Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 25 (19.6.1890)
- Date
- 1890-06-19
- Page
- Seite 186 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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schaft in der deutschen Sprache gebracht, die er in vorgerückten fahren als eine fremde erlernt hatte. Lr wollte ein Deutscher werden und ein Jude bleiben; das waren die beiden Brennpunkte, um welche sich die Kurve seines Daseins bewegte. Er wollte ein Jude bleiben, sofern es sich um die Fragen der Religion handelte. £r hat das mosaische Gesetz bis an sein Lebensende mit voller Strenge befolgt und mit Zorn die Zumuthung, die ihm Lavatcr in zudringlicher weise stellte, von dem Glauben seiner Väter abzufallen, zurückgcwiesen. In allen Dingen aber, die von dem religiösen Leben abseits liegen, wollte er ein Deutscher sein. Lr hat es in der deutschen Sprache zu hoher Meisterscbast gebracht; in stilistischer Beziehung, in Klarheit und Rundung des Ausdruckes sind seine Schriften mustcrgilttg. Er hat den lebhaftesten Antheil an allen wissenschaftlichen Bestrebungen der Zeit genommen und ist dem Aufschwünge der Dicbtung, der in seiner Zeit stattfand, mit der höchsten Aufmerksamkeit gefolgt. Im Gegensätze zu Friedrich dem Großen, der sich absprechend über die zeitgenössische Litteratur äußerte, empfand er deutsch-national und würdigte in vollem Umfange die Bedeutung des jungen Göthe. Me das ganze Zeitalter blieb er allerdings den politischen Intereffen fern, aber er hat in allen Fragen, welche die öffentliche Uleinung bewegten, empfunden und gedacht wie seine Lebensgenoffen, empfunden und gedacht wie ein Deutscher. Lr hat die Bahn dafür gebrochen, daß nach ihm die in dem Iudenthum aufkeimcnden Talente sich der dcutschen Wissenschaft zuwendeten und den öden(?) Irrwegen(!)des Talmudismus sicb abwandten. Für den Zuwachs, der der deutschen wiffenschast durch jüdische Gelehrte zu Theil geworden ist, sind wir ihm verpflichtet. Lin Heine und Auerbach würden in unserer Dicbtung nicht die Stellen cinnehmen, die sie sich erobert haben, wenn nicht zuvor Mendelssohn die Scbranken gesprengt hätte, die den Juden und den christliehen Deutschen bis dahin auseinander hielten. Das er einen so bedeutenden Linfluß ausgeübt, ist der sicherste Beweis dafür, daß er Tüchtiges geleistet hat. Ls ist in der letzten Zeit Sitte geworden, ziemlich geringschätzig über seine philosophisclien Arbeiten zu urtheilen. Ls ist ganz ricbtig, daß sie für unsere heutige Zeit nur noch durch ihre stilistische Vollendung Werth haben; für die Zeit aber, in welcher sie geschrieben wurden, haben sie durch ihren Gedankeninhalt hohe Bedeutung gehabt. Ls ist richtig, daß Mendelssohn für die Vertiefung der philosophischen pro« blcme wenig gethan hat; desto größere Verdienste aber hat er um die Ausbreitung der gewonnenen Linsichten. Lr war einer derjenigen Schriftsteller, die sich um die Befestigung der Ideen des achtzehnten Jahrhunderts die größten Vcrdienste erworben haben, in Deutschland das größte. Lr war der ehrlichen und mannhaften Freundschaft würdig, die ihm Lessing durch ein Menschcnaltcr gewidmet hat. Lesfing verdankte ihm wichtige Anregungen; der Grundgcdanke einer seiner bedeutendsten Schriften, des taokoon, ist zum ersten Male von Mendelssohn ausgesprochen worden. Lcsfing verdankt ihm aber vor allen Dingen die unsterbliche Figur seines Nathan. Dem Herrn Stöcker hat cs einmal beliebt, im Abgeordnetenhause gelassen auszusprechen, der Patriarch sei kein Christ und Nathan sei kein Jude, sondern ein Christ. Die Behauptung ist in beiden Theilen irrig. Der Patriarch, wenn er auch der Wahrheit und der Gesinnung nach kein Christ ist, behauptet doch noch heute — denn er lebt noch und zwar in mehr als einem Lxemplar — ein Christ zu sein. Und Nathan ist in Wahrheit ein Jude, denn er ist — Mendelssohn. Nicht allein die Reinheit des Charakters, sondern auch die eigenthümliche Lebhaftigkeit der Ausdruckswcisc, die