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Israelitische Wochenschrift · 1890-10-22 · 43 (22.10.1890) · p. Seite 323

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
43 (22.10.1890)
Date
1890-10-22
Page
Seite 323 (sequence 3)
Language
German
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,9n da mriani {•01t, die Antipathie geyr» Mc Inden sei »01 Vt Welt v«r{chn«nden, irrt zeweltiz. Ma» trifft fit {•gm in kn gebildeten EtSckln »och am »«rtft««, selbst unter de» Literaten und Lehrern. Sie ltndigt und beseitigt ma» diese» grausam« Lorurtheil? Ich kenne für unseren Zweck kein geeignetere« Mittel, als dieses: Man setz« einen Lehrer jüdischer Religio» al» ordentlichen Lehrer in die Lehrerrorporation hinein. Mag da» .christliche" Lehrercollegium den jüd. College» ansang!» mit einigem Misttrauen ansehen, der Tüchttg« erzwingt sich Achtung und I>ann steht da» in Analogie u.Sonformität mit dem Staat« gebildete, t» Seist und Haltung einige Lehrerkollegium der gemischte» Echülerschaar al» wirkliche« Vorbild und Muster vor Augen. Solche Anstalt ist etwa» andere», al» die nach Tonfessionen getrennte» Schulen, und fi« übt für die Ausrottung von Lorurtheilen, für Semelnsinn, measchltche» Zusammensein. Achtung der Rebenmenschen, folglich für die wichtigsten Lebenstugenden, ganz anderr Wirkungen a»S, al» konsesfionell geschietienr, einander excludirendr Schulen, zum Heil de» pidttschen und staaUichen Semeindewefrn« und zum ttilück der Bewohner desselben Staate», desselben Vaterland«»." Wenn »nr uns für Diesterweg begeistern, so geschieht daimmer mit einem Seitenblick auf Lessing, dem er in mehrfache:׳ Hinsicht ähnelt; und sobald wir Lessing'S?denke», schwestt unS sein Nathan, diese- Evangelium der oleranz, vor Augen. Leicht begreiflich finden wir e-, daß sich D. mit Borlieb« mit ihm beschäftigt und sich in seinen lstedankengang vertieft. Wir trefflich und treffend beuetheilt er die Tendenz de- Nathan I , Dem herrlichen Mcinne kam es darauf an, sagt er, seinen Mit- "chriften Gereihti'dkeit einzuflößen gegen Ander-alaubende und ihnen zu zeigen, daß auch außerhalb des ChristenthumS edle Menschen existiren".-.Wollte Lessing Sen Christen die entwickelten Grundsätze Christi, besonders den von der Toleranz und zwar gerade in Beziehung auf die Juden, «inpräge», mußte er chnen zu diesem Zwecke nicht zuerst zeigen, daß die Juden manchmal nicht nur denselben, sondern einen größerem sittlichen Werth hätten, aldi« Christen, mußte er die Bermeffrnen, die auf ihr äußeres christliches BekUnntniß stolz waren, nicht eben durch da- Beispiel eine» Juden beschämen? Er verfährt in dieser Beziehung, wie ein weiser Lehrer verfahren muß". So kämpfte Diesterweg mit den scharfen Waffen-seines Geistes durch Wort und Schrift, durch Lehre und Beispiel, als Lehrer tinb Abgeordneter für freie GeisteSentwickelung. für Menschenachtung und für Toleranz. Sein Andenken möge immertax zum Segen sein! M. Span irr »Magdeburg. Die jüdische SUtchsite»ließe. n. 80» einer anderen Seit« kommen wir an diesen Gegenstand Hera», wenn »vir im nruen Testament lesen: (Matthaen* l>. *48 Hf.): ,Ihr habt gehört, daß gesagt worden ist^ Du sollst Deinen Nächsten lieben und Deinen Feind hafien. Ich aber sage Euch: liebet Eure Feinde, segnet, die Euch fluchen u. s. w." Wo steht das: Du sollst Deinen Feinl) hassen? Man wäre versucht, an Stellen zu denke« wie in ö. Buch Mosis 23. 