit und sociale» Anomalie», dir »«ser Land zur Hölle mache». Der Mangel einer wissenschaftliche» Bildung »nd starker Eharaftere ist Galizien» gefährlichste Lraukheit — ihr Fluch, ihr Unglück." Wenn Llar» fich der genoffrne» Erziehung, der Mensche», mit denen fie zu thu» hatte, eriunerte, mußte sie eingestehe» daß er Recht habe, obwohl fie da« Sand »icht kannte. — .Nicht nur die weiblichen Erziehungsanstalten find bet kb« so schmachvoll eingerichtet", erwiderte Jakob. .Ebenso, n»r »och folgenschwerer, verhält e» fich »tt de» ösfeutltchen Schnlen für di« mä»»liche Jugend. Ich kenne sie gut, ich habe dort meine schönste Zeit mit Sätet» nud Griechisch verlöre», obwohl ich jetzt oom Griechisch so viel wie nicht« versteh«, vom Sätet» nur di« fachmännische Rawenklatur krunr, dafür aber ging ich al« physischer Lrüppel davom Die Mehrzahl uuftrer Mittelschulen ist et» Nagrlmagazi», mit diese» Nägeln vernagelt M herrschend« System dem Jüugltug« da« Gehirn und verschalt de, fernere» Horizont. U»d di« Uuiverfitäte» bet uu« bilde» eine eraffesie Antithese z» den Mütelschule». I» de» letztere» erfährt der Bursch« von viele« Sache» etwa«, erlernt aber nicht« mdentüch, in den erste« wieder erlernt der Hörer in aller Form eine» Gegenstand außerhalb de« fich gamähltr» handwerksmäßig«» Fache« »icht mehr berühr«», lluser« Uuiverfitäte, find miserable Stallungen, ,»o die Ju^nd al« glänzend« Sport- Hengst«, »d«r Me ArbettSpftrde — dresfirt wird — ab« nicht» mehr, ««her M fich da et« «tfftnschaft nehme». Sesen Sie am «eiste» n) «achen fich Awgzäg« von fach, wifienschastliche» Serke»" wiederholt, er mch öffnet» ihr je« reichhaltige wissenschaftlich« Bibliothek, mit «ftwm ge» wtffe» System ihn» geistig Ntvemi entsprwhend« Bücher anSsnchend. Klara begann s, z« sage» etm nene «rziehnng «ad e« vollzog fich in ihre« stopft eine geistige Gähnuch, «im vollständig Umwrndlnng. Ihre» Auge» zeigte fich etm neue Welt. I» erste, Moment« blendet« dieselbe fimit ihre» Glanze, betäubt« sie »ithde» Andrange der fttsche» Gedemke», und erdrückte fie mit der tmpantrende» Ueberlegnchett ihrer Idee» aus jede« Bebtete de» Geistes und des SebenS. Durch cteigc Monate arbeitete fi« »anshäiklch und unermüdlich bei d«n Bücher», deren Titel fie früher abjchreckte. Jako» bew»»dertr ihre scharfflmtige FaflnngSkrnft, die reich« Phmttafi« ihrer Begeisterung threnS^er bet »«r lärbeit, im Allgemein« die Häher« Intelligenz, wie bet eine« durchschnittliche» Fr« mit .affene« stapft" ihre ernste S«be»S«»scha,»»g.'de» Edelmnch ihrer Bestrebungen «nd ihre Vorliebe öffentlich« A»gelrge»heit u»d sociale Frag« zu erörtern «ch zu prüft», waS bet den Galiztaneriune» »och seltener der Fall ist. Und jener »nbeschrrtbliche, et» junge« und schöne« Mädchen schmückende Liebreiz, da« wa« Goethe .da« Ewig-Veibkiche" nannte «nd wo« von stlara mit elektrische« Sttöwnsg in» Herz de« jungen heißblütigen Manne« wehte, »nte^ochft ihn vollends. — stlara piofiiirle vftl »nd anfänglich attrrqftnta ftc piptmitiy ott «ttittgtcu, wtxtqt ttt pntft Gelehrt« über den JndaiSmn« »nd Chriftianiäm», über da« Berhältniß dieser beide» Lonfesfionrn za einander in