Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 37 (11.9.1890)
- Date
- 1890-09-11
- Page
- Seite 283 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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__ t kd jüdischen •*itfWfthffe»? Wir -chkn ז$ו־« SfonittortnnjriB. zumal man ankängt, die häufige oder dar regelmäßige Wiederkehr der Predigt zu bekämpft«, "in Rücksicht sowohl auf den Prediger wie da» Publikum. Di« Predigt ist keine Neuerung io Israel; religiöse Borträgt hielt schon Mose» und hielten Andere in seiner Zeit. -Man nonute diese Redner, Navi, Propheten; (beide Worte heißen ״Redner' Rum H,23 ff.), der Zusammenhang an , dieser Stelle beweist, daß di« Reden einen religiSsrn Charakter hatten und haben sollten.) Da» Lehr- und Predigeramt wurde WätK den Priestern und-Leviten übertragen; diese aber Verwalteten ihr Amt nicht immer richtig, oder vernachlässigten es sogar. Da errichtete Samuel Prophetenschulen, zur Belehrung de» Volk» und zur Erziehung von BolkSrednern. Er nahm damit den Priestern nicht ihren Lehr» und Rednerberuf, aber er beschränkte fco« BE nicht «ehr auf sie, sondern errichtete-in den Propheten für sie eine Concurrrnz. thn Exil, wo da» Amt der Priester sistirt war, die Prophetenschulen aufgehdrt hatten und neue Propheten nicht mehr äefunden wurden, ging das Lehr- und Predigcramt auf die bchristgelehrten und Weisen de» Volks über. Unter Esra uuo Rehemia kamen die ersten gottesdienstlichen Bersammlungen mit Schriftvorlesung und Predigt zur Belehrung und Ermahnung vor, in denen ähnlich wie noch bei uns, Echristvorlesung und Schriftrrklärung Haupt- und ‘ Mittelpunkt bildeten, um den sich da» Gebet wie ein dos Bild einschließender Rahmen legte (Reh. 8). Im Tempel waren derartige Betnnd Predigtversammlungcu nicht üblich gewesen, dir Predigten waren darum bisher, wenn auch religiös, doch nichtgotte-dienstlich gewesen; von jetzt an wurden sie dir». Im Tempel war der Gottesdienst ein OpstrcultuS gewesen, im ersten Tempel ausschließlich, im zweiteu hauptsächlich, neben welchem der GebetcultuS als nebensächlich und geduldet herging; P r «di gten aber fanden hier nicht statt. Der Gebetcultu» wurde in den Synagogen «»vSgebildrt und erhalten; aus diese gingen auch die Predigten über. Iodeß wurde auch rn den Lchrhäusern (Botte-Midraschim). Gelehrten« nnd Bolksversammlungen (Eheivrot) arpredigr, wo die Borträge bald halachischeu Inhalts ivaren str die Gelehrten, bald hagadischrn für da« Bolk. Nach dem Untergang de» zweiten Tempels und der Sistirung de« Lpferrultu» wurden die Synagogen die ousschließlichen Lu tussiättrn, man sah da» Gebet als die Bertretung de» OpftrcultuS an und machte diese» mit zu eine,» Hauptsaktor de» Syuagogal-Lultu», nicht ausschlirßlich, denn die Schristvorlesaog blieb mit als Hauplfaktor dafür erhalte», und somit Such die Cchrifterklärung. au« der sich die Predigt bekanntlich entwickelte. Wo die!e fehlte, lag diezunächst nur in den pclitisch und sozial drückenden und hindernden Berhältmffeu, oder in der Kleinheit und Armuth der jüdischen Gemeinden. Zu dem Morgengottc-dienst an den Sabvathen und Festtagen gehörte stets Thora- und Propheten-, zu dem NachmittagSgotteSdienst außcr Tora-, ehedem auch Hagwgraphen-Bmckesung. Die Prophetenvorlesung wurde Hapbtara (Eullaffuug)*) genannt als Bezeichnung für dm beendeten Gottesdrenst, Indem man sich später zu« Muffas- Gebet wieder sammelte. In dieser Aweitheilung ttegt wohl mir rinBcweiS, daß sich ehedem an die Schristvonesung dir regelmäßige Predigt anschloß. Weun sich ehedem Muffas nicht gleich anschlop, so geschah dies wohl, um da» nüchterne Publikum nicht zu.lang« vom Frühstück zurückzuhalten. Denn bei diesem MoraeogottrSdieust (Schacharst) ist nicht an de« FrühgotteSdicnst (Luurdhomo) zu denken. —Midrasch- Schul-Bvtttäge fanden am Eabbatd nicht statt, wohl aber wie hmte noch. Chewra-Borttäge (Sobiurim), worin ebenfalls «in Ersatz der Predigt. zu findm ist. Mit Mincha waren halachisch« Borträge de» Rabbiner» verbunden; dies« wurden *) Lnter« erklär«» .