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Israelitische Wochenschrift · 1890-06-26 · 26 (26.6.1890) · p. Seite 196

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
26 (26.6.1890)
Date
1890-06-26
Page
Seite 196 (sequence 4)
Language
German
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— 200 seit 1884 und weist trotz der geringen Zahl ihrer Mitglieder einen sehr erfreulichen Stand auf. Der Borfltzendr dankt dem Referenten für seine warme The-lnahme an den Interessen der Lehrerschaft und wirderhalt die Mahnung desselben an die jüngeren Lehrer, der Sasse baldigst beizutreten. Es erfolgen daraufhin auch mehrere Beitrittserklärungeu. Hiernach Mittagspause von 1—4 Uhr. (Sch'uß folgt.) Gerichte und Lorrrfpouden-e«, Deutschland. IN. Aerli«, 23. Juni. (Or.-Eor.) Herr Rabb. Dr. Stier aus Steinamanger hat am gestrigen Sabbath in der alten Synagoge gepredigt. Der Vorstand hatte demselben da» Thema: ,Religion und Wissenschaft" zur Bearbrituag gestellt und wir können wohl sagen, daß derselbe diese«, allerding» schon oft in Predigtsammlungen*) behandelte Thema zur Zufriedenheit der zahlreichen Zuhörer behandelt hat und dürste er wahrscheinlich gewählt werde». Trotzdem wird aber am nächsten Sonnabend doch noch der andere ungarische Eandidat, Herr Dr. Neumann aus Gr.Lanisza, in der neuen Synagoge predigen. — Bor kurzer Zeit verstarb hier eia Herr Dr. med. Ephraim, in jüdischen Kreisen ganz unbekannt; derselbe hintrrließ der jüd. Gemeinde in einem Vorgefundenen Testament (vom Jahre 1865) anderthalb Millionen Mark z« Wohlthätigkeitszwecken. — Nachdem bereits seit länger als zwei Monaten au der neu zu erbaumden Synagoge in der Lindeustraße gearbeitet wird, fragt man — und wohl mit Recht —, weshalb eigentlich keine Grundsteinlegung stattgefundea hat^ kommt etwas derartige» in einer anderen Gemeinde vor, daß mau einen Prachtbau austichtrt, daß man eine Synagoge für 1 Million Mark erbaut und daß man e» unterläßt eine Feier zur Grundsteinlegung z» veranstalten? Als mau da» jüdische Krankenhaus erbaute, und ebenso die Synagoge in der Oranienburgerstraße, fand beide Male eine feierliche Grundsteinlegung statt. Sollte der Vorstand es diesmal übersehen haben? Ist e» möglich, daß keiner der Rabbiner oder Architekten daran erinnert habe« sollte? Und wenn beide» der Fall ist, weshalb hat keiner der Herren Repräseutaut-n eine Interpellation an den Gemeinde-Borstand dieserhalb gerichtet? vielleicht geschieht'» noch. Jeff««, 18. Juni 1890.**) Eine erhebende Feier war es, zu der sich heute die Geburtsstadt Mose« Mendelssohn« im Verein mit zahlreichen distinguirten Gästen von Fern uud Rah gerüstet hatte: es galt, da» ,Denkmal de« jüdischen Philosophen. zu welchem seine Verehrer ohne Ansehen der Konfession in freigebiger Weise beigesteuert hatten, nach seiner Fertigstellung zu enthüllen und der Stadt Dessau zu übergeben. Unter den zahlreich erschienenen Personen bemerkten wir zunächst die Vertreter des Mendelssohn'scheu Geschlecht» und zwar die HH. Lommerzienrath Ernst Mendelssohn-Bartholdy au» Berlin, Robert von Meadelssohn (Sohn des verstorbenen Franz Mendelssohn); elfterer ein Urenkel, letzterer rin Ururenkrl MoseS Mendelssohn'«. Seh. Hofrath Wach aus Leipzig (früher in Heidelberg, verheirathet mit einer Tochter von Felix Mendelssohn) und endlich Robert Warschauer, Ehef des Bankhauses Rodert Warschauer <fe Eo. in Berlin, Enkel von Alexander Mendelsfohn. Al« «ertretrr der jüdischen Gemeinde von Berlin war Hr. Justizrath 9»er{o»ct erschienen, als Vertreter der Gemeinde« Magdeburg, Halle, Leipzig, Berndurg, Lötheu. Zerbst und der Berliner Reform-Gemeinde deren Vorsteher resp. Rabbiner, als Vertreter der Mendelssohn-Loge der Rabbiner Dr. Rahmet uud 18 Mitglieder derselben, ferner *) Bergt. Rcchmer'» Pred'gt-Magazin Jhrg. V. di« 9 Predigt«: Religion uud Wissenschaft" uud .Ti« vlüthen »«» Aronstab,«". **) ■«» de« i» Dessau ei scheinende, ,Anhattischea Tageblatt". Delegirte der Deutschen Reichs-Loge und der Montefiore-Loge, Vertreter des Deutsq-J-r. Semeiudebundes (Prof. Lazarus und Dr. karpele«), als Vertreter der Mendelssohn- Stiftung zu Leipzig Hr. Sanitätsrath Dr. Fürst, ebenso hatte der ,Akademische Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Berlin" drei Vertreter (in studentischem Wichs) entsandt. Außer den Spitzen und Angehörigen zahlreicher B> Hörden de» Lande» und der Stadt bemerkte» wir