Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 45 (5.11.1890)
- Date
- 1890-11-05
- Page
- Seite 338 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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unberechtigten Anlaß gegeben. Joöl war ein geistig freier Mann, ein Weiser, der von Allen ge« lernt hatte; er wußte nicht nur, wo» die Gegenwart an Religion verlangt, sondern auch war sie an Religion erträgt und hat dadurch die wichtigste Wirkung au-geübh da er die Forderungen de» religiösen Lebens niemals überspannt hat. Joöl hatte in feiner Gemeind« eine groß«'Schaar von Anhängern, die geradezu anf ihn schwuren, die ihm eine übertriebene und von ihm jedenfalls in dieser Weis« nicht gewünschte Bewunderung entgegen trugen, aber er hatte durch seine Besonnenheit, durch seinen Takt, durch sein« Fähigkeit, die Aufklärung der Gegenwart nicht als Gegensatz zur Religiosität der Vorfahren, sondern als di« reise Frucht derselben darzustelleu, den Beifall der Besten, an dem nächst der Befriedigung seines Semüthe» ihm am meisten gelegen war. Bon Abraham, dem Helden der Schriftabschnitte, die wir in diesen Wochen im GotteShause vernehmen, rühmen die Alten: ״Abraham hat den Riß verbunden;" Joöl war ein BermitttlungStheologe. indem er den Riß verbunden, indem er di« Gegensätze versöhnt. hat; er war kein R o« mantiker, der für Ruinen schwärmt, aber er war auch kein Stürmer, der t»dul» mm «acht, «ad auch das Gesunde niederrrißt, um einen funkelnagelneuen Bau eigener Eingebung aufzufahren. Welch' ein herrliche» Vorbild ist er als Kanzelredner unS jüngeren Theologen gewesen; er schämte sich nicht, es «iuzugestehen, wie ernst, wie emsig er sich vorbereitete. Seine Richtschnur war die goldene Regel, die er mit folgenden Worten auSgtsprochen hat: .Hüten wir unS darum so zu sprechen, daß der Gebildete leer ausgeht, daß er sich für berechtigt hält, geringschätzig über den Werth einer Predigt abzuunheilcn. In letzter Instanz trifft das die Religion selbst. Dabei werden wir selbstverständlich mit allen Mitteln, die uns Gott verliehen hat, danach ringen, auch dem gewohnlichen Manne faßlich und deutlich zu werden und mit der Zeit auch sicherlich dahin gelange«. .Mit der Zeit', denn die e&le Popularität ist eine hohe, schwer zu erreichende Fähigkeit, weshalb «s mir immer verdächtig ist, wenn ein eben erst angehender Redner schon ob seiner Popularttät gerühmt wird. Er ist eS fast immer aus Koste» de» Wichttgsten, auf Kosten der Sache und drt Inhalt»". JoSl hat nicht nur durch seine Kanzelreden gewirki, sondern, obgleich er sein Pndigtamt auf da» Sorgfältigste »ermaltet hat, noch Zeit gefunden, eine ausgedehnte Wissenschaftliche Thätigkeit zu entfalten; die jüdisch« Philosophie des Mittelalter» hat er in ge« diegene« Abhandlung«» dargestellt, di« Phüosophie de» Spinoza hat er durch feine Forschungen mit einem neuen Lichte erhellt; er hat den Nachweis geführt, daß da» System de» Spinoza nicht nur im Kartesiu», sondern auch in der Philosophie de» EhaSdai KreSkaS wurzele; er hat über die Fragen de» jüdischen Kult«» »ad RituS eine Reihe ausgezeichneter Schriften veröfftntlicht, die durch ihre Gelehrsamkeit, durch Tiefe der Auffaffung, wir durch ihre» schlagfertigen Humor und der elegante» Darstellung einen dauernde« «e,th habe»; er hat i» de» letzt« bösen Zeiten da- Wort wie eine scharfe Waffe geführt geg« unsere Widersacher: fein« Streitschriften beknuden einen Lessiug'schen Geist. Aber herrlicher noch als auf der Kanzel nnd in seinen Schriften offen batte er sich im schlichten Gespräch. Wer eine Stunde mit JoSl geplaudett hatte und dann von ihm ging, der hatte nur die eine Schwierigkeit, all« die Anregungen zu verarbeiten, die er dott empfangen hatte. Dieser leuchtende Humor, diese überraschenden Wendungen der Rede, dies« Füll« der Lebenserfahrung, diese Schärfe der Beobachtung, dieser Gttom von Weisheit und Keantuiß» und dazu die Milde, da» freundliche Lächeln de» über« legenrn Geiste», der das Wott in» Leben übertrug: Alle» verstehen heißt Alle» verzeihen! Der diese Zellen schreibt, hat den hochverehrten Lehrer vor vierzcha- Tage» zum letzten Mal gesehen Der Körper war matt und gebrochen, ein Blld unsäglichen Elends, aber der Geist hatte sein« Herrschaft noch nicht verloren und wenn der Mund sich öffnete, so blitzte e» und leuchtete «S von glänzenden, scharf poialittea Gedanken. Wir ehren sein Andenken, wenn wir nach chm unser Leben und unser Wirken richte». Bl & Ler tt|«r ««» dte 3»de». Unter dieser Ueberschrist bringt die Oktobernummer von .Blackwood'S Magazine' einen streng objekti» gehaltenen Artikel, der «ine Untersuchung über den heutige« legalen Zustand der Jude» in Rußland enthält, eine Prüfung aller gegen dieselben vorgebracht«« Anklagen, «ine Beschreibung ihrer Beschäftigungen und Ebaraktereigenthümlichkeiten, so «ie auch eine Bettachtung über ihre Stellung gegenüber der sie umgebenden christlich« Bevölkerung. Da» Hauptverdienst de» Artikel» oesbcht darin, daß er die Frage nicht von einem theoretischen Standpunkte au» behandelt. Der Autor basitt seine Ansicht nicht auf dieser oder jener will» kürlich vorausgesetzten Annahme sondern bemüht sich, seine Argumente durch Vorführung'einfacher und wirklicher Fatta zu unterstützen und migt hierbei eine vollständige Vertrantheit mit den Verhältnissen. Seine Schlußfolgerungen sind wenn auch nicht alle, doch zum größten Theil zu Gunsten der Juden und ein Plaidoyer um die Einstellung der grausamen Behandlung, der st« unterworfen sind. Al» die größte Freiheitsbeschränkung der russischen Juden gilt de« Autor da» Gesetz» welche» da» Wohnrecht derselben auf beftimutte Disttiett und Gouvernement» beschränkt. .In den Provinzen mit Einschluß de» sogenauuten Köniareich» Polen,-so wie i» Bolhynien, Bessata bien «uv Podolie» sind die Juden besonders zahl« reich und solle» sie hier IS bi» 18 Prozent der Gesammt« bevölkern»- betrage». In diese» Provinzen, sowie in de» unmittelbar an dieselben grenzende« östlick» Gouvernement» dürfen die Juden wohne» wo st« »olle»; die übrige» Provinzen de» Lande» dürfe« sie dagegen nur unter be> sondere« AnSuahmebejttmmunge« betteten.' So weit ist diese» richtig.. Wir dürfen hierbei jedoch nicht vergesse». daß sie in diese« Provinzen auch nur unter der Bedingung wohnen dürfen, daß sie ihren Wohnsitz nicht innerhalb 50 Werft mm der Grenze nehme». <t* ist nur zu bekannt, daß sie heute ohne alle» Erbarme» an» alle« Städte» und Dörfern innerhalb de» Gremrayonch wo fett' undenklichen Zetten Juden gewohnt habe». anSgewiesen werden. Einige hierauf bezügliche unbedeutende Einzelheiten ausgenommen, stimme» alle pön dem Berfaffn angegebenen