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Israelitische Wochenschrift · 1890-10-22 · 43 (22.10.1890) · p. Seite 322

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
43 (22.10.1890)
Date
1890-10-22
Page
Seite 322 (sequence 2)
Language
German
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' י rr denn überhaupt vom Religionsunterricht eine den irchlich gesinnten Theologen ganz entgegengesetzte Ansicht - rtritr. Siehe dessen Wegweiser I S. 255: .Wir verlangen;1ir den Beginn des Religionsunterrichts nicht kirchlichconfessioncllen Unterricht, sondern wir verwerfen denselben. Er ist eine Spezialität, ein Art- oder Parieiunterricht. Wir fordern als Grundlage jedes künftigen, speziellen Unterrichts Anregung de» religiösen Sinnes, des religiösen ׳^emüthslebens, gemeinschaftlich für alle Linder der Nation, ganz abgesehen davon, ob sie sich in reiferem Xlter zu einer Confession halten werden und zu welcher" — .Der Jugendunterricht hat eS mit dem Allgemein-Mcnschlichen, mit der allgemeinen Menschenbild»«« zu thun, die in allein Wesentlichen auf der ganzen Erve dieselbe ist. Der Jugendlehrcr als solcher hat, so wenig wie der Regent als solcher, eine consessionelle Richtung, er ist auch kein ״Mischer Patteiniann, er darf eS nicht sein." —- . kur die aus eigener, freier Ueberzrugung hervorgegangene religiöse Ansicht hat SÄcrth."-.Die öffentliche Volks hule, welche den Grund zur Jugendbildung zu legt» hat, vereinigt alle Kinder des Volkes ohne Unterschied des Standes und der künftigen Bestimmung. Trennung der minder »ach Rang, Stand und Confession der Eltern, nach der künftigen Bestimmung der Schüler gefährdet die allgemeine Bildung zur Humanität, die Erziehung zur Nationalität!״ In herrlichen Worten äußert sich Diesterweg >1ber das Wesen der Religion in seinem Vorträge .Gott in vrr Natur" (Rheinische Blätter Bd. 27. 1843.): .Die :obre Religiosität eiues Menschen ist ein Geheimniß, das "eyeimniß seines Herzens: die tiefste ist nicht nur der Welt, sondern ihm selbst ein Geheimniß. Wahrhaft in der Unschuld lebt der, der von der Unschuld nichts weiß. Wer sie kennt, ist schon nicht mehr darin, wer sie definiret, ist, wenigstens im Bewußtsein in da- Gegentheil eingerückt. Gerade so verhält eS sich mit der Religiosität. Mißtrauisch ׳in ich oaher überall, wo nian Geschwätz mit ihr treibt; ich suche sie da nicht, wo man sie sucht, sich mit ihr etwas xiß." ״Wollte Gott, wir übten sie alle, und eS spräche kein Mensch mehr davon." (Schiller). Diesem edeldcnkenden, tiefteligiös fühlenden Pädagogen wurde und wird noch immerfort .Mangel an tieferer Aufsafsung" seiner Religion vorgeworsrn, allerdings von Dunkellännrrn, bei denen selbst diese ,.tiesere Auffassung" zu den ungekannten Begriffen zählt; denn der Zelot und Intolerante sucht das Wesen der Religion in Aeußerlichkeiten, im Dogmenkram. Aber nicht bloß vereinzelte Geistliche und Junker bäumten sich gegen Diesterwrgs Ansichten auf, sondern die gesammte preußische llnterrichtsverwaltung trug seiner Zeit den Stempel der Geiftesknrchtung und Intoleranz. Die sogenannten Regulative des BolkSjchulwesenS vom l. 2. 3. Oktober deS Jahres 1854 gaben dieser Richtung einen unzweideutigen Ausdrack, bis Kultusminister Dr. Falk mit den von ihm veröffentlichten .Allgemeine« Bestimmungen" 1872 ihnen den Garaus machte. Diesterweg hat in einer besonderen Broschüre (Die drei preußischen Regulative. Berlin 1855.) eingehend nachgrwirscn, daß die Regulative schädigend auf da» Volksleben einwirken und wie sie insbesondere systematisch die Religiosität in den Herzen der Kinder ersticken. In der von ihm als Abgeordneter im Parlament gehaltenen Rede gegen dieselben sagt er u. a.: ״Die Herren der Regulative wollen ein sich den Autoritäten der -Kirche und der, weltlichen Macht blind unterwerfendes Volk, wir wollen ein prüfende- Volk; jene wollen ein stillstehender, stabiles, wir wollen «in lebendiges und fortschreitende- Volk." (Jahrg. 