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Israelitische Wochenschrift · 1890-10-15 · 42 (15.10.1890) · p. Seite 314

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
42 (15.10.1890)
Date
1890-10-15
Page
Seite 314 (sequence 2)
Language
German
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für den ethischen ««halt de« Gebote« krix Bedeutung. Go wäre auch i« BerS 18, wo von dem Verbot de« Hasse« und dem Gebot der Liebe die Rede ist, die Annahme nicht Der Trl«tz de» hefßsche» £ta*0»JUUrttt«» gege« de« tf«ttfd«ttl#«t«&. ungerechtfertigt, daß dxr Redner den Kreis der Berpflichtung nicht nur auf die Volksgenossen rinschränkt. Diese Annahme wird wirksam unterstützt durch Bers 34 desselben Kapitels wo es heißt: ״Du sollst den Fremdling lieben wie Dich selbst, denn Fremdlinge wäret ihr in Mizraim." Aber auch diese Stütze versuche« sie zu er» schlittern, indem sie den Begriff Ser ״Fremdling' nicht gleichwerchig erachten mit dem eine- NichtiSraeliten. Ueber diesen Punkt äußert sich Döllinger, allerdings in einem Buche aus seiner ultramontanen Zeit, wie folgt: ״Unter dem Nächsten, der geliebt werden soll, ist indeß nach dem Zu» sannneuhange nur der Volksgenosse zu verstehen,' weiterhin werden auch die Fremdlinge, welche sich als Schützengel unter den Israeliten aufhiclten, unter der Nächstenliebe begriffen. Auf die Genoffe» fremder götzendieuender Völker konnte dieses Gebot der damaligen Stellung der Juden nach sich nicht erstrecken; diese erscheinen im ganzen Gesetze zu sehr als Feinde Jehova'» und seines Volkes. Da» Gebot universaler Menschenliebe war einer höher« Stufe der Rrligionsentwickelung Vorbehalten." In der That ist Vorsicht geboten, bevor wir einen Satz, der nicht vom Verfaffer deutlich herausgehoben wird, zur hohen Bedeutung eines ethffchen Prinrips erheben. So. findet sich z. B. schon bei Jsokrates der Satz: .was Ihr nicht wollt daß man Euch thue, das thut auch keinem Andern", und Gibbon meint, da habe schon der griechische Rhetor die goldene Regel gelehrt, die später im Evangelium sich finde. Dem gegenüber^weist Jakob Bernay« nach, daß Jsokrates einen viel engeren Sinn mit den Worten verbinde, als Philo und das Evangelium ״bafj der schale Jsokrates jenen Satz nicht in dem vollen Bewußtsein seiner allgemeinen ethischen Tragweite niedergeschrieben habe." Aber kann die« bei unbefangener nüchterner Prüfung von dem biblischen Worte: ״Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" angenommen werden? Die ersten Kapitel des 1. Buche« Mosis sind doch nicht, um Geschichte zu erzählen, hingestellt, sondern der Satz ״der Mensch ist ein Ebenbild Gottes" muß das Praktische Ergebniß haben: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst, auch wenn dies Gebot nicht in der heiligen Schrift stünde. Wenn ich den Gott anbete, dessen Ebenbild ich selbst, dessen Ebenbilder alle Menschen sind, so habe ich die Pflicht der Nächstenliebe gegen Alle. GS ist darum sehr zweifelhaft, ob das ״Gebot einer universalen Menschenliebe" einer höher« Stufe der Religion als sie in den Büchern Mosis sich bietet, Vorbehalten war.*) B. R ף Es ist bei ein«« so hochwichtig» Satze vielleicht auch von «el«m, daraus hittzuweise», daß das hebräische Wort für .lieben", welche? sonst de» Lkküsativ regiert, an diese» beide« Stellen de» Dativ regiert; «an würe versucht, eine» begriffliche» Unterschied zu constrntren und SM* mit der Präposition ל in bet Bedeutung jemandem Liebe erweisen" »u nehme«. Unser Herz könne» wir nicht sogleich all und jedem erschließe»; ater Liebe» erweise» Bnne» wir a«h unserem Zet»de, von dem unser Her, sich wendet; wir liebe» ihn dann wie un» je»ft, denn auch die Säbstliebe zeigt sich nicht im Ueberschw.no de» Gefühl«, sonder» in dem heiße» Strebe«, un» Gute» zu thun. Da» Verordnungsblatt für die