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Israelitische Wochenschrift · 1890-12-04 · 49 (4.12.1890) · p. Seite 370

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
49 (4.12.1890)
Date
1890-12-04
Page
Seite 370 (sequence 2)
Language
German
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SittrngesetzeS hiutrrlaffrn. Mit da» höheren Sebot a» de» innern Menschen aber: ,Lebe Deine» Nächste« wie Dich selbst", hat da» Shristenthum eine neu«Geschichte der Menschheit eröffnet". — Da« war «ir de»» dach zu stark, um e» stillschweigend hinzuaehmeu. — De»« erste»» war e» Gneist, der d«sen AuSsprmh gethan, bei de« jede absichtliche Herabsetzung de» Judenthum» auSge« schlossen ist. Alsdann aber erschien «ir dieser Satz in diesem Buche wie eia entstellender Meck iu eine» kunstvollen Gemälde. Ich wandt« mich daher an Herrn Prof. Äneist mit folgendem Schreiben: ,Gewohnt bei »ichtjüdlschen Schriftstellern gewöhnliche» Schlages einer weitgehenden Unbekanntschaft mit de« Lehrinhalt und dem Schriftthn» de» Judenthum» zu begegnen, Hab« ich ti nie der Mäh« werth gehalten, dieselben wegen Jrrthümer in Bezug auf dasselbe zu interpelliren. Bei «ine« Autor von Ihrem Lharakter und Ihrer wissenschaftlichen Bedeutung aber fühl« ich mich, schon im Interesse der Wissenschaft gedrungen, Sir ganz ergebenst um gütig« Auskunft zu bitten, -b Ihnen iu der That bet Abfassung jenes Satzes unbekannt gewesen Ist, daß dasselbe Buch, «elcheS uns in de» zehn Geboten-die Grundlage unseres Sttteugesetze« hinterlaffen hat, nämlich der Pentaleuch (3. B. Mose» 19,18), auch da» Sebot enthält: ,Lieb« Deinen Nächsten wie dich selbst- und sogar de« Fremden gegenüber in de»-, selben Kapitel Vers 34 wiederholt? Sie würden «ich sehr verbinden, wenn Sie meine Frag«, in der Sie nicht« ander» als eine Bitte um Aufilärung sehen wolle», nicht unbeantwartet ließen. Genehmigen Sie u. s. w.- Durch eia Versehen der Expedition kam au mich ein nach Amerika gerichteter Brief de« Herrn Prof.» während die Antwort auf meiu Schreibe« dorthin gfgaRßtn war «ud erst nach einige« Woche» vom Herrn Prof, mit eutem zweiten Schreibe» mir zugesaudt mute Die Antwort lautete: .Für Ihr« ftrnndlichen Bemerkungen ln Bezug auf «ein englisches Parlamentsrecht sage ich Ihnen meinen aufrichtigen Dank. Di« Lösung der Differenz liegt wohl, wie häufig in der Differenz »er Zeiten«- »Welung. Da» tzkeltgtonsgebot ist schon im mosaischen Siech« aus» gesprochen, aber verwirkliche» ließ es sich nur, nachdem in Vielhundert, jähriger Entwickelung der römische Untversalstaat di« starre Wider» Haarigkeit der Nationen gebrochen hatte. In der jüdische» Staatsent» Wickelung war es ei» todter Buchstabe geblieben und die Nächstenliebe beschränkte fich aus das auserwählt« Volk. Ich durfte da» Gebot als» Wahl als ein christliche« bezeichnen, weil es erst in den Jahrhunderten der Herrschaft des Shristenthum« und auch da noch langsam und schwer genug in das Volksleben eingedrungen ist. ASerdlag« Hab« ich bei der kurze» «rwähuung de» Gebot« im Lapidarsthl »Ich» daran gedacht, daß es seiner Vortsaffung »ach, schon im mosaischen Stzcht« enthalte» ist. In ausgezeichneter Hochachtung ganz ergebenst Professor Gneist.« In de» zweiten Schreiben heißt «S: ׳.Unser« Zehugebot« und unserr sonstige« Sitteulehrr» find wohl im Nesentliche» ideutisch. Der entscheidende Punkt wird aber darin liegen, daß i» Altrrthum di« Nächstenliebe über de» Geschlechts- und Volksgenossen nicht hinaus zu kommen vermocht« und daß erst in de« großen BSlkervertand« des römisch«« Kaiserreich« jene« Gebot unter »er Autorität der christliche» Kirche sich zu dem Bewußtsein einer allgemeine» Renschenpflicht erweitern konnte, frelltch unter mancherlei Widerstand «ad Rückfälle«, wie solche noch heute s ortdauer».- Man muß anerkennen, baß beide Schreiben ebenso sehr von der Aufrichtigkeit wie von der liberalen Gesinnung de» berühmte» Gelehrten ein beredte» Zniguiß sind. Indessen erschien mir d,« historisch, Rechtfertigung der Bezeichnung de» in Rede stehenden Gebotes als eines christlichen, de« Thatsachen nicht entsprechend und einer itnoideraug bedürftig. Ich schrieb daher au deu Herr« Professor Folgendes t ״Genehmige« Sie zuvörderst «eine» herzlichen Dank für Ihre liebenswürdigen Brief« vom ... und gestatten Sie mir, mit einige» Worten ans de» Inhalt derselbe» einzugehe». Hantelt «»sich dach um «ine Frag«, deren Erörterung doch »ich« ganz fruchtlos sei« dürste. Es giebt auch tu der Wissenschaft, so zu sagen, eonPentiouelle