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Jüdisches Familienblatt · 1890-01-01 · 14-15 (1890) · p. Seite 55

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Journal
Jüdisches Familienblatt
Volume
1890
Issue
14-15 (1890)
Date
1890-01-01
Page
Seite 55 (sequence 3)
Language
German
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Da» Jtzbem de» Löwenanthefl von der durch ihngeretteten Ma^elokstj erhielt, ist selbstverftäktdlich. Da» geflügelt: Wort de» Rabbi, erhielt sich bi» heute in Praß. Uno stet» tneira einem sich klug Dünkenden, von einem wenmer Klugen ein Rath ertheilt wird, heißt e»: .Jezbera soll mein Dasjen sein!" 3die schibme Iüditt. E»« Nftalwstchotoetsts« Ergibt»»„ »m Sllhel« Aeldmaau. c>us di« Pitiische, sbirNag«» voa S. Varowlp.) 14! - i—rfui) (gortfelu«».) In Folge Ern üduog schlief Tiara länger al» gewöhnlich. Diese» fremde Dach behagte ihr beffer, aü ein Hotel. AlS sie erwachte, war bcxeit» heller Tag. Da hörte sie ein laute», m deutscher Sprache geführte» Gespräch und da» Kichern von Kindern. Sir fand sich bald aus der Veranda, wo «ine nicht zahlreich: Gesellschaft da» Frühstück verzehrte, ein. .Guten Morren, guten Morgen', rief Frau Jeanette sie erblickend, .sind auch Sie so ein Frühvogel? Wir haben da» von einer Städterin nicht erwartet. UnV auf welche Weise haben Sie sich zu un» verirrt? Mein Mann — Fräulein Eybulka." Herr Elia» Marmor, wie ein Fünfzig« jähriger ausschauend, von würdiger Statur, mit grau melirtem Backenbart, oegrüslte die Lehrerin mit einigen herzlichen Worten. E» wurde sofort noch ein Gedeck ausgetragen. »Sie werden unser Polnisch, welche» wahrscheinlich viel zu wünschen übrig läßt, vemeihen. Meine Frau nämlich und ich sind in solch einer Schule und in solch einer Zeit erzogen worden, tw die Kenntniß der polnischen Sprache nur eine untergeordnete Rolle spielt«. Erst in letzter-Zeit »ahmen wir un» hx vernachlässigten Grammatik an; seit der Zeit besonder», daß ich Karotka erstand, studiren wir fleißig die polnische Sprache wid Litteratur, aber natürlich haben wir den Ätpstl der Vollkommenheit noch nicht erstiegen'. Er sprach die» mst solch einer Schlichtheit, daß die», ttotz der .semitischen' Physiognomie de» Herrn Elia», Klara'» Herz gewann. Ihren Kaffee schlürfend, stotterte die Hausstau emige Worte der Zustunmuna. — .Und da» sind Ihre Schülerinnen. Rö»chen, Mariechen! bewillkommet da» Fräulein'. Und die zwei schmucken Mädchen näherten sich schüchtern. Beide >u»fblühende Kno»pen, mtt dunwlbraunem Haar und in dunklen wollenen Kleidchen zählten gegen zehn Jahre. — „ES ist schön, daß auch sie so früh aufstehen", demerkte Klara. Auf diese Weist wurde sie in ihre Amtirung eingeführt. Jetzt schritt sie nickt mehr mtt solck>em Eifer und Verlangen, mtt solcher Hingebung an die Arbeit, wie zu Beginn ihrer Laufbahn. war nicht mehr so opferwillig, nicht mehr zum Selbst«rläugnen, zu äußeren Kraftanstrengungen geneigt, weil sie ni>ht mehr an deren Früchte und Hoffnungen glaubte. Kühl, nüchtern und mit Berechnung sprach sie mit der Herrschaft Marmor über ihr« Stellung und über die gegenseitigen Obliegenheiten. Ihr anständige» Benehmen aber, ihre Sprachwmse und die ganze Gestalt brachte «» mit sich daß Frau Jeanette im Flüstertöne zu ihrem Manne sagte: .Diese» Mäinhen entzückt mich'. »Sie hat Verstand und da» macht einen guten Eindruck", erwiederte Herr Elirs. Klara'» erste Arbett war. ihr« Schülerinnen zu examimren, um die Basis kennen zu lernen, aus welcher sie ihren Unterrichtsplan stützen wellte Wa» sich i» ihrer bisherigen Praxi» »och nicht ereignet hatte; da» widerfuhr ihr hier. Die Frau Jeannett« war bei»! Examen zugegen, ertheilte der Lehrerin i altspunkte nah Rathschläge und entwarf illich die Eintheiümg und oeu Arbeitsplan, tett zeigte sie ei« große Intelligenz und lam beschloß; «r solch einer Kontroleurin sein. Und sie begann die Arbeit. Sie Aufklärungen, mtt ihr gemeinsck «ei dieser 9' BÄung, so auf