Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 48 (27.11.1890)
- Date
- 1890-11-27
- Page
- Seite 367 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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itiifr »e«ße N«chrichte». Werkln, Ri. November. Bei der gestrige« parlamentarischen Soiree beim Reichskanzler sprach sich der Kaiser besonder« scharf nicht Nur «egen die Sözialdrmokrati« sondern auch gegen Herrn Sticker und seine Bestrebungen au«. Sr tadelt« da« dogmatische Gezänk i und betonte wiederholt, daß e« beim Religionsunterricht auf die Pslege der ethischen Seite vor allem anlomme. Berlin. Zur Entlassung Stöcker« bringen dl« .Arenzboten- £ «inen Artikel, dessen .geschlossene Folgerichtigkeitselbst die .Kreuzztglob». In dem Artikel wird au»geführ», daß Stöcker bei Hofe seitdem Regimentdantrilt Kaiser Wilhelm kl. nicht mehr paraona grau ge- ■tfcn sei, weil der Kaiser sich in dem Bestreben, über den Parteien 1U stehen, von der össentltchen Meinung anerkannt wissen wolle. Nu« diesem Grund« sei e» zu erklären, daß nicht nur Stöcker allein, . von dem jungen Monarchen nicht nur keinerlei Zeichen der Guns» empfangen habe, sondern zum Theil sogar ausfällig zurückgesetzt worden ist. Berlin. Di« neu« Synagoge in der Lindenstraße Ist am Sonnabend gerichtet worden. Darmffadt. Wie nachträglich berichtet tvird, hat unser Groß- , Herzog zu der Deputation der l«r. Gemeinden Hessen«in Bezug aus den Unnsrmitiömu« sich noch schärfer al« sein Schwager, der hochselig« ■ Baiser Friedrich geäußert, vir sagte, wie Ohrenzeugen (Tr. G.) derichten: .Diese ganze Bewegung ist mir ein Greuel; ich; verabscheue sie aus« lebhastes»«. DrrO»«n,2l.Nov..(Lr.-Lvr.) Bezüglichd«-In letzter Nr. der »Wochenckstenthaltenen, dt« Lompetenz der Gemeindevorständ« und die »rität der Rabbiner behandelnden Artikel» ist vielleicht die Mit- , lilung von Interesse für weiter« Kreise, daß hier diese« Berhältniß i tirrch die neuen Satzungen vom Aua. 1887 dergestalt geordnet Ist, Haß nicht nur dem »Getstlichcnin Angelegenheiten de« Lultu« und ‘btx Rrligton-schule da« Recht der Theilnahme an den Berathunaen und da« Rech» einer Stimme zusteht, sondern daß auch zur An- ^»ahme von Anträgen, für welche der .Geistlichestimmt, einfach« "Mehrheit genügt, während anderenfall« eine solche von '/, der An- . «eseuden erforderlich ist. — Auch eisolgt die Wahl, üinennung . und Erlassung von Lultu«- und ReligionSschul-Bramten durch den Oemeinderath, nach Gehör und Begutachtung de« ״Geistltchen-. Stetri«, den 1i>. Rov. 18R). (Lr.-Tor.) Den Borstand der Hkestgen Gemeind« bilden laut Statut ü Personen und in deren Be- MuderungSfalle 8 Stellvertreter. Jetzt ist nun der Fall eingctreten übrigen« seit Bestehen der hiesigen Gemeind« zum ersten Male — baß infolge Verzug und Todesfälle nur noch (incl. 2 Stellvertreter) 4 Vorsteher im Amt« sind. Vorstand und Repräsentanten haben jßotholb bei der lkönigl. Regierung den Antrag gestellt, zur Bervoll- Döndigung de« Borstande« einen Borsteher und einen Stellvertreter ju wählen. — Bei den jetzt beendeten Wahlen zur Stadtverordneten-Versammlung Kd die beiden Borsteher Samuel und Tr. Freund, sowit der langrige Vorsitzende de« Repräsealanten-Lollegium« Beruh. Lohn mit f vßer Mehrheit al« Stadtverordnete gewählt. Letzterer gehört schon tt vielen Jahren dieser Bersammlung an und erfreut sich ob seiner üchtiakeit allgemeiner Anerkennung. »>« 4m«#«■ berichtet da» .Soll* folgende« Borkommniß au« M:r Zeit: Bekanntlich w!rden die Rekruten zu ihrer Vereidigung r Fahne in die ftirtp geführt, wo nach vorhergegangenem Gotte«- ßlenst dann der Fahneneid geliistet wird. Rabbiner L « v i in Gießen ging Nun vor einigen Tagen zum Oberst de« hiesigen 1l6. Insanterie-Re- ׳-Piment«, Herrn Rogge, und muthete diesem zu, d'e Fahne möchte so m»t wie in die Kirche, so auch bei der Vereidigung der Rekruten jüd. ^Jirligion in die Synagoge gebracht wrrden! Allein die Antwort lautete: /-Herr Rabbiner, unsere Fahnen sind mit dem Kreuz« geschmückt, ge- Hären also nicht in die Synagoge!