Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift · 1890-11-20 · 47 (20.11.1890) · p. Seite 355

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
47 (20.11.1890)
Date
1890-11-20
Page
Seite 355 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/6492344-5935074-5959547--0408-5373999
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

bet Gemeinden und ihrer Äorsteher verantwortlich zu machen sind. Aus der Ängsten Vergangenheit erwähnen wir folgenden charakteristischen Fall. Eine größere Gemeinde sucht zum ersten Male einen Rabbiner. Es laufen gegen 40 Meldungen ein. Fünf Candidaten, die sich deS Vor- 8י erfreuen, aus weiter Ferne citirt werden zu müssen, n das Glück, in die engere Wahl zu kommen. Jedem . 1 Candidaten giebt der Vorstand Text und Thema zum frobevortrage. Vier lassen saus gßne diese entwürdigende umuthung über sich ergehen. Einer nur hat den Muth, den letzten Rest von ManneS- und Standesehre sich zu wahren und dem Vorstände zu erklären, daß er derartige Urbergriffc über sich nicht ergehen lasse. Man versündige sich, wenn man ganz spontan חושד בכשרים sei. Der Candidat muß natürlich unverrichteter Dinge abziehen. Auch in anderer Weise macht sich leider ein »venig Vertrauen einflSßendes Streberthum selbst unter den Rabbinatscandidaten geltend. Die Vorsteher verlangen viele und vielseitige Dokumente, die Candidaten bieten ihnen aber oft noch viel mehr Atteste, als die Vorsteher verlangen. Neulich hat ein älterer Rabbiner, der seit Jahr und Tag einen zwar nicht glänzenden, aber durchaus einkömmlichen Posten in einer Gymnasialstadt bekleidet, um eine Stelle sich beworben, die vielleicht im Jahre ihm einige hundert Mark mehr abgeworfen hätte, vielleicht auch nicht, weil die Leben-mittel in der größeren Gemeinde erheblich theurer zu beschaffen sind, als in der kleineren Provinzialstadt Seiner Meldung suchte er dadnrch einen größeren Nachdruck zu verleihen, daß er seinen Papieren die Police seiner Lebens- Versicherung und — risum teneatis •mioi! — die EinlatumgSkarte zum Diner beilegte, welches die Stadt dem Regierungs-Präsidenten anbot, als er einst diesen Ort mit einem hohen Besuche beehrte!. Hier wäre noch auf einen ander», gerade in letzter Zeit besonbcrS stark hervorgetretenen Krebsschaden hinzuweisen, auf die unwürdige marktschreierische Reklame, deren ganz besonders manche junge Raobiner sich in den Tageszeitungen bedienen und die leider von dem einen und andern jüdischen Blatte, da» dadurch Abonnenten zu erschmeicheln glaubt, in ganz widerwärtiger Weise betrieben wird. Ist eS ja bereit» soweit gekommen, daß ein Kollege auf Befragen, welchejüdische Blatt er halte, erwiederte: »Nun dasjenige, da« mich und meine Predigten und Aufsätze am meisten lobt!" Durch solche selbst für den Laien durchsichtige reklamenhafte Lobhudelei trägt man nicht» weniger als zur Hebung unseres Stande» bei. Das ist eine Corruption, gegen d»e man nicht laut genug seine Stimme bei Zeiten erheben kann. Unter so traurigen Umständen darf man sich nicht wundern, wenn Gemeinden und ihre Vorsteher auf ihre Autonomie und Omnipotenz Pochen, wenn die Autorität der Rabbiner und ReligionSfunctionäre bis unter Null sinkt und unwürdige-Mißtrauen in die Qualität, den Charakter und die Gesinnung der CultuSbeamten sich immer mehr und mehr breit macht. Nur wenn wir mehr Selbstachtung bekunden werden, wird man uns und unserem Staut« auch mehr Achtung entgegenbringen! —no.