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Israelitische Wochenschrift · 1890-07-17 · 29 (17.7.1890) · p. Seite 220

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
29 (17.7.1890)
Date
1890-07-17
Page
Seite 220 (sequence 4)
Language
German
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224 — ntaurtr', au« de« folgende Sätze gewiß sehr viele Leser diese» Blatte» iuteresfireu dürften. <?» heißt darin: ,Er (Johanne» der Tänfer) war unter allen' Juden der Erste, der den Baun de» auf ihnen lastenden Borvrtheil» durchbrach. Inf seinen Stammbaum pochte da« Volk, »braham» Sinder und Erbe« wollten fie sein; stolz nannten fie fich die An»erwählten de» Herrn. Er aber rief ihnen ,u: ,Ihr Otterngezüchte, «er hat denn Euch gewiese«, daß Ihr de« zukünftigen Zorn entrinnen werdet." Allein Johanne« war nicht der Erste. Schon der Prophet Jesaja spricht (19. 28): ,Gesegnet Mein Bolk Egypten und Meine Schöpfung Affyrien «ad Mein Erbe Israeli" Derselbe Prophet predigt (56. 3, 6. 7): ,Der Fremde, welcher fich au Gott auschließt, glaube nicht: Gott wird mich absoudern von Seinem Bolke!-Ich «erde fie bringen auf Meinen heiligen Berg und »erde fie erfreuen in Meinem Bethause: —-denn Mein Han» wird «in Bethau» heißen für alle Böller." Im Gegensätze dazu steht a«der»wo (E. 58.1—2): ,Ruf« an« voller Sehle, sei nicht still, posaunengleich erhebe Deine Stimm« und verkünde Meine« Volke ihren Abfall und dem Haus« Jacob« ihre Sünde. Mich suchen fie Lag für Lag und Meine Wege möchten sie erkennen, al» wären fie ein Bolk. da» Gerechtigkeit übt und seine» Gotte» Gesetz nicht verläßt." Ferner führt der Prophet Ezechiel de« längeren an» (14, 12 ff.), daß drei so fromme Männer wie Noah, Daniel «ud Hiob inmitten eine« verderbten Volke» nicht einmal ihre eigene« schuldbeladenen Sinder, geschweige denn da» Volk vor dem göttlichen Zorne reiten können. Besonder» scharf erklärt der Prophet Male acht (1.11,12): ,Von Osten bi» zum Westen steht Mein Name hoch tu Edreu unter den Böllern--aber ihr entweihet Ihn." Daß diese Borurth«il»lofigkeit auch in der tal» mudischeu Zett zu finden war, beweist u. A. der Aussprach eine» alten Weisen (Tana drbe Elia zu Richte: 4. 4): ,Himmel «ud Erd« rafe ich zu Zeugen, e» sei Nicht- Israelit oder Israelit, Mann oder Weib, Suecht »der Magd, je nach seinen Werken ruht heiliger Geist auf ih«l" Made«. Die ,Bad. Lavd«»ztg." hatte vor einiger Zeit die Minheilung gebracht, daß in einer badischen Gemeinde mtt überwiegend jüdischer Bevölkerung in der Simultanschule der betreffende Rabbiner erklärt haben soll, da« imTchulzimmer befindlich« »ruzifix müsse hinan», da beim Anblick diese» Zeichen« der Ehrifte« die religiösen Gefühle der jüdischen Schüler verletzt würden. Diese Mittheiluag wurde zunächst in den gebildeten jüdischen Sreisea stark bezweifelt. Jetzt erfolgt eine weitere Srklirung der gen. Zeitung, die leider da« Faktum bestätig». Sie schreibt: ,Einige Wochen nach Beröffevtlichnng dieser Notiz wandte fich der Borstaud de» ,Oberrath» der JSrarltten" an un» mit der Aufforderung den Namen jene» Rabbiner» mttzuthrilen, damit der Oberrath in der Lage sei, dem Rabbiner da» Ungeeignete seine» Vorgehen« zu eröffnen. Unsere angestellten Ermittelnngea haben ergebe«, daß jene Aufforderuug in der That erfolgt ist und zwar durch den Rabbiner Dr. Löweustein in Gailiugeuz. Z. in Mosbach. Seinem Berlangeu wurde von Herr» Srei«. schulrath Seitz, Hofrath in Konstanz, mit der Bemerkung widersprochen: ,Ich lasse mir da» nicht nachsageu, daß unter mir da» Sruzifix zur Schule hiuausgetriedeu wird. Wenn Sie wollen, dann können Sie ja auch die zehn Gebote Gotte» daneben hängen." Infolge diese» energischen W der» spräche» blieb da» Sruzifix bi« heute. Derselbe Rabbiner Löweustein hat auch verlangt, daß an den gesetzlich nicht geschützten katholischen Feiertagen Schule gehalten werden soll. Erft infolge ernergischeu Widerspruch« hat der Herr Rabb. »on seinem Verlangen Abstand genommen. So viel zur Er- Härtung de» Thatsächlichm. Wir haben dem Oberrath hier» von Mtttheilung gemacht und ihm auch den Namen unsere» GevährSmanne» genannt." — Die .ScfUjztg." benützt da« ganze Borkommniß. da« wir allerdiug« auch al» ein höchst bedauerliche» bezeichnen müffen, dazu, um die Teutrumspartri gegen