- (Tie Antwort ist correct^j Naffanänr« (Ostpr.) Bor einigen Jahren machte sich hier Ker au« Rußland stammend« Jude Schidlonwki seßhaft und erwarb ,,nnter dem Namen M. Lenser durch Destillation und Essigbraurrei rin!!Hrbeutende« vermögen. Gr ist nun wegen Führung eine« falschen!Mamen» bestraft und soll au«gewiesen werden. Doch verlautet, daß «r bet der Behörde um seine Naturalisation «ingekommen sei. (Wenn jMtft* Gesuch auch von christlichen Mitbürgern unterstützt, sein sollte — ‘ Bemerk» hierzu da» Stöcker'sche .Volk- — so würde e« doch eine .,-Schädigung der christlichen, germanischen und konservativen Elemente Wnserr« Volke» bedeuten, diesen Mann, der dazu noch mit Unrecht da»?Wahlrecht sür den Landtag in deutsch - freisinniger Richtung au«geübt -v>rt, mit den Rechten eine« deutschen StaatSoürger» «»»zustatten. Da« würbe jeden kaiserlich gesinnten Deutfchen mit Unwillen erfüllen und «»tmuthtgen. Wir haben schon mehr Juden unter un«, al» un« heilr tst." E« geht doch nicht» über diese christliche Nächstenliebe, wie diese al« Erbpächter de« Lhristenthum« sich aerirend« Sorte practirirt. Sr. »ff«■. 23. Novbr. .Große« Beispiel eredt Nacheiferung-. In Berlin ist der Stäcker entlassen, in unserem Nachbarort Witten Ward« bei der Wahl von drei StadtrLthen der Antisemitenhauptmann ,D>r. König nicht wiedergewählt. Also auch di« Wittener sind seiner »üd«. Da» .Volkzeigt dies« Niederlage mit folgenden Zusatzworten M»: .Natürlich ist dieserhalb große Freude in Israel, während e« dt« - östliche Bürgerschaft nicht begreifen kann, daß man eine» Ma■■ wie König Witz seiner 1SNlf!rigen Thätigkeit al» Stadtverordneter und Ttadrath nicht wiedrvDrwählt hat! (Do» ist doch nicht so schwer z» Begreifen l) Ja Bann wurden zwei jung« Burschen au» Siegbura, die letzthin aus dem israelitischen Friedhöfe zu Siegburg eine Anzahl Grabsteine demolirt und umgeworsen hatten, «egen dieser Grabschändung zn mehreren Monaten Gesängniß verurtheil». Nlzey» 20. No». Der antisemitische Hetzapostel, Herr Böckel hat die Absicht, auch den Wahlkrei« Bingen-Alzey mit seiner Gegenwart zu beglücken. Wie wir indessen Pfälzer kennen, wird Herr Böckel loenig Boden für sein« Ansichten gewinnen. Bayer■. Herr Stöcker will nach den »Münch. Neuesten Nach» richtenim Westen eine Agitation beginnen. Dt« Bereinigung der Lhrtstlich-Sozialen mit den Deutsch-Sozialen, den rechten Flügel der Antisemiten, sei so gut wie geschlossen. Die« werde wohl den Auätritt Stöcker» au« der konservativen Portei bedingen. — Part«. In der Sitzung vom 10. d. Mt« hat die Kammer ohne jede DI«cussion den S»aat«zuschuß sür den i»ra«litischen Lultu» mit 138,300 Frc«., sür da« Nabbtnerseminarr mit 22000, und zu Baute» von i»r. und protestantischen Go»e»häusern 40,000 Frc«. einstimmig bewilligt. — Tie Academte der Inschriften und schönen Wissenschaften hat in seiner Zahre«sitzung cm jüngsten Freitag den ersten Prei« dem Herrn Salomon Reinach für seine archäologischen Arbeiten zuerkannt. Pari«. Herr Isidore L ö b ist wieder in da« Lehreollegium de« Rabbtnersemtnar« eingetreten und unterrichtet Geschichte und hebräische Grammatik. Antwerpeu. Dem Longresse zum Schutz verwahrloster Kinder gehört« auch der Rabbiner Raphael L e v y, Ferdinand Dreifuß