Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 50 (11.12.1890)
- Date
- 1890-12-11
- Page
- Seite 379 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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ihnen ein besonderer Religlonduntrrricht elnzurichten, wenn nicht ihr« Zahl ■min« 01* fünfzehn betrügt. Gehören die betresfeoden Kinder weder der evangelischen noch' der katholischen Kirche an, so bedarf e* außerdem in der Regel de* Anträge« seiren» der zustürdlgen Organe der Religion*-esellschast und de« RachweiseS eine« zur Eriheilung de« Religionsunterricht« besühlgten Lehrer*. K 15. Wo die Zahl der Schulkinder einer Religion-gesellschast in einem Schulbezirke über sechszig steigt, kann die Schulaussicht»- behdrdr die Errichtung einer besonderen Bolksschule für dieselben anordnen. 3 10. Der Religionsunterricht wird noch der Lebre derjenigen Reliaion»geseUschas« enheilt, welcher die Schüler angehüren, di« ihn empfangen. Das ist der Geist vom Goßler'schen Geist! Keine Spur von Natur! Alles wird in streng konfessionelldogmatische Schnürstiefel eingepreßt, alles trägt eine bestimmte kirchliche Färbung, um nur beileibe nicht irgend eine freie geistige Bewegunz auskommen zu lassen. Man kann nicht pessimistisch genug diese Paragraphen auch in Rücksicht auf die jüdischen Neligionsverhältnisse prüfen. Selbst Aofatz 4 des K 14 gewährt »och keine Garantie, daß in demselben Kinder jüdischen Glaubens Berücksichtigung finden, es ist viel eher bei der kautschuckartigen Fassung der Gesetzesparagraphcn anzunehnien, daß der Gesetzgeber Dissidenten im Auge hat.*) Ja, wir iverden in dieser Ueberzeugung bestärkt, wenn wir uns die Consequenz aus der dem 8 17 (Leitung des ReligionsuntcriichtS) beigefügten Anmerkung vor die Seele führen. Sic lautet: Grundsatz Ist, dost die Kinder de» Religionsunterricht ihie» Bekmnlnisse* erhallen. Wenn noch in der Begründung früherer Unterrichtsgesetzentwürse es nothwendlg erschien, die Anforderung, es solle «in allgemein christlicher, ja vielleicht ein ganz allgemeiner Religion«- unterricht ertheilt werden, als unberechtigt, unchristlich und jedenfalls al« unausführbar zurückzilivcisen, so er!cheint dies heute nicht mehr nöthig, da kaum noch ein ernster Pädagoge derartigen Gedanken Raum giebt. Kaum noch ei n e r Ilste r Pä da gogcü Hunderte uod tausende von Schulmännern, die in diesen Tagen den Manen Diesterwegs ihre Huldigung dargebracht haben, sprechen diesem Gedanken Hohn, denn wer für Diesterweg sich begeistert, der muß fern von jedem engherzig confessionellen Denken sein. Und >oas in der Anmerkung mit einem Pinselstrich als ,unberechtigt, unchristlich und jedenfalls (!) als unausführbar* bezeichnet wird, ist nach Diesterwegs Ueberzeugung .unmenschlich, unpädagogisch, zcitwidrig, unprotestantisch und undeutsch.* Im Jahrbuch 1854 (S. 228) spricht sich Dicsterweg deutlicher über den engherzigen Standpunkt aus: ,Das Verfahren ist darauf berechnet, bewirken, daß der Mensch in der Kirche aufgeht; e Kirche will daS Individuum absorbiren, individuelle Ent- Wickelung und Freiheit wird nicht geduldet; der Mensch ist aber nicht um der Kirche, sondern die Kirche ist um der Menschen willen da.* ״Was für ein Kindcrkenner muß der fein," ruft Diestcrweg an einer andern Stelle aus, ״der da meint, mit dem bloßer Inhalt und der bloßen Form der Rechtgläubigkeit Eindruck auf die Kinder machen zu können? Wo ich das Glück und den Genuß gehabt habe, tiefe Wirkung auf Schulkinder wahrzunehmen — in evangelischen und in katholischen Schulen — cs war nicht das Dogma, das sie hervorgebracht, es ivar der Geist und der Charakter in dem Lehrer, seine Individualität und Subjectivität." —- »Das Resultat jener Maßregeln wird sein: Die Religion kommt noch mehr in Verfall als bisher, die Abneigung gegen Religion und Kirche wird zunehmen." — So hat ein ״ernster Pädagoge" mahnend ausgerufen und die Wahrheit feiner Worte ist unvergänglich — trotz aller Ministerialrescrivte und Gesetzesentwürfe. Gar viel sind der Entwürfe, aber die Wakjrheit ist nur die eine. Einen ganz anderen Geist athmet die CabinetSordre, welch« der Kaiser bereits unterm 1. Mai 1889 über den Schulunterricht an daS Staatsministerium erlassen hat, aber £ schellet tu!