Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 23 (5.6.1890)
- Date
- 1890-06-05
- Page
- Seite 171 (sequence 3)
- Language
- German
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171 ״D« sollst nicht ehebrechen", d. h. Familieulebe» und -glück nicht stören. — ,Tie Jaden fduncn die Arbeit", »ird gesagt, .sie suten den Handel und mvbetofin ®fl*tn1r.“ Mühelos «ud sichern Gewinn bringend, ist der Handel am wenigsten, und edens» wichtig ist er für die NationalLkooomie, die Wirthschaft de« Volk«׳ und btaatslrbev«, wie Handwerk und Ackerbau. Nur Bornirtheit oder Bosheit können und wollen die« verkennen oder leugnen. Auch hier lehrt ja wiederum der Dekalog: ,8 Tage sollst Tu arbeiten", und macht dem Juden die Arbeit in den 6 Wochenlagen in gleicher Weise zur heiligen, r ligiösen Pflicht, wie die Nutze, da» Einstellen der Arbeit, am 7 Tage. In der Borzeit waren dir Juden auch AckeiKauer und Hand- Werker, wie jede« andere Volk, ja vorzug«weise mehr, al« manche andere Völker. Andere Völker» wie die Phönizier, waren Händler und kamen zu den Juden. Produkte und Fabrikate ouszukaufen; man nannte sie Ausländer, Fnmde. Auch in späterer Zeit noch werden un« die Weisen Judäa'« al« würdige Handwerksmeister geschildert, und al« solche lernen wir auch dir Apostel de« N. T. kennen. In den bstlichen und slawischen Ländern ist da« Handwerk, selbst da« schwerste und mühevollste, heute noch in den Händen der Juden. Wenn die« in Deutschland ander« ist. so liegt der Grurd dafür nicht etwa in der Abneigung der Juden gegen Mühe, Albeit und Handweek, sondern in dem politischen Druck, in der religiösen Verfolgung und socialen Susschließung, wodurch sie während de« ganzen Mittelalter« bi« zur Neuzeit von Wissenschaft und Kunst, Grundbesitz und Ackerbau, Zunft und Handwerk fern gehalten wurden; selbst der Handel war ihwn nicht erlaubt, nur den Trödel, da« Handeln mit alten Sachen, beim Werth und Berwerihung man nicht kannte, und die anzulasten man sich für zu vornehm dünkte, überließ, nicht überwie«, man den Juden. Ist e« da zu verwundern, daß manche Juden noch alter Gewohnheit nachhängen uud den bekannte« Handel statt de« unbekannten Handwerk« wählen? Und doch ist da« Handwerk schon viel» sach gefördert und Wisienschaft und Kunst, wie Ackerbau und Gewerbe. Technik und Industrie findet viel Pflege unter den Joden. Man begreife nur, daß auch der Handel ein wichtiger Factor de« National-Wohlstandl» ist und sehe darüber die Juden nicht gering an, wenn sie Kaufleute und Börsenmänuer find. Man höre nur auf, die Juden auf dem betretenen Wege zu beirnn, schließe sie nicht von neuem wieder von sich au« »ud sage dann höhnend: Tie Juden wollen e« nicht ander«, sie wollen nur handeln, nur mateciellcn, nicht idealen Bestrebungen huldigen. Spricht so der christliche Geist» der Geist der Gerechtigkrit und Liebe gegen alle Menschen, von welchem Volke sie auch seien, der Geist universeller Verbrüderung, der das Eharacteristikou de« christlichen Geiste« sein will und soll? Schädigt wirklich der jüdische Geist oder die ErwerbSthätigkrit der Inden da« gemeinsame Etaatsleben oder da« gesonderte religiöse und Familienleben der Ehristen? Nur Neid und Haß find r«, welche dem fähigen, fleißigen und sparsamen Juden da» finanzielle Aufkommen nicht gönnen «nd ihm deshalb einen ausschließlichen Geist materieller Erwerbsthätigkeit zuschreiben, und den unfähigen, trägen und verschwenderischen Christ, der finanziell nicht Nachkommen kan» und geschäftlich unterliegt, ideale» Bestrebungen huldigen lafse». Materieller Eigennutz ist anch bei schlechte» Ehristen zu finde», uud ideale» Bestrebungen steht anch der gute Jude nicht fern. Der ausgesprochenste AnlisemitiSmnS ist e«, Jndenfeindschaft fragt die Jude», welche ftudiren: warum handelt ihr nicht? und wenn sie handeln, warum studirt ihr »icht? Al« die Juden die Schule nicht besuchten, weil mau ihue» dir Aufnahme verweigerte, warf man ihnen vor: sie schließen sich von uu« ab »ud au«, uud jetzt, da sie dir Gchaleu besuche», seitdem «au sie ihnen geöffnet hat, strebt mau danach, sie wieder davon auszuschltrßen. Mau wirft de» Inden vor, sie begrüaden die