Un- Wahrheiten, die fich durch häufige Wiederholung im Laufe der Zeit so lf , - ■ ■״ ׳;׳■,׳• t «ingeuiftet ha ln», daß sie wie Akt«»« behandelt und geglaubt Werben, der Wissenschaft aber, wie jede Unwahrheit, «ehr als ale Jrrthümer, nur zum Schabe» gereiche» können. Zu diese» gehört auch die f» »st mit absoluter Sicherheit austrrtrnd« Behauptung, daß das Christenthn« das Gebot aufgestellt habe״ ׳Du sollst Deinen Rächst« liebe» wie Dich selbst." Sie selbst »stehe» srrimüthiz bei »er knrze» Erwähnung de« Gebote» nicht dar«» gedochi zu hob», daß dasselbe seiner SoNfaffung nach, scho» im mosaischen Recht enthalte» ist, well Sie von jeher daran gewohnt find, da» Gebot der Nächstenliebe als ein christliche» rittrt zu finden. Wen» nun auch Ihr aus»zeichae»e« Buch durch de» in Rede stehenden Satz an ftluer hervorragende» Bedeutung nicht» verliert, so trägt der letztrre doch, als von Ihnen an solcher Stelle ausgesprochen dazu bei, di« falsch« Ansicht zu befestige« und weiter zu verbreiten. — Al» fa lsch aber muß ich den Satz auch »ach de» Ausführungen in Ihren geehrten Briefen bezeichnen. Sie gebe» zn. daß bas Sebot schon in der mosaische» Lehre «usgesprochen ist» halte« fich aber berechtigt, dasselbe als rin christliches zu bezckchue«, ,weil es erst 1» de» Jahrhunderte» der Herrschaft des Lhristenlhums .in da» Bolksleben eingedrungen ist." — Nun, ich wM es dahin» gestellt sei« lasse», ob da« Gebot ta der jüdische» Staatsentwickelnng in der That .ei» todter Buchstabe geblieben und di« Nächstenliebe sich auf da« ausenoählte Bolk beschränkte." Aber ist es denn unter der Anwrität der christliche» Kirche zu« Bewußtsein einer allgemetue» Mensche »Pflichtgeworden? oder .in den Jahrhunderten der Herrschaft des Lhristenthum» in da» Volk»leben eingedrungen?- Ich bitte Sie, mir doch in der Geschichte des Lhristrnthmn» eine« Zeitabschuitt zn nennen, in welche« da» Gebot: ,Lieb« Deine» Nächste» wie Dich selbpzur Richtschnur für di« allgemeine Präzis der Christ» gegenüber deoj Nichtchrist«» geworden und über den enge» Kreis der Bolksgenoffen hinaus geübt worden ist! Ja, selbst innerhalb dieser veschräakung Ist bas Gebot «ährend der ganzen bisherige» Seschichtr des llhrtsteathpm« niemals zu de« Bewußtsein einer allgemeine»! Menscheupsllltzf erweitert warben, noch iu da» Bolksbewußtsein «in- : gedrungen. Mit dem Augenblick«, in welche« da« Lhristenthum nnltr; Konstantin l^tanfhörte, «in« verfolg« Religion z« sei», wurde es ein« j verfolgende, Gicht bloß gegen jeden fremden «tauben, sondern gegen I jedg Abweichezig ft» eigene» Bekenntnisse. Branche ich Sie an deu artantschHi Streit und dir an» demselben hervargrgangene» blutige» LerÄlguugen von Lhriste« gegen Lhrtfte», an die Albigenser Kriege, »»,di« Sic litauische Vesper, di« Bluthochzeit, di« Dragouadll», dt« heilige Jngnisitto», di« Hexen« process«, n dreißigjährigen Krieg zu erinnern? Oder ist etwa in der »egenwart da» Gebot: ״Siebt Deine» Rächst« wie Dich selbst" zn ein bewegenden Macht des volksbewußtfeiu» «der de» EMatslebens, geworden? Nenn aber dieft Frag« verneint werde» muß, »ud auch vom Ihnen in mehreren Wendungen Ihrer geehrte» Briese verneiftt wsrd, so ist das Gebot der Nächstenliebe »och immer et« zu verussrklichrudes Ideal «ud muß, »ach dem Wappenspruch nnserer glorff^iche» Dynastie (■uam eaiqm) dem gelassen werben, der es zuerst »asgestrllt hat. Es ist daher wlsseuschastltch ebenso unzn» lässig, di« (Idb jene« Gebot» in eine« Gegensatz zn der der zehn Gebote zn total, wie etwa de« Ausspruch al!griechischer Weishei» ״Erkenn« Dm selbst!" als «tue« christliche» zu bezeichnen, well ein Kirchenvater Drüber eine Predigt gehalten hat. Hochgezßeter Herr! Wer wie Sie Sei jeder fich darbteteube» Gelegenheit hhstmbt ist, .da« in Rebe stehende Gebot zu verwirkliche», wirb gewiß jUttfanc», daß es Ausgabe «rlanchser Getstrr ist, an» j Unwissenheit ^dber vorurthril chervorgegangene Jrrthümer zu zerstreut», •* zumal in ttttt Zeit, bte wie kein« früher, bestreb« ist, sllbst aus dem Schutte der Gahrhuuderii Zeuge» btt Wahrheit für db! WtsseustM ^luf^rfe» Schreibe» habe ich eine Aotworl vorder erzur Brrösstuüichtmg der E-rrrspoudeuz, de»» er uemetsr wie di« Nuteuutuiß »ud verkemluaa der Lehre de» Jade«- thmu« bi-S in die höchste» Kreise der deutschen Gckhrteuweit hiueiureicht. Wer da» dffeuftich« Lebe« i» letzte» Jghr» zehut verfolgt hat, de« wird die Thatfqchr frrüich nicht ütecrasche». Neu» au der Stätte der Gesetzgebung-über '3 1־

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