« doch etwa« aOj s,1@ isch; wir halten di« nicht für autge- (ÄA). erp vor kurzer Heit in die Oeffrntlichkeit gelaugt ist. Wir wollen dieser we,ttraaenden Kaiserlichen Kundgebung einen brsondern Artikel widmen. Lie Predigt de» Lhannkafefte». Bon Rabbiner Dr. Ra hm er. II. Der Herr hatte sein Versprechen gehalten, da» er Abraham In jene: schauervollrn Bundrsnacht gegeben, Jakob's Nachkommen hatten Besitz genommen von de« Lande, das der Herr den Stammvätern verheißen. Hier sollte es auf eigenem Boden das Gottesgesetz verwirklich«^ ein Mnsterrrich bilden nach der göttlichen Verfassung, wie sie Moses im Bundesbuche niedergeschrirben, rin Reich der Freiheit und Gleichheit Aller vor dem Gesetze, rin Reich der Gerechtigkeit und der Humanität. ES sollte nicht geize« nach Waffenruhm, sollte nicht ausgehen auf Ländervergrößerung und Völkerunterdrückung, sollte nicht glänzen wollen durch .HeerrSmacht und irdische Kraft*, sondern sollte unblutige Siege auf dem Gebiete de» Geiste» feiern, sollte voranleuchte» durch Tugend und Gottesfurcht Aber Israel erfaßte diese seine erhabene geistige Bestimmung nicht, cs wurde seiner geschichtlichen Aufgabe untreu, eS wollte gleich den andern Völkern auch ,-,221 ״ בחילdurch Heere»- macht und Waffengewalt* sich bervorthun, cs rief mit Ungestüm: »Wir wollen ebenfalls eine» irdischen König haben, der im Kriege uns voranzieht und uns von Sieg zu Sieg führt, wir wollen auch sein gleichwie die Völker alle um uns her." (Sam. I, 8, 19— 20) — während sie doch viel mehr sein sollten, ״ וי*י אלנדכם הלככםda doch der Ewige Euer Gott, Euer König* —(1. Sam, 12,12) .und sie m dem Streben nach Göttlichem von Sieg zu Sieg aufwärtssteigen sollten* (Ps. 48,9). — Vergebens mahnten die Propheten von solch' verkehrtem unsinnigen Beginnen ad, vergeoenS erhoben sie ihre Donnerstimme und riefen ihnen zu: ״Nicht solches ist Jakobs Theil!* .Nicht rühme sich der Held seiner Heldenthaten, sondern de» rühme, sich, wer sich rühmen will: mich z» erkennen und zu verstehen, daß ich der Herr nur an Liebe, Gerechttgkeit und Tugend auf Erden Gefalleit habe" (Irrem. 8, 22, 24). —Alles vergeben» Israel eilte auf abschüssigem Wege rasch seinem Verderben entgegen. Es hatte Könige über Könige, und Heere über Heere, ״und Streitwagen in großer Menge", aber damit vermochte eS nicht sein ״Heiligthum* zu schütze». Es kam ein mächtigerer König mit zahlreicherem Heere, der wachte der jüdischen Reichswirthschait ein Ende; er eroberte Je«- salsm, zerstörte den Tempel und führte das Volk in die babylonische Gefangenschaft. Hier gingen ihnen dir Auge« auf, jetzt sahen sie ein, daß sie des Weges gefehlt, sie besannen sich auf ihre eigentliche Aufgabe, gingen reumüthig in sich, und so vollbrachte sich im ganzen Volke eine heil» same Umwandlung, das Wort des Exilspropheten Ezechiel fing an sich zu bewahrheiten: ״Einen neuen Geist will ich in euch geben!" Sie lebten der Erfüllung der göttlichen Verheißung, an die unsere Haphtara uns erinnert; daß Serubabel, rin Fürst aus Davids Haus, und Jehoschua, der Hohepriester, sieaus Babylon ins geliebte Vaterland zurückführen würden, wenn sie — wie dies symbolisch ihnen angedeutet worden — das ״unsaubere Gewand* schmutzig-irdische« Strebens abgelegt und d-n ״reinen Bund* heiligen Priester» thums aufs Haupt gesetzt haben würden. Vielen mochte die Befreiung aus dem ExU, die verheißene Rückkehr nach Palästina als Unmöglichkeit erschiene« sein, denn, wer entkam je den eisernen Armen de» mächtige« babylonischen Reiches? Aber siehe da, ״es fiel Bel, «» stürzt« Nebo — gefallen, gefallen ist Badet". (Jes. 46, 1 und 21,9) ' »nische Koloß wird gestürzt, Judä« ertzerrfchaft, «ab Cyrus öffnet km kommt ') Der mü babv