Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 17 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 64 (sequence 2)
- Language
- German
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lich crfranca jetzt die Großväter ihre eigen» Enkel nicht mchr. Die ll«vßvät«r trug» Uam Kafturt nab Zobelmüzen, die Fr, me, restrte» sich di« Köpft «nd »«re» da»»» durchdrungen!rine Seele zu besitz»; di« Söhne schnitt» sich sch«, die ..Pete«'' ab. trüge» Hüte »ud Jaguets »ud die CnM ftnl) scho» europatstrt. Das Wissen «ud di« Weisheit der Großväter beschränke sich ausschließlich auf de» Talmud imd seiuc Lommeulare — die Söhne läse» hedritisch aber «ch deutsch uud gegenwärtig beschränken sich die Enkel auf die Literatur der Neuzeit. Di« Gro-vtftr schriebe« sich uach ihr« Bäte»: Sobloftuo bau Arje Leib o. s. w. Die Söhne ftolzirteu mit chreu schön Stugeudm deutsche» Nam» uud die Eukel »echsrlu sogar ihre Bor« uameu, aus IZizchok mache» st« Ignaz, aus Genendrl Eugmft!" .Uud wat habe» wir vo» all dem", Jirg sich plbtzlich eine scharfe, röchelud« Stimme im Jargou vernehme». Es war dies Merdel Marmors Stimme, des ältere» Sohnes des Herr» Sanmou, der Momentan bei seine« Bater als Saft weilte. Um zwei Jahre älter als Herr Elias, unterschied er fich »»» ihm hinsichtlich der Tracht» d«S Herzens uud des Semitches. Neb Mendel war ein .Dajan" (ein Rabbinatsaffeffor) in irgend eine« galizischeu Städtchen dritte» Ranges, während der ganzen Zeit des Gespräches ging er unaufhörlich ta Saale auf uud ab uud Hirte aufmerksam uud geduldig schweierud zu. Jetzt als Elias verstummte, poftirte er sich vor chm «U nach rückwärts zurück« gehobenem Hute und vorspringeude» Barte und wiederholte düster: »Und was haben wir von all dem? Du hast schön erzählt, augeus>hetulich hast Du Dich da womit zu rühme» gehabt, aber sage, was haben wir Jude», was hat unser heiliger Glaub«: dabei gewonueu?" .wieso?" sprach Elias stark verwundert, .wieso? wir haben uns civiltfirtl" .So . . imd das ist alles. ." zischte Red Mendel, .nicht das habe ich gefragt; sage mir nur, war das alles zu unserem BohleP" — .Ohne Zweifel", erwiederte der Bruder mit Glaubensstärke, .wir «erde» innerlich, geistig neugeboren, wu die äußere Freiheit, die Gleichberechtigung zu orrdieneu und von ihr Nutzen zieh« zu können." — »Das ist als» allesI »der sag«, wozu taugt uns diese Gleichberechtigung? zu was?" — »wahrlich, ich verstehe Dich nicht", rief Elias gereizt. ,Äl bist also gegen die Gleichberechtigriug?" .So ist ,s I Ich verfluche sie, und Haffe ihre Urheber. Diese „geMim* war unser Untergang, schlimmer uud gefährlicher als seinerzeit all die Berfolguugeu uud Marter» in Spanien. Früher waren wir Jude», konuteu uud mußten es sein, and jitzt . . . indem dieser Satan in unser Lager hineinfiel, rich et er drin immer größer« Verheerungen au, lockert unsere einstigen festen Bande, löst unsere Einheit und Gemeinschaft und ruft Häresie uud Abtrünnigkeit hervor.. stellt die glänzende» Bersuchuu-m szur öffentlichen Schau, die uns verlockend, uns in die Welt eiuführeu und »ft derselben vermengen. . Und «ft brauch« um uns herum eine Gr«z»an» aufzuführen, abgeschloffm und isolftt zu leb«, um uns und unsere Religion in ungetrübter Reinheit zu erhalt« . . Herr Salomou der in seinem Fauteuft fitzend, aufmerksam den wortstrett seiner Söhne «ft auhörte, mengte sich plötzlich drein. »Du irrst Dich, Mendel", spricht er, »Du irrst Dich sehr! weißt Du deuu» »oft es früher vor der Gleichberechtigung war? Hast Du deuu dft Schmerz», Ermüdung« uud Laster, dft »ft ftagen mußt«, verspürt? Dftft Zetten war« schrecklich, furchtbar." Und er verfiel für «in» Mommt tu ein schmerzliches Hlnbrüteu. .wft das früher war! Bor de« Jahre 48 halt« »ft Jud» in Lemberg, abgesondert zwei der ungesundest«, unreinst« Stadttheift als Quartier angewiesen. Es war dem Jud» verbot» tu eine» reine», gesund» Stadtviertel zu wohnen. So war es auch in