Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 46 (13.11.1890)
- Date
- 1890-11-13
- Page
- Seite 347 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Scrattai, de»« du setM warst einst fremd in der Egypttr Lande" (Lev. 19^4). vertritt den» der eine Priester und der eine Lcvit alle Priester »ad Leviten, oder ist für die Handlung-weise de» eine« von ilftui die jüdische Seite bet* * antwortlich zu machen? Kann es nicht Zufall gewesen sein, daß sie a« dem Leidenden vorübergingen, oder wegen der Eile ihre» Weges vorübergchen mutzten? Hann denn nun, fragen wir Äebe und Gerechtigkeit für die Juden seiten» der Ehriften nicht in Anspruch genommen werden, ohne die Inferiorität oe« Judenthums zu betonen und da» Christenthum auf Kosten de» Juvenchums zu erheben? Wäre es nicht, auch wirksamer für die Unterdrückung der antiseuritische« Agitation, die man doch anstrebt, wenn die Tochterrrligion dir Verdienste der Mutterreligion anerkennen würde, statt Jude« und Jndenthum ungerechter Weise einen Seitenhieb zu versetzen und zu degradiren? Statt dessen wird immer angenommen, daß de« Antisemitismus christliche und deutsche Motive verfolg«, für die Rechte de« Chnstenthums und des Deutschthums eintrete und das Wohl des Landvolks im Auge und Herzen habe, und wird davor gewarnt, daß er die Triebe de» Neides und Haffe« wach rufe, revolutionäre Gelüste wecke, deren Befriedigung doch unmöglich sei, und so das staatliche und kirchliche Leben für die Gesammtheit erschwere. Wenn man auch zugibt, daß die socialen und wirthschafüichcn Mißstände im Volksleben durch Christen mitverschuldet sind, 'so verleugnet sich doch di« Anschauung nicht, daß die Juden die Hauptschuld treffe, denn sie haben nicht christliche Lehre und nicht christliche Zucht und sind als Juden,fremd im deutschen Vaterland. So kann die antisemitische Agitation nicht energisch unterdrückt werden, denn man duldet sie ja förmlich, man Sjtet sie nur, nicht um der Juden willen, diese könnte man eicht schon preis geben, sondern um des christlichen Kolkes willen, das des Schutze» bedarf. Man traut even den Juden im Allgemeinen weder Liebesgesühl, noch RechtlichkeitSsinn zu, man findet bei ihnen nur ausnahmsweise einzelne Beispiele von ״Milde und Gutthätigkeit." Man vergißt aber, daß Handels- und Mammonssinn dem Juden von Haus aus nicht eigen und der Wucher religionsgesetzlich verboten ist, sondern, daß ihnen dies alle« in der christlichen Vorzeit fast bis auf unsere Tage von Fürsten und Volk, von Staat und Kirche eingeimpft und aufgezwungen worden Ist, daß man ihnen hrchen Wucherzins geradezu vorschrieb, um sich am Blut und Mark des Volkes voll zu saugen und dann von den Großen zun» eigenen Nutzen auspreffen zu kaffen.*) Darüber sollte man das Volk belehren, um den Antisemitismus unmöglich zu machen. Bor antisemitischen Verhetzungen zu warnen, ist nicht genug, man muß 1 Der Grund, daß man nur Juden zu solchen Wuchergeschäften benutz», tst folgender: Da« alttestamrntarische Gesetz (Deut. 28,20 Und 21) verbietet dem N trrbau treibenden Inte» gegenüber jeglichen Ztn«, denn er tst Bruder und leiht au» Noch, von Fronden (Phönizier) «ber von de«, der Handel treibend, in«Land kommt und auf Credit kauft, nicht au« Roth, londern zum eigne« Lorihetl, heißt c», darfst du Ztn« nehmen. Diese« Gesetz xfng auch auf die Kirche über. Die Päpste Uchmnen dar»« in sormaler Anwendung de« Gesetze« den Lhnsten, vom Christen 01» Bruder, aud) »u Handel«z»ecke», ZIn« zu nehmen, *m jedoch den Handel nicht unmöglich zu mache», gestaUeten, ja geboten st« solche« dem Juden, Venn der Jude, wurde erklärt, gelte nicht al« Bruder. Päpste und Fürsten freuten sich einer solchen Gesetze«- deutung und befahlen hernach zu eigene» wucherischen Zwecke» den Juden, vom christlichen Volk׳ hohe» Zins und Wucher zu uehmrn. — »Bruder" ist in dieftm alttrstam. Gesetze, gleich ״Genosse" (Volk»- und Gkaubentgmoff«). Wir fax,«» auch »deutscher Bruder", »ein einig Bolt von Brüdern"; selbst von ״Rational-Stolz" find die christlichen Ldlker nnierrr Zeit nicht ftet, «r wird sogar anerzoge». Dies« brüderliche »»» nationale Cinialei« schließt aber dl« Fremden von allgemeiner «nd humaner