Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 49 (4.12.1890)
- Date
- 1890-12-04
- Page
- Seite 371 (sequence 3)
- Language
- German
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3ub<1t und Jvdenthlim Meinungen laut werden, welche «it der Wahrheit in grelle» Widerspruch« stehen, dann wird der Sildner den der gignerffchm Partei zuweilen zwar heftig Ära mit politischen Gründen, ober der Berg fehlt jede Kraft. der Nerv, da» Herz, weil den Bertheidigeru in« Kcnntniß de« Judenchum» fehlt. — Was die gelehrten Herren derjenigen Partei, zu deren Programm die Aufrechterhaltung der Gleichberechtigung der Juden gehört, über da» Judenthum denken, hatMommsen vor einigen Jahren in einer Brochüre verrathen, und Birchow vor kurzer Zeit unumwunden ausgesprochen. Wenn ich nun auch wett entfernt bin von der oft gehörten Meinung, daß größere Verbreitung der Erkenntniß de» JudenthumS der AnSdehnunq d«S Antisemitismus in den breiten Massen de» Volke» einen Damm entgegensetzen würde, so ist doch uiohl die Hoffnung nicht unberechtigt, daß Münner» wie die Ara genannten, durch bessere Erkenntniß sich zurückhalten würden, so verächtlich von der Religion des JudenthumS und von denen zu reden, dir darin verharren, wie sie es gethan haben. Und die Verbreitung dieser Erkuntniß ist in unsem Tagen umsomehr Pflicht jedes Juden, der den Werth seiner Religion kennt, als selbst in wohl» meinenden jüdische»Kreisen neuerdings da» Bestreben hervortritt, dem Judenchum wichtige Bestandtheile seine» Lehr» inhalt» abzusprrchen. So konnte man vor Kurzem in einem kurzen, schön- «eschriebenen Aufsatz de» Herrn Dr. G. Minden lesrn: ״Das Lhnstrnthum ist die Religion der Liebe, das Indent hum die der Versöhnung" Wir sind fest überzeugt, daß der Verfasser dem Judenthum etwas Schöne» und Gutes nachsagen wollte. Aber ist die von ihm gewühlte Form nicht geeignet, in den Lesern ein« falsche Anschauung de» Berhültniffe» 'zu ctttxdcn? Inwiefern ist da» Ehristenthum mehr die Religion der Liebe, als da» Judenthum? Etwa mit Bezug auf die Liebe zu Gott und Gotte» zu dem Menschen? Aber wem gehören denn die Sätze an. ״Du sollst den Ewigen deinen Gott lieben mit ganzem' Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem Vermögen." (Deut. 8.5) ״ES wollte der Ewige 41 nicht hören aus Bileam und verwandeltt dir den Fluch in Segen, denn der Ewige dein Gott liebt dich." (das, 23,8) ״Denn der Ewig« dein Sott.übt Recht der «ais ' ... ־ . der Waise und Witwe und liebt den Fremdling, ihm zu geben Brod und lSewand" (das. 10, 17, 18): Nicht, der Sehre de» Judenthum»? — Oder vielleicht mit Bezug auf ^ehrr de» Judenthum»? — Oder vielleicht mit Bezug auf die Liebe der Mensihen unter einander? Nach den obigen Ausführungen fft I»iese Frag« bereit» beantwortet. Denn *» bedarf wahrlich keine» Aufwand«» von Wissenschaft und Scharfflnn um zu beweisen, daß da» Gebot ber Räch liebe sich nicht auSstl. Nächstenbei dir ein Fremder ihr ihn nicht bedrücken. Wie ein Eingeborener von euch }oll euch der Fremd« sein, der bei euch wohnt und du allst ihn lieben wie dich selbst, denn Fremdlinge seid ihrgewesen im Lande Aegypten." (Lev 18, SS. 84.) Daß r» sich hier nicht um Volksgenossen handelt, beweist nicht blo» da» Wort ״Ger".*) sondern ganz besonder auch berHinwei» auf den Aufenthalt in Aegypten, wo d« ISraelittn doch in Glauben und Sitte von den Esiigeborenen sich unterschieben. Hat denn übrigen» Jesu» die Worte: ״Ihr habt gehört, daß ' ist: Du sollst Deinen Nächsten lieben und Deinen hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde u. s. w. vtth. v, 84) nicht auch zu den Juden gesprochen? Die iden hatten doch von der Nächstenliebe nicht« gehött, " gelesen, dessen Bekanntschaft 1L Ja, der wenn sie nicht ^m»de den Hesiod wir auch bei Jesu« kaum vorau»setz«n dürfen. •3 Sa Salnmb aUVtt