Jüdisches Familienblatt
- Journal
- Jüdisches Familienblatt
- Volume
- 1890
- Issue
- 16 (1890)
- Date
- 1890-01-01
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
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des Druckes und der Knechtung verdanke». Laut de» Talmud, mit dem ich mich in meiu« Jugend abplagte, „soll der Gedanke fasten und daS Hag fühlen da» wa« die Lippen verkünden", und die jetzig« Gebete der Juden bringen dem Betenden gar keinen Trost, denn sie gestatten nicht seinerseil» eine Bitte in einigen einfachen, offenherzigen Worten. Da ist also durchaus eine Reform nöthig." — „Eine Reform der Gebete?" — „So ist», denn auch unser ganze« inneres Leben verlangt stürmisch in allen seinen Richtungcn nach einer radikalen Reform. In Deutschland — ist eS ciue Wonne. Ueberall ist der Fortschritt sichtbar, jede größere Stadt hat eine jüdische reformirte Gemeind«, «inen Rabbiner und Predigt», der an den Feiertagen von der Kanzel in der Landessprache die Gemeind« belehrt, die Gebeistücke sind auch den heutigen Begriffen angepaßt, so daß man dort Jude sein kann, ohre in sich den Menschen der zweiten Hülste des 19. Jahrhundert» zu verletzen, aber bei uns, daß sich Gott erbarme! Versteinerung und Leblosigkeit!" „Und warum?" frug Klara, „warum stellen Sie sich nicht an die Spitze und gehen mit gutem Beispiele voran T — „Ich, ich, ich will nicht ein Don Quixote sein!" „Oho. roaf ist da« für rin Di»put", ertönte plötzlich die Stimme des Herrn Salomon. In Klara'» Gegenwart bedienten sich alle der polnischen Sprache. „WaS, Elia«, willst Du da» Fräulein zu unserer Religion bekehren?" Frau Jeanette lachte hell auf, Klara erröthete. „E, Ihr jungen Leute", fuhr der Alte fort (obwohl der Herr Elias bereits tüchtig grau melirtrS Haar hatte), Ihr denkt nur an Reformen, zrm vielleicht d-e Well umzustürzen" — und er begann mit einem nachsichtigen Lächeln da» Haupt zu schütteln. Als er aber bemerkte, daß da» Gesicht der Gouvernante die Farbe wechselte, rief er: „Röschen, hole mir die Zeitung." Klara verabschiedete sich bald von der Gesellschaft. Alle Zurückgebliebenen begannen über sie zu sprechen. Tos Ehepaar Marmor unter einander in deutschrr Sprache und mit dem alten Salomon im Jargon. „Da« Ende vom Li:de ist", schloß der Herr Salomon, .sie gefüllt mir sehr. Sie ist schlicht und anständig. Sie muß aber sehr unglücklich sein." „Und mir kommt es auch vor, oaß sie etwas drückt", bemerkte Frau Jeanette. „Wer weiß was eigentlich", sprach der Herr Elias, „vielleicht schmerzt sie die», daß sie unter uns sein muß?" „Das würde ich nicht vcrmuthen", griff Frau Marmor auf. „Wir lasten sie in nichts die Abhängigkeit und da» Unerquickliche der Verhältnisse fühlen. „Mt der Zeit wird sie sich an u.is gewöhnen." — ,Lch möchte gerne an ihr «ine Freundin haben", sprach Frau Jeanette langsam." — „Ich auch", lachte der Herr Salomon zweideutig. „Nun, Röschen, lies " Und die weiche, kosend« Stimme begann: „BiSmark und der Anti'emiti-muS." XXVI. Allmählich brach der weiße, strenge Winter heran. Klara gewöhnte sich an da» neue Leben, ihr Herz bernhigt« sich, ihr Gesicht giwann wieder die Röthe der Kraft und Gesundheit und um ihren Mund wurde» di« Falte» de» Schmerze» und der Ironie immer seltener. Unter de« Etnflnffe einer ruhige» Lebensweise heiterte sich ihr Semüth «ns. Sie wurde mit der Familie Marmor immer intimer. Sie bracht« mit ihnen die laugen Abend« aageueg« und nügtuy zu. Sie la» Zeitungen, deutsche „Familirublätter" «nd die deutsche, Elasfiker au« der Bibliothek de« Herr» Elia». Sie nährte sich mit einer gleich,tltige», oder mit der veredelnde», äftrthischen Lrctüre der Meister Germanien». Bei» Lesen der Zeitungen, wenn von de» Inden dt« Rede war, »an eine« ihnen versetzten Rasenstüber, »der »an einem beißende» Hotz«, fühlt« sie etwa» wie eine» Stich — schenkte aber dem kt« weitere Anfmerksanckrit. .Ich beginne für meine» Man» zn fürchten*," sprach j Fra» Jeanette lnsti, zn Klara, al» dies« eines Adrnd », Och^ J über die polnische Lultnr »nd Poesie ereifernd, in solch «in« “ Verve gerieth, daß fie all« dnrch die Aumuth «nd Macht " ihrer veredtsamkett in Berwmldernng setzte. Sie war damals sehe schön. Der Herr Salomo» stdrrte st, von der Höhe seines Fauteuil» an wie et«» Regenbogen, die Fra« Jeanette schaut« fie mit Brwnnternng an «nd den Herrn Elia» interesfirte nicht bloß der Gesprächsstoff; trotz feiner fünfzig Jahre, begann sein Herz heftiger zu schlage», das Blut lebhafter tu den Adern zn rolleu. »Ich beginne «a meine« Mann besorgt zu sein", wiederholte die Hansftan, inmitten der »ach Klara'» apotheofirende« Verherrlichungen der Poesie und Ideale herrschenden Stille. Klar« ließ fich beschämt am Sessel nieder. Sie hatte sich von ihren Empfindungen wieder hinreißen lasten. Sie wiederholt« fich aber i« Geiste, daß str au di« Ideale früherer Jahre, früherer, beflerer, nicht materiallstrter, unverdorbener Zeiten gebocht habe. „Sie sprechen großartig, großartig", begann der Herr Salomon «ach einer Weile gerührt. — »Sie könuteu einen Felsen erweichen", flüsterte der Herr Elia». Die Person de» alten Salomo» interesfirte Klara sehr. Bisher sah fie in ihm nur einen sympathischen Greis; mit der Zeit lernte fie ihn aber näher kennen und er wuchs in ihrm Augen, gewann au moralischer Würde und soziale» Werth. Des Abend» ließ fie fich mit ihm in lange Gespräche ein, wo»»» beide zufrieden waren. »Ich fitz» den ganzen Ta, zwischen den vier Wändeu und komme selten mit der Welt in Berührung", beklagt« fich der Herr Salomo«. — „Und wa» machen Sie ganz allein?" Und der Alte erzählte ihr, daß er nie einsam sei, i« Gegenthnl, er bring« die Zeit angenehm und votthetlhast zu. Er lese den Talmud. (Fonse»»ug folgt.) Der Rabbi »«d der Möach. 1. $UIM Aizcha» nnd sein Arennd Hiönbe». E» war au einem heitere« Frühlingstage, da zogen zwei Leute selbander die Landstraße entlaag. Der eine, welche» mau ansah, daß er wvtzl niemals in der Armnt und in des Elend» Hütteu geweilt hatte, war ein heiterer Man» in seinen beste» Jahre«, und ebenso freadig, wie vom Himmel herab die Sonne auf die Erde, so lächelte er fröhlich zn« Himmel empor. Und warum sollte «r's denn auch nicht? Just ebenso war es ja auch de» Knaben z» Muth«, den er au der Hand führte. Der Frühling war in beider Herze» siegreich etngezoge» «nd mit Frende» empfang». Und ihr Begleiter? Wie ganz ander» «r l Auch ans ihn hatte der Frühling seinen unwiderstehliche» Einfluß gellend gt»«ty, aber doch in ganz anderer Weise. Auch er frent« sich der herrliche» G«Ue»u«tur, der alh »enden Büsche, der Var«» Lenzesluft, auch er sah, wie die Sonne wohlgefällig . ihr schöne» Antlitz im Spiegel de» Elbftrome» besah »nd vor Freud« über ihr« eigen« Schönheit lächelt« und erglänzte. Er hätte anch ganz unempfindlich gegen alles Schöne nnd Herrlich« sei» müffen» wen» eia Frühling in diese» gesrgnrte» Landstrich« nicht eine» mächtig« Wiederhol in seinem Herz« gesund« hätte. I« dieses Herz, uff de» log es m« «in »lp, — den, selbst di« hrrrüchstr Ratnr, der schönste Frühling» das üppigste Hervorschieße» der dnniel^üaeu Ratnrlinder vermochl« ihn nicht »ergeff« z« mutz«, was je« so ganz »ergeff« zn Hab« schiene», daß fie nämlich dem unglücklichst« aller Völler, de« Paria unter d« Ration«, — dem Jndenthnme -»gehört». Alles in Gottes Ratnr belebt sich ne», alle« hatte rat den Winter über geschlafen jetzt erwachte Alles» Alks z» uenem Leb», rar sein Volk» settl «glückliche« Jetznd, batte kein« Frühling. Zn ihm .* begann sein rantg älterer Fm»»: . .