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Israelitische Wochenschrift · 1890-09-18 · 38 (18.9.1890) · p. Seite 291

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
38 (18.9.1890)
Date
1890-09-18
Page
Seite 291 (sequence 3)
Language
German
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#; W4 tlllzu Hellen Glanz kann da- Auge arm« nicht vertragen. Wer hat «» nicht schon -empfunden, daß rin; Melodie oft den Gottesdienst stört., vielen ist diese« g!«chgiltig. ״Di« betreffende Melodie herrscht schon lange im Tultu»"; mit ähnlichen Gründe« werden solch« Trivialitäten meisten» beschönigt. Dann hat es der fachmähig getildetr Tantor al» seine heilige Beruf«» Pflicht anzusehcn, r>ngehörige Melodie«,, die von einer Kirmeß oder einer Tanzmusik mirgebracht scheinen trotz eingebürgerter Gewohnheit au« dem VotteSdlrnste zu entfernen. Sei r« noch so schwer. Wir wollen keinen ,Mddsinn, selbst wenn er Methode hat", d. h. da» tapfere Heruntnlnern frivol klingender Melodiken, da» für manchen sogar de« Hauptanziehungspunkt de» Gottesdienste» bildet, muß von kundiger Seite unterdrückt werden. Lin eiaheit» siche» Bestreben sümmtlicher Cantoren und geschätzter Vrmrindrmitglieder, bei denen man in einzelnen Fällen erstauuliche Begabung resp. Berständniß für den Synagogen- Sesana antrisft, dürste geeignet sein. Mißstände zu beseitigen^ ie oft noch in den vornehmsten Gemeinden den Gotte»- dienst verunstalten. Bei unserer heutigen so übel brleumundete« ״Strömung" kan« nicht genug getha» werden, «m dem Gottesdienste seine Würde und hohe Bedeutung zu wahren. Fast wie eine Euriosttät muß r» betrachttt werden, daß man in einulnen großen Gemeinden die herrlichen Partituren von Lewandowski und anderer Meister noch gar nicht kennt. Wa» un» diese Meisterwerke so werty «acht, ist. wie bereit» im Anfänge erwähnt, die Erhaltung der traditionellen Melodie in gefälliger, voruehmer und kunstgerechter Form. In der ttadstionrllen Melodie liegt da» jüdische Herz, und wer sie aufgiebt, und wo sie nicht »ehr da ,st. ist ein herrlicher Bestandtheil de» Gott«»- dienst«» zerstört und kann durch nicht» ersetzt werden. Sft die Predigt «wd Mittelpwttkt de» jüd. Gotte»diewfte»? Bon Rabbiner Dr. Rothschild. (Schluß.) Predigt und Prediger sind noch nicht zu einem regelmäßigen und allgemeinen Bedürhiiß unter uu« geworden; al» unratbehrlich gilt der Lhasa« für den Bortrog und Gesang der Gebete, gilt der Lehrer für den Unterricht der Kinder, nicht der Prediger für di« Fortbildung, Belehrung «ud Erbauung der Erwachsenen, und mehr die materielle, al» ideale Pflege de» Judenthum«, mehr die leibliche, al» geistige Nahrung der Gemeinde wird gefordert; — am «othwendigsten und unentbehrlichsten ist darum der — Schächter. E» gibt Gemeinden, wo man der Fleischtaxe bedarf zur Erhaltung de» jüdischen Religionswesen», andere, wo die Tultu»steuern hauptsächlich und in erster Reihe dienen zur Anstellung und Besoldung eine» Gemeinde- Schächter». Im Anfang unsere» Jahrhundert» konnte noch der Misch« Gemriudv-Borstand in Berlin dem Preust. Ministerium über die Stellung dr» Rabbiner» gutachflich berichten :Der Rabbiner ist ^unser O bersch achtmeifter »nd zur Oberaufsicht über die jüdische Fleischbeschau bestellt. Lin großer Theil der Juden kennt heut« von der jüdischen Religio« nicht» al» da» "Speifegesctz «nd den Rabbiner nur (?) zur Feststellung der Vorschriften über di« Bereitung religiös erlaubter oder unerlaubter Speisen. Deren TnÜu» besteht im Adlesen anverstandener hebr. Gebei«; selbst di« Schristvorlesung ist! ihnen unverständlich und nebensächlich, di« sie oft gar nicht anhörrn. Dir Predigt, der einzige Tbeil de» Tultn» zur Belehrung und Erbauung, fehlt und ist noch wett entfernt, ein regelmäßiger Brstandtbeil de» jüdischen Tultn» zu sein. Gelbst i« de» Großgrmeinoen, wo öfter gepredigt wird, sind dtt Synagogen leer, man hört die Predigt nicht und achtel sie noch weniger; der Rabbiner und Prediger kommt stst | pur bei OstentatwuSzwecke», bei öffentlicher Gelegenheit zur