Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift · 1890-07-17 · 29 (17.7.1890) · p. Seite 221

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
29 (17.7.1890)
Date
1890-07-17
Page
Seite 221 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/6492344-5935074-5956731--0257-5373865
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Bald ei» Jahrhundert sind Mendelssohn'» Nachkommen Christen und einer darunter, auch «In Unsterblicher: »Cr bracht' «» weit Im Chrlstenthu«, Ist schon Capellenmrister». «I« Hein« spöttelt; uod nun leset einmal, wie der antisemitisch« Heerbann wieder ste (und den ,Juoeabrunnen" in Dessau) ausaeboten ward. Di« ganze Meute wurde loögclassen auf jener Gelauster Waden. Sie blieben eben — Juden. Da sehet Ihr, n>a» rt nützt. Senn einer au» Ueberzeugung hingeht, den Gott seiner Väter objuschwören und sein Haupt dem ae» weihten Baffer zu beugen, — darüb-r kein Bort! Aber wen Irelbt heut« Ueberjeugung, wen leiten ethisch zu rechtfertigende Regungen? »einen; sonder« nur Bunsch nach rascherer Besirderuna, die ohne» die» dann ausbleibt. Der leidigen Carrier« wird die Religto» der Väter aeovsert und tu scheinheiliger, augenrerdrehender Lartüsseri« — den Linder»! Ihr erweiset Ihnen traun den schlechtesten Dienst damit, verblendet« Eltern. ihr macht st« zu Zwittern, zu Amphibien der Religionen, zu Hermaphroditen! Seiner vlaubentoeeossenschast gehöre» ste reibt an, weil sie eben «ich!» glauben. Deshalb tat der große Mose» Mend«l»so bn an jene» Tage heruatergelächelt auf sein« kleinen Enkel, ab;r sein Lächeln war bitter wie Wermuth. Und wenn di« antisemilisch« Horde vor dem Glut« eine» Heroen keinen Reipeet mehr hat, wa» gilt ihr dann da» Blut der Zwerggeschlechter? Bleibet bet uns, auf daß wir aneinander erstarke», Ueberlä ufer ernten i««!r Verachtung und wenn der Mradelssohntag nur tu einem Einzigen über jenen Echri» Betenken erregt«, dann — glaub' ich — ist der alt« Mose» damit zufrieden I F. Wie« Der hiesige Magistrat ist i» einer begründete» Beschwerde de« Borstande», betreff» unbefugter "IV2.Be- »eich»»ng seiten» einiger Fleischer, durch folgenden Erlaß beigetreten: »Ueber da» Ansuchen de» Vorstandes der israel. Cultu»gem«ind« tu Bien um Untersagung der Führung von Hebräischen Aus» nm aus den Betriebst»»««!, der Fleisch-Verschleißer (es folgen hier amen) erhalten die Gemeinden i» Gemlßheit de» g 44 der Ge- Seibe-Vrdnung hiermit den Auftrag, di« in Rede stehende hebräisch« ezeichnuag von ihren LeschSflslolalen sogleich zu entfernen, nachdem lau« der Eingang« »rwähnlen Beschwerde da» Rabbinat der i»rael. Cnltnsgemeind« in Bien sich veranlaßt gesehen hat, den Angezeiftte» da» vertrauen zu entziehe«. Soschersleisch ausznschrotten, und die Qualifielruag de» Fleische» als .koscher" gemä» Artikel 1b de» Staats.rundgesetze« über di« allgemeine» Rette der Staatsbürger vom 31. Dezember 184*7 Rr. Ibii R.-G.-Vl. eine Lultusangelegrnheit der israelitischen Religionsaenoffenschast ist ' Da» städtisch« Markikommissariat wird unter Einem a»gewiese», di« Befolgung diese» Auftrages zu überwachen und sohi» Bericht zu erstatte». Hiervon wird der l»bl. Vorstand der i»raelit. Sultusgemeind« in Bien i» Erledigung seiner Eingabe vom 1V. März 1800 Rr. 9j0b7 hiermit in Senntniß gesetzt. Bien, den 87. Juni 1890. Der Magistrat« » vice » Direktor: rn. p. Er« nn." An den löbl. Vorstand de» tsrael. Luliutgememde in Bien. Fra»kr-tch. V«ri». Soknüpsend g» ,tue Meldung au» Berlin, «»»ach die Einberufung eine» Songreffe» der deutsche« Antisemite» bevorstehe, bespricht der ,Figaro" in einem äußerst scharfsinnigen Artikel die sogenannte Judenfrage. Er freut sich vor Allem, daß jene Nachricht au» De»tschland stammt; da e« sich um eine Ungerechtigkeit handle, sagt rr. s« müsse man sich beglückwünschen, daß sie von dorther komme. Er geht sodann auf die Ursache» der Beweguag rin uod weist nach, daß diejenigen, die de» Ruf au»stoßeu: .Nieder mit de» Jude ul" diese» Aeldgrschrei nur gewählt habe», »eil ste micht de» Muth haben, zu rufen: »Nieder mit den Reichen!" Ste speculiren auf dir Nolh, die Unzufriedenheit und den Neid der Massen und werden auf solche Weise zu Bolk»ver» führe», deren gewissenlose« und' gefährliche» Treiben nicht« entschuldigen kann. Der Artikel schließt mit folgenden» deruerkenSwerthen Auslassungen: »Wo stad sie denn übrigen», alle diese reichen Juden, die man der Bolk»wuth preisgeben möchte? Man gehe doch hin und schaue