Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 29 (17.7.1890)
- Date
- 1890-07-17
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
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W»«n4 nicht mit Gewalt zur Annahme zwinge»,.sondern für die freie Entschließung gewinnen. Andrerseil« kommt in Betracht, daß für die Aufnahme de« geistigen und moralischen Inhalt« der jüdischen Lehre eine gewisse Reife der Erkeuotniß und de« Charakter« gehört, wofür J«rarl erst der Vorbereitung und Erziehung bedurfte. Nicht minder, sogar in höherem Grade, war die« für die Heiden nvthig. Die« ist der Grund, warum J«rael unter ba« Gesetz gestellt wurde, wie die» heute noch im allgemeinen für jeden Menschen erforderlich ist. Die Beschränkung auf einfache Lehre und theoretischen Unterricht, ohne Erziehung und Ermahnung, ohne Zucht und Zwang ist eine Höhe der Moralität und charakterfeste Willensstärke, welche da« Jndividuum zu erstreben und zu erreichen hat, die aber der Masse und Gesammthrit von vornherein nicht eigen ist. Den idealen Standpunkt freier Selbstbestimmung kennt und empfiehlt auch da« Judrnthum, nicht nur die christliche Kirche; diese nur beschränkt fich darauf und verwirft die Zucht de« Gefetze«. Darum ist auch der praktische Einfluß der Kirche auf Staat und Leben mangelhaft, man erkennt diesen Mangel uud betont in Rückficht darauf neuerding« die Ausbildung und Stärkung de« sogen, praktischen Lhristenthum«. De« Judrnthum hat diese praktische Seite nie gefehlt. Luch der KatholiciSmu« hat fich in dieser Beziehung an da« Juden- I thu» gelehnt, in der evangelischen Kirche ist fie neu. In der Kindererziehuug macht man die gleiche Erfahruug. Unterricht und Erkenntniß reichen für die praktische Lhat und die Energie de« Willen» nicht au«. Die Masse de« Volke« steht auf demselbem Standpunkt. Die politische Erziehung und Haltung de« Volke« ruht auf derselben Erfahrung. Für volk»thümliche Selbstverwaltung, konstitutionelle Verfassung und republikanische Regierung hat nicht jeder Mensch und jede« Volk sofort die erforderliche Reife. In der Religio» ist e« nicht ander«. So begreifen wir die Geschichte und religiöse Entwickelung de« Judeathum« und dessen Zurückhaltung in der misfiouärtscheu Propaganda den rohen Heiden gegenüber. Die christliche Misfionsgeschichte ist von Zwang und Ueberredung bi« auf den heutigen Tag nicht ftei und hat früher selbst die Anwendung von Feuer und Schwert nicht gescheut; fie hat auch jetzt noch ihre Mißerfolg« und sogar auch trübe Erfahrungen, die an die lebensgefährlichen, mörderischen Vorgänge der Vorzeit erinnern, die jenen Ausspruch de« alten jüdischen Weisen in'« Gedächtniß zurückrufen: ,Wer den Heiden die Lehre bringt, begtebt fich tu Lebensgefahr und macht den bekehrten Heiden zum todeswürdigen Mörder und Verbrecher." L .. Kerichle und Gorrrfp-rrderr-err. Deutschlaad. Magdrturß, 9. Juli. Aus einem Briefe, welchen der verstorbene Professor Delitzsch unterm 16. März v. I. an Herrn Pastor Becker lHerauSgeber de« ,Monatsblattr« für Israeliten") schrieb, verdient folgende Stelle den stimmführenden Judenfeinden in'« Gewissen gerufen zu werden: Delitzsch dankt in seinem Briefe für die auf seinen Wunsch ihn zugesandteu Mtttheilungen über den ,Fall Bernstein" bezw. die in Verbindung damit gegen da« Jadenthum erhobene Beschuldigung. ,Ich habe nicht Übel Lust', noch einmal drein zu schlagen," fügt er hinzu. Am Schluß heißt e«: ,Eine Gottesgeißel ist dieser Blutverdachtl" Merlin» den IS. Juli. (Or.-Corr.) An dem deutschen Buudesschirßen, da« in den Tagen vom 6.—13. Juli hierselbst staltfavd, haben auch mehrere Glaubensgenossen lebhaften Authril genommen Im Finanzausschuß de« Eomitä« hat fich der bekannte Bankier Meyer Cohn, der auch für jüdische Zwecke stet« offen, Hand hat, große Verdienste um ba« Fest erworben. Unter den Schützen ist besouder« der Redakteur eine« jüdischen Blatte«, (des ,Hebrew"), Herr Philo Jakoby au« San Franet«ko, hervorgetreten. Herr Jakoby, der ttotz seiner kleinen Gestalt «in wahrer Athlet ist und fich tu Berlin 4 Shreudecher erschossen hat, hielt -i» der Bankethalle vor den versammelten Schützen die folgende .Ansprache i« Namen der amerikanischen Schützen: »Bon den fernen Gestaden de« stillen Meere» an» der Stadt Sa» Franei»ko in Lalisoraien stad wir hierher gekommen. Dort habe» viele tausende Deutsche ihr« zweite Heimstätte ansgeschlage» und Ich bin stolz, e« sagen zu können, fast Alle