Geltung. E» ist demnach ebenso wahr wie traurig, daß; Tülta», wo -ie Predigt meisten» fehlt, für die religiöse Belehrung und Erbauung meisten» leer »«»acht. In der christlichen Kirche ist «» zum Theil ähnlich. Der katholisch«Gottesdienst hat die Messe, die, eineNachahmung de» alt-jüdischen Lempel Gottesdienste», einen Opfercultu» dar» stellt, dem die Predigt fehlt, oder doch nebensächlich ist. Die Predigt gehört dort meisten» zur Nachmittagsandacht, oder, wo sie in die Messe und den BormittagSgotteSdienst ge« schoben wird, gehört sie nicht zum Haupttheil de- Tultu« und wird vom Publikum nicht immer mit aagehürt; viel« mehr verläßt diese» während der Predigt oft dtt Kirche und kehrt crst ,vieder zurück, wenn die Messe fortgesetzt wird. In der ReformatioaS-Kirch« ist dagegen die Predigt Hachrttheil de» Tultu«; man will hier auf den Verstand zur Belehrung wirken, um dem blinden Glauben entgegen zu treten und zum Denken und zur Prüfung anzuregen. Freilich erzieht man durch ein solche» Selbstdenken auch Freidenker, und da« ist mit ein Grund, weshalb man in der christlichen Kirche anfängt, gegen da« Predigen und da» viele Predigen zu ttfcrn. Aber der ReformationScultu» hat Nicht» außer Gesang und Predigt, obwohl man in neuerer Zeit angefangcn hat, einen liturgischen Gottesdienst einzuführen und dafür einzelne Theil« de» katholischen Tultu» wieder aufzunehmen. Hier ist demnach das Berhältniß ein andere», al» bei un»;hüten wir un»somitvor blinder Nachahmung. Die deutsche Predigt steht sprachlich mit dem hebr. Grbetcultu» nicht im Widerspruch, die Liturgie hat auch in alten Zetten schon fremdsprachliche Elemente in sich ausgenommen, und obwohl unsere Orthodoxie deutsche Gebete in ihrem Tultu» beanstandet, hat sie doch die deutsche Predigt ohne Widerspruch eingeführt. Dagegen läuft in anderer Weise die deutsche Predigt in d:r Synagoge Gefahr, ihre jüdische Färbung zu verlieren. Die specifischen Religionskenntnisse nehmen nämlich im jüdischen Publikum rapide ab. nicht nur die hebr. Sprach-, auch dir B ibel kennrniß schwindet, man wünscht jetzt färb- und konfessionslose Predigten, welche nicht nur in d!w Synagoge, sondern in jedem Gotte-Hause gchalttn werden können, nicht specifisch jüdische, sondern allgemein menschliche, nicht Predigten, sondern Reden, ohne religiöse Färbung und ohne versittlichende, religiöse Tendenz. Auch sind di« Rabbiner und Prediger außer ihrer Thättgkeit in der Synagoge nicht mehr wie ehedem amtlich für den höhern Aus» und Aufbau der Religionswissenschaft berustn, sondern auf den elementaren Religionsunterricht der Kinder hingrwiesen, und andererseits sind oft wid-rum Elementarlehrer mit Predigten für die Erwachsenen mit und Ausübung rabbinischer Funktionen bettaut. In der Syna» goge fehlen die Kinder fast gänzlich, und die Erwachsenen find selten; wir finden dort nicht mehr eine Mafien» bctheiligung am Gebete, keine wahre Inbrunst und Andacht, sondern thmln ahm «lose Zuhörer, welche Gesang und Prttnat wie Kunstwerke beurtheilen und al» solche krittsiren; für die acttve T heilnahme am Gebete fehlt einem großen Theil de» henttgen Publikums die hebr. Sprach», und für da» volle BrrstLndnrß der Predigt die speeifische RÄigionSkenntniß, gar Bielen außerdem auch noch da» religiöse Inte reffe. Man erkennt, di« Fundamente de» jüdisch-religiösen Leben» sind ganz andere geworden, auf denen der religiös« Oberbau von ehedem nicht mehr feststehcn kann, selbst die orthodoxkn Gemeinden nicht ansgenommen. — Man sieht, unser Theo» berührt nicht nur die Predigt, sondern auch den Gebetcultu«, mcht nur die Synagoge, sondern auch die Schale, ja da» Hau» und da« Leben, nicht nur de« Prediger, sonder« auch da» Publikum, nicht nur dir Gemcinbt, sondern auch den Borstand, nicht nur den Rabbiner, sondern auch di« audrren Gemeindebeamttn — kurz das ganze Gemeindelebe». E» dürft« hoch an der Zett sein, den religiösen Grundlagen desfttbea «,«« Festigung zu gebe«, eh» da» ganze Gebäude in» Wanken geräth.

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