Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 25 (19.6.1890)
- Date
- 1890-06-19
- Page
- Seite 190 (sequence 6)
- Language
- German
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— Die jüdische Gemeinde in Pest hat durch den Tod de« srl. Max Brüll von Domooy einen bedeutenden Verlust erlitten. Derselbe hat sich in der Industrie und durch gemein« nützige« Wirken einen ehrenvollen Namen erworben und war Vorstands-Mitglied der Pester ReligiouSgemeiude. Oiroplrrftennten. H. London, Mitte Juni. (Or.-Tor.) Es war ein schöner Traum, von dem die englische Judenheit kurze Zeit umfangen war. daß nämlich, in Folge der eingetrrteuen Ehief-Rabbi-Bakauz, eine Vereinigung aller jüd. Gemeinden in England unter einem gemeinschaftlichen geistigen Ober- Haupte stattfindeu würde. Aber Träume find Schäume, und entbehren in der Regel der Verwirklichung. Weder die portugiesische noch die Reform-Gemeinde dahier scheinen die geringste Lust zu verspüren, einen Vorschlag gut zu heiße« und anzunehwen. der später vielleicht ihre bisherige Autonomie gefährden könnte. Außerdem haben es ja die streng Orthodoxen erklärt, daß sie, die Vertreter der Kücheureligion, nicht eiumal eine uomiuelle Gemeinschaft mit den Mitgliedern der Reform-Gemeinde haben wollen, und was Wunder, daß letztere es vorziehen, ihren eigenen bisherigen Weg auf dem Gebiete des religiösen Fortschritts ungehindert weiter zu gehen. Im entgegengesetzten Falle würden sie das Programm der streng orthodoxen Partei gut heißen müsse«, da» mit jenem viel Aehnlichkeit zu haben scheint, welche» einst unter andern Verhältnissen ausgestellt wurde und gelautet hat: •נתנה ראש ונשובה מצריםה .Lasset uns ein Oberhaupt ernennen, und nach Egypten (dem Laude der geistigen stnechtuug) zurückkehren!״* Ja, man sage, was man will, so ist e» unstreitig eine geistige Snrchtschaft, wenn gewisse Bekeruer de» JudenthumS als Nichtjudeu angesehen werden, weil sie z.B. in ihrem Gottesdienste eine O rgel gebrauchen, oder weil am Sabbat die Zehn-Gebote von ihrem Geistlichen rezitirt werden. Ebenso ist e« tiae geistige Luechtschaft, wenn anderseits tausende von Glaubensgenossen Gebete (?) hrrsageu und Leremouieu mitmachen müssen, die gehalt- und sinnlos sind, und außerdem wenig dazu beitragen, uuser Lusehen der Außenwelt gegenüber zu erhöhen. Von den vielen Absurditäten in unserem jetzigen Gottes» dienfte soll hier nur eine erwähnt werden. Wir meinen die Art und Weise, wie der Priestersege» selbst in den gebildeten West-Eud-Syuagogeu Londons hergesagt wird. Wir wolle« nicht vorerst die Frage hier erörtern, ob e» überhaupt schicklich und zulässig sei, daß solche sogenannte .Priester" den Segen über die Gemeinde auSsprecheu, deren Lebens» wandel durchaus nicht musterhaft ist. Ebenso ist e» fraglich, ob dem ״Din“ »ach Linder zum fragliche» Segen zugelaffen werden dürfen, die da» ganze Jahr hindurch in christlichen Häusern lebru, wo sie vom Judenthu» nicht» halten, und nur zu de» Feiertagen, fall» dies« nicht in die Schulzeit fallen, zu ihren Eltern nach Hause komme». Der Priester» fegen selbst wird dadurch riugeleitet, daß nämlich die.Priester" in der Mitte de- Gottesdienste» und i« Anblicke der Ge» meind« sich die Schuhe auszieyeu, und vor der heiligen Lade sich die Hände waschen lassen. Darauf beginnt die stopfdedeckung mit dem .TaliS." die durchaus keine Augenweide ist, und der eigentliche Segen wird in einer Weise vorgetragen, die dem Uneingkweihte« nur ein miüetdige» Lächeln abgewinueu «uß. Der heilig« Akt ist dann zu Ende, «ud wiederum entsteht ein Gepolter mit Schuhwerk, währenddeß einer von den so vielen .Laddeschim" herabgeleiert wird. Die» ist eine von den ,heiligen" Erremoairn, die uuser jetziger Gottesdienst aufzuwetsen hat, und deren Beibehaltung für alle Zeiten unsere Hoch-Orthodoxen mit unsäglichem Eifer befolgen. Diese guten Leutchen scheinen zu vergessen, daß sie nicht mehr in den Ghetto'« eingepfercht leben, wo fie sich nach Herzenswunsch gebrhrdeu konnten, ohne daß fie von der Außenwelt beobachtet worden. Jetzt stehen die Sachen ganz anders. Uusere christlichen Mitbürger, i» deren Mitte wir wohnen und leben, wolleu un« nicht blo« in sozialer, sonder« auch in religiöser Aufführung besser kenne« lernen. und was fie jetzt bei uns in den meisten englischen Syna» gogen wahrnehmen, entbehrt aller Würde und alle» Anstandes. Doch, hoffen wir. daß sich noch Alles ,um Guten gestalten wird, nur dürfen wir hier nicht dle Iniasar nUor-Politik verfolgen, und so den Gegnern des religiösen Fortschritts den Kampfplatz, wo wir um unsere heiligsten Rechte als Sämpfer austrelen. ruhig überlassen. Rußland. Z?