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Israelitische Wochenschrift · 1890-08-28 · 35 (28.8.1890) · p. Seite 269

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
35 (28.8.1890)
Date
1890-08-28
Page
Seite 269 (sequence 5)
Language
German
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'Ueber die Maßnahme» gegen die Ml den schreibt man der .Freis. Zeit.' au« Rußland: Aus dem Lande sollen Juden in Rußland nicht wohnen, da« ist «ine, wenn auch offiziell dementnte» so doch längst bekannte feststehende Thatsache In Städten, namentlich in den größeren, sollen Juden auch nicht wohnen. Unter solchen Umirändcn bleibt denselben nicht« übrig als auSzuwandern. Dazu ist jedoch ei» Auslandspaß erforderlich, der aber von den Beamten entweder gar nicht gegeben wird, oder so theuer ist, daß cS den armen Leute» — und solche wandern meist aus — unmöglich ist, sich einen solchen Paß zu verschaffen. Des Leuten bleibt also nicht« üvrig, «iS sich bi« an die Grenz« durchzuschlagen, und diese auf Schleichwegen zu überschreiten. Da» gelingt jedoch nur einem kleinen Theil, während di« übrigen in grenzenlosem Elend Zurückbleiben. Unser Gewährsmann sprach vor kurzem zwei Juden au« der Kiewer Gegend, welche sich auf vorstehend bezeichnet« Art durchgeschlagen haben und nach Amerika auSwanderten; grauen und Kinder niußten sie vorläufig zuracklassen. Dieselben bczeichneten al» Grund ihrer Auswanderung die unerträgliche Behandlung, di« den Juden durchweg seitens der russischen Behörden zu Theil, und die es ihnen fast unmöglich macht, in Rußland auch ferner ihr Forttommen *u finden. — (Man kann hiernach ermessen, was von den Versicherungen der russischen Regierung, daß keine neuen Maßnahme» gegen di« Juden geplant sind, zu halten hat. Wenn sie ihre Befugnisse in dieser Weife handhabt, dann braucht sie freilich keine neuen Verordnungen: denn die jetzige Praxis ist weit schlimmer, als die härtesten Ausweisungsmaßregetn.) — Im ״Journal des DebatS" versffentlicht Lero y Beaul iru, der bekannte Kenner russischer Verhältnisse, einen längeren Artikel über die Judcnfrage in Rußland. Die Schlußsätze de« ohne Leidenschaft und für Rußland wohlwollenden Artikels lauten: ״Bier bi» fünf Millionen Juden ist viel, selbst für ein Reich von 120 Millionen Seelen. Aber ist eS eine kluge Politik, diese Millionen Semiten, die man weder verbrennen, noch «ie einst in Spanien verschiff«, kann, sich zu Feinden zu machen und ihre Abneigung in den Westprovinzen den Widerstand des deutschen und de« polnischen Element» verstärken zu lassen? Ist e« vorsichtig, .sie iu geschlossenen Mafien in £bcn am ^wenigsten rusirschea Gegenden des Meich«, au der Grenze. rivalisirender Reich« und in der Mähe der Hauptmächte des Dreibundes anzuhäufen? Die Freuud« Rußlands dürfen sich diese Frage vorlegen.' (BIeüeichl macht diese Frage eines französischen Freundes" einigen Eindruck in Petersburg.) f. '■"*. , Ae»«, 21. August. (O.'C.) In einer außergewöhnlich stark besuchten Versammlung hat vor Kurzcm der Professor der £־׳. Landwirthschaftslehre, Freiherr v. d. Goltz di« Frage untersucht, weiche Stellung die Kirche zur sozialen Frage einzunehmen Hab«. Er führte dabei aus, daß die Kirche sich .bei chrer Arbeit zur Befieruug der sozialen Lage keiner ... politischen Richtung anznschlirßen habe, denn sie gehöre dem ^-anzenBoUe. Noch weniger sollte die Kirche eine eigene ^apolitische Part« bilden. »Christlich-sozial, christlich-confervativ sich zu nennen, sei im Grunde genommen un christlich." Die Kirche sei durchaus nicht befugt, für sich ein sozialpoli- ,־ , tische» Programm auszustellen. dam es handle sich zunächst .. um rein wirthschastliche Fragen. Die Kirche könne nur beurtheiln», ob uud in wir west Schäden vorlirgen, u«eü&e ..Me Sittlichkeit und die Religion gefährden. Auf deren Av-? stellung Hab« sie hinzuwirkrn. Die« könne aber nicht mit allgemeinen Klagen erfolgen, sondern e« gelte, im einzelnen . Falle Besserung zu erstreben. — Die Ausführungen des Redners fanden nngäheistra Beifall. Schade,daß Herr Stöcker - sich nicht »nt« den Zuhörer« befand. Unter den wuchtigen ' Keulenschläae» de« Gottz'sche« BartrageS fiel das ganz« soziale"׳ Pmgramm der «ntisemite» wie an zusammen. — Bor