7, wo es von den Ammon'ter» und Moabilern heißt: ,Du sollst ihr Glück und ihr Wohl nicht fördern alle Deine Tage in Ewigkeit." «der dies«Satz »ad ähnlich« beziehen sich offenbar auf politische Feindschaft, ungefähr wie der Dorische unbeschadet aller christliche» Nächstenliebe den Franzosen seinen Erbfeind nennt. Graetz erklärt kurzweg den Borwurf für unwahr, «btt Güdrman» unternimmt einen eminent geistreichen und scharfsinnigen Beisuch, um das Matthaeus-Evangelium xgra diesen schwersten Borwurs zu vertherdiarn; daß dies« Bercheidiguuk. nicht leicht ist, kann ma» B. daraus ersehen, daß in einem jüngst erschienenen Schulvrogramme «in ziemlich ingherziger Har, ein Obalehra Lied«, sich mit da Ausflucht hilft: .der Herr Hab« nur das gemeint. was Ine Pharisäer und Schristgrlehrttn a»sd«m mosoi nhcii Gebote «macht haben", destumtlich ist für manche Leute, alla Wlffenschast z«m Trotz, Pharisäer so etwa« wie Menschenfreffa. U« de« Matthoeus-Evangelium in wirksama stSeife aufzuhelsen, führt Güdemana den Talmud in» Taffen. E» giebt eine Reih« von Stellen, in denen da Talmud den großen Grundsatz da Nächstenliebe ver kündet. Allbekannt ist die Geschichte, wie Hillel einen Heiden bekehrt« und al» den Snn der Tora das Wott angab: .Ga- Du nicht willst, das man Dir Ihn', thu' auch Demein Nächsten nicht". (Bgl. Graetz. B. III. S. 224.) Man hat die Frage aufgeworfen, warum Hillel einen Spruch anwendet, der sich zwar mit dem Gebot der Schrift .Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst", deckt, aber dost in da Schrift nicht steht, warum Hillel nicht, wie später Akiba da- Schristwort direkt anftchrt. Vielleicht läßt sich diese Schwierigkeit wie folgt heben. BernayS hat in einer auch von Güdemann angeführten Abhandlung di.rauf hingewiesen, daß dieser Hillelsche Satz nicht neu ist, sondern bei einer Pflugseier an einem Demetcrfeste in Athen ausgesprochen worden ist. Wie wäre eS nuv. wenn Hillel dem Heiden auf dessen Aufforderung einen Satz citirte, ,der dem Heiden schon anderweitig bekannt war und vann hinzufügte: .Das Judcnthum macht mit diesem Satze ernst, er ist der Angelpunkt der ganzen Tora." Wollte Hillel dein Heiden sagen: .Du brauchst als Jude nur einen Satz, den Du schon von dem heidnische« Kultus her kennst, auf olle Beziehungen de» Lebens überzuleiten", dann konnte er natürlich nicht da» Bibelwort anwenden, sondern jene» dem biblischen sinnverwandte, das auf nichtjüdischem?'»de» entsprossen war. Schon Schwalb, der Wünsche folgt, macht auf eine» ander» Satz des Talmud aufmerksam, aber der freisinnige . Hemmnisse einer kirchlichen Resormbeivegung S. 25): .Wer ist mein Nächster, fragte uiancher Schriftgelehrte, und einige antworteten: mein Nächster ist mein Volksgenosse und jeder Sohn Israels ist mein Nächster, aber nur jeder Sohn Israels, dir Fremden, die Ausländer, gehen mich nicht» an. Andere aber, manch« sagten, mein Nächster ist jeder Mmsch. denn es stehet geschrieben im ersten Buche Mose, da,z vre Mewchen all« von Adam, dem einen durch GottcShan) geschaffeaea Menschen, abstammen. Adam ist der Vater aller Menschen, folglich sind alle Menschen Brüder, und jeder Mensch ist der Nächste eines jeden Menschen. Das hat mehr als ei« Schrcftgekehrter erkannt »no gesagt vor Jesu»"׳ Ab« Schwalb hat nur in dem zweiten Theil!einer Ausführung recht. Der Talmud enthält nämlich folgende Relation: «Du sollst lieben Deinen Nächsten wie Dich selbst.״ R. Akiba bemerkte dazu: »Das ist der größte Fundamentalsatz in der Tora״. Ben Asai sagt«: .Da» ist da» Luch von der Entstehung de» Menschen" (l Buch Moses 5) ist ein größerer Fundamentalsatz in der Tora als jener." Schon die alten Erklärer weisen darauf hin, daß der Satz Anba's mit dem alten Hillel'schen und in den lkvangckien aiqzesühtten übereinstimm«. Güdemann beweist nun ununderleglich, daß Akiba unmöglich das Gebot der Nächste»- lieb« nur auf die Israeliten haste beziehen können, da er in den Sprüchen der Bäte» lehrt: .ein Liebling Gottes ist der Mensch (d. h. jed« Mensch), denn er ist im Ebeibilde Gottes erschaffen, uud demnach kann sich der Streit Akiba'» und Be« Asai's nicht auf den wirklichen Lehrinhalt des Jubenchums beziehen, sondern nur darauf, aus welcher Stell« am besten dieser Grundsatz Ijerzun letten sei. Schwalb hat also geirrt, daß er den Streit zimschen Akiba nad Äsai als einen sachlichen auff'aßk.

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