in birst» ״wo" nur stich» sr»«biä«bischr »ta«»W>wrl1, »«ich« bst »ststtze bt» üanbel, m!n «uch Brrvbnana w» GStzinbstnfstl zrhvrt, stlvn. Ausspruch konnte um von Juden verstanden werden, weiche mit den AuSlegungSregeln de» Talmuds vertraut waren! Wenn man der Mosaischen Lehre da» Gebot der allgemeinen Menschenliebe unter dem Vorwände absfnechen will, daß sie nur die BolkSgenoffen im Auge hat, was berechtigt alsdann die angeführte Stelle der Bergpredigt auch auf Heiden zu beziehen? Etwa .der Ausdruck: ,eure Feinde?" Heißt c» nicht auch in der mosaischen Lehre (Exod 23, 4, 5): .Wenn Du den Ochsen oder den Esel Deine- Feinde» verirrt antriffst, so gieb ihn ihm zurück. So Du den Esel Deines Feinde» unter seiner Last erliegen siehst, so hüte Dich, ihn zu verlassen, sondern hilf ihm auf?" (S. auch Deut. 22,4). — Und liegt denn in dem BerfvhnungSgedanken des JudenthumS nicht ein unendlicher Schatz von Lieb«? Berechtigt nicht er allein, der die Reinigung von allen Bünden vor Gott verkündet, das Judenchum eine Religion der Liebe zu nennen? Wenn aber der mosaischen Lehre dieser Name abaesprochen werden soll wegen der Strafen, die sie den Sündern androht, heißt es nicht auch im Matth. 11.21: ,Wehe Dir. Chorazin, wehe Dir Bethsaida! Wären solche Thaten zu Tyro und Sidon geschehen, als bei euch geschehen sind, sie hätten vor Zeiten im Sack und in der Asche Buße gethan. Doch ich sage euch, cs wird Tyro und Sidon tttlglicher ergehen am jüngsten Tage denn Euch Und du, Kapernaum, die du bist erhaben bi» in den Himmel, du wirst bi» in die Hölle hinuntergestoßen werden u. s. w." — Uebrigen« ist stet» im Auge zu behalten, daß da» mosaische Gesetz nicht da» ErbauungSouch einer religiösen Sette, sondern von Anfang die Staatsverftiffimg und da» Gesetzbuch eine» Volke» gewesen ist. ES muß daher die Behauptung, daß da» Judenthum weniger al» da» Christenthum eine Religion der Lieb« ist, ebenso als unbegründet bezeichnet werden, wie jene, welche ihm den Begriff der Demuth abspricht. Diese» thut aber kein geringerer als Herr Professor Steinthal in Berlin. (Schluß folgt.) Predigt de» Lh»»»kafeste». von Rabbiner Dr. Rahmrr. Da» jüdische Volk, dessen Urgeschichte hinaufraat bian die Wiege der Menschheit, ist so recht augenscheinlich von der Vorsehung dazu berufen, an seiner eigenen wechftlvollen Geschichte den Völkern der Erde zu zeigen, daß nicht, wie «» manchmal den Anschein aewmnt, di« rohe Gewalt, di« bloße Mack, die sich auf die Massen stützt, die Lenkerin der Weugeschuhte sei, sondern daß di« Geschichte der Menschheit, sich entwickelt nach den Gesetzen de» Geiste», jene« göttlichen Geiste», der sich ttotz mannigfacher Hindernisse und Hem«, nisse Bahn bricht, und di« Menschheit ihrer Vervollkommnung immer näher führt, »ach einem anderen, höheren Plane, al» der fft, den die Gewaltigen und Mächtigen der Erd« chr vorgezeichnet haben; ja selbst die Gewaltigen und Mächtigen der Erd«, müssen oft gegen ihren Willen, und ihren Gegenanftreuaungeu zum Trotz zur Verwirklichung der Pläne de» in der VeAicht« waltenden GotteSgriste» beitragen. Mit anderen Worten: die ganze Geschichte de» jüdischen Volke» ist im Grunde weiter nicht«, al» ein fortlaufender Lommentar de» großen und herrlichen Gedanken», dm Niemand, weder vorher noch muHer so kraftvoll und eindringlich so kurz und klar auSgesprochm, al» der Prophet, dem die Chanuka- Haphtara entnommen ist, al- Secharja, mit den Worim 7 ,Nicht durch HeereSmacht und nicht durch erdisch« Kraft, sondern durch meinen Geist — Micht der Herr Zebaoth. (Sech. 4, 8.) Und dieser Gedanke fft e», der in diesm Tagen de» Weiheseste» zum dreifache« Ausdruck kommt: 1. in den Wochenabschnitten, die uns die Geschichte Joseph» erzählen, 2. in dm Worten de» nachexilffchen Provheten der Haphtara, 8. in der Bedeutung und Feier unsere»