unter der Feftversammlung auch den Reich-tagSabgeordnetrn unsere» Wahlkreise». Herrn Richard Roesicke, welcher zugleich auch als komitämitglied fungirte. u. a. Bor dem verhüllten Denkmal war eine flaggengeschmückte Tribüne errichtet, deren erhöhter Mittelraum für die höchsten Herrschaften reservirt war. Pünktlich um die festgesetzte Zeit, 12'/, Uhr, erschien der Herzogliche Hof, Ihre Hoheiten der Herzog und die Herzogin, der Erbprinz und seine Gemahlin, begleitet von den zur Zeit hier »weilenden fürstlichen Gästen, der Frau Prinzessia Friedrich Karl oou Preußen, der Prinzessin Bathildi« von Schaumdurg-Lippe und dem Prinzen Friedrich Karl von Hessen. Die Feier wurde eingeleitet durch den Gesang eine« Tonsatzes von Felix MendelSsohn-Bartholdy, zu welchem Hr. Geh. Hofrath Dr. Hosäus sowie zu den noch folgenden den auf die Feier bezüglichen Text verfaßt hatte.*) Nachdem die weiheoollen Strophen verklungen waren, beftreg Hr. Prof. Lasso« au» Berlin die Redner» tribüue, um in einer gedankenreichen Festrede da» Andenken Moses Mendelssohns zu feiern. (Siehe ,Leitartikel".) Unter den klängen einer weiteren Mendelssohn'schea Weise fiel sodann die Hülle und das Denkmal, in Sandstein und Bronze auigeführl, zeigte sich den Blicken der Festgemeinde. Der Künstler» Bildhauer Heinz Hoffmeister» welcher ebenfalls der Feier beiwohnte, hat die milden freundlichen Züge Mose» Mendelssohn'» trefflich wiederzugebe» verstanden. — Abermals erschallte weihevoller Gesang unter Mufikbezleitung, worauf die Uebergabe de« Monuments an die Stadt durch Herrn Landrabbiuer Dr. W e i ß e mit folgender, der Würde de« Ortes und des Gegenstandes angemessene« Ansprache erfolgte: ,Di« Hülle ist gefallen, in dauerndem Grz gebildet leuchten di« milden Züge bei Manne« dem neuen Geschlecht« entgegen. Rehr denn Hunde« Jahre nach Mose» Mendelssohn« Tode hat eine dantbar« Zeit seine stillen, darum aber nicht minder bedeutenden Verdienste sich vrr» gegenwärtig». Man «ollt« de« Weltweisea, der in seinem Lebe» so wunderbar ausklSrend, versöhnend und «»«gleichend gewirkt» den ihm laug« versagt«», gerechten Zoll der Dankbarkeit darbringe». Mit den Besten hat er in gemeinsamer treuer Arbeit an den höchsten Aufgabe» thätigen Antheil genommen. Au» kleinen, bescheidenen Verhältnissen hervorgegangea, einer Semeinsamkeit angehöread, die überall Zurück» setzung erdulden mußt«, ward er allein au» diese« kreis« ausgeno»««» und wurde durch seinen Beist, seine Gelehrsamkeit, besonder» aber durch seine hohe und «dl« Auffassung alle« dessen, wa» ihm nah« kam, den Sroßen seiner Zeit nah« gerückt. Alle Helden de« Geiste« hatten für Mendelssohn nur Worte der Anerkennung, Hochrchtnng und Be» wunderung. Br vergab jedoch bei dem Verkehr mit der Welt der Groben nie seiner damal» noch schwer bedrückten Glaubeutzenossea; er ward für di« Raben und Feraen Berather in der Roth. Gr wurde der Lehrer seiner Glaubenlbrüder, er führte dies« Verstoßenen der deutschen Kultur entgegen, er gab ihnen vor alle» da» Btbelwort, die Psalmen in der deutschen Muttersprache. Und wie beherrschte er di« deutschi Muttersprache, er der im Ghetto ausgewachsen? — Kant, der grübt« deutsch« Philosoph sagte: ,Venn ft p bie Mule der Philosophie «ine Sprache erkiese» sollt«, so würde st« di« Mendelssohn» wähleu." Herder sagt«: Sokrates führte die velt«ei»h«it unter di« Menschen, Meadel»sobn ist der philosophisch« Schriftsteller unserer Ration, der sie mit der Schlnhest de» Stil» vermählt." Menschen, di« au» der Tiese de« Lcken» in die Höhe versetzt werden, verlierea oft ihre Veschttdenhei«: sie werden in der Höh« nicht gerne daran erinnert, daß sie einst nicht so hoch gestanden, «inst t» einer geringen Umgebung sich befunden. Mendeüsohn ist auf der Höhe seine» Lebea» stet» ebenso bescheiden gewesen «ad geblieben, als an dem Tag«, da er als lljährtaer, armer jüdischer Jünger schüchtern durch da» Rosenthaler Thor in Berlin «iazog, — da er als Jude nur durch diese» Thor ziehen durfte. — Mit dem Gi »tritt« in Verltn öffneten sich ihm auch di« Lhore der Wissenschaft und deutscher Kultur, in die er auch sein« weitab stehenden GIanbea»brüd«r hinelnzuziebe» sich bemüht«. Jahre der Arbeit und de» Aleiße» vergehen, sei» schwacher, zarter Körper ertrug all« Gntbehruugeu, um der starte» Seele, de« *) Siehe da» beiliegend« »Familtenblatt."

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