Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 42 (15.10.1890)
- Date
- 1890-10-15
- Page
- Seite 315 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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-/>־ »<T Thnl, und sicherlich nicht ohne erhebliche Mitschuld der christlichen Bevölkerung selbst sind. Der dadurch entfesselte Geist der Unbotmäßigkeit und Zuchtlosigkeit, der Begehrlichkeit und de- Hasse-, kann dann, wenn sich —' nur zu bald! — Herausstellen wird, daß die Versprechungen jener äugenblicftich volkSthüwlichen Agitatoren unerfüllbar sind und bleiben, nur denen zugute kommen, die auf die wachsende Unzafriedeuheit der breiten Bolk-masien ihre Umsturzpläne unseregesammten Staat-- und KcrchenwesenS gründen. Nicht die, wir wollen e-'annehmen, in gutem Glauben von dem Sntisemiri-muangerufenen deutschen und christlichen Instinkt«, sondern die Triebe de» Neide- und Hasse« werden audieser Agitation die kxüftigstc Nahrung empfangen, und der evangellschen Kirche wird dadurch ibre Aufgabe her Befriedigung und Sittiguug ihre« Volkslebens nur erschwert. Wir halten darum die Betheiligung an antiseinitischen Agitationen, wenn wir auch nicht verkennen, daß sie aueinem treuen und wahren, für di« Rechte de- Thristenthum- und DrutschchumS und für da- Wohl de- Landvolkes schlagenden Herzenkommen können, für nicht vereinbar mit den Christenpflichten und AmtSfiichten eine« Geistlichen." .Man sollte meinen", — schreibt die ״Magd. Zeit." — ״daß da- Vorgehen des hessischen Oberconsistoriums überall hätte Beifall finden müssen, denn die antisemitische Agitation verträgt sich mit den Grundsätzen de- Christenthums durchaunicht. Daist indeß nicht der Fall. Dir ״Kreuzztg." - räumt zwar ein, daß die Amtation der Böckel-Pickenbach den Anforderungen der christl. Sittlichkeit nicht immer*) gerecht wird, und findet die Mahnung insostrn am Platze. Aber die allgemeinen Grundsätze will sie nicht gelten lassen, dasei nicht mehr als eine Wiederholung der verbrauchten Einwendungen de- . TageSlibrraliSmu«. Die Geistlichen könnten sich unmöglich nach einer solchen Anweisung richten u. s. w. DaS. ist also, wenn auch, mit verblümten R«en«artrn, eine Bertheidigung der Böckel-Pickenbach gegen da- Oberconfistorium, ja eine Aufforderung zum Ungehorsam gegen die geistliche Oberbehörde." Wir knüpfen hieran den folgenden Klageruf JellinckS in dem Leitartikel der jüngsten Nr. der .Neuzeit^, der die traurigen Wahl-Borgänge in Niederüsterreich und da- «nchristliche Verhalten der katholischen Geistlichkeit bespricht: .Wie sicht eS aber bei unin Lesterreich au-? ES giebt keine Stadt in Europa, wo der Antisemitismus so verroht, verwildert, verkommen und verlogen wäre wie in Wien. Alle Schlechtigkeiten, Gemeinheiten und Verworfenheilen werden von den Antisemiten in der österreichischen Residenz in Bewegung gesetzt, um ihre verabscheuung-würdigen Zwecke zu svrdrn. Wien erstellt sich debeneidenSwerthen Vorrechte-, Cooperatoren und Capläne zu besitzen, welche in der rüdesten Weise argen die Juden Hetzen, iht Priesterkleid schänden und da- Chrrstenthum beflecken. Einer dieser Hetzer im geistlichen Gewände hält anstatt de« Evangeli-muder Liebe ein« Peitsche in der Hand, eine Hundepeitsche, um die Juden zu. verjagen, und hatte den Muth, diese Methode in der Behandlung der Juden als gut christlich zu preisen k Die letzten Landtag-Wahlen in Nieder-Oesterreich haben jeden wahrhaft österreichischen Patrioten mit Scham und Trauer erfüll». AuS den Wahlurnen gingen nicht Männer hervor, welch« Recht und Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Humanität auf ihre Fahne schrriben, sondern Zumeist Antisemiten, denen es gleich rft, ob die Juden geköpft oder gehängt, wenn sie überhaupt nur zn Tod« malträtirt werden. Wir stage» nun: Giebt eS kein«Kirche»oberen, keine Bischöfe, keine geistliche- DiSciPlin irf Oesterreich? Dürstn da katholische' Priester Hetzen, schmähen und schüken, in den rohesten Ausdrücken