Neigung, mit sich sellsst zu diskutiren, den kaum ausgesprochenen Satz sofort noch einmal zu prüfen, ihn hierhin und dorthin zu wenden, seine Lebensfähigkeit zu untersuchen, indem «eitere Folgerungen aus demselben gezogen werden, deuten mit überzeugender Gewißhett auf das Modell hin. Mehr als «hundert Jahre sind seit dem Tode de» Mannes verflossen und in diesen hundert Jahren hat die Menschheit gewalttge Fortschritte gemacht. Seine Gedankenweit ist nicht mehr die unsrige. Seine Unfähigkeit, geschichtlichc Lntwickelungen zu begreifen, seine Verständnislosigkeit für den Begriff des Volksthums find Schwächen, die er mit seiner Zett getheilt hat, und Niemandem wird es in den Sinn kommen, ihn für unser Jahrhundert noch als einen wissenschaftlichen Lehrer hinzustellen. Aber ein sittliches Vorbild ist er geblieben. Lin Vorbild lautern Lebenswandels, echter Humanität und jener Duldung, die, indem sie treu und fest an den eigenen religiösen Meinungen festhält, di« Berechtigung jeder abweichenden Meinung freudig anerkennt. Und die Verheißung, welche nach den Lehren seiner Religion dem Rechtschaffenen gegeben ist, daß er zum Segen werden solle für alle kommenden Geschlechter, ist an ihm in reichem Maße erfüllt worden.*) LaS BorurlheU gegen die Sude«, seine Natur, Ursache «ud Heilmittel. Meinuugläutzmmge« von «ichtsude». IL (Fortsetzung und Schlich von 920. 21.) 2. Antwort des Kardinals Gibbon in Baltimore. Die Redaction de» ,American Hebrew' hatte einen Vertreter nach Baltimore entsendet, um persönlich die An» sichten de» Cardinal», de» Oberhaupte» der katholischen Kirche in America, über diesen Ausbruch de» vorurtheil» gegen die Juden, welche» sich »o» Zeit zu Zeit wiederholt, zu hören. Der Cardinal erklärte, daß er für seine Person sehr hohe Achtung für die jüdische Raffe, welche bei all ihrem Thun eine so große Energie zeige und so viel« geistige Fähigkeiten besitze, empfinde. Wa» Baltimore betreffe, so kenne man dort da» Vorurtheil nicht; wenigsten» sei er selbst einem solchen dort noch nicht begegnet. Sollte jedoch irgendwo ei» solche« vorurtheil zum Ausbruch kommen, so würde er die« in uuserm Zeitalter der Austlärung schmerzlich bedauern,denn da»Christenthum verdanke den Juden seinen Erlöser und deffen Apostel. Nicht» solle daher in Bezug auf die Kreuzigung gelehrt werde», wa« im Staude wäre, ein vorurtheil gegen die Juden unserer Zeit zu erwecken, denn diese seien in keiner Weise für Handlungen vrrautwörtlich, die vor so vielen Jahrhunderten sich zugetrage» haben. Er mißbillige daher die Nährung irgmd welchen vorurtheil», au» welchen Gründen e» auch entstanden sei» möge, denn so viel ihm bekannt sei, geben die Jude» durchaus zu einem solchen keine Veranlassung. 3. Antwort des Rev. W- S. Schedd, vr. tttval. a« vereinigten theologischen Seminar zu New-Kork.**) Ihre erste Frage drautwortk ich mit »Nein!* Ihre zweite Frage beantworte ich ebenfalls mit,Nein l", weil diese Lehren sowohl auf Christen al» Inden au» -) Der an uns ergangenen Vovpel- Einladung (seiten» de» ״£omttee’s zur Errichtung des Mendelssohn-Denkmal»'׳, und de» Vor» stände» der irr. Lultnrgemeind« in Dessau) zur morgigen Enthüllung» sei« de» Denkmal» salzend, werden wir in der nächsten Ar. «ine« ausführlichen Bericht darüber bringen. . (Red.) —) Wtrwiedcibole» zum bessern Verständnih der Antworten dt« vi« r Fragen au» 9lr. 21: 1. Können Sie au» Ihrer eigenen persönlichen!Überzeugung irgrnd einen RechtfertigungSgrvnd für die Pfleg« eine» Vorurtheil» gegen Personen finden, bloß «eil dies« Juden find? 2. Ist dieses Vorurtheil »icht größtentheil» de« in der Kirche und Sonntagrschul« «rtheilten Religionsunterricht zuzuschretbeu, welch« z. B. lehrt: Di« Juden habe» den Heiland gekreuzigt; sie habe» ihn verworfen und können nur t« Glauben an ihn Erlösung finden und ander« dergleichen Ding« «ehr, welch« darauf b««ch» net sind, t» dem «mpsüngliche» Gemüth« de» Kinde» ein« Abr.eigrng legen die »verschwilhte Raff«» zu erregen?