di« Juden einzunehmeu, indem sie besonder» hervor» hebt, ,der Schauplatz dieser vorgäage jüdischer Anmaßung war eine katholische Schule." (Für da» zrlotische Ler« fahren eine» Einzelnen ist doch aber die Sesammtheit nicht verantworlich zu machen.) Wan«hei«, 9. Juli. Vor dem hiefigeu Schöffen» ««richte spielte sich gestern eia Anti srmiteu-Prozeß ab. Demselben lag eine Privatbeleidig uugöklag« dr» Profrffor» Dr. Sevi» in Ladeuburg gegen Saufmaun Karl Frrytag, Laufmaau Sarl Mayer und Redactenr Sarl Molitor, simmt» lich von Ladeuburg zugrunde. Di« Anklage besagt, daß Freytag zur Zeit der letzte« Reich»tag«wahl beleidigend« ««»drücke gegen den Privatkläger gebraucht und einen Ar» tikel i« Ladenbnrger Wochenblatt »erfaßt Hab«, deffen Inhalt tbenfall» brleidigead war. Außerdem hat Freytag gemeinsam mit Mayer eia Schreiben an de« Gemrinderath Ladenburg gerichtet, worin sie fich über da» antisemitische Lretben de» Sevi« beschwerten und deffen Entfernung an» dem Amte verlangten. Molitor ist al» verantwortlicher Redectenr an» grNagt, diesen Artikel aufgtnommeu zu haben. Der Gericht»» Hof konnte fich nicht überzeugen, daß in de« Schreiben an dem Ladenbnrger Gemrinderath eine Handlung wider deffere» Wissen enthalten sei; die Berfa ffer hätte« vielmehr gute Gründe zu der Annahme gehabt, daß Seviu antisemitisch« Zwecke fördere. Auch sei die Behauptung, daß jemand antisrmttische Agitattou treibe durchaus keine Leleidigmig. Allerdings fiel erschwerender Weise in» Gewicht, daß dieser Eingabe ei» durchaus gehäsflge» Mali» ^zu Grunde gelegen ist, nämlich Sevin um Amt und Brod zu bringen. Die Angeklagte» Mayer und Freytag erhalten »egen Beleidigung im Sinne de» ß 18 5 R.-Dt..G.-V. eine Geldstrafe und zmar erstrrrr von 20. letzterer von 23 Mk. Molitor wir» sreigesprocheu, weil au» dem Artikel krin«»fall» hervorgeht, daß Seviu ge- «eint sei. Der PrivatNlger Sevi», gegen welche« die An» geklagten «ine Wirderilag« angestrengt hatten, erhielt »ege» einfacher B eleidigung dr» Mayer eine Geldstrafe von 3 Mk. Lefterreicd-U^aar». Wie«, 13. Juli. Au» de« in der östrrr. Wochen» schrift »eröffeuUichlen ,Nachwort zum Mendelssohn-Feste" verdienen mehrere Sätze «ine weiter« Brrbreitnug auch tu dm Srriseu Ihrer geschätzten Leser in Deutschland, »eil fie eine sehr zeitgemäße Mahnung für viel« Väter und Mütter enthalten, die in jetziger Zeit e» sehr leicht mit der Taufe ihrer Sinder nehmen, und zwar on» weiter keinem audem Grunde, al» um den «indem die Berspottungen seiten» der Aatisemitm zu ersparm. Jeder, der der Einweihung de» Mmdelssohn-Deukmal in Dessau beigewohnt hat. wird dem Schreiber de» ,Nach» wort«" znstimmen, wenn er sagt: .Was für gemischte Gefühle müssen wohl di« (getaufte») Rachkommen de« grogen Juden überkommen haben, als fie klein und beschämt dastanden i» Au «sichle ihre» Ahnherrn? Ihnen »st freilich kein verschulden teizumefien, fie find srei von jedem Vorwurf, fie können erhobenen H aupte» fich der Belt zeigen, find fie ja bereit» all .gute Christen" geboren. Aber derer, welche den Schritt thate» »ud die Familie Mendel« sohu, den Stolz des Judenthum« büke« «ulzogea, derer vermögen wir wahrlich n׳d>t ohne tiesiuurrste» Bedauern zugedenken, welche Gründe auch immer sie dazu bewogen hebe» mochten. Dem »I u d e n" Mendelssohn wurde endlich die gebührend« Dankesschuld durch Errichtung de« Denkmal» in feiner Vaterstadt gezollt. Und seine Urenkel, di« .Christen" Mendelssohn, standen dabei. (Und ein getauftrr Jude hielt die Festrede.) Sir können nicht schildern, mtt welcher unendlichen Bilterkett uns diese uackre Thatsache erfüllte und »ichi vermochten wir diese Dag« vorüberziehen zu lasse», ohne einige Betrachtungen daran zu knüpfen. Unser Mendelssohn war eia Jude, war stolz darauf Jude zu sei». Die Rachkommen verzichteten auf diese Ehr« freiwillig. Möge Jeder der heute leichtfertig den Schritt »um Dausstein thur» ihn etwas gründlicher bedenken, als dies gewöhnlich geschieht. Für di« Sinder! Rur für die Sinder! Das ist di« grob« Zauber» formel. Die Seldstdefchönigung, di« Selbsttäuschuag fuhrt Jeue irr«. Eure Siuder bleib.ur doch Juden, getauft« Juden, von Jud' und Christ scheel angesehen« Juden, uns Ihr habt nichts gewonnen und viel verloren.

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