«1er»Inr>. Der Umstand, daß fich unter ten in Paris verhafteten Rufl-n einige Juden befinden, hat der russischen Regieruogspresse den willkommenen Anlaß zu einer Judenhetze gegeben. Der Pariser Sorrespondent der ,Mosk. Wjed." behauptet, daß es iu Pari» 28 Terroristtu gebe, von diesen seien aber nur 4 Russen. Außerdem gebe es noch etwa SO Nihilisten, was doch sehr wenig sei, wenn man bedenke, daß die Revolutionäre anderer Nationalitäten gegen 3000 ausmachen. E» frage sich nun, wie werde man mit den übrigen Terroristen und Nihilisten verfahren? Würden auch fie au- Frankreich ausgewiesrn werden? Das russische Blatt scheint dies nicht zu erwarten, wohl aber» daß die Pariser Polizei den Nihilisten befehlen werde, sich ruhig zu verhalten, wa» ohne Zweifel wirten würde. Nur rin Petersburger Blatt, die ,Nowosti", glaubt nicht an da« .Lomplott" und erklärt, daß, wenn auch unter den verhafteten Russen fich einige Juden befinden, ihnen in jedem Falle nicht die Leitung und der Oberbefehl gehörte. Man könne fich nicht darüber wundern, daß mit de» Russen nicht blos in guten, sondern auch in schlimmen Dingen, nicht blo« dort, wo Heldenthaten geschehen, sondern auch dort, wo Verbrechen vollführt werden — auch Polen und verrußte Deutsche, Grusinier, Armenier rc. betroffen werden. Nicht« Mensch» licht« liege auch den Juden fern. Auch die Juden, die mit dem russischen Volke verschmolzen seien, fielen nicht nur auf dem Kriegsschauplätze, sondern lieferten auch ein gewisse« Lontingmt subversiver Elemente. ,Aber diesem Faktum eine ganz besondere Wichtigkeit und Bedeutung beilegen, es als einen Eharacterzug eine» ganzen BolkSstammes bezeichnen — da« ist empörend und verbrecherisch. Es ist empörend, wie jede Lüge, wie jede Ungerechtigkeit, die on bloo gegen eine ganze Bevölkerungsklasse gerichtet wird. Es ist verbrecherisch, weil es wissentlich die Aufmerksamkeit adlrnkc von der wirklichen Gefahr und solche falsche Vorstellungen Hervorrufen kann, die ihrerseits zu Gewaluhaten und Massrnstöruuge» de« Rechts führen." Vermischte und neueste Nachricht»». 9 * ff««, t». Juni Mittag«,» Uhr »o M (Lelegr.) Soeben fand «ach einer,läuzeudrn Festrede »eS vrofessorS Lasso« au« Beettu tu »uwesruhett de« Herzog« unter LheUuahnee zahlreicher Vertreter der jüdischen Wissenschaft und tSraetit. «emeindru di« Enthüllung des M«udelSs»hn-D»nr»alS statt. Magdebnrg. Zur Ea«hüllung»seier de« Mendelssohn-Denkmal» entsandten sowohl der hiesig« Semeindeoorftand, als auch di« vor S Jahren vom Rabbiner Dr. Rahmer hierorts gegründet« ,Mendelssohn-Loge" eine größer« Anzahl von Delegirtea nach Dessau. Bertiu, 15. Juni. (Or.-Lorr ) Gestern hielt Herr Rabbiner Dr. Stier au» Steinamaaaer in Ungarn ln der großen Synagoge «in« Saftpredigt über den Text au» de« Wochenabschnitte: ,Laßt uns hinaufziehen und es in Besitz nehmen 1' Er predigte ganz in Maybanm'- scher Manier. A« nilchsten Sabbath predigt Herr Dr. Reumaaa auS Sroß-Kaaissa, der mit einer Enkelin Philippion» vermählt ist und fich einflußreicher Protection au» den betr. Kreis-n zu erfreuen hat. E» geht ihm der Ruf «ine» guten Redner» voran». — Beim Mincha-Sottesdienste predigt« gestern in der alten Sy» nagoge ein junger Kandidat, Herr Hanne»; seine Predigt fand unge» - - Iheilten Beifall. Berlin, S. Juli. (Or^Eorr.) Am gestrigen Sonntag fand in der großen Synagoge die Konfirmation von nur II Mädchen durch Herrn Rabbiner Dr. Maybau« in üblicher Weil« statt. Knaben fanden sich in der großen Berliner Semcind« nicht, dle an diele« Seiheaet theilaahmea. Der Iadisserea i»«u» ist hier allzugroß Ms» ,. begnügt sich damit, daß der tviähriz« Knabe B»ö-!ti»w» wird und <' die rinstudirt« Brooho über die Thora sagt, der Bater redet fich et», daß sein Böhnchen damit ela religiäs-verantwortliche» Mitglied derReli» - gionsgemeinde geworden, n,d denkt dornob •cheprot*nni, ,Sott sei -־*