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Israelitische Wochenschrift · 1890-06-26 · 26 (26.6.1890) · p. Seite 194

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
26 (26.6.1890)
Date
1890-06-26
Page
Seite 194 (sequence 2)
Language
German
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lichtn Erinnerungen unsere- Bolleverknüpft, läßt sich wohl! Nachweisen. Große kriegerische, staat-bildende, gesetzgeberische Thaten und Erfolge, wie die dedeutschen Bolle» in den I letzten Jahrzehnten, find nicht ein Erzeugnis de» Glücke-, de- Zufall« oder de- Genie« einzelner Männer: sie sind die reife Frucht der gewonnenen Sulturhöhe und weisen zurück auf die geräuschlose, geduldige, audauernde Arbeit vieler de- : vorzugter Geister, die sittliche, geistige Strafte geweckt und genährt und den Boden bereitet haben, in dem die staatliche Größe und der Nachdruck der Selbstbehauptung der Nation, unter den Nationen allein zu . wurzeln vermag. ES kann die Zeit nicht kommen, wo da« deutsche Volk j über jüngeren Ereignissen der großen Epoche seine« geistigen! Aufschwung« seit der Mitte de» vorigen Jahrhunderts ver-! gäße. Ta« Zeitalter, welche« bezeichnet wird duich den! großen Prcußcnkön'g Friedrich den Einzigen und sei« Gej folge an hervorragenden Männern in den verschiedensten. Richtungen der Thäligkeit, bleibt für immer eine der stolzesten und liebsten Erinnerungen der deutschen Nation. Zu diesem Gefolge hat da« ruhmvolle Herrschergeschlecht diese« Landes! große Feldherren und Staatsmänner bcigefteuert, und auf dem Gebiete der Gedankenarbeit hat ein Sohn dieser Stadt, die Epoche de« großen Friedrich zierend, sich einen der schönsten RuhmeSkränze unter vielen Milstrebenden gewonnen. In diesem Zusammenhänge allein al« Mitarbeiter an der Wiedergedurtdeutjchen WrsenS'im Gefolge de« Philosophen von Sanssouci kann Mose« Mendelssohn die rechte Würdigung empfangen. Für echten Ruhm ist keine Probe entscheidender, aldie der Dauer. Es giebt auch sehr vergänglichen Ruhm, und mancher Name, den die Zeitgenossen auf» höchste gepriesen haben, versinkt schon bei der nächsten Generation in völlige Vergessenheit. Daß ein Mann hundert Jahre nach seinem Tode in frischer Erinnerung bei d-.r Nachwelt fortlebt; daß sein Name auch dann noch lebendige Sympathien erweckt und sein verklärte« Bild der Gegenstand immer erneuter Huldigung bleibt, wenn der Zustand des Volke« und seiner Kultur sich völlig verändert hat und ganz neue Jotereflen und Gesichtspunkte die Herrschaft erlangt haben: da« erklärt ,ich weit weniger audem. wa« der Mann geleistet hat, al« au« dem, was er gewesen ist. Wem noch die späte Nachwelt die Ehren eine- Monumentegönnt, der ist eine monumentale Persönlichkeit gewesen, und seine Gestalt ist eine typische, seine Bedeutung eine historische geworden, die den Wechsel der Zeiten überdauert. Mose«, de- Thorarollen-Schreiber« Mendel von Dessau Sohn, ist in diesem Sinne ein Typu». Er vertritt in seiner Person etwa« allgemein Menschliches, dem unser Herz entgrgrnschlägt, welche« Stamme« und Geschlechtes wir auch ■ sein mögen Er vertritt eine Epoche, die in dem Entwicklung«- gange de« deutschen Volke« von der entscheidendsten Wichtigkeit gewesen ist. Er vertritt die aufstrebende Kulturmacht dedeutschen Geiste«, die auch da« spröde Widerstrebende siegreich in ihre Streife zu ziehen vermag. Er vertritt daalle« um so mächtiger, al« er selber, arm und niedrig von Geburt, schwächlich und gebrechlich von Körper, auSgrstattet wohl mit scharf rindringeuder, aber nicht mit glanzvoll hinreißender Geisteskraft, in mühsam ausdauerndem Ringen au« dem Schoße einer lange mißhandelten, vom Antheil an Geiste«- leben der Nation ausgeschlossenen Gemeinschaft sich zu lichten Höhen edelster Bildung vorbildlich hindurch gearbeitet hat. Führwahr, e« ist ein rührende», herzergreifende- Bild, dieser arme jüdische Knabe, der dem verehrten Lehrer seiner Jugend kaum vierzehnjährig in die große Hauptstadt nachwandert und unter unsäglichen Entbehrungen mit nicht zu entmuthigender Willenskraft dem einen Ziel zustrebt, die Bildungsquellen der Nation, in deren Mute er lebt, sich zugänglich zu machen und au Wissenschaft zu gewinnen, wa« die Besten seine« Zeitalters und der Vergangenheit au« rnancherlei Zeiten und Völkern ihm bieten können. Und wie er in dürftiger Abgeschiedenheit darbt und ringt und mehr zu innerer Klarheit durchdringt, da begegnet ihm durch eine Gunst der Vorsehung der berufene Genius in der Gestalt degleichaltrigen Lessing. Mit diesem zu den größten Thaten ausgerüsteten Jüngling, durch den sich der Aufgang eine» neuen Geistesfrühlingfür Deutschland und die Kultur» weit vorbereitete, darf er fortan in eifrigem Zusammenstrebeu wirken und schaffen. Er sieht sich ohne seinen Willen in die deutsche Schriflstellerwelt eingeführt; er gewinnt sich ohne eigenen Ehrgeiz Lob und Ruhm und bedeutsamen Einfluß auf die Denkweise seiner Landsleute. Aber je höhere Gunst ihm ein freundliche» Geschick gewährt, je mehr er sich um« worben, ja bewundert sieht: desto stiller und bescheidener zieht er sich in sich selbst zurück; desto emsiger und gewissenhafter pflegt er die ihm verliehene Gabe, wartet er deihm vertrauten Berufe»: Vielen ein Führer zum Lichte zu sein. Die Zeitgenossen haben rin sokratische« Element in dieser gefaßten Weisheit, in dieser überlegten Mäßigung seinepersönlichen Wesen» finden wollen; wir. die Heutigen, werden vor allem den stillen Ernst und die gesammelte Andacht eineunau»- gesetzten Streben« nach persönlicher Selbstbildung unb objektiver Erkenntniß al« da- Vorbildliche an dem trefflichen Manne betonen. So hat er zunächst da- Eine erreicht: er ist ein mastergültiger Schriftsteller in deutscher Sprache geworden, der Sprache, die er gewissermaßen wie ein Fremder erst al» Jüngling sich aazueignen hatte, die er erst durch mühsamste- Ringen und tausendfache Uebunz zu bewältigen lernte. Wie man schwierige Gedankenprobleme in deutscher Sprache klar, leicht und anmuthig behandeln könne, da» hat er niht neben Anderen, sondern vor Anderen mit größter Wirksamkeit gezeigt, und selbst die wundersame Begabung eine« Lesstug mag darin seinen fördernden Einfluß erfahren haben. Und weiter: der Meister der sprachlichen Form ward auch eia Meister de- Gedanken». Milder vollen Wärme eine« begeisterungSfShigen Herzen» wandte er sich der Lehre Leibaizen» zu — <r selber nennt sie die deuts che Philoso phie — und nur um so frendiger schloß er sich ihr an, aler in ihr die besondere Begabung seiner deutschen 8a»d»leute charaktervoll ausgeprägt fand. Wohl hat er auch Gedanken der Ausländer, die, damals eine führende Bedeutung hatten, auf sich wirken lassen; ober der Grundton seine» Denken» war deutsch und mit schönem Nachdruck hat er den Zeitgenossen die unwillige Mahnung zugerufen, die auch heute wieder und gerade heute ei» volles Recht hat: ,Werden denn die D-utschen niemals ihren eigenen Werth erkennen? Wollen sie ewig ihr Gold für da» Flittergold ihrer Nachbarn vertauschen?" Ihm, dem schlichten Buchhalter in einem Handel-Hause, war die Wissenschaft kein Fach und Gewerbe. Eia «nzünftiger Autodidakt hat er mit freier Liebe um sie geworben. Nicht zu äußerem Schmuck und Zierrath diente sie ihm; als Gefäß und Trägerill der höchsten Ideale sollte sie seine« Herzen« Sehnsucht stillen. Den festen Grund seine» Glauben« und Hoffen» sollte sie ihm bieten, seinesittlichen Leben« Anker sein. Die heiligen Wahrheiten sollte sie in die Seelen graben, auf die sich de« Menschen zeitliche und ewige Glückseligkeit erbaut. Gott,-Freiheit, Tugend, Unsterblichfeit, da« waren die Ideen, die seiner Forschung vorleuchteten. Er gehört dem Zeitalter der Aufklärung an, und die Schranken de« Zeitalter« sind auch die Schranken seine« Gesichtskreise«. Er wußte e» wohl, daß Niemand auf feine eigenen Schultern steigen kann. Die Episode, die er «och heraufsteigen sah, bezeichnet durch die großen Namen Lesfing, Goethe, Kant, hat sich schnell zu höheren Zielen empor» geschwungen, al« er zu ahnen vermochte. Aber da« darf gegen sein wahre« Verdienst nicht blind machen. ES giebt in dem, wa« er geleistet, auch einen bleibenden Kern, und wenn er da« Recht und die Macht der Vernuofterkenntoiß bejaht und stützt auch da, wo der gewaltige Meister der Bernunftkrilik sie verneint, verneint nicht ohne Gefährdung heiliger Interessen de« Glaubensleben-, so darf man ihn auch heute noch al» gewichtigen Zeugen un) Bundesgenosse»

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