und und Re b lau b an. Der König würdigte bei dem Empfang« de« Loa» greffe» im Schloff« zu Brüssel die jüdischen Delegirten besonderer Aufmerksamkeil und richtete an jeden ein besondere« freundliche« Wort. Landan Wie verlautet, ist Hc. Dr. Neubauer in Anerkennung seiner bedeuienden Leistungen auf dem Gebiet« der orientalischen Sprachen zum Ehrenmitglied de« Exeter Lollege ernannt worden. London» 21. No. Di« den Folgen eine« langwierigen typhösen Leiden» erlegene Lady Hannah Rosebery war am 27. Juli 1820 al« einzig« Tochter de« Baron» Meyer Rothschild geboren. Im Jahre 1878 heirathele sie den Lord Archibald Rosebery und trat badurch in regere Verbindung ml: den leitenden Vertretern der englischen Politik und der englischen Hocharistokratie. In ihrem prachtvollen Schloß ln der Näh« von London, sowie in dem Stammschloß der Rosebery, daß bei Edinburgh gelegen, sah sie oft Gladstone al« Gast. Auch Graf Herbert Bi»mart zählte, so oft er England besucht«, zu ihren Gäste«. Da dt« Verstorbene dem jüdischen Glauben angehört, so fordert« ihr Gemahl gestern teleg.aphisch den Rabbiner Dr. Fürst in Edtn» bürg aus, nach Dalmeny zu kommen, um die Leichenceremoni« nach jüdischem Ritu« vorzunehmen. Der Rabbiner entsprach sofort dem Ersuchen und nahm vier jüdisch« Damen mit, deren Obhut dt« Leiche anvenraut wurde. Die Beisetzung der Leich« fand heute — den 2Ü. — im Erbbe» gräbniß der Familie in WilleSdeu statt. Unter den Trauergästen be» merkte man Gladstone, Lord Granville und Graf Herben Bi-marck. Die Königin, der Prinz von Wale« und der Herzog von Edtnburg sandten Kranzspenden und waren bet der Leichenfeier vertreten. Offfartz Herr Samuel Alexander, Mitglied de« zLineoln Sollege ist in die Prüsung«k»mmtssion für die humanistische« Fächer an hiesiger Universität ernannt worden. Birmingham. Di« hiesige »Postschreibt, daß sich in Enaland ein Damenkomitee gebildet, welch«« di« Mild« der Kaiserin in Rußland sür die jüdisch« Frauen daselbst anfiehen soll. (Die Id« ist nicht übel.) tzkntzland. Der .La». Birzewi Liftokhebt hervor, daß der diesjährig« Jahrmarkt in »Rizny Nowoarod- (bekanntlich der größte in Europa) deshalb schlecht au»gesallen sei, weil dt« größeren jüdischen Kaufleute fehlten, da ihnen der Aufenthalt daselbst erschwert wurde. Petergtznra. Ein Befehl der Oberpreßverwaltuna besagt, e« geh« da» Gericht, »aß gegen die in Vorbereitung befindliche» Judengesetzt ein »frecher und sinnloser Protestin» Werk gesetzt werden solle, und daß die Blätter hierüber nicht« veröffeniltcher sollen. E« mag dahingestellt bleiben, ob hiermit der in den Blättern erwähnt«, von linerarischen Lelebritäten Rußland« »»«gehende, oder «in von angesehenen Engländern beabsichtigter Protest gemeint ist. Ne» Bvrtk. Der jüngst erschienene Beruht de« .Jüdisch Thealogischen Seminar»- für den Zeitraum von Januar 1888 bi» März 1830 ergtebt, daß di« Einnahme sich aus 0704 Dol. 13 Lt«. und die Au«» gaben ans 6,304 Dol. 66 Lt«. beliefen und daher eine allgemeinere Bethriligung nöthig ist, die Anstalt auch in finanzieller Beziehung anderen ähnlichen Jnstttuten gleichzustellen. Di« Oberklaffe zählte 6 und di« Vorbereitung-Nasse 7 Hörer, zu welchen beim Beginne de« Unterricht«j«hre< (1b. Oct.) noch b Präparanden htnzukamen. Al« wissenschaftlich« Beilage enthält der Bericht ein« hochinteressante Mona» araphie »Di« Juden in Italienvom Direktor Herrn Dr. T. Moral«. Wie wir nachträglich noch erfahren, hat Herr Rabbiner Dr. A. Kahn», welcher sür da» Seminar ein besonder» warme« Interesse beknndet, demselben dt« ihm von dem jüngst vrrstorbenen Dr. Bettelhrim ver» machte Bibliothek zum Geschenk gemacht.