all« übrig» größer» Städten. Das Bedürfutß uach j> % ji.ti -• ■■* Unterricht mnek anerkannt. Ich bin «i» kleiner «he iu dft Schule uud dort muß ich »ft Gftutmsg'moffeu ausschließlich tu der letzt» ,Efrls"-Bäuk sitz» uud ich darf »ich nicht »uter dft ander« LollqM misch». Ich will heiraten. — da muß ich et« Hölle vo, Lerrmouftu und Formalftät» i« Dtftrietamft dwüchmach» uud «ich einem .Examen" unterwerfen. Ich fühl« «tu» Widerwille» der Absch» fürs Schank- »der Maklergeschäft, ich möchte «ft ein» ehrsam» uud productiv» Beruf wähl» — ich kau» es nicht; «ft «usuahme der Schneiderei uud der pfuschermäßig« Schufterei, find alle Handwerke für «ich unzugänglich. Sein einziger Meister will «ich tu dft Sehre nehmen, nicht als Gesell.freisprech». nicht mein .Meisterstück" acceptire» und schließlich »m gar kein« Preis tu dft Zunft anfuchmeu." Salomo» schtpftg rin» Moment uud fuhr dann fort: .Außerhalb des Weichbildes des jüdisch» Ghetto'« darf ich gar kein unmoblles Etgeuthum er- »erb»; ich kau» weder als Laudwtrth arbeft», noch als -»«besitzender Bürger leb». Für wich existir» nur Wucher, Schänke, Srämerlad» »d Schmach. Ich verliere das vertranrn zur Bildung. Mein Kind kau», kann trotz der mehrjährig» beschwerlich» Arbeit, ftotz der Befähigung »ub Qualificati». gar ft in »ffmtliches Amt bekleid». Mm Apotheke besitz«. Der Staat, das Lmd, dft Mitbürger veracht» mein« Arbeit uud laffm mich zu» Altar« des vff»tltch« Dftuftes nicht zu. Ich gründe ein» eigen» Herd, da muß ich dft .Lichter-Sleuer" zahl», je« unerbittlich«, beschwerliche, schäudmwe, die würde unseres Glaubens mit Füßen tretend« Steuer. Met« Fr« ist kräuküch, abgearbeitet, »ft köuum unter der Wucht der Berufs arbeft nicht aufathmm, aber zu Hause darf «au sich nicht »ft einer christlich» Amme »der Bedienung aushelf». Ju meiner Mußestunde will ich frische Lust genießen, will «s dft Stadtwälle in dm Gart« geh» — dort darf ich »ich aber nicht aufhalt», dft Jud» »rrdm von d» vsftutlich» Epazierplätzm »ft Schande »erjagt. Ich erkauft — kein öffmftiches Spital nimmt «ich auf . . Uud all dies deshalb, »eil mich ewr jüdisch« Mutter geboren, weil ich ander« religiöse Form» ausüdft . . Deshalb wurde ich offiziell gesetzlich mit de« Stet« der Verdammung, der Verachtung uud der Ausschließung beworfm .. tu all» Lebmsrichtuug» beschränk wurde der Weg der Arbeft, der EhreuhasttgMt uud des Berdftustrs mir versperrt, und «ei« Muttererde mußte ich mtt meine« Herzblutt uud Thräu» benetzen, ihr Brot war für «ich »oll Bitterkeit uud augefüllt «ft Schmerz, Gift uud Haß . . Sonnte von solch einer Lebensweise etwas Gutes entsteh»? Hab» doch all unsere Fehler uud Mängel, alle »h« Ausnahme, ihr« Wurzel und Ursach« tu dies» Zeit», »elch« nicht wir geschaffen Hab», sondern ein Anderer, ein Anderer! Du, Mendel, hast tu dies» Zeit» nicht gelebt. Du hast keine Feffelu geftagm, nicht unter der Staube des Druckes, des Zwange», der Schaube, des Bannes und der unaufhörlich» Verachtung geseufzt, dvöhalb vermagst Du nicht dft freft Lust, welche Du athmest zu schätz», nicht zwischen Tag und Nacht zu unterscheid« — fühlst nicht den Unterschied, dft Tragweift der Thatsache, daß »ft Sou« der Gleichberechtigung uns aufgegaug» . . wo» »Ast Du noch? Sft Heu aus uns erst Mensch» gemacht!" .Ich »miß das Alles", erwiderte Red Mendel etwas aus der Fährte geschlagen, »ich beharre nicht durchaus auf de» früher» Sachverhalte, üchatsach« ist aber, daß dft Gleichberechtig«, ei« Niederlage fürs Judeuthum ist." .Dft Gleichberechtigung hat «s uns Menschen gemacht l" Das eb« ist schlimm, desto schlimmer l Wft sind Juden! nur Jud» uud einzig uud allein Jud« — weiter nichts. Dar« vergeff» »ft! Alles was unsere Hettigfttt» Reinheit uud Einheit erwirbt. Alles was unsere Brüder mtt b» Audersgäubtg» uud ihr» wtff«schafftu verbündet, das Alles ist frevelhaft» schädlich, verdammeuswerch . . verzögert das Erschein» de« Messias uud unsere Befreiung mm dem