— Die Civilehe in Ungarn. Durch einen Conflict, der bereits vor einigen Monaten C'scheu dem Kultusministerium und dem katholischen EpiSat ausgebrochen, dürfte nach allgemeiner Behauptung bei un» jetzt ein Gesetz zu Stande kommen, welches das un- Srische Judenthum tief berührt und von vielen Anhängern! jüdischen Glaubensehnsüchtig zur Verwirklichung ihrer «annigfachen LiebeSwünsche erwartet wird; es ist dieda« Gesetz der obligatorischen Civilehe. E« ist aber auch stir eia jüdisches Blatt von Interesse, diesen Streitpunkt zu registriren. Ein alter» sich immer erneuender, obwohl ungerechtfertigter Vorwurf, den man den Juden macht, ist, daß sie die Landesgesetze nicht beachten, sie gern umgehen, ja als offene Feinde derselben handeln. Hier sieht man aber, wie sich der Clerus gegen ein staatliches Matrikenaesetz auflehnt und absolut sich weigert, danach zu handeln. . Seit fünf Jahren ergehen ununterbrochen exschwcrende Matrikclerlasse speciell für die Juden, und ist es noch keiner einzigen Gemeinde, keinem einzigen jüdischen Matrikenführer, der eigentlich durch seine Arbeit dem Staate unbezahlte Dienste leistet, eingefallen, gegen eine derartige Anordnung sich zu sträuben: hingegen das erste Matrikengesetz, welches speziell für die Katholiken gegeben wird, um den Protestanten zu ihrem Rechte zu verhelfen, führt schon zu einem Hellem Streite zwischen Geistlichkeit und Regierung von dem man fürchtet, daß er zum Culturkampf in Ungarn »verdcn könnte. Die betreffenden Differenzen sind gegen das sogenannte ״Weataufen" entstanden. Das Wcgtaufcn besteht darin, daß ein katholischer Seelsorger aus irgend einem Grunde — zumeist, weil ein protestantischer Seelsorger im Orte nicht anwesend — ein Kind protestantischer Eltern taust, oder umgekehrt. Um den vaterländischen Gesetzen zu genügen, hat der Seelsorger in solchen Ausnahmefällcn den kompetenten Geistliche von der ״Wcgtaufung* schriftlich zu verständigen, damit das Kind in diejenigen Matrikel eingetragen werde, wohin es rechtmäßig gehört. Die katholischen Seelsorge-Organe weigern aber, diese schriftlichen Verständigungen an den protestantischen Amtsbruder gelangen zu lassen, wodurch das katholisch getaufte Kind, auch wenn dessen Eltern protestantisch sind, katholisch bleibt und auch in der kacholischen Matrikel figurirt. DaS will sich die protestantische Confessio» nicht gefallen lassen und da trotz der Intervention des Lultus- Ministers Graf Csaky der Klerus auf seinem iveigmiden Standpunkt beharrt und es selbst auf gerichtliche Strafe ankommen läßt, so ist eben die offene Fehde ausgesprochen^ dessen Entscheidung die katholischen Bischöse in die Hand des Papstes legten. Dieser soll aber, wie es heißt, die starre Haltung der katholischen Geistlichkeit gebilligt haben. Diese Streitfrage berührt die Juden nicht direkt, aber sie beleuchtet den Gang der religiösen Duldsamkeit und dyr herrschen«« Geist der Gewissensfreiheit, der für die Stellung der Juden immer von Einfluß und Wichtigkeit ist und der es auch begreiflich macht, daß eine andere schwerwiegend« Gewissensfraae noch immer nicht zu Gunsten de« Judenthum« gelöst ist. In Ungarn ist nämlich der Uebertritt von einer christlichen Religion zur jüdischen noch immer nicht gestattet. Dies verursacht selbst dem Staate vielfache Verwickelungen und Verlegenheiten. Ein ungarischer Staatsangehöriger, der in Oesterreich Proselyt geworden, kann in Ungarn keine Jüdin heiratben und die Kinder werden eventuell als illegitim betrachtet, und doch ist die Interpellation, die ein Abgeordneter alljährlich wegen diese« Religionszwanges an die Regierung richtet, ganz erfolglos. So leidet denn der rechte Gedanke der religiösen Emancipation und der gleichmäßigen Anerkennung der Confessionen sowohl von Seiten der herrschenden Religion als auch von Seiten des sonst freiheitlich gesinnten und allen modernen Ideen zugänglichen Ministeriums. Nun geht die Nachricht durch das Land, daß die ungarische Regierung den Gesetzentwurf über die obligatorische Civilehe einbringe; mit der Civilehe würde zugleich da« Standesamt eingeführt und die Matrikelführung müßte in die Hände von Staatsbeamten übergehen. Es wäre wahrhaftig eine eigenchümliche Fügung, wenn gerade die Hartnäckigkeit VeS Clerus, womit er für den Fortbestand eine« Unrates und eines religiösen Zwanges eintritt, wie chn die Wegtaufuna ohne Zweifel involvirt, den Anbruch einer freisinnigen Aera auf dem Gebiete der Ehegesetzgebung beschleunigen und einem Gesetze ti« Entstehung geben würde, da« gerade nicht mit den christlichen Religion-begriffen zusammenstimmt.,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.