Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 48 (27.11.1890)
- Date
- 1890-11-27
- Page
- Seite 366 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Kiutölick über die israelitische CultuSgemeinde und über die Entstehung des Synagogenbaues. Herr Hertz gedachte der Thütigkeit de« Gnnemdevorstandes und de« Baucomites. Dann sprach auch Herr Vorsteher Rothschild auS Trier. Er erinnerte daran, daß die hiesige CultuSgemeinde immer als ,Filialtochter" der Trierer betrachtet worden sei, jetzt «kenne er erstere aber als .Filialschwestcr" an. Er machte verständliche Andeutungen über ein gemeinschaftliches Ausammengehen beider Orte. Herr Ad. Lyon toastete auf «n Rabbiner Dr. Frank und den Obercantor Ieibelmann.*) .Herr A. Plein hob hervor, daß die Stadt Antheil an dem beutigen Feste der Israeliten nehme, seine Rede gipfelte in oer Mahnung zur Aufrrchterhaltung und Ausübung der Toleranz und Eintracht. Von Hrn. Scheuer wurde all' Derer gedacht, die in irgend einer Weise an dem Gelingen des Baue« oder bei der Einweihungsfeierlichkeit mitgewirkt hatten, besonders das friedliche bürgerliche Streben, Eintracht, Liebe uud Brüderlichkeit wurde verherrlicht. Um 10 Uhr Abends erschien zur allgemeinen Ueberraschung eine Festzeitung, der wir folgende Daten entnehmen: Die Gemeinde St. Johann entwickelte sich sehr rasch. Bor 40 Jahren ließ sich der erste Jude, der jetzt noch lebende 83jährige Jacob Levy, hier nieder. Anfangs der Sechziger Jahre waren es 18 Familien, gegenwärtig ist die Zahl auf 94 Familien gewachsen; von denen etwa 20 in den umliegenden Ortschaften wohnen. Ihren gottesdienstlichen Bedürfnissen genügte die Gemeinde in einem Betsaale bald in Saarbrrückcn bald in St. Johann. Seit 1863 waltet der Eantor und Lehrer Hr. Tiefenbronner mit treuer Hingebung seines Amtes. Im Dezember 1883 wurde in einer (Generalversammlung der Bau einer Synagoge am jetzigen Platze beschlossen. Der vom Architekten Mertz aufgesührte Bau kostet 80,000 Mk. Der Vorsitzende des Vorstandes, Hr. Bankier M. Lazard, stellte in uneigennütziger Weise sofort 40,000 Mk. zur Berfügung, den Rest haben andere Gemeindcmitglieder auf Jnterimsscheine vorgeschossen. (Nach Erlangung der Corporationsrrchte sollen 4procentige Obligationen für den ganzen Baubcrrag ausgegeben werden, die Amortisation soll 1» Procent betragen!. Durch die Lpferwilligkeit der Gemeindemitglieder ist die Verzinsung nebst Amortisation völlig gedeckt. Die stattgehabte Versteigerung der Plätze in der Synagoge hat ein Ergebniß weit über den Anschlag gebracht So steht der Bau da als ein schönes Wahrzeichen der gemeindlichen Eintracht, ein Denkmal zur Ehre Gottes und aller derer, die Antl)eil an dem Werke genommen haben. —Z. it«• £8nrttm(<rg, 17. Novbr. (Or.-Eor.) Die .Schmach unseres Jahrhunderts" — der Antisemitismus — , soll nun auch in unser bisher so friedliches Württemberg verpflanzt werden. Bereits hatten wir die zweifelhafte Ehre, den nun abgedankten Herrn Stöcker in Stuttgart sprechen z« hören und nun soll auch — wie sich der .Beobachter" ausdrückt —. die zweite Garnitur deS Antisemitismus, der fanatische Bückel, ins Land kommen. Wer ihn gerufen, ist, da die .Reichspost", das konservative oder besser gesagt evangelisch-pfarrherrliche Organ uns zuerst mit der Notiz erfreute, unschwer zu erratheir. Aber laßt ihn nur kommen! In Württemberg ist man gegen Hetzapostel gut gewappnet. Herr Bückel möge doch bedenken, welcher Wind in Württemberg weht. Unter 17 Reichstagsabgeordneten, die W. wählt, befinden sich 9 Demokraten und auch in den übrigen Bezirken verfügt die Demokratie, Dank ihrer trefflichen Organisation über eine große Anzahl eifriger Anhänger. Und diese Partei, die also weitaus die stärkste in M. ist, wird sich die Bekämpfung der rückschrittlichen Bewegung als Ehre anrcchnen. Bereits hat der Beobachter einleitende Schritte -ethan. Aber auch die ״Nationalen" und ״Teutschen" geben sich in ihren Organen viel Mühe, die antisemitische Hetze *) «u* Kaiserslautern, kt zur Verherrlichung d«S WeihesesteS mit seiner herrliche» Stimme uud künstlerische» Begabung sehr viel beUrug. von sich abzuschütteln. Ob's ihnen — nachdem sie im Besigheim« Bezirk den Antisemiten Essich zum Kandidaten erkoren haben und mit vieler Mühe dessen Wahl durchgesetzt haben — gelingen wird, ist eine andere Frag«. Eins lernen wir aber darau», daß auch unsere ״Deutschen" und .,Ratio« nalen" den Antisemitismus al» Schande für jeden Gebildeten bettachten und demzufolge — um sich ja nicht schämen zu brauchen — denselben nur unter der Decke be» treiben. Ganz anders die Konservativen und Pfarrherrlichen. Sie folgen ihrem großen Meister Stöcker mit der Losung: ״Wie er will, ist halte still". Ja, da» evangelische Sonntagsblatt predigt eindringlich .christliche Liebe", indem eS fortgesetzt in jeder Nummer die Juden bearbeitet. Bon diesem Blättlein, da» unzählige Abonnenten hat, wird selbst Böckels Organ in den Schatten gestellt. In seiner letzten Nummer hat rS durch eine Wiedergabe (nur da», wa» in den Kram paßte, wurde gedruckt) und Erklärung de» ErlaffeS des hessischen Minister- Finger, Großartige« geleistet, mußtt sich'» aber gefallen lassen, vom Beobachter kommentirt ob« auch berichtigt zu werden; — wie man sagen will! — Wo steckt da die christliche Liebe, wo die christliche Wahrhaftigkeit, bei den Demokraten oder bei den Pfarrherrlichen? Der Leser urtheile selbst! In« IPftritmltr«. 14. Novbr. (Orig.-Lorr.) Nach der neuesten Statistik des Volksschulwesens m Württemberg unterstehen 17 israel. Elementarschulen der evangelischen Oberschulbehürde (Consistorium) und 10 der katholischen (Kirchenrath). Die übrigen ' iSrael. VolkSschül« in oen kleineren Gemeinden oder in der Diaspora besuchen die christlichen Volksschulen und die isr. Religionsschulen, welche der St. Israel. Oberkirchenbehürde unterstellt sind. Am 1. Juni 1890 zählten die israel. Elementarschulen 347 Knaben und 489 Mädchen, zus. 816 Schüler. Die Kinder, welche christliche Schulen besuchen, haben in keiner Weise über In» toleranz zu klagen. Schon in einem Erlasse von 1808 wurde angeordnet: Schullehrern und Pfarrern wird strenge^ untersagt, etwas Bezügliches oder Beleioigendes in Beziehung, auf die Confessio» einfließen zu lassen. A X — Die evangelische Oberschulbehürde, welche wie die K. Israel. Oberkirchenbehörde und der katholische Kirchenrach die Einführung der vom Lehrer Straßburger in Bucha» herausgegebenen Fibel und Lesebuch für israel. Schulen empfohlen haben, hat auch gestattet, daß die israel. Schüler, welche eine rvangel. Schule besuchen, diese Bücher statt der evangelischen Lehrbücher benutze» dürfen; die gleiche Be» . Frankreich. Vttis. Der Pater Didon hat ein zweibändige--! Werk über das Leben Jesu geschrieben. Das in Form und Inhalt durch Originalität sich auszeichnende Buch spricht in den erhebendsten Sätzen von der Aufgabe und der Be» deutung des Volkes Israel, wie in diesem die Staat»- und- Religionsinteressen eng verschmolzen waren, und wie Israel nach dem Verluste seiner Nationalität dennoch das Volk der Religion geblieben und seine Sendung zum Heil« der: Völker vollzieht, ungeachtet der vielen Anfeindungen. A. J. Htnaen. Ich schrieb Ihnen vor einiger Zeit, daß ein katholischer Geistlicker, Namens kDesportes in Rouen, eine Broschüre .Das Geyeimniß des Blutes" geschrieben und de»- halb auf Befehl des Erzbischofes aus der Diöcese ausgewiesen wurde. In zwei unverschämten, den französischen Charakter' völlig verleugnenden Briefen wendet sich d« gemaßregeW Geistliche an den Redatteur d« iSr. ״Archive»", mit d« Uebevs schrist .an den Juden Isidore Eahen" und sagt, daß feine Ausweisung lediglich der Furcht de» Bischofs vor dem jfi&. Präfekten Hendls in Rouen zuzuschreiben sei. (Niedrige Menschen dantheilen Andere stet» nach sich)