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Israelitische Wochenschrift · 1890-07-10 · 28 (10.7.1890) · p. Seite 213

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
28 (10.7.1890)
Date
1890-07-10
Page
Seite 213 (sequence 5)
Language
German
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Darum müssen wir zur Erreichung unseres Ziele» selbst eine Zentralstelle schaffen. In der jüdischen Schule li:gt die Zukunft des Judenthum«. Bon den privaten jüdischen Schulen ist er nicht erbaut» denn fie find der Gemriude und dem Lehrer nicht nur au« Gründen der Stetigfett sondern auch au« finanziellen Gründen nicht zu empfehlen. Mit einem umfanzreichen Zahlenmaterial schließt der überau« fleißig ausgearbeitete einstündige Bortrag unter leb» haftem Applaus der Zuhörer. ES werden folgende Leitsätze «ngenommen: 1. Die bestehenden jüdischen Elementarschulen find zu erhalten. 2. An denjenigen Orten» wo eine beträchtliche Anzahl jüdischer Kinder vorhanden ist» und wo die finanziellen Mittel der jüdischen Gemeinde ausreichen, ist eine eigene jüdische Schule zu errichten. 3. E« ist dahin zu streben, daß diesen Volksschulen der Charakter der öffentlichen Schule verliehen werde. 4. An denjenigen Orten, wo die jüdischen Kinder die allgemeine OrtSschule besuchen, hat. die Gemeinde eine Religion-schule einzurichten, deren Besuch für die jüdischen Schüler obligatorisch ist. 5. Es ist wüoschen-werth, daß, vorläufig für Westfalen und die Rheinprovinz, eine Centralstelle in« Leben ge> rufen werde, von der au« die Gemeinden angeregt werden, ihre koafesfionellen Schulen zu erhalten, neue zu errichten und diese zu öffentlichen erheben zu kaffen. Ferner wird folgende Resolution de« Lehrers Herrn Ost wald-Witten angenommen: .Der Vorstand der Unter» stützung«kaffe konstiluirt sich al« Ccntralstelle mit der Aufgäbe, soweit e« noch erforderlich tst, die Gemeinden beider Provinzen anzuregen» ihre konfessionellen Schulen zu erhalten, neue zu errichten und diesen den Lharacter der öffentlichen verleihen zu lasten." Au« den .freien Besprechungen" ist nur hervorheben«» »erth, daß von einer Lommunalbehörde (welcher? Red.) der Besuch der Religionsschule als obligatorisch anerkannt worden ist. Somit war die Tagesordnung erschöpft. Es erübrigte jetzt nur noch die Festsetzung de« näLstjährigen BersammluugSorteS. In Aussicht genommen wurde Münster. Auf die Tagesordnung soll gesetzt weiden: Besprechung des Speier'- scheu Referate«; ferner die Sonstituirung der gen. Centralstelle. Nachdem der stellvertretende Borfitzende, Herr Steinweg-Rheda, der Bielefelder Gemeindevertretung für die ganz besonders freundliche Aufnahme gedankt und der Gemeinde- Vertreter Herr Franken st ein geantwortet hatte, wurde die 35. Jahresversammlung mit dem Wunsche eine« fröh» lichen Wiedersehen« geschloffen. Sisteve«, 6. Juli. (Or.-Cor.) Bi« vor etwa einem Jahre lebten hier trotz der hochgehenden Wogm des AntisemitiSwu« alle drei Confesfionen in größter Emtracht und bestem Einvernehmen miteinander. Eine« Tage« erblickte mau zur allgemeinen Verwunderung in eine« htes. Blättcheu die Annonce eine« im Geheimen constituirtea »Antisemitischen Segelclub»." Auch diese vermochte nicht die friedliche Stimmung unserer christlichen Mitbürger gegen un« tm geringsten zu trüben, denn diese Brotneider, dem kauf» männischen Stande angehörig, konnten nach Ergebniß der letzten Wahl nur eine Anzahl »on höchsten« 136 erreicht haben. Um aber die Strömung in« rechte antisemitische Fahrwaffer zu bringen, ersann man andere Mittel, man ließ Leipziger Schmutzblätter, den Marburger.Herold" an einem Tage an sämmtliche christliche Einwohner adresfiren. Aber auch diese schamlose That erzielte die erhoffte Wirkung nicht. Da griff man nun zum letzten Mittel. Mau lud den Hauptmatador au« Marburg zu einem Bortrage ein, der natürlich dem Verlangen freudig nachkam. Die ganze vorige Woche lieferte rin hiesige« Blättchen die betreffenden Placate und Annoncen mit der Bemerkung in