1861) ES war natürlich, daß ein Diesterweg, seinem tolerante» Denken enffprrchend, auch in der That Toleranz gegen Andersgläubige zeigte. Die Unwissenheit ist ,hm die oberste Quell« der religiösen Unduldsamkeit. ״Das einzig« radikal« Rettungsmittel gegen die Intoleranz ist darum die Äckhrnng, di« Förderung der Einsicht und Erkenntniß, die Aufklärung. — versteht sich die wahre AnfklSrun^ durch Wahrheit-erkenntniß."-, ״Ws finden wir noch Spure» oder mehr als Spuren, nämlich FeinoseliaHttrn der Intoleranz? In England? Nein. I« Frankreich? Im ganzen nicht. Ju Holland? Nein. Wohl aber m Italien, wo noch Kinder geraubt werden (Mortara!) in Spanien, in Tyrol, in Rußland, in Spanien." Wie äußerte sich Diesterweg- Toleranz gegen die Jude» speziell? In einer Abhandlung deS von ihm herauSgegebeneu JahrhncheS für 185«, betitelt: .Wie eS mir erging" schildert rr die Geschichte seines amtlichen Schiffbruch» und die Conflicte, die er hauptsächlich wegen seine» religiösesStandpunftes mit seiner Behörde zu bestehen hotte und darin heißt es u. a.: .Herr Ctto Schulz (der Regierungs-Schulrath) sah die Juden in dem Seminar ungern; ich da» gegen nahm sie gern als Gäste auf. Nur so konnte» sic zugelassen werden, eigentliche Zöglinge konnten sie nicht ,verden. Wir tadeln die Juden wegen ihre- Mangels an Bildung und — verschmähen die Mittel zur Bildung ihrer Kinder, indem wir die Bildung der jüdischen Lehrer vcrabsäumen. Um diesem großen Gelnechen zu steuern, sah ich jüdische Jünglinge gern im Seminar. Dazu kam, daß ich durch ffie meine christlichen, durch die Orthodoxie oft verschrobenen Zöglinge praktisch Toleranz und Menschenachtung lehrte. Natürlich behandelte ich alle gleich. Dadurch lernten sie sehr Wichtiges und zwar durch andere-als durch Worte". Weiterhin erfahren wir, daß D. in einem Schreiben vom Königlichen Schulkollegium aufgefordert wurde, sich zu äußern, in welcher Weise er bei dem anläßlich seines 25jährigen AmtSjubiläumS veranstalteten Festmahl seine Ansichten über die konfessionellen Verhältnisse der Seminare,. rcsp. die Zulassung jüdischer Zöglinge zu dem ihm unterstellten Seminar kundgegebeu. Hierauf erwiderte er folgendes: .Bei Gelegenheit eine- DankeS, der von Seiten deS jüdischen Lehr rS Engelmann ausgesprochen wurde, äußerte ich meine Freude, Gelegenheit gehabt zu haben, auch zur Bildung j üdischer Leyrer beizutraaen, waich überall, weß Volk und Glaubens auch die Geblldeten seien, für etwas VerdienstlicheS erkennen müßte. Der erste Ausdruck ״Volkes״ bezog sich auf Ungarn, die am Morgen bei mir gewesen waren; der andere .Glauben»" bezog sich aus Juden, für die etwas thun zu können, mir. wie das einem Hochlöblichcn Kollegium bekannt ist, stet- Freude gemacht hat". — Frei von jedem engherzig konfessioneUen Denken ist nach D. die fortschreitende MeuschheitSeutwickelung in 3 Etappen kenntlich: ״Confession»- schule, Simultanschule, HumanitätSschule". In einem so überschriebenen Aufsatz (Rh. Bl. 1863) heißt es: ״Eine Schule wird nach amtlich-preußischer Anschauung erst dann gesetzlich oder statutarisch zu einer Simultanschule, wenn beide (evangelische und katholische) Sonsrssionea inbezug^aus sie gleichberechtigt sind, was׳ sich durch die Art der zir berufenden Lehrer ausspricht". — ״Wie aber", fragt er weiter, ״wenn ein Lehrer jüdischer Tonsession oder Religion an einer statutarisch-christlichen anarstrllt wird?" Er autwartet: ״Nach dem Gesagten ändert diean dem gesetzlichen Wesen der Schule nicht- und zwar ebenso wenig, als wenn ein Christ an eine statutarisch-jüdische Schule berufen würde. Wenn es aber durch dir Grundveftimmunae» einer Schule festgestellt ist, daß nicht bloß Männer der christlichen, sondern auch der jüdischen Religion alordentliche Lehrer berufen werden dürfe» oder müssen: so würde dieselbe, ich möchte sagen, in p ot e n zirte m Sinne zu einer Simultanschule".-״Eine paritätische Anstalt (d. h eine' die gleiche Rechte der Bevölkerung gesetzlich respektirende) wäre ein Nachvild depreußische« Staate-, der auch-rin paritätischer ist, d. h. nicht bloß den Katholiken nnd Protestanten, sondern auch den Inden die gleichen Rechte zu» ^richt" Der Wahrheit und Gerechtigkeit liebende Menschenldurr äußerte sich hierüber an einer andern Stelle in frei« müthjger Weffe wie folgt:

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