Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 38 (18.9.1890)
- Date
- 1890-09-18
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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ioüt:, sprechen, verzerren and verrenken wir dieselbe in so üsa mackloser und sprachgesetzwidriger Weise, daß der unkuni'ige Hörer nur ein abfälliges Urtheil über sie fällen kann. Die Sprache, in der uns unsere höchsten Religionslehren offenbart wurden, in der wir zu Gott beten, mißbrauchen wir zu häßliche», unangemessenen Ausdrücken; die Sprache der Thora wird zum Dolmetsch niedriger Denkweise, zur Magd der Märkte. Und wrlchen Eindruck muß eS auf Unkuninge mache«, wenn wir in ihrer Gegenwart und Gesellschal Ausdrücke gebrauchen, die ihnen unverständlich sind? Wersen sie sich nicht von uns abgestoßen fühlen und daraus ein Recht herleiten, uns rAi Fremde zu betrachten und von ihre׳ Gesellschaft aus,uschließen? Es ist ein Zeichen mangelnden Schickiichl itsgefühl, wenn wir als Deutsche unter Deutschen nicht re'.ndeutsch reden, sondern unsere Gedanten zu verhüllen trachten. Wahre Duldung besteht in der Anerkennung auch der Ungleichheiten; so dieselben berechngt sind. Niemand aber wird behaupten wollen, daß die e Ungleichheit ein Recht auf Duldung habe. Darum laßt uiis dieses Erbstück früherer uns auferlegten Abgeschlcssenheit ablegen, eingedenk der talmudischen Mahnung: ״Immer befleiße sich der Mensch einer reinen Sprache!- Die traditionelle Melodie. Son Eugen Tavidsohn, Lantor der Hauptgemeind« in Fraalfurt a. M. Die großen Schöpfungen auf dem Gebiete des Syua» goge«gesanges, die Meisterwerke eines Sülzer, Raumbourg, LrwandowSki, Deutsch behaupten ihren Werth nicht nur in der tief empfundenen, musikalischen Entwickelung; sie erfüllen mehr. Die Art, wie das Juden« tbull« früherer Zeiten den Gebete« Ausdruck verlieh, i« Melodieen und Responsen, ein Schatz jüdischen Empfindens ist uns in diesen Werken überliefert. Die Melodie ist die Sprache des Empfindens; wer den Charakter einer Melodie erfaßen kann, besitzt die Fähigkeit, fremde Empfindungen in sich auszunehmen. Was di« Kraft und Innigkeit der relig.osrn Empfindungen der Alten anbrtrifft, so wiffen wir, daß dieser »ttigiöft Stützpunkt inneren Lebens in heutiger Zeit gar merklich schwindet. Warum? Mit der Antwort oeschäftiaen sich unablässig Predigt und Schrifterkläruugen. Wein durch Verhältnisse, Erziehung, innere Entwicklung es r n» schwer wird, die Kraft der religiösen Empfindung zu erreichen, wie sie früher bestand, so haben wir mindestens ein theureS Bermächtniß zu wahren, da» in wunderbarer Sprache von jener Bekenntuißfreudigkeit und rührenden Gotcergebenheitspricht, nämlich: di« traditionelle Weift. Welchen Platz räumt mau ihr in unfern Synagogen isthen Fori drruung; man giebt Zuthaten einer üppigen musikalischen Phcutasie. Der zweit« Fall tritt eiu, wo di« Sucht vor« haare» ist, mit .dankbaren*, wenn auch trivial klingenden ״N.rmmern" stimmliche Kraftleistungen zu entfalten. Der dritte Fall endlich tritt da ein, wo man vou der ttaditio- Nell׳« Melodie überhaupt nicht» «ehr weiß oder nicht» meh>- wiffen will. Wer ttägt nun 'die Schuld, die Gemeind« oder der Cantor? MristenthellS beide. Die Gemeinden insofern, als sie dem Cantor häufig Schwierigkeiten machen, seinen rich'iaeu Intentionen folgen zu dürfe»; aber ebenso häufig verllßt den Cautor der Much, bei seiner Ueberzeuguug zu brhrrrrn. Um au» diesem Dilemma herauszukommen giebt es nur einen Weg: Die Einführung der Werke der genannte« Meister in 'unfern Gemeinde», oder mindestsK nur die Zulassung iu gleichartigem Styl gehaltener Gesänge. Ueber das Ziel hinaus wird eiu Eompouisi. der den jüdisäfta GottrSdi'mst kennt, sich nicht