ihre» gemeinschaftliche» Ursprung« und späterer Trenn»,, «erkündete u. s. ». Diese Snschanuage« mochten dft im Gemüthe de« jnngeo Mädchen« groß gezogenen, durch und durch negative» Borstelluugeu oou dem Glauben ihre« Stamme«, welch« fie vorwiegend zu dem falsche» Schritt — zu« EonfesfiouSwechsel — trieb, zu Schaube«. Obwohl de« Beruft »ach de» theologische« Fragen fremd, hatte der Doctor die jndaifitschr Angelegenheit von ihrer historischsociale» Seit« mit Borlted« stndirt, and einig: Jahre de Die» weilend, hatte er Gelegenheit, sich mit dieser Augelegend eit in de» besseren jüdische» streifen, wo er gerne verkehrte, gründlich bekannt zu machen. Dft allgemei««», phllosophtsche« und SaadrSangeleg«»- heiten, boten Heiden eine uuerschipfitch« Quelle der Uater» Haltung, au« welchen fie de« .scheußllchen" Talmud in seine» wahre» Sichte näher ftnaen lernft. Schon für de» Herr» Elia« besaß der Talmud ein« historisch« Bebentnng; er schätzft ihn ol« Quelle, dir Bergangruhet», dir inner« Geschichte nud de« Glaube« der Inden kenn« zu lerne», «ud durch seine gesetzeS-religiäseu Vorschriften fühlte er fich Si| und gar nicht grbundeu. Jakob wieder ging in dieser zfthllug noch «eitrr. Ei«, religiöse Bebentnng halft für ihn der Lalmnd nicht. — .Mein« Urberzengungen bilden «ein« Religio»," pfiegte er zu sage«. Und tn anderer 0*> zfthung war er der Meinung, doß in »seren Zeit» de« allgemeine» Umstürze«, wo dft Menschheft wft s, große» Schritt«, ons de« Wege der Entwicklung einer Ankunft entzegenschrritet, keim Arft sft fich «tt solche» Dingen z> befasse», dft für dft Gegenwart Irdw aftwells Bedeutuug habe», fi« weder ethisch »och geistig Hede», mb jeder habe mtr in fdam Bereiche nll« sträft« ansznbftft», der Menschheit ihre» blutige» Morsch, der Aufklärung, dem Glücke und der Vollkammöcheft eutgrge», z» erleichtern. . XXIX. Ei» streng «mlyttscher, kritischer Forscher war Jakob tu diesem Pnnkft et» »beugsamer Optimist. .Ich ßlanbe, daß dft gegeuwärftM» Seide» n»d Eo»»lfi»e», von dm» dft Menschheit dnrchznckt wird, nur dft einer smiaft» llftstaltnng »««»gehende» Geburt» wehe, fi», welche der Gefellschuft und de» Jndtvidne» nur Glück bring» »erd«»", pflegt« er z» sage». Nur »r» er von der Zukunft sprach, n> dftnft er fich des AnSdrwckvSr »ich glaube". LS ist mtr sehr schwer «md traurig zu Genttfthe", sagft er et»«S Abend», als er »ttt stlara vertranltch bet» stamtne planderle, .eS ist «ft sehr schwer und traurig z» Gemüth^ ans da» jetzig« Galizien schauend z» sM» .ich glaube". Auf jede» Pnmöe ist «S hier schwarz »nd schmacheall. Gtehe» wft dgch E»r«pa mm et» halN» Jchrhrndert »ach, steht dach Mc überwiegend« Mehrmhl der Bevölkerung, physisch, »araltfch und geistig ans solch einer niedrige» Gvqr» daß «t»m «enfchni, de» da« Gemeinwohl am Her»» lftai, beim Anblick solcher Wunde» »nd AbMtnde, und solch «im» Elend« ons jedem Gedftft d«S Seben« «ud des Gedankens, «in« Verzwetfinng ntzretst. Was «ft» b«u»S entsteh«? Wft wird sich dft Zaknnft gestalten? Und doch nerfter« ich nicht dft Hofftomg, daß anch wft htnftr der stetig oorwärlS -

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.