Fettschrist »Judeu haben keinen Zutritt" in Hülle und Fülle. Endlich traf der große durch seine Alimentenprozeffe weithin bekannt gewordene Maua am 4. d. M. hier ein und goß seinen erleuchteten Geist über die Versammlung im MannSfelder-Hrf au«. O'i da« Gehörte die 20 Pf. Entree werth war. wird vielfach bezweifelt, da man da- Meiste in der gedruckten Bockbierbrauerei-Rede von 1886 (,Die Juden die Könige der Zeit"), die gleich» zeitig hier feilgeboten wurde, wiederfaad. Wie Sie au» beigelegtem Blättchen ersehen, donnerte ec besonders auf die .Börsenjudea" lo«. Doch da» ist ei« schon zu sehr abgedroschene« Thema; neu war seine Darstellung de» TiSza- E«larer Prozeffe». den er auch mit der Börse in Zusammen« Hang brachte. Er sagte: .Ein anderer Fall ist der Ti«za- ESlar-Prozeß, wo eine Anzahl Juden beschuldigt wurde, eia Mädchen ermordet zu haben, da drohten die Juden» die ungarischen Papiere herabzudrücken, wenn nicht die Angeklagten freigesprochen würden. In der That wurden die Juden freigesprochen. Aber man denke: ein Untersuchung«» richter erschoß sich, ein andrer wurde versetzt, — und der kurskrach unterblieb." Da« ist die Sonne der Wahrheit, die der ,zweite Luther" — also wird ja jetzt der Loncurrent Stöcker« in antisemitischen Blättern genanut, — hier über Luther« Geburtsort aufgehen ließ! Jeder gebildete Eisleber muß darüber erröthrn. 8t. Stuttgart, 6. Juli. (Or.-Lor.) Bei der in voriger Woche ftattgefundenen Wahl der Mitglieder de» Bürger» auSschusse» wurde sowohl von seiten der konservativen wie der liberalen Parteien Herr Hofrat Albert L a u l l a in diese« Kollegium gewähl'. — Letzten Mittwoch am Viehmarkt in Bietigh e im sah man au den Häusern der frequentesten Straßen Flugblätter antisemitischen Inhalt« angeklebt, z. B. Wa» kosten' un« die Juden? Warum muß die Sozialdemokratie zu» nehmen? Wie verlautet will der Reichstagsabgeordnete Liebermann von Sonnenburg in der nächsten Zeit in Bietigtigheim einen Vortrag hatten. Möchte die Regierung recht» zeitig Schritte lhun und die k. Israel. Oberkirchenbehörde dieselbe hierzu veranlaffen, daß da« Gift der Judenhetze nicht in unser Land eingeschleppt werde. Desterreicd»U«garn. D־d. Areßiurg, 4. Juni. (Or.-Cor.) Der Chewra- Sadischa-Verein der Pester autonomen orthodoxen Juden» gemeinde wurde mit seinem Gesuche um Bewilligung zur Anlage eine« eigenen Friedhof«, worüber ich in früheren Nummern dieser Blätter berichtete, vom hauptstädtischen LerwaltungSauSschuffe avgewiesen. Gegen diesen Beschluß hat die Gemeinde an den LultuSminister rrcurrirt, welcher die Anlage de« separaten Friedhofe« im .Deutschen Thale" bewilligte, weil .kein culturpolitische« und sanitäre« Hinderniß" obwaltet. — Wie man hört, soll fich zu den bereit» bestehenden zwei Gemeinden in Budapeft noch eine dritte jüdische Gemeinde bilden. Unter welchem Namen ist noch nicht festgrstcllt. Wird vielleicht auch diese Gemeinde fich einen separaten Friedhof errichten? Dann würde man au«rufen können: ״Wahrlich kein Mangel an Gräbern im ungarischen Mizrajim!" Geben die Juden durch solche überflüsfige Neubildungen und Neuschöpfungrn selber dem konfessionellen Gegensatz Ausdruck, so mögen hier die Worte eine; General« Platz finden, die derselbe gelegentlich der Erbauung einer Kaserne in einer ungarischen Stadt öffentlich gesprochen. Der General, Baron A l b o r i, äußerte in kräftigen Worten seinen Unmuth über gewiffe .bedauerlicherweise auch in der Provinz wahrnehmbare confesstouelle Gegensätze" und fegte bann fort: .Ich kann nicht begreifen, daß auf socialem Gebiete andere Momente als die des sittlichen Werthe» und der iatellec« tuellen Qualification von entscheidendem Einfluß sein können. Meine Ueberzeugung war immer die, daß Derjenige, der Antisemit ist, sich vom Boden de» Rechtes und der Gerechtigkeit vollständig entferne. Ich metnerseit« sorge unau« gesetzt dafür, daß in jenen Kreisen, auf die ich Einfluß habe und wo «ein Wort Be- >

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