<trbfinung", well sich dt« Predigt an die ,^ptzeir»-P»rl«sung anrelh»e und antetzor«, in»«« sie mit einem Verse A^er vorUjmig eingeleitet und erdffnet wurde schade»; SfimSchehalaWche- VE de» BMe in Verbindung anch wohl mit bezügliche» Lxhortationm pflegten die Rabbiner zwei mal i« Jahre, am ״großen"«, om^ßnß Sabbath", vor dem Pasta- und BersöhnuagSfeste. zu Hakim. Predigten also, regelmäßige und außergewöhnliche, sind im Judrnthum nicht neu uwd durchaus keine stemk Nachahmung; nur durch di« Umstände, welche die Einrichtung regelmäßiger Predigten oft erschwert« oder gar unmöglich machten, haben sich manche Gemeinden und Gelehrte an den Glauben gewöhnt, daß nur der Gebetgotte»^ dimst als Ersatz des frühem OpftrgotteSdienste» zu den Pflicht» schuldigm und nothlvendigm Institutionen gehöre, obwohl mit demselben doch stet» «ad zu allen Zeitm Schristvorlesungca verbunden waren und sein mußten, ,vclche der Erstärang, also der Berdolmetschuug. bedurfte». Wegen der Häufigkeit der Predigtm und wegen ihrer Scheidung nach halachischem und yagadischem, gelehrtem und volkSthümlichem Inhalt waren verschiedene Prediger angeftrllt, Rabbiner, Dajanim, Magidim, Darschamm, welch« abwechselnd predigten, so daß die Frage üblich wurde: ״Wer hat den heutigen Sabbath?" ״Wer predigt heute?" zum Beweise, daß die Predigten regelmäßig, allsadbathlich waren. Auch besitzt da» Judenthum au» den ältesten Zeiten Predigt-Sammlungen, (Midrasch, Peßikta) ein« reiche Literatur, die sich durch alle Jahrhunderte fortsetzt. Dir Predigt ist demnach keine Neuerung, sie gilt nur scheinbar als solche, weil sie, durch s;.e Ungunst der Zeiten selten oder gar unmöglich ^worden, neuerdings durch den günstigen Umschwung der Zeitverhültnisse wieder eingesührt und an viele!» Orten zu einem integrirenden Theil de» Gottesdienstes gemacht worden ist. Nud da» mit Recht. Denn der religiös« Anfangs- und Fortbildungsunterricht Hab abgmommm, der hebräisch« GebetgotteSdienst ist den Meisten uuverstLndlich und ungenießbar geworden. Wa» treibt denn di« Menge ins Gotteshaus, und was nehmen die Leute an» demselben mit sich nach Hause, wovon sie geistig zu zehren Hütten? Le'cht ist es freilich nicht für einen und denselbeir Redner, stets oder ost vor einem und demselben Publikum Reue» und gut zu predigen, und mehrere Prediger für eine und dieftlbe Syuagoge haben nur einzelne Troßgrmeindcn, >vo aber noch der Lorthril besteht, daß das Publikum mehr oder weniger wechselt. Dazu mehrt sich die Schwierigkeit sür den Prediger dadurch, daß sich di« Veranlassung zum Predigen oft drängt durch sich häufende Festtage unp durch Casualien. Ferner ist der Prediger auch noch durch Unterricht an verschiedenen hohen und niederen Schulen, durch Studien, wissenschaftliche. littcrarische und journalistisch« Thätigkeit, wie durch anderweitige amtliche Beanspruchung, ost nothgcdrangen und unabweislich, in feinet Zeit beschränkt. Da ist es oft pumüglich, jede Predigt schriftlich, kunstgerecht nnd sorgfältig, auSzuarbeiten, zu memoriren und riazuüben, da ist die Kraft und Uebung ndthig, im Nothfalle nach einer durchdachten Disposition de» Gedankenweg», oder gar onvorbereitet, nach schneller Fassung und Ordnung der Gedanken kurz vor dem oder im Reden sprechen zu können. Die» ist freilich von einen! jungen, angehtndeu Redner nicht zu fordern. Ein solcher beginne und entwickele sein« Wirksamkeit zunächst in lleinen Gemeinden. Die Jugend paßt nicht für größere und Groß-Gemeinden, abgrsehen von diesen, auch noch au« andere» Gründen, obwohl sie ost absichtlich und vorzugsweise, aber aus falsche» und Nebrn-Gründen, dafür gesucht werdeii. Der Meister wird niemals geboren, er wird immer erzogen. 'Der Anfänger «de nie unvorbereitet, er hat Zeit, sich vorzubereiten nnd suche sie zu finden. Aber auch der geübte Redner muß den Börthen der Borbereituug anerkennen; Lierro redet darüber im Bilde und sagt: Das Schiff bleibt nicht sofort strhev, «S gcht immer noch einige Zeit weiter, auch wenn die Ruderer aufhören zu arbeiten. Jndeß kann «S in Groß-Gemeinden nothwcndig werden, auch nnvorbreitct.