Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 44 (29.10.1890)
- Date
- 1890-10-29
- Page
- Seite 334 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Besigheim gab Veranlassung, auch antisemitische Hetze damit zu verdmden. Obwohl keiner der Kandidaten jüo. Konfession war und nur eine kleine jüdische Gemeinde innerbald des Bezirks sich befindet, wurde von den Anhängern deS antisem. Candidaten ein Hohnbild verbreitet: eine Kuh, die der Advokat melkt und der Jude davonführt, Idabei der Bauer, di« Kuh vergeblich am Schwanz zurückführend und die Bäuerin die Hände ringend. Darunter ein Gedicht, dem wir folgende Jammer-Strophen entnehmen: Lieh' hier das Bild und fi«? den Armen ’ Die Zwei, die haben kein Erbarmen. Ti« Armen habe« sie ertoren. Zieh' wir du willst, du bist verloren. Bist du einmal in ihren Händen, Lo milge Wott de» Jammer wenden, Tag Haus und Hof und was dabei Die -affen füllet von den zwei. So mußte die Juden» und Advokatenhetze herhaltcn, um gegen den Kandidaten d.r freisinnigen Partei, Rechtsanwalt P r e y e r in Stuttgart zu agiriren. Es wurde bekanntlich der Gegenkandidat ,Essich) gewählt, der als.Antisemit" bezeichnet wird. Von anderer Seite wird behauptet, Herr Essich sei nationalliberal. (Vielleicht ist er Rationalliberaler und Antisemit in einer Person, meint die .Freis. Ztg.") Ale», 10. Oktober. Hr. Rabbiner Dr. Gü de mann veröffentlicht in einem hiesigen, den jüdischen Interessen gewidmeten, Blatte einen geistvolles Artiel, .Die Jesuiten und die Juden", dessen Schluß wie folgt lautet: .Es ist nicht Jedermanns Sache, eine Jugendeselei rasch zu verwinden. Der Antisemitismus war die Jugendeselei de» neuerstandeuen Deutschen Reichs. Wenn Deutschland sich im Mittel fühlt, dann muß es immer seinen Spaß mit den Juden l>aben. Auch 1810 ist e» so gewesen, zumal in Preußen, dem sogenannten .Reich der Gottesfurcht und guten Sitte". Nun, gönnen wir ihm den Spaß! Aber Deutschland ist ein Land von hervorragender Bildung, die indem alle Kreise durchdrungen hat. Darum hat es sich schnell aus sich besonnen und sein besseres Selbst wirdergesunden. Beweis: der Erlaß deS evangelischen Ober-Eonfistoriums in Hessen. In Oesterreich und leider gerade in Wie», steht die Sache anders. Wien ist eine alte Stadt, eine kosmopolitische, eine Weltstadt, in der die sociale Emancipatton längst vollzogen war. Während in Berlin »och vor zwanzig Jahren jedem Träger eines Kaftan oder eine» Fez die gesammte Straßenjugend »achlirf uud nachjohlte, fiel hier in dem großstädtischen Wien keinerlei Tracht auf. Wie sollte es auch! Es hätte ja der Wiener den Ungarn, der Ungar den Polen, der Pole den BoSniaken ob seiner Tracht auslachen müssen. Wenn aber eine alte Stadt in eine Jugcndeselei verfällt, so steht eS ihr gerade so schlecht, wie einem alten Manne, der sich auf einen Dandy hiuausspielt. In einer solchen Rolle «findet sich «ugenblicklich Wien, was jeder Wiener, jeder Oesterreicher, -tief beklagen muH, auch der Jude, der dabei weniger an Sh selbst denkt, als an den altbewährten Ruf der Wiener vblrsse und Gemüchlichkeit. Wien ist aber augenscheinlich mcht in allen Kreisen gebildet genirg, um sich aus dem -köckfall in eine Jugendeselei schnell wieder aufzurichten. In Deutschland ist bereits der Katzenjammer eingetreten, Während man hier sich noch in dem Antisemitismus berauscht snd ihn mit einem Aufgebot von Pathos behandelt, als wenn er eine ernste Aogttegeuheit und nicht vielmehr eiue Lächerlichkeit wäre. Oder ist er eS etwa nicht? Den reichen Juden, gegen welche Gevatter Schneider und Handschuh- «acher sich in Brandreden erhitzen, gegen welche die ganze Bewegung gerichtet ist, geschieht nicht». Man versperrt chuen weder die Theaterlogen, noch den Turf. Also sind es aur die armen Juden, welche Schläge.bekommen, die aber gar nicht geweint sind. Sec befinden sich in der Lage, jene» Gise1>w>h»»isend,^ der auf de» Ruj ftch aa* de« Waggon lehnte und eine Ohrfeige erhielt, und dem aus seine Beschwerde der Statvnsvorftaud erklärt«: ,Wen» Tie nicht Meier heißen, so geht Sie ja die Sache gar nicht an." Aber die Ohrfeige hatte er weg. So ertheilt der AfitisemitismuS seine Ohrfeigen an die unrichtige Adresse, an Leute, die gar nicht .Meier" heißen. Wenn das nicht lächerlich ist, dann gibt eS überhaupt nicht», was lächerlichheißen um». Es wäre so schön gewesen, wenn statt deevangelischen Ober-Eonsistoriums in Hessen der österreichische Episcopat,. wohl gar der hochwüringste Erzbischof von Wien, in der Aufklärung des Volk» über die Nnchristlichkeit des AntisemitismuS vorangegangen wäre. Unser Vaterland, unsere Stadt hätte dadurch die Palme errungen in dem Streite für die Humanität, für die-Eultur, für die Bewährung echten ChristenthumS. Denn irren ist menschlich. Ganze Städte, ganze Völker können irren, und der AntrsemitiSmu» ist ein Jrrthum, eine Verirrung. Aber wie sagt Rückerl'? ,Die durch Jrrthum zur Wahrheit reise», da» sind die Weisen, — die im Jrrthum verharren, dasind die Narren.״ El hat nicht solle» sein. Da» klein« protestantisch Hessen zeigt sich dem katholischen Oesterreich ״über". Aber es ift noch uüht zu spät. Wir meinen es wirllich gut mit unseren katholischen Mitbürgern, mit unserem Vaterlande, unserem Wien und denken nicht an uns selbst. Wir Juden sind ja alt und erfahren genug, um uns nicht bange machen zu laffen. Wir wissen, auf wen wir uns zu oerlassen haben, und wenn wir die blutigen Kreuzzüge des Mittelalters i^berstanden haben, so werden wir auch den jetzigen uublottaen überdauern. Aber als Oesterreicher, als Wiener find wir bei der Sache betheiligt. Bielieicht wirb doch endlich von berufener Seite ein Wort darüber verlautbart, ob der Antisemitismus christlich ist oder nicht. Warum soll denn für Oesterreich ewig die Devise gelten: .Immer langsam voran . . . .? Amerika. Unser ehemaliger Gesandter iu Eon stautiuopcl HeriwOSkar Strauß — sei» Nachfolger, Hr. Sal. Hirsch, ist, wie z. Z. in dies. Bl bereitgemeldet, ebenfall» Jude — hat ein Buch .über h«n Ursprung der republikanischen Staatsform in de» Bereinigten Staaten" go» schrieben, worin er de« Nachweis führt, daß unsere Staat»« mäuuer im 18 Jahrh. ihre Unabhängigkeitspriazipieu aus dem »Atcn Testament" geschöpft habe». Line französische Schriftstellerin, Frau Louvreux, hat das Buch iu'S französische übersetzt uud der berühmte belgische Natioualükonom Emil de Leveley hat dazu eine längere Vorrede geschrieben, di« mit den Worten schließt: .Was mich anbetrifft, so bis ich überzeugt, daß die zukünftigen Ereignisse immer denllicher darthnn werden, was alle» die Menschheit de» Borke Israel verdankt und noch verdanke« wird, da» nur undankbare und schlechte Mensche« iu's Ghetto zurückführe» möchten." — Wahrlich solche ehrende Laeüawuua de» jüd. Einfluss«» auf die Eultureutwickelaug der Menschheit entschädigt uns reichlich für Stöcker-Böckel'sche Schmähungen. ' uud Kceuzzeitungs-Beruagiimpfunge« des Judeuthums. Die., Wahrheit, kommt schließlich doch an den Tag. N5»«isch1e «»d »eaeßr Nachricht»». Moodedura- Der Borstattd der deutsch-soziale» Antisemiten» Partei besteht z. Z. «u» de» Herren Dr. O-»tg-Mtte», Dr. Paul Irrster, Max Lieber««»» m» Sonnend« rg, Dr. Hentschel, RSder-Cassel, Dr. Vogel-Kreiburg i. B., «» aelte-Hanaooer. Dr. Müller-Breme», Ki»k-D»»abrü«t, Dr. Räuoer-Nordhotl«», Bist,mp-Nehna (S-IdeckZ, Psau-MLfi-ausen 1. Tb., »«tirtchter Wsedemaun-vreSlau, RechtSantvalt lkliitz-Ltetn», Fabrikat» ׳ Be?«r»Lhem»itz, Dheob. Aritsch-Leiv^, letzterer lst mit »er stad--', rang der <tzesch»fi« beauftragt. — Da« sind als» Me H-uptsaiseur» —r ' itiin uHHni ,wrl" ם Berlin, 35. Oktober. {DtJbt.) «an soll betannUtch «ei» Licht »»irr deu Scheffel'stelle» «ch ebenso soll »Um krtue " «achtste» üMkkare« »tcht eher