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Israelitische Wochenschrift · 1890-11-20 · 47 (20.11.1890) · p. Seite 356

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
47 (20.11.1890)
Date
1890-11-20
Page
Seite 356 (sequence 4)
Language
German
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Wird aber die Institution der Tivtleh! in Ungarn zur That, dann muß auch da» Proselytenwefen geregelt und der Uebertritt von einer Religion zur andern unterschiedslos frei gegeben werden. Denn sobald die Ehegesetzgebung im freiheitlichen Sinne gchandhabt wird, dann darf inan nicht auf anderer Seite dem Liebeszuge der Herzen, der bekanntlich viele Proselyten macht, hindernd entgegentreten. Die diesbezügliche liberale (Gesinnung der Regierung wird sonach bald ihre Probe zu bestehen haben. (Siehe unter ״Budapest.") Preßburg, S. November 1899. Rabbiner Dr. David. Berichte w»& CorrespRrrderrzetr. Deutschland. M«»gSeß«rß Wie die ״allgem. evang.-luth. Kirchenzeitung" schreibt, hat die Entlassung Stöckers in weiten kirchliche» Kreisen einen sehr deprimirenden Eindruck hervorgerufeu, cS werden allerlei Besorgnisse laut, von denen die bezeichnendste die ist, daß man es Stöcker zutraut, er werde nunmehr eine Bewegung zum Austritt aus der Landeskirche in Gang bringen. — Also das wäre der so gefeierte Kämpfer für ״Thron und Altar", der sich schließlich rachebrütend gegen ״Thron und Altar"' wendet, und endlich auf sei 1er abschüssigen Bahm mit den sozialdemokratischen Bestrebungen des Austritts aus der Kirche zusammentrifft. Wir haben's immer gesagt, daß der Antisemitismus die Vorfrncht der Socialdemokratie ist. Herr Stöcker wird, wie vorauszusehen war, von seinen Areunoen und Anhängern jetzt als Held und Märtyrer in überschwänglicher Weise gefeiert. Er selbst versäumt nicht, sich als den muthvollen Kämpfer hinzustellcn, der furchtlos jeglicher Gefahr ins Angesicht schaue. ״Nehmen sic uns den Lew, Gut, Ehr', Kind und Werb — laß fahren dahin, sie haben keinen Gewinn", so zittrte er in eiuer großen Versammlung der Christlich-Sozialen. Wann hat dann Herr Stöcker besonderen Muth bewiesen? Aus sicherer, geschützter Stellung unter dem füllen Beifall mächtiger Gönner einen Hagel von Pfeilen auf die Juden abzuschießen, dazu gehörte wahrlich kein großes Maß von Tapferkeit. Als aber Herrn Stöcker von diesen mächügen Protektoren angesonnen wurde, von der Kandidatur im zweiren Berliner Wahlkreise, ״seinem Wahlkreise", zurückzutreten und als ihm eine hohe Stelle ein Schweigegebot auferlegte — wo blieb da die gerühmte Tapferkeit. Und wann hatte Herr Stöcker Gelegenheit Martyrien auf sich zu nehmen? Weder Gcfängniß, noch Ausweisung, noch Lcbensnoth drohte ihm jemals auch nur ferne. Nicht einmal die Entlassung aus dem Amte konnte chn in irgendwelche Bedrängniß bringen. Denn hinter dem wohlsituirten Mann steht der reichste altpreußische Adel. Wenn jetzt Herr Stöcker gegangen ist, so geschah es, weil er nicht mehr anders konnte. Ihn deshalb als Märchrer zu leiern, ftrcift an Satyre. Wir wollen Stöckers Fall nicht «jubelt, den Gefallenen aber auch nicht glorifizirt sehen. Der ״Saale-Zeitung" wird aus Berlin geschrieben: ״AuS absolut verbürgter Quelle erfahre ich, daß der Kaiser ein entschiedenes Vorgehen gegen den Antisemitismus bereits Ende vorigen Jahres beschlossen hatte. Als er damal» einen jüdischen, auf der Durchreise befindlichen Kasseler Schulfteuud in Folge einer ausdrücklichen Einladung empfing und als derselb« diese immer schärfer hervortreteud« Zerstörung bitter beklagte, erwiederte der Kaiser begütigend: Da» soll jetzt ander» werden!" Und er hat Wort gehalten. Noch ist kein Jahr ins Land gegaugeu, und es sind inzwischen den Anüsemiten aller Färbungen die unzweideutigste« Beweis« höchsten Mißfallen» LN