Nächstenliebe nicht an«. Da» alte Destameut befiehlt ««»drücklich Nächstenliebe auch gegen Fremde und bestimmt bei der Armengesetzgebung gleiche» Recht für Heimisch? und Fremde. Was de deutet «ud bezweckt nu» di« Herabsetzung de« Judenthum« gegen da« Ghristentum »Nd der Jude» gegen die Christen, zumal tu eine« Augenblick«, wo «an di« Juden gegen ungerechtfertigte und lirblost Angriffe seiten» irrrmführfer Christen und antisttntrischer Lehrer de« Christen- Thum» in Schutz nehme« wil? fl« verbieten und bestrafen; Kirche imd Staat haben die Pflicht, durch ihre Organe, durch Kanzel, Schule und Presse da« Volk zu belehren und zu erziehen, Ausschreitungen durch das Gesetz unmöglich zu machen und, wo sie. dennoch vorkommen, durch da» Gericht zu verfolgen. B.-A. Gerichts mrd G*rrefP»«de«re». DevtschlanP. MHgdetnrß, 9. November. Das Hauptereigniß der vergangenen Wcche war die Verabschiedung des HoßprrdigerS Stöcker. Die Nemesis hat ihn endlich erreicht, sein Maaß war voll: Welcher Tropfen «S zum Ueberlauftn gebracht bat, ob sein Auftreten in Baden oder sein Gebühren aus der Brandenburger Provinzialsvnode, ob die Einflüsse der Großherzüge von Hessen und Baden dem Faß den Boden ausgeschlagen, ist nicht unsere Sache hier zu Untersuchen, uns Predigers Kögel bot, wahrnahm, um vor aller Welt zu zeigen, daß der nächste Anwalt auf diese Stelle, Herr Stöcker, sein Vertrauen durchaus nicht besitze. Wenn der so ostentativ bei Seite Geschobene noch ein Fünkchen von Ehre im Leibe hatte, mußte er gehen. Dennoch weigerte er sich, wie die ״Liberale Corresp." berichtet, seine Entlassung zu nehmen. Erst nachdem der jüngere College Schräder erklärt hatte, er werde eventl. allein ohne Rücksicht auf St. Vorgehen, gab dieser nach und reichte gleichzeitig sein Entlaffungsgesuch ein, von dem er voraus wußte, daß eS sofort angenommen werden würde. So ist er weggeschickt worden, wie ein Diener, der ftiner Herrschaft lästig geworden, oder wie Jemand, der, weil er sieht, daß man Alles vor chm verschließe, fragt, ob man ihn denn nicht für ehrlich halte. Die Entlassung ist in solchem Falle die kühle Bejahung der Frage. Wir sind weit entfrrnt von jedem Gefühle der Schadenfreude — wir brauchen blos daran zü erinnern, daß in der jüdischen Vorschrift: die Namen der 19 am Galgen hängenden Hamanssühne in einem Athemzuge zu verlesen, die Lehre angedeutet ist, am Sturze des Feindes sich nicht zn werden — unsere Freude gilt einzig allein der Wahrnehmung, daß in Bezug aus den Antisemitismus in den oberen Regidnen ein anderer Wind weht, daß wir wieder einmal die Wahrheit des Bibelspruches erfahren: ״Das Herz der Könige ist in der Hand Gottes, wobin Er will, lenkt er es". — Wir geben uns durchaus nicht der rosigen Hoffnung hin, daß mit dem Sturz Stöckers die antisemitische Agftation mit einem Male auchören «erde, wir glauben eher, daß, nachdem der ״Hofprediger" beseitigt, der ״Agitator", aller Rücksichten auf Amt und Würde ledig, desto mehr hervortreten werde, ja, daß er im Nimbus eines Märtyrerfeiuer Ucberzeugung auf die leicht zu blendenden Massen desto gefährlicher einwirken werde. Dennoch dürste seine Herrlichkeit nicht allzulange mehr dauern. Ohne Hofprediger-Talar sinft er zum niedrigen Range seiner Spießgesellen, Böckel, Pickenbach, Werner und Lienermann von Sonnenberg herab, und vor etwaigen Ausschreitungen schützt uns das gemeine Landrrcht und das deutsche Strafgesetzbuch. Die in einem libemlen Blatte ausgesprochene Ansicht, ״gegen den Antisemitismus werde doch nicht entschieden vorgegangen werden, weil man ihn für einen Blitzableiter gegen die Sozialdemokratie halte und durch die Preisgcbung der jüdischen Kapitalfften die christlichen Kapitalfften zu retten suche" — halten wir für absurd. N«rN«, 10, November. ״GroßeFreude in Juda's Hallen" — unter dieser Ueberschrift, leitartikelt das ״Volk", (das Stöckerblatt) in der gestrigen Sonntagsnummer; man merkt es dem Blatte an, daß chm das Weinen näher steht, aber nicht Thränea der ©»&: und Reue, sondern der Erbittermrg ob de« schweren Schlages, von dem es bettoffen, daß de» Stöcker «fallen, so tief gefallen. Wie jemand, der im Uebrrmaaße feines Schmerzes in den eigenen Wunden V