ihrer Hut zu führt« ihr Werk^langsam, mechodisch und gewiffenhaft, ohne Exaltation und ohne Widerwillen «ms. Die Kinder faßten leicht auf, wäre» gut erzogen und lieb. Nicht mtt viel Arbett überbürdet, erfüllten sie mtt Hilst der geliebte» Mutter alle ihnen auferleaten Pflichten. Im Laust einiger Wochen kränkten fie sie kein einziges»«! durch Hartnäckigkeit, Trägheit oder.Kindereien'. Da» sorgsame Mutterauge wachte nämlich über sie. Ihre stettn Stunden, und sie hatte deren genug, brachte Klara bei sich einsam zu. Der Herbst nahte heran, die ganze Natur in ein traurige» Sterbegewand hüllend. Klara konnte nun nicht mehr im Freien weistn und obwohl von dem Ehepaar Marmor öfter und herzlichst eingeladen, nahm sie anfänglich an deren Gesellschaft keinen Antheil. E» war dabei viel Stolz und Mißtrauen zu den „die großen Herren spielenden Juden", aber auch da» Bedürfniß nach Ruhe und Erholung, deren ihre abgequälte Seele bedurfte. Und sie war physisch und moralisch müde. Den au» den stüheren Lebenr-pochen davongettageuen lebhaften Eindrücken und Einflüssen folgte auf jedem Punkte «ine natürlich« Reaktion. Sie veränderte sich innerlich, unter dem Drucke der Brrhältuiffe, von der glühenden Romantik ging sie in ein Stadium des Skeptizismus üben. Vorderhand herrschte in ihrem Geiste eine vollständige Zerrüttung «ad eine Stagnatio«. Sie schloß sich in sich ab, zufneden daß sie eine ttäge Ruh« genießt. Der stüheren Heißblütigkeit war jetzt eine halb« Leblosigkeit gefolgt. Sie la» wenig, manchmal irgend eia Zeitungsblatt; sie dachte wenig — manchmal an material ihr nahestehende Personen; sie arbeitete auch wenig, den Kreis ihrer pädagogischen Arbett nicht überschrettimd. A» sich an ihre Vergangenheit dachte sie ebenfalls mcht viel. Aber die im Haast ihrer Brotgeber Herrscheadm Verhältnisse erregten ihr« Aufmerksamkeit. Sie begann sie näher zu beobachten. Bor allen interessirt« st« der ihr bekannte Greis, welcher der Vater de» Herrn Elia» war. Ein« charakterisisch« und Achtung gebietende Persönlichkeit. Er schaute au« wie einige sechzig und zählte beinah« achtzig Jahre. Hoch, schmächtig, mit einem lange» weißpt Bart«, und im langen Kaftan, unterschied er sich äußerlich durch nicht» von den übrigen, Klara verhaßten Thassidim Er war aber immer rein, ja beinah« elegant gckleidet. Auf seinem ma«ren und gerütheten Gesicht, leuchtete oft ein Lächeln der Ruh« und Nachsicht, da» Lächeln eine» Mensche», der da» gewöhnliche Maatz aberragt und da» Leben von einem höhere« Gesichtspunkte barachtet. Sanft gut nnd voll Würde machte er auf Klara einen überaus sympathischen Eindruck. ßieine Lage ur. Hause des Sohnes war eine eigenartige. Der üfteis hatte am rechten Flügel eia separate» Zimmer, welche,» er den ganzen Dlg beinahe nicht verließ. Klara wußte noch nicht, daß er auch eine separate Bedienung und Köchin hatst. Nur des Abends kam er in» groß« EPeisezimmec, wo sich die ganz« Familie versammelte. Alle »m^ gaben ihn mtt Achtung und Liebe, All« gingen in seiner Gegenivart .auf den Zehen". Er nahm auf einem bamemtn Fauteuil in der Näh« des Ofens Platz, betheiligtr sich am Gespräche oder hörte die Zettungen» welche chm laut vor- Slklesen wurden. Am liebsten war es chm, »oeun di« Enkeltimme diese» Geschäft besamte. Manchmal geschah es, daß er, wenn die Kinder infolge Ermüdung «der der vorgerückten Stunde am Kanapee eiufchliest», oder, zu feine« Füßen itzeud, ihre Türkis-Aomlon mit Neugierde auf chn" ie mtt einem Blick voll« Sich« und Rührung nmschla »aß es zu erkennen war, daß dieser bereit» am tehent« Greis, in sich »och die Aufopferung besitze. Gowöhulich wes» er sich auf seinen Thron niederließ, hängtra sich die Kinder m seinen Kaftan, oder klammerte» sich an dt« Fententl-Setzne», str-ichette, n) liebkoste» das Groß, oäterch», schlangen ihre Händche» n» seine» Hals, küßten stt«n Bart nnd riest»: «u» Geschichte, et« GeschichteI

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