evangelische Kirche de- Großherzogthums Hessen Nr. 10 enthält er« vom 3. Oktober d. Js. danrtes Rundschreiben, betreffend die antisemitische Agitation, das iu der Geschichte de« AntisemitiSmus eine hocherfreuliche Episode bildet, und in seinem wesentlichen Theile also lautet: .ES ist Ihnen nicht entgangen, daß in den letzten Jahren, hauptsächlich aber seit dem im Februar l. I. vollzogenen ReichstaaSwahleu, in den verschwdensten Gegenden de« Großherzogthums antisemitische Bestrebungen zu Tage getreten sind, die bei der Art, wie solche Agitationen betrieben werden, für den Frieden unter der Bevölkerung ernste Gefahren in sich schließen. Während wir in der stet« und auch bei der letzten Reichstagchvahl als richtig bewährten Voraussetzung, daß die evangelische Geistlichkeit bei der Erfüllung ihrer politischen Pflichten von selbst denjenigen Bestrrbungen ihre Mitwirkung versagen werde, die dem evangelisch-christlichen Volksleben nachtheilig sind, uns nicht veranlaßt sahen, die politische Thätrgkeit der Geistlichen zu beeinfluffen, sondern deren politische Meinungsfreiheit stets geachtet haben, so müssen wir doch jetzt, wo verschiedene Meinungsäußerungen in Versammlungen von Geistlichen undauf Dekauatssynoden darauf schließen laffen, daß rncht wenige Geistliche der erwähnten Bewegung sympatisch gegenüberstehen, au« unserer Zurüittaltung hemuStreten. Wir, fühlen uns verpflichtet, die Stellung, die unsere« Erachtendie evangelische Kirche als solche m ihren Behörden und. ihren Dienern eiunehmen muß, unumwunden uach beide« «eiten hin darzulegen, und verlange» für diese Darlegung die ernsteste Beachtung aller uns unterstehenden Geistlichen. ES sind zweifellos große Nothstände unsere- Volksleben- und schwere Versündigungen, zumal an unserem Bauernstand« begangen, welche eine Bewegung wie di« antisemitische erklärlich machen, und wir müssen eS für ein Unglück halten, daß man auf jüdischer Seite die Berechtigung gewisser Klagen über da» Verhalten vieler Geschäftsleute und Literaten nicht genug einzusehen scheint. Aber wir können uns doch unmöglich verberge«, einmal, daß an den genannten Dingen sich auch viele, die den Chrrstennamen tragen und deutscher Nationalttüt sind» bei theiligt haben, und sodann, daß die verderbliche Macht, welche MammonSdieust, BörsenspekulationSwuth, Schwindel- und Wuchergeist, Ausbeutung der wirtHchafttich Schwachen erreicht haben, eben doch zum guten Theil auf der Schwäche beruht, mit der die sich christlich nennende Bevölkerung chre bessere Einsicht, höhere sittliche Erziehung und ««grimm deutsche Art verleugnet hat. Und darum können wir unter keinen Umständen für da-, was eine gemeinsame Schuld ganzer VolkSklassen ist, und wofür diese, sofern sie wirkich Christen sind, Buße zu thun und Befferuug zu such« habe«, die jüdischen Staatsbürger in deren Reihe« «« doch wahrlich an Beispielen wirklicher Milde und Guthätigkett, au Mustern pietätvollen FamilienSsinnS nicht fehlt, mrd zwar diese ohne Unterschied allein verantwortlich machen. Wenn aber gar unter Anrufung oeS ChristentburuS eine Art Kreuzzug gegen die Juden gepredigt wird, so müffen wir unter Berufung auf Wort und Vorbild unsere« Heilande«» der mtt der Verkündigung der-uneingeschränkten Äuuariterliebe da« Judeuthum ferner Zeü beschämt (?Rd.)und im Lebe« der Völker statt de« Ratinalstolze« und Rassenhass«« das Pm»i«r der allgemeine« Liebe aufaerichtrt hat, solche« mtt aller Eutschiedenhett alun christlich zurückweisea. . Wir müssen es aber auch al« eine verhängnißvoll« Mißleituag der dunklen Instinkte der deutschen CnristenvokkeS ansrieu, wenn man da, wo e« gilt, vor allem die eigene« Fehler-einzufehen, di« Unzufriedenheit der Massen auf angevliche Urheber ihrer Drangsale hinlenkt, dtt es uur' zum

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