Sozialdemokratie und verbindeo sich mit ihr, um de« Altar der Kirche und de» Herd der Familie zu stürzen, Religion. Eigenthum und Familie anfzuheben. Nein, nicht die Sozialdemokratie de» Volk», sondern der AnlisemitiSmnS de« hohen Adel» verbindet sich zu diesen Zwecken mit der Anarchie, wie jüngst wieder in Frank, eich Marquis de Moläs bewiesen, und die Anarchie bedroht den Staat und mit diesem Religion und Besitz, Ehe und Familie. Unter dem Namen de« Antisemitismus sucht man da« unzufriedene Volk für den anarchistischen Umsturz zu gewinnen; man hetzt gegen die Juden und verg-ßt oder verschweigt, daß die herausbe!chworene Revolution auch die christlichen Reichen nicht verschont und vor dem Thron der Fürsten nicht stehen bleibt Videanfc consules! Frrichle ««d Correspondenzen. Deutschland. Magdeburg, 2. Juni. Der evangelisch-soziale Congreß, der vor. Woche in Berlin tagte, würde un» wenig inlereffiren, wenn nicht in der Schlußsitzung deffelben auch die Judenfrage — natürlich von Stöcker — auf« Tapet gebracht worden wäre. Doch halte er diesmal einen geharnischten Grgner in dem Professor Dr. Harnack gefunden der die antisemitischen Bestrebungen einer vernichtenden Kritik unterzog. E« war hochinteressant und erfreulich zu hören» wie der protestantische Kirchenhistoriker, der Amtsnachfolger August Neander«, dem Hofprediger heimleuchtete und laut und offen erklärte, daß er, gerade weil er auf dem Boden de» Evangelium« stehe, nicht ander» al« ein Philosemit sein könne; ja al» Senner der Geschichte sei er zu dem Ergebniß gekommen» daß die Ehristen an den Juden mehr verschuldet hoben, al» diese au jenen. Die ganze Agitation gegen die Juden sei unchristlich, sei Unverstand und Unfug, in erster Reihe sei dafür Hr. Stöcker verantwortlich. Er (H.) werde stet» dagegen proteftiren, wenn gegen die Juden solche Angriffe unter- »omoien würden. — Da« waren mannhafte Worte eines evangelischen Theologen, der freilich in dieser Versammlung der ״Schwarzen" sich wie eia ״weißer Rabe auSnihm." Die protestantische ״Magdeb. Zeit." schreibt über die praktischen Resultate jener Versammlung folgendes: ״Di« Tatlache, daß di« Seele de» Coagrrsse» Herr StScker und sein ״näherer Umstand" gewesen, lassen an eine» prakiischen Erfolg zweifeln. Zwar ist da» Lob seiner Thaten mir feurigen Zungen von etlichen Geistlichen verkündet worden. Wenn man jiidesfen denselben etwa» nüchterner nachgesorscht hätte, würde man gefunden haben, dag sein vor zwäls Jahren begonnene Feldzug gegen vie Soeialdemokratie gänzlich verunglückt ist. Wo sind die Arb iier, die durch die siegreiche Gewalt der Beredtsamleit de» Herrn Hosprediger» der Socialdemolrati« eutriffeu wären? I» immer größeren Schaaren sind sie dem Banner de» SocialiSmu» gefalzt. Ja dem Wahlkreise, den Herr Stöcker wiederholt mit stolzer Zuversicht al» den seinigen bezeichnet. hatte die»mal ein unbekannter Polnischer BnchbindergeseUe fast da» Doppelte der Stimmen auf sich vereint, di« jemal» Herr Stöcker hier für sich erringen konnte. Da» zeigt, daß Fehler in den Rechnungen de« Herrn Holprediger» gewesen sein müffen, uud dies« lkrkenntniß hätte davon abhalten sollen, ih« ans» Reue «ine Rolle in der Aktion gegen die Socialdrmokralie zuzuweisen. Eine solch« kan» wirksam »ur geführt werden aus der Grundlage weitestgehender Toleranz und gegeaseiilger Duldsamkeit, di« tos Herrn Stöcker Niemand wird erwarten können." Magdeturg. Zur Beleuchtung de« Pfeil'schen Antrages brachte die Franks. Zeit. v. 27. Mai einen recht instruireaben Leitartikel» der die Stöcker-Pseil'schen Klagen über die verjuduug der Pflanzstätten höherer Bildung an der Hand der Statistik prüft, «ad auf ein Minimum zinückführt. E» heißt darin: Rach des amtliches ״statistischen Mittheilungen über da» höhere Unterrichiswesen i» «önigreich Preußen, Heft 6״ waren im Wintersemester 18889/י־ in Preußen in M>8 Gymnasien.mit 77629 Schülern 6998 jüdische *8 Proghmnasien . . . . 28 ״ 21״4 ״b ״ 87 Realgymnasien . . . . ״ 2326 ״ 25261 ״ 87 Realprogymnasten. . . . 9223 ״ 478 ״ 11 Oberrealschulen . . . . ״ 254 ״ 4788 ״ 2» «ealschutea.. 5909 ״ 914 ״ Sa. h»he« Schul«, ....»!! 134803 Schülern 11973 jüdische.