ste sich an in der La« äs I.»pps und anderen Quartieren I E» gibt auch in Deutschland unter ihnen die grögte Noth, und wer, der in Laudon war, hat nicht schon etamal die abgelegenen Gäßcheu durchschritten, wo ste allein mit ihrem Elend und ihrer Verzweiflung Hausen — ohne jemals zu betteln. E« gibt s» manchen unter ihnen, der zu beklagen ist, und e» gibt auch so manchen Christen, der eia große» Vermögen sein eigen ne«»t und doch letlli» dieser Armseligen aufwiegt. Der Mensch gilt nnr um seiner selbst willen, gleichgilti, wie die Farbe seiner Haut oder der Zuschnitt seine» Glauben» beschaffen sein wäge. — Die Schattenseite de» jüdischen (?) Lharakter», seine Sucht sich zu bereichern, soll hier nicht verschwiegen werden. Aber kommt e« un« zu. ihn deshalb zu schmähen, ua», die diese Sucht selber geschaffen haben? Jahr- Hunderte lang haben diese Leute isolirt leben müssen, hinter ihren vergitterten Fenstern in den Ghetto», in die sie die öffentliche Anschauung gesverrt hatte. Sie durften weder Soldaten noch Richter, noch Bürger sein; sie hatte» kein Baterland zu vertheidigen, da jede» Laad sie auSstieß; ste konnten keinem König« dienen, da ihnen ja schon der blaße Anblick eine» gekrönten Haupte» verboten war; ste durften keine GesetzeSstudie» treiben, da ste ja außerhalb aller Gesetze standen; ste hatten keine Stadt zu verschönern, denn ste waren ja nirgend» Bürger, eben nur geduldet in ihren ver» fehmten Wohnstätten. — Die Kunst? Die war domal« eng mit der Religion verknüpft. -Der Luxu«? Edikte von geradezu gehäsfiger Strenge untersagten ihnen jeden Schimmer eine» solchen. Und ei» besondere« Gewand, häßlich und schmutzig zuglrtch, war ihnen aufgeavthigt. um ste der öffentlichen Aufmerksamkeit bereit» »ou »eite« zu kennzeichne»; ste trugen auf dem Rücken da» brennende Mal der Galeerensträfliagel — Sie durften keine Ausgaben machen, aber der Erwerb war ihnen gestattet — daher ihr Reichthum. Denn da« Einzige, wa» man ihnen gelassen hatte, war der Handel, da» Geldverleihe», mißachtete Geschäfte, durch welche ste fich langsam und geduldig ihr« Wirderbefreiung erkauften . . . Sie haben fich bereichert, «eil ihnen zunächst nicht« andere» übrig blieb; dann habe» fl« e« absichtlich gethaa. al» ste sahen» daß da« Gold eine« Tage» die Freiheit und die Unabhängigkrit sein würde. Dem Bolle haben ste nirmal« UebleS zugefügt, »e«halb sollte da» Volk fich nun gegen ste wenden? Diejenigen täuschen fich, di« da glaubea, fi« könnten daffelbe unter religiöse« Borwanbe zum Sturme auf da« Kapital führen. Der Streit zwischen den verschiedenen Bekrnntaiffe» ist zu Ende, au seine Stell« ist der zwischen den Klassen getreten." B. Lille. Ein hiesige» antisemitische» Blatt ״Le LilloiS". wurde «ege» Aufrelzung zu« Raffeahaß in zwei Prozeffen, zuerst zu 100 Franken Buße und 100 Franke« Schadenersatz und daun zu 200 Fr. Strafe »erurtheilt. Obwohl »ur eia Privalktäger aufgetreten war, so iuterventrte doch der Staatsanwalt i« Interesse der öffentlichen Sicherheit. Dieser sagte u. A.: ,Vergessen wir nicht, die Jude« find ausgezeichnete Franzosen, fie haben mit un« ihr Blut auf den Schlachtfelder» vergossen, fie geben de« Handel und der Industrie einen großen Aufschwung und zahlen ihre Steuern pünktlich. Sie bleiben allen politischen Zutrigueu fern und gehören iu keiner Weise den Anarchisten an." Der Präfideot richtet« «ach dem Urtheilspruche folgende Worte au de« Angeklagten: ,Nehmen Sie sich jetzt in Acht, wenn Sie ihre verleumderischen Artikel gegen ehrbare Bürger fortsetzen, so wird da» Gericht fich da« nächste Mal sehr streng erweisen, seien Sie als» gewarnt." Grofidrttäwwte». 6. Eamtzribge. Gelegentlich der Mittheilung von der Ecnennuag de» Herrn S. Sch echter zum Lector der talmudischeu Fächer an hiesiger Universität dürfte e» die Leser Ihre» geschätzten Blatte« interesfirea, einige« Nähere über dieselbe zu erfahren. Be!m Begürn de» 16. Jahrhundert» wurde der Unterricht im Hebräischen an unserer Universität eröffnet. B:i der Einführung dieser DiSciplin, so wie auch der Vorlesungen über griechische Sprache gab e« große Schwierigkeiten zu überwinde». E» standen keine Fond» zur Bestreitung der Kosten für diese UaterrichtSzweige zur Verfügung und von 1535 bi» 1537 mußte man diese durch Tuspendiruag de» Lertor» der Mathematik «ad Verwendung seine» Gehaltes für die benannte DiSciplin aufzubriagen suchen. Später

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.