Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 35 (28.8.1890)
- Date
- 1890-08-28
- Page
- Seite 266 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht in eine Geschichte gehören, die aber die populäre Form des Buches erklärt, und die außerdem von vielfachem Interesse sind und dem Tesammtzwecke des Buches dienen. Es wäre vielleicht auch, trotz de» eben erwähnten inner« Zusammenhangs, diesem Zwecke förderlicher gewesen. wenn der Verfasser die beiden Haupttheike gesondert herausgegeben hätte. Die Geschichte der engl. Juden reizt einen deutschen Leserkreis weniger, und die Abhandlung über den Antisemitismus, die so überaus wichtig ist und die größte Verbleitnng verdient, läßt sich unter jenem Titel gar nicht vermulhcn. — Die Nachrichten über die Verschwägerung englischer Juden mit der hohen und höchsten Aristokratie des Landes hätten — beiläufig gesagt — fehlen dürfen; wichtiger ist, daß ihnen je nach ihren Fähigkeiten alle Aemter offen stehen, und es ist ein schöner Zufall, daß heute — 600 Jahre nach der Vertreibung — ein Jude das höchste Ehrenamts der Weltstadt Londons, das c>neH,Lord, Mayors, verwaltet- Bon Viesen leuchtenden englischen Zuständen wendet sich nun der Verfasser mit schmerzlichem Gefühl der antisemitischen Bewegung .in Deutschland zu. «Jedem vorurtheilssrejen, billig und frei denkenden Deutschen muß ein Gefühl der . Trauer und Scham überwältigen, daß man, im Lande der Aufklärung und religiösen Duldung ttaler dem Volke, das Byron «die große Nation der Philosophen und Denkernannte, wenn auch in sehr beschränkten Kreisen und an wenigen (?) Orlen, gegen die Juden wieder eine Intoleranz zu erwecken suchte und sucht, wie sie ehedem in den finstern Zeiten geherrscht und welche eines Volkes, wie das deutsci-e, unwürdig ist. Mir Schamgefühl mußten die im Auslande wohnenden Deutschen die de» müthige, verächtliche Beurtheilung des Vaterlandes eines Lefsing aus dem Munde intelligenter Fremden, von Seiten der englischen und französischen Presse hinnehmen.- (S. 92) In eingehender Weise werden nun die Gründe der antisemitischen Agitation untersucht und nach allen Seiten hin, ob sie christlich-religiöser, ob ethnologischer, geschichtlicher oder socialer Art sind, widerlegt. ES würde zu weit führen, der klaren, einleuchtenden Beweisführung oeS Verfassers bis ins Einzelne zu folgen, aus Geschichte und Philosophie, aus Bibel und Talmud, au» Leben und Erfahrung, aus dem Lager der Gegner selber und vor allem au» seinem rechtlich denkenden, warmfühlenden Herze» holt er die Waffen. Nur einige Kernstellen seien hier hervorgehoben. »Man schließt den Juden auf der einen Seite au» und auf der andern wirst man ihm vor, daß er sich ausschließt. Wer kann es läugnen, daß zuweilen der hoch» gebildete, feinfühlende Jude von edlem Eharakter von sogenannten Ehristen, die geistig und moralisch .tief, untet ihm stehen, als ein Geächteter angesehen wird, dem Spott und Verachtung gebühre?- (S. 97.) «Das Judentum verttägt sich vollständig mit all- «meiner Freiheit. Brüderlichkeit und treuer Vaterlandsliebe. Ein Jude kann zugleich ern guter Jude und ein guter Deutscher sein, wie der Ehrist.- (S. I0S.) «Die Wörter Semit, semitisch, werden heute in Deutschland von antisemitischer Ignoranz und Intoleranz im ver- Lcktlichen, wegwerfendem Sinne gebraucht und doch sind e» Ehrennamen im wahren Sinne de» Worte-.- (S. 107.) »Man macht den Juden ohnedies den Patriotismus heute schon sehr schwer, ja man giebt sich alle mögliche Mühe, sie zu schlechten Deutschen zu machen.- Ja, fürwahr, man macht ihnen den Patriotismus schwer! Wer je al» Jude längere Zeit im Auslande gelebt, ist gewiß der erstaunten Frage begegnet: «Wie, Sie al» Jude können Deutschland lieben?- Doch trotz alledem und alledem der deutsche Jude liebt sein Vaterland, hängt chm ra mit allen Faser» seine» Herzen», und wenn er es auch nicht ausspricht, er fühlt die Wahrheit de» Andersea'schen Worts: «Liebt man seiqz Mutter wmiger, auch wen« sieHI häßlich ist?