haben sich eine geachtete »nd unabhängige Stellung zu verschaffen gewußt, nicht durch da« Geld, welche« sie dort gesunden, soader» durch ihren goldenen Fleiß und die Energie, «elch« sie au» ihrem alten Baterland« dorthin verpflanzten. I» unserem Versammlungslokal hängt als sprechender vewei« für di« innig« Berbindung. die wir stet« mit dem alten Baterland« angestrebt haben, da» Danksch'eiben de» deutschen Reichstage» für ««ne von un» für di« Ueberschwemmtcn am Rhein gesandt« Summe und nicht nur Deatsche jeden Glauben» und Stande« betheiltgten sich an jenen Sammlungen, sondern auch viele einzeborene Amerikaner, denn dies« haben nicht vergessen, daß Deutschland e» war, welche» in den von der Union turchgemachten schwere« Zelten de» Kampfe» der Freiheit gegen die Finsterniß der Sklaverei un» ideelle und materiell« Hilf« leistete, al» e» die amerikanischen Obligationen kaufte, während di« anderen Länder «I verweigerten, «r.d dadurch half, unseren Kampf siegreich zu End« zu führen. — Zu diesem BundeSschießen nun sind einige von un» herübergekommca, um «n» mit Euch im friedlichen Kampf auf der Schießstätte zu meffen. Ich fordere Sie auf, aus da» Wohl unserer Freunde in der Heimath uud auf di« Union «ln Gla» zu leeren." Die Ansprache de« Herrn Jarody fand großen Beifall. Herr Jakoby hat auch bereit« Gelegenheit gehabt, neben seinen geistigen Waffen auch seine Trefffichrrgeit al« Schütze in den Dienst seiner Glaubensgenossen und der Stidt Sin Frauci«ko zu stellen, al« er an der Spitze de« sogen. »Bigilanzcomiläö" mit anderen muthigeu Bürgern, der in den Straßen San Franciöko« eingerissenen Unsicherheit steuerte. (Auch der Generalkonsul Wolfs, welcher bei dem AbschiedSbanket de« BundeSschießen« am Sonntag eine längere Ansprache hielt, ist eia Glaubensgenosse.) Merlin» 9. Juli. (Or.-Lor.) Nein, diese Juden! Selbst der gediegenste Arbeite.׳, der bei seiner anstrengende» Thätigkeit weder Tag noch Nacht scheut und bei seinem so kunstal« gefahrvollen Werke von gleich gediegenen Gehilfe» unterstützt steht, wird bei ihnen um den erwarteten Erfolg geprellt. — So berichten die heutigen Gerichtsverhandlungen: »Ein Trio von besonderer Gefährlichkeit beschäftigte am Dienstag di« zweite Strafkammer de« Landgericht» I. E» waren der Arbeiter Arndt, der Kutscher Friedrich Fischer und der Arbeiter Ad. Heckel. Di« ebensall» auf der Anklagebank befindliche Willwe Luis« Schön sollte sich der Hehlerei schuldig g macht vaben. I« Januar un» Fe» bruar d. I. wurde im Norden der Stadt eine ganz« Anzahl Einbrüche verübt, welch« der Art ihrer Ausführung nach von denfäben Wersoaea begangen sein mußten. Die Dieb« hatt!n e» aus die Komiorhäulche» abgesehen, welche sich inmitten btt Holz» und Kohlenpläpe zu befinden pflegen. Sie nahmen stet» ihren Eingang durch ein eing drückst«» Fenster und hatten meist Zeit genug, ihre Kunst ->n den .dieb« ,sicheren" Geldschiänken zu versuchen, di« sie dadurch zu öffnen pflegten daß sie die schweren Schränk« umk>pptea und dann mit Hilf« geeigneter Werkzeuge die Hinterwand loStrennten. Auf allen Höfen waren Hund« al» Wächter gewesen, di« sich in den fraglicher Rächte« aber nicht gerührt hatten, die Dieb« mußlen eigenartige Kittel anaewendet haben, um bie Thier« zu beruhigen, denn bei allen zeigten sich am folgende» Tag« Brecherscheinungen. Bet einem Holzhändler in der Furchtitraße er» beuteten dl« Diebe nur etwa 100 Mark und ihre Uazu'riedenheit hier» über gaben sie dadurch Ausdruck, daß sie «inen Zettel htaterließen mit den Warten: .Bitte, zu weatg, da» nächste Mal mehr, Sie oller Jude", und hieran knüpft« «Ich noch ein« gemein« Redcn»arr. Die Angeklagten legten sich auf'« Leugnen, jedoch hi lt der Liaatlanwalt sie durch die umfangreich« Beweisaufnahme in allen Fällen für überführt. Er beantragte gegen Arndt 16, gegen Fischer un» Hecket je 12 Jahre Zuchihau», gegen die Wittwe Schön «In Jahr Sefängniß. Da» Urtheil lautete gegen Arndt aus acht» gegen Fischer auf sech» und gegen Heckel aus zwei Jahr« Zuchtsau». Dl« Schön wurde zn zwei Monaten Gestngniß veritrtheilt. Der Gerichtshof hatte einige Fäll« al» nicht genügend erwiesen au»g schi>׳dea." Bei der nächsten Reich-tazSwahl wird also leider nur einer von diesen edlem Kleeblatte die Bestrebungen der Herren Stöcker, Böckel. Pickendach rc. zu unterstützen in der Lage sein. Ktraßturgiw Elsaß,!.Juli. Die,Straßburger Post" von gestern bringt einen Aufsatz: ״Da« JohauniSfest der Frei»