Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 23 (5.6.1890)
- Date
- 1890-06-05
- Page
- Seite 170 (sequence 2)
- Language
- German
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Auch die alte Geschichte, in der ei« Gran« Wahrheit und ein Lentner Unwahrheit ist, kehrt wieder, daß die Mensch׳« | unglücklich sind, denen bei großer Geistesbildung und gutem! Charakter der sociale Schliff, die gesellige Bildung fehlt, weil sie von armen Leuten abstammen, oder, wie eS in dem Jargon des BornehmthunS heißt, weil fie von niederer Herkunft sind. Herr Dr. Leon mag sich doch in Beilin umhüren, ob die hervorragendsten Männer der jüdischen Gemeinde nicht zumeist aus sehr engen nieder» Hütten stammen; da» hat nicht gehindert, daß sie geistig frei «»ו hochstrebend geworden find. Dagegen hat ein junger jüdischer Herr aus einem der ersten Häuser, der in den siebziger Jahren Offizier wurde, durch fein unziemliches Betragen uns mehr geschadet, al« sein HauS uns je genützt hat. Wir werden von dem Satze nicht laffen: .Achtet auf die Kinder der Armen, denn von ihnen geht die Lehre aus." Wenn nun Herr Dr. Leon, da wir seine Mittel verschmähen, den AniisemitiSmuS zu entwaffnen, uns die Segenfrage vorlegt: ja. was schlägst du denn für ein Heilmittel vor. so bekennen wir offen, daß wir kein» wissen. Wir stehen ans dem Standpunkt, den jüngst David Caffel in einem andern Blatte vertrete« hat: e» giebt kein Heilmittel, der Antisemitismus ist wie eine Epidemie, wie die Influenz a, vielleicht daß er, wie diese bSse Krankheit, auch unversehens wieder verschwindet. Das Mittel, das uns Dr. Leon vorschlägt, hat frappante Sehnlichkeit mit dem Verfahre n jene» auf einem Schiffe befindlichen Man nrs, der aus Angst davor zu ertrinken, sich vergiftet hat. Gegenüber dem Toben unserer Feinde soll der Jude thun, wozu er auch ohne dieses Toben verpflichtet ist: brav und gut sein und die zehn Gebote sorgfältigst beobachten. Dann darf er in^Selafs enheit und GemüthSruhe warten» bis der Sturm vorüber ist. Die Aufgaben, die wir dem Staat, der Gesellschaft, uns selbst gegenüber zu erfüllen haben, werden durch Broschüren, wie Herr Dr. Leon eine geschrieben hat. nicht erleichtert. Die wichtigste soziale Wandlung, die wir anstreben müssen, ist: den Andrang zum Handelsstande möglichst zu vermindern. Gewiß kann der Kaufmann so gut ein ehrlicher Mann sein, wie jeder andere; gewiß erfüllt auch er eine Sulturaufgabe. Trotz alledem haben schon längst vor Leon weise Männer in unserer Milte darauf hiogearbeitet. daß die Juden nicht nur Handelsleute, sondern auch Gelehrte. Handwerker und Ackertleute werden. Die» Streben hängt unmittelbar mit der religiösen Reform gar nicht zusammen. Weder zur religiösen noch zur wirthschaftlichen Reform der jüdischen Gesammrheit ist Dr. Leon besