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Israelitische Wochenschrift · 1890-07-24 · 30 (24.7.1890) · p. Seite 226

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
30 (24.7.1890)
Date
1890-07-24
Page
Seite 226 (sequence 2)
Language
German
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durch di« bitterste« Erfahrnnge« zu ei«» jfefte» Bruder» dm»« vereinigt. Welche Sprache auch ianncr fie redete», min welche« Balle fie auch immer wohnten, sranzäfisch« «ud deutsä e Jude», englisch«. spautsche und portngiefisch«, alle fühlen sie fich al« Brüder, al« Mitglieder einer Ge» «eind«. Wa« der Bestand de« vaterlaade« nicht vermocht hatte, da« zeitigte der Untergang deflelbeu: Treue« brüderliche« Zusammenhalten aller Jude». War die Theiloahme der einen Gemeinde für die andere, de« einen Mitgliedes für da« andere schon sehr groß, so »ar dieselbe noch hingrbender und intenfiver in jedem einzelnen Hause. Wer riumsl die echte, aufopfernde Liebe der jüdischen Eltern gegen ihre Sinder und die volle Hingebuug dieser au ihre Eltern gesehen hat, der wird ohne Zweifel mit Rührung anerkennen müssen, daß nur au« solche« Boden eia Baum herau-wachsen konnte, der schon Jahrtausende den Stürmen der Zeit getrotzt hat und denselben auch weiter trotze» wird. Der politische Druck» dem die Juden au«grsetzt waren» der Haß und dir Verachtung» die fie auf allen Wegen in der Zerstreuung fanden, hat die einzelnen Familienglieder fester an einander gerückt und Familienbande in Israel geschaffen, die unzerreißbar find. O, möchte e« doch in Ewigkeit so bleiben! Möchte doch immer und ewig der J«raelit in einem geordneten, licht« und liebumstrablten Familienleben sein höchste» Glück suchen und finden. Der Untergang de« Reiche« mit seinen ge» schichtlichen Konsequenzen hat also nicht wenig zur Festigung der Familieabande beigetrageu. Die köstlichste Frucht jene« weltgeschichtlichen Ereigniffe« aber »ar eine reine und unbegrenzte Verehrung Gottes, die Grundbedingung für da« Fortbestehen de« Juden» thum«. Jene« schwächliche Hin- und Herueigeu von eine« Irrglauben zum andern hatte jetzt aufgehört. Vorwurfsvoll und reumüthig hatten fich die Juden »ach der Vertreibung audem gelobtem Laude au die Brust geschlagen, mußten fie doch einen großen Theil de« Elend« sich selbst, ihrer Sbgöttrrei und ihrem Abfall vom Wege der Tugend zuschreibeu. Jetzt aber kehrten fie zu Gott und zur Tugend zurück. Der Kulms wurde rein von allem heidnischen Beigeschmack und im lauteren Erguffe ihre« Herzen« offenbarte« die Juden.ihre uuvertUgbare Zugehörigkeit zu Gott. So ist e« geblieben. Diese BuudeSgenoffeuschaft mit Gott aber ist die sicherste Gewähr für den Fortbestand te» Judeuthnm«, und weil fie in ihrer Festigkeit und Innigkeit ebenfalls zum Thell eine Folge der Zerstörung Jerusalem« «ad de« Drucke» der Verbannung war, muß man da« tragische Ereigniß de« Jahres 70 als einen wesentlichen Faktor für den Fortbestand de« Judenthum« ansehen. Daganze Leben der Juden war ein innerliche« geworden. Geist und Gemüth bildeten sich bei ihnen in einer Weise au«, wie man «S wohl kaum bei einem anderen Volke sieht. Die Uebertragung dieser Bildung, diese« Pietät» vollcn und zähen Festhalten« au den überlieferten Sitten und Gebräuchen, die e« Bewußtsein« der Zusammengehörigkeit, von Vater aus Sohn, von Geschlecht aus Geschlecht hat diesen Rest de« politisch untergegaugenen Volke« trotz.der blutigsten Verfolgungen in den Stürmen der Zeit erhalten. Und treu ihrem Berufe haben die Judm die in ihrem Schoße geborne GotleSidee in die Welt hinauSgetrageu, haben fie da« Dunkel geistiger Befangenheit erhellt durch die glänzenden Strahlen ihrer religiöse« Anschauungen. Schwerlich oder doch vielleicht erst viel später hätte» fie diese ihnen von ®ott, überwiesenen Aufgaben erfüllen können, wenn die Mauern Jerusalem« sie noch länger zu» sammrngehalten hätte», denn hier hätten sich auch ohne den gewaltsamen Untergang der Siadt und de« Staate« die an individueller Eigenart so reichen und starken Juden in dem wilden Drange nach Bethätigung derselben bi« zur Ver- »ichwng aufgerieben. Da« Grab der nationalen Freiheit und Selbstständigkeit wurde daher zur Wiege und zum Pflanzboden der Freiheit de« jüdische» Kultur» und Familienleben«. DaSJudenthmu - hat durch de» Uutergaug de« jüdische» Staate« nicht »er- Urea, sondern gewonnen, gewonnen au Frische «ud Kraft, au Tiefe «ud Jnnigkeit.*) Nach hier bewährte fich de« Dichter« Wort: ״Da« »lw stürzt, «» Ladern sich die Zelten, Und neae« Leben blüht an» de» Rainen." II». L. VUbtt de« Umterricht i» jüdischer Geschichte i« der vottü- «»d in der vteli-io»Ssch»le. Loa Landrabbiaer De. Guitmann t» HUdeShel«.—) Eine Gemeinschaft, die ihre rigene Vergangenheit nicht kennt, ist wie ein Mensch, dem die Kraft de« Gedächtnisse« fehlt. Die Gegenwart ist ein Produkt der Vergangenheit; fie bildet gleichsam die Brück«, die un« au« der Vergangen» heit in die Zukunft hinüberfahrt. Wollen wir die Gegenwart verstehen, s» müffeu wir ihre Herkunft au« der Vergangenheit zu erforschen suchen; wer für die Zukunft wirken will, ter muß fich mit den geistigen und sittliche« Mächte» vertraut machen, die, wie fie da« Lebe» der Vergaugeoheit beherrscht, so auch auf die Entwickelung der Zuünft einen bestimmenden Einfluß ausüben werden. Soll daher die Schule, der ihr gesteckte» Nufgabe getreu, ein Geschlecht erziehen, da« an den idealen Aufgaben der Gegenwart thatkräftig mitwirkt, so muß fie in der Jugend . den Sinn und da« Berstäudniß für die geschichtliche Vergaagenheit zu erwecke» suchen, sie muß di« Jugend mit Liebe und Begeisterung zu erfüllen wiffen für die heiligen Ideale, die wir al« ein Erb« der Vergangenheit übrrnomme» haben uud auf die Zukunft fortzuflauzru berufen find. G» muß auch die jüdisch« Schule, um echte, glauben-treue «ad begeisterung-fähige Jude» herauzubildeu, der ihr auver» trauten Jugend da« Berstäudniß für die geschichtliche Vergaagenheit de« Judenthum« erschließen, fie muß fie durch einen augemeffeuea geschichtlichen Uaterricht für die Auf» gaben vorbereite», die da« Judenthum der Gegenwart zu erfüllen hat. Der Uaterricht in der jüdischen Geschichte kann aber auch ei» wesentliche« Förderung-mittel für den eigentlichen Religtou-unterricht sein; ja er ist selber ein Religionsunterricht im höchsten Sinne de« Wvrte«. Wen» eine denkende Betrachtung der Geschichte überhaupt ua» über da« Walten Gotte« im Leben ter Völker belehrt, so tritt diese heilige Offenbarung un« nirgend« so mächtig und eindrucksvoll wie in den wechseloollea Schicksalen de« jüdische» Stamme« entgegen. Da« Judemdum ist nach einem Worte Jehuda Halevi'« gleichsam da» Herz der ganzen Menschheit, so stellt un« die Geschichte de» Judenthum« dir Geschichte de« Menscheaherzen« dar. Und gerade in unseren Tagen ist r« mehr al« sonst geboten, durch einen wirksamen Uaterricht in der jüdischen Geschichte zur Kräftigung und Hebung de« jüdischen Bewußtsein« beizutragen. Woran r» dem Judeuthnm der Gegenwart fehlt, da« ist der Stolz, die Bekenntnißfreudigkeit, wie fie au» dem Bewußtsein einer großen geschichtlichen Vergangenheit entspringen. Wa« weiß unser heutige» Geschlecht von der Hrldengröße unsere« Stammes, von dem gewaltigen Martyrium, der wunderbaren Standhaftigkeit und Treue, mit der unsere Väter so viele Jahrhunderte hindurch für >ihre Ueberzengungen eingetreteu stad? Der Abfall in unseren Reihen, die Geringschätzung, mit der so viele uater ua« auf da« Judenthum herabblicken, ist eine unausbleibliche Folge dieser Uakeuatniß, der in wirksamer Weis»- abzuhelfen, die jüdische Schule fort»» bestrebt sei» muß. Bisher ist in den meisten Schulen unserer Provinz der jüdische Geschichtsunterricht über die Grenze» der sogenannte« *) Da» ist wohl auch der Sinn des Midrasch zu Richter 6,11: צררה עשה להם הק״ב׳־ה לישראל שפזרן כין האומות• »Eine Mohlthat hat Sott Israel durch di« Zerstreuung erwiesen." •*) Referat auf der diesjährigen hannöverschea Lehrer-Bersamiuluug. (Siehe unter »Hannover.")

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