die Juden beschimpfen un^ die *) »Wir mSchtr» fragen —. bemerkt Mt ״Maat. Zeit." hierzu — bum bat überhaupt geschieht?" Der Anlisemltftmu« alt solcher stet« »«sittlich. wilde» M-rffen gegen sie aufstacheln? Ist in der Wiener Erz dköcese jeder Lrsperator und jeder Eaplan autonom, der keinen Bischof über sich anzuerkennen braucht? Wenn einer dieser Hetzcapläne gegen irgend ein kirchliche- Dogma in Beziehung aus die Lehre von der Trinität oder de- Abendmahls predigen möchte, so würde er.sofort von stimm Kirchenoben» zur Rechenschaft gezogen werden. Wenn er aber gegen da« Gebot: .Liebe Deinen Nächsten wie dich selbst!" da-ClpnstuS als ein Hauptgebot erklärte, öffentlich ' agitirt und dadurch den wahren Christenglauben untrrwühlt und die Moral der Waffen erschüttert, so kümmert sich der ihm vm,srsttzt« Bischof wenig darum und unterläßt eS, den Herrn lüaplan in dessen austührerischen Wühlerarbeit zu stören. Wir glauben nicht, daß der selige Cardinal Rauscher, Fürstbischof in Wien, sich in seinem fürstbischöflichen Palais in de« Nähe der StephanSkirchc nicht gerührt hätte, wenn ein Cooperator in seuier Erzdiöcese die Peitsche geschwungen hätte, um ine Juden zu verjagen. Ter Antisemitismus ist durch und durch antichristtich und es ist die Pflicht der Kirchen, seren, den Antisemitismus rücksichtslos zu bekämpfen, besond:rS die kirchliche DiSciplin gegen jene anzuwenden, welche kerustn find, dem katholischen Volke als Muster echter christlicher Liebe voranzuleuchten." Durch den Vergleich mit den katholischen Kirchen,beren in Oesterreich erscheint das *Vorgehen des großherzvglichhessischen Oberconsistoriums in noch hellerem Lichte. Kerichte tttifr C«rrefpo»dr»»xen. Dentfchlauv Magde-nrg. 14. October. Der ״Magd. Ztg." wich au- Brüssel vom 13. d. MtS. telcgraphirt: »Die hiesige Universität war heute anläßlich bei Einführung des neuen Rectors, Profeffor Marlin Phi lipps o n, der Schauplatz der ärgsten Ruhestörung. Die Studenten wollten den mißliebigen (?) Rector nicht sprechen lassen, sondern riefen demselben mit Rücksicht auf deffen dnctsche Abstammung (er ist ein geborener Magdeburger R.) zu: ״Gehen Sie lieber nach Berlin!" — Die Polizei schritt rin, erwies sich jedoch zu schwach. Die Studenten stürmten den Präsidententisch, wo Bürgermeister Buls saß, und erzwang den Schluß der Sitzung."*) Zn» Merkt« wird dcm ״Jewish Chronicle" geschrieben: ״Die hohe« Festtage haben wiedeicholt gezeigt, daß es in der Hauptstadt eben so sehr an Synagogen, als an protrstannschen und katholischen Kirchen fehlt. Auch Kaiser Wilhelm II. strebt unausgesetzt danach, zur Kräftigung und Belebung dereligiösen Sinns den Bau christlicher Kirchen zu fördrn. Dieses Vorgehen sollte auch un« Inden anspornen, den Bau neuer Synagogru zu beschleunigen und unstrn Glauben-genosira Gelegenheit zur Abhaltung eines 'würdigen Gottesdienstezu verschaffen. Wenn auch viele Juden während de» ganzen Jahres keine Synagoge besuche«, so errinnern sie sich drch an Rosch Haschanoh und Jom Kippur, daß sie Juden sind, und -eigen das Verlangen, an dem öffentlichen Gottesdienste theilzunehmen. Diese» ist aber hier mit große« Schwierigkeiten verbunden, von »velche» die Juden in London sich keine Vorstellung machen könne«. In London hat jeder Distrikt seine eigene Synagoge, zu welcher auch die Jude» de» Distrikt»- gehören und iu welcher sie ähre ststen Sitzplätze haben. Anders ist eS in. Bcrlnr, welche- 80000 Juden und nur S permanente Synagogen hat. Die Gemeinde besteht aus 3 Parteien: 1. die orthodox« unttc Rabbiner Dr. HildeSheimrk mit einer Synagoge in der GypSstraße; 2 die gemäßigte Partei, zu welcher die meisten jüdischen Einwohner zahl«!, mit?,Synagogen. welche theil« der Gemeinde, theilS rckigiöser Vereine gehören; 3. die Rrformgemeind« mit einer Sy'iagoge *) Nach anderen Blättern solle» sogar elaige Profefforr« Partei für die Lmbutten genommen ' habe». Der Vorgang spielte sich Im Siathbautsal ab, be» bi« Polizei gewaltsam rilmnt«.