- Der falsche Patriotismus aber, ist auch — und be- 5 sonder» bei der Jugend — einer der Gründe der antise» r'| mitifchen Bewegung. Wer es gesagt hätte vor zwanzig . -A Jahren, als Deutschlands Söhne m Heller, einmüchiger Begeisterung zum Kampfe auszogen, al» da» Vaterland an alle seine Kinder die schwersten Anforderungen stellte und y■ als alle sie gleich treu erfüllten, wer e» gesagt hätte, daß man bald darauf es wagen dürfe, Deutsche in Deutschland als Fremde zu schmähen, zu hassen und zu verfolgen, man יwürde seiner gelacht haben. Und doch, wie ist eso wahr, so traurig wahr geworden! Nach der begeisterten E rhebuug kam die thörichte U e b e r Hebung, nach dem hohen streben . das niedrige Strebcrthnm, nach dem Deutschthum die Deutschihümelei, die Zeit des Hasses, der Zwietracht, der Perläumdung., ,.Da.sollten die Deutsche«. geschsiÄttr werde» ReichSfreunde und Reichsseinde, in Protestanten uud Katholiken. in Einheimische und Fremde, in German:n und * Semiten. Da» ist die Schuld der Großen, der Führer de» ׳; Volles, der Regierung, die ewig unsühnbare Schuld, daß sie nicht rechtzeitig die Gefahr erkennen woMeg״,.hftß..U,.,^ anstatt׳ sich׳ifpu ׳ dtttMiWstemüiett^Pst' da« irre geletiWM Nationalgefühl zu kleinlichen Zwecken auSgebeutet haben, h Wahrlich, es muß dem Deutschthum eine liest Kraft inne ' wohnen, es muß in dem Herzen der Verfolgten und Ge- .׳. schmähten eine reine Vaterlandsliebe glühen, wen» eS de» kurzsichtigen Staatsmännern, den haßerfüllten Hetzpredigern und Agitatoren nickt gelungen ist, so viel Reicksfeinde zu ] züchten, als ihr Thun schon vorausgesetzt. Daß eS ihnen nickt gelungen, da» ist mit auch ein Verdienst jener edlen! Männer, die die Fahne de» echten DeutschthumS, die Fahne der Gerechtigkeit und Menschenliebe stethochgehalten, dst sich der Berläumdung muthig entgegengestellt und e» al» chre Ehrenpflicht empfunden haben, da laut zu reden, wo oft ein falsches Feingefühl die unrecht Beschuldigten schweigen ließ. »Die Antisemiten werden jedoch nicht siegen, die Deutsche« werden ihnen beweisen, daß ihnen weder Billigkeit noch polstischer Verstand fehlt, und eS ist zu hoffen, ja zu erwarten, daß vorurtheilssteie deutsche Männer, Meister de» Worte» und der Feder, ihre Lanze gegen die grassiereade . Intoleranz erheben werden.- Solche Männer haben sich schon erhoben, und Prof. ד Schaible darf sich ihnen tühnlcch zugesellen. Ihnen alle», : und ihm insbesondere, unsere Anerkennung und . unfern Dank! ׳ . ■j ««»er Me Lege der J«de» in schreibt ein gut «uterrtchteter Eorrespondrut der «Frankfurter Zeitung- Folgende»: Die Verhältnisse haben sich wirklich so gestaltet, daß die Lage der russische» Juden geradezu eine unerträgliche geworden ist; sie hat sich vou Jahr zu Jahr vttschlimmert «ad e» scheint sich jetzt zu erfüll», »r« 1882 die «Rowoje Wremjadem damalige» Miaister de» Jauwu, de« General Jguatje», rieth, niwlich: daß er den Jude« tu Rußland den Anstnthalt so «ueeträgUch mache, daß dieselbe» fich gezwungen sähe», sammt na» sonder» da» Laud zu »er« lassen. Jguatje» hat redlich daS Setaige gethan. Die »«« ihm erlassenen Maßregel« betr. die jüdische Bevölkerung auf de« Laute waren so drakonischer An, daß Hunderttausetzda an den Bettelstab gebracht wurden, Huoderttauseude fich dem Hungertode preiSgegebeu sahen. Uud wen» die Emigration nicht die von den Äutisewiten gewünschten Dimenfioueu annah«, so loa e» durchaus nicht an dem Dille» der unglückliche« Opfer dieser fanansche» verfotguugSwuth. sondern an de« Können. Man hatte kau« die Mittel, da» zum Fristen de» elenden Leben» oochweudige Brod zu kaufen, woher sollte» die Mittel zur Auswanderung genommen werden? Kanu überhaupt eine B.wölleruug . von «chr al« vier Millionen mr deueu '/״ Bettler fta», emtgrtreu?