eintgrr Zeit wurde mitgetheilt, daß di: badische Regierung «in Raturalisationlgesuch de« russischen Staatsangehörigea Henschel, welcher jetzt m Baden levt, abßetchnt hat. Henschel, der früher in Jena wohnte und hier setzt noch Hausbesitzer ist, hat darauf versucht, die Staatsange- Hörigkeit in unserem Großherzogtkum zu «rw.nchen. aber auch hier ist fein Gesuch abschlägig beschieden worden. Henschel ist al« antisemitischer Agitator in Baden aufgetreten; in Bersammlnngen, in welchen er auftrat, ist e< zu skandalösen Vorgängen gekommen — das ist unserer Regicrung Grund genug, ihn nicht zu naturalisiren. Er ge» hört nach Rußland. £«» «er Aroviaz ^ose«, 18. August. (Orig.-Lorr.) Behuf« Gründung eine» Vereins jüdischer Lehrer für die Provinz Posen hat sich «in provisorisches Comiter, bestehend au« den Herren Lehrer SpiewkowSki-Wangrowitz, Lohn- Rogasen, Brock-Schocken und Cohn-Wreschen, gebildet, das folgendes Rundschreiben an sämmtliche Lehrer der Provinz Posen versandt hat: ,An allen Orten ist heule unter Männern gleiche» stände« «in erfreulicher Wetteifer in dem Zuiammenzpirken sür dt« Förderung der genleinsamen Interessen bemerkbar. Ein solche» streben zeig« sich auch I» der deutschen Lehrerwelt. Wenn wir auch de» Bestrebungen de» grob«», allgemeinen Lehrerverband» unsre wärmste Zuneigung widmen, so verkennen wir aber nicht, dag «» endlich an der Zeit ist, für unser« sonderinteressrn al» jüdisck>e Lehrer elnzutreten. Air Hallen un» der Zustimmung aller ilvllegen sicher, tvenn wir einen Benin jüdischer Lehrer für di« Provinz Pose!» in» Leben rufe» wollen. Zu dtesevk Zweck« soll am 2. Oktober die erste Provinzialversammlung inPvsen 1 steiler'» Hotel) vormittag» 10 Uhr stattfinden. Di« Tage»ordnung enthält: 1. Bortrag: Gründung de» Verein» jüdischer Lehrer sür die Pryv. Posen Mohn-Stogasen>. 2. «onsrituirung. de« Verein» und Borstandswahl. 8. Geschäftliche». 4. Äemiithliche« Beisammensein." ES «xistirt zwar schon seit Jahren ein .Lehrerverein für die Provinzen Schlesien und Posen", der die jüd. Lehrer der hiesigen Provinz mitumfaßt, aber bei den Generalversammlungen derselben erscheinen nur sehr wenige au» der Provinz Posen. Der Grund dieser gewiß bedauerliche« Erscheinung mag wohl in der Wahl deS Versammlungsortes liegen, als welcher in der Regel Breslau bestimmt wird, da» aber, sür viele Lehrer zu entfernt liegt und nur mit größeren Kosten und Umständlichkeiten erreichbar ist. DieGründungeine» ״Posener Provinzial-Lehrerverrin»' erscheint dämm Bielen al« ein Bedürfniß. Wenn durch denselben auch eine räumliche Trennung, rrsp. Scheidung hemorgerufen wird, so wird doch dagemeinsame Streben nach den hohen Zielen, welche die jüdische Lehrerwelt sich gesteckt, und für deren Erreichung sie mnthig und mannhaft kämpft, dennoch eine geistig« Nrrbindung erhalten. Sind doch auch die Schulverhältnisse der Provinz Posen so eigenartig, und knüpfen sich an dieselben folgerichtig so ganz andere Interessen sür die Lehrer dieser Provinz, als für di« anderer LandeStheile, daß eia Sonderwirten auch aus diesem Grunde gerechtfertigt erscheint.") Mer« Am», 24. August. (Vr.-Tr.) Bor zwei Jahren wurde hier rin Verein unter dem Namen ״Emser Heilquelle" Kbegründet. «Acher «» sich zur Aufgabe gestellt hat, arme reiche Wirksqmkeit dieses Herein» erhöht sich mit jedem Jahre, »och mrhr aber die Anforderung an denselben, sodaß «» wüuschenSwerth ist. daß dst Gemeinden ihrem jäorlichen Budget ei« stehende Rubrik für die ״Lmser Heilquelle" einsüge«, um sich dadurch für ihre Schützlinge ein Borzugsrecht z« erwerben. An den Rabbinern und Lehrern .in erster Linie ist e«, dafür Sorge zu tragen, daß die« geschaht. *) Daß jede TheUnoa eine Schwächung de« Ganzen bedeutet, liegt auf der Hand: darur: sollte so lang« es geht eine solche vermieden werden Dem Uedelstande der räumlichen Sntsernung kann ja dadurch abgehoben werden, daß dl« Aenrralversammluna abwechselnd in einer ®tobt Schlefl«»« und Pm'-ns abgehaltrn wird. Wir verweisen t» dieser Beziehung euf de» Storin jüdischer Lehre« Rheinlands und Westfalen«, der^radr durch di« Verbindung zweier Provinzen so ersmrN ist, haß er Bedenkend« zu leist« oermag. (Reh.)

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