Theiltzgeworden." «. M., im November. (An bi« jüd. Frauen und Töchter.) Hast Du schon einmal ein« schwere Krankheit eines lieoen Verwandten mnerlebt? Hast mit banger Sorge die unendlich langen Nächte am Krankenbett zugebracht, hast auf dm schwerm Athem gelauscht und die Fieberphantasien — die Dich erschreckten — viele Stunden lang anaehört? Und dann kamen so schwere Zeiten, daß Du nicht allein die Fähigkeit hattest. Deine Kranken zu Pflegen,- und Du nahmst eine ״Schwester"! Da hast Du wohl gefühlt, wie woklthätig die ruhige, sichere und liebevolle Art der Schwester auf Deine Kranken wirkte. Wo vorher Verwirrung und Bestürzung herrschte, da ttat jetzt ein wunderbares Gefühl von Ordnung und Sicherheit ein: Dein Kranker gewöhnte sich an die Schwester, er zog ihre Pflege der Deinigen vor, so daß ein klein wenig Eifeyucht in Deinem .Herzen wach wurde. — Und dann kam die Genesung; die Schwester konnte entbehrt werden! Aber auch heute — nach Jahren — ist sie Eurem Hause und Eure Herzen nah' geblieben; noch heute seht Ihr in der Schwester den von Gott gesandten Engel, welcher neben Eurem Arzte Hingebung und Opferwilligkeit genug besaß, um Euren Kranken zu retten. Ja, es ist wahr! Es ist ein hoher Beruf für das Weib, die Krankenpflege. Alle Tugmdcn, welche der Frau eigmthümlich sind, werden in der Krankenpflege verlangt und verwcrthet, Aber, warum giebt es unter uns Juden keine Krankm- Pflegerinnen? da doch unsere Glaubensgenossen den Kranken seit langen Zeiten ein hohes Maß von Fürsorge widmen? Nun! Es hat wohl uns an der passenden Gelegenheit zur Ausbildung jüdischer Pflegerinnen gefehlt. Aber auch hier ist Wandel geschaffen worden! Edle Menschenfreunde in Frankfurt a. M. haben daS Liebeswcrk unternommen, jungen Mädchen jüdischer Confessio« die Gelegenheit zur Ausbildung zu gewähren. Dieselbe wird im Hospital der jüdischen Gemeinde geleitet: die Ausbildungszeit bettägt für gewöhnlich ein halbes Jahr. Nach dieser Zeit sollen diejenigen, welche von jetzt an noch ausgebildet werden, in die Privat-Pflege gehen und sich so eine Existenz schaffen; in Frankfurt mit seiuer großen Anzahl jüdischer Familien ist dazu ein weites Feld. Freilich! Nicht jedes junge Mädchen eignet sich zur Krankenpflegerin. Aber die Schwierigkeiten sind nicht unüberwindlich und werden gewöhnlich zu groß gedacht. Gefordert wird ein offener Kopf, eine gute Schulbildung, ein gesunder Körper. Ungewöhnliche Muskelkraft ist nicht von Nöthen; sie wird durch Hebung und Energie ersetzt und überttoffen. Aber Folgsamkeit, Genauigkeit und Selbstbeherrschung, das sind Eigenschaften, ohne welche die Krankenpflege nicht erlernt werden kann. Endlich muß die Krankenpflegerin em nachsichtiges, liebevolles Herz haben. Man muß nicht meinen, daß es lieblos sei, einer Operaüon mit ansehen zu können. Fragt doch einmal den Kranken, wen er mehr schätzt, die Mitleidige, die halb ohnohnmächtig an seinem Krankenlager hinsinkt, oder die Schwester, deren milde Hand die Wunde verbmdet. Bisher sind zwei jüdische Pflegerinnen ausgebildet worden; die eine ist nach ziemlich kurzer Zeit Oberin im jüdffcheu Hospital geworden, die andere ist eben dort als Schwester thäüg. Fragt doch einmal die Leute, ob sie glücklich sind! Ob sie in ihrem Beruf nicht das gefunden haben, was sie vorher Jahre lang suchten. Lebt doch fast in jedem jungen Mädchen der Trieb nach Pflichterfüllung. Und die Vielen, denen es nicht gestattet ist, als glückliche Gattinnen ihr Leben zu genießen, bleiben zeitlebens vereinsamt in untergeordneten Stellungen. Und gerade Ihr, mit einem Herzen voll Liebe, mit der ewigen Sehnsucht nach Pflichterfüllung, mit dem starken Trieb« nach Selbst-Bethättguug, mit reichem Jnnenlebe», von dem Ahr

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