verirren. Wo jüdisclftS Empfinden vorhanden ist, wird die jüdische Melodie bleiben; wo die traditionelle Melodie keinen Boden hat, da ist da» echt «jüdische Empfinden nicht mehr vorhanden. Trotz mancher Lücken zählt da- Judenthum noch viele, sehr viele große und kleine Gemeinden, di« auch in dieser Beziehung wirklich .jüdisch« Gemeinden" sind. Im Verkehr sprechen die Berhältniffe oft ein Machtwort, dem man meisten» willfahren muß; der Gottesdienst aber muß sich frei von allen äußerlichen Einflüssen halten, da sollen wir zu Gott beten in derselben herzlichen Weise, wie «S unsere Borfabren gethan haben, mit Gemüth, — so wie der Jude betet. Der Verfasser hatte jüngst Gelegenheit eine hervorragend« jüdische ^Darstellerin,' die vor ihrem Sang in da» Theater zu Haus: regelmäßig die ״Mesusa" küßt, in einer Glanz« rolle als ״Maria Stuart" zu sehen. Die ganz« Darstellung erhielt die Illusion an die unglückliche Schottenkönigin reg^ bis znw Schluß, wo Maria betete. Mit einem Schlage änderte sich die Situation; es war kein consequeuter Zug der vora umgangenen Darstellung in diesem letzten Gebete der Maria. Die Jüdin betete — dieser Srundzag offenbarte sich bei der großen Darstellerin unmittelbar. DaS Gebet tns Juden hat einen gauz bestimmt ausgeprägten׳ Charakter׳, der dem ganzen Judenthum eigen ist, bewußt oder unbewußt. Die tradttionelle Melodie ist e». dir den Grundzug jüdischen BetenS durchaus charakterisirt; gefthlt wurde in dieser Beziehung vor SO Jahren noch vftl mehr, als heute. Wir hab,m einen Fortschritt zu verzeichnen und diesen vor allen Dingen den oben angeführten Tomponisteu zu danken, ebenso dm jünger« Kräften, die sich ihnen anschtießea. Wir habcm genug für die Zukunft Ersprießliche» zu erwarten;!)aß sich die Aufmerffamkett der Cantoreu besonder» erwartupftvoll auf ihre Herren Collegen ip Wien und Königsberg richtet, sei persönlich bemerkt. Die ttaditioaelle Melodie wägt seitdem zur Würde de» Gottesdienste» wieder bei, als sie von fachkundigen Cantoren und außerordeuttich begabten Componisten sinngemäße Behandlung erfahren hat. Ganz sind die musikalischen Mißbräuche aber au» de« Synagogen doch noch nicht verschwuudeu. Anleihen bei Rossini, tyellini, Donizetti, Verdi werden freilich in geringerem Maaße gemacht. Wenn dies« Lonhecoen die heutigen Tantiemengesetze zur Seit« gehabt hätten und gewissenhaft bezahlt worden wären, e» hätte auch nicht eine Gemeinde, namentlich in Polen und Rußland, gegeben, die nicht zu einer erheblichen Summe an Lanäeme diesen Componisten jahrein jahraus verpflichtet geweftn wäre. Ja den unglaublichsten ״Bearbeitungen," besser,Verarbeitungen" wurde« Ar««, Lieder und Märsche in den Gottesdienst hineiugetragen. Erst kürzlich noch besucht« mich ei« älttrer Collrae. Er war so liebenSwüdig mich mtt dem Bortrage einer selbst erfundenen .Keduscha-Tomposition" zu überrasche». Die ,Erfundene" Melodie war aber nur eine ^gefundene", die sich von einem gewiffen Flotow aus der Oper ״Martha" (״Ach so fromm, ach so traut") in dir empfänglich« Phantasie meine» Herrn College« verirrt hatte. Zur Entschuldigung muß aber angeführt werden, daß der Hrtleiher mir stolz etugestaud, er kenn« kein« Note. ״Sie Noten wärm auch uicht nöthig." Run, wie sich die ״Drösche" zur Predqft verhält, hat «S wohl i« Princip ähnliche Bewandmß «tt dieser Art, den gesaualichen Theil bei de« Gottesdienste zu. vertreten und kerne Noten zu kenne«. Nicht jeder kann ein LrwandowSki oder Salzer sein; dann wäre e» doch aber. i« Jutereffe der Gemeinde sehr zu wünschen, daß musikalisch' nicht« schöpserische Talente sich von diesen Gestirurn am musikalischen Himmel befchemen ließe», »ud nicht ihr liebe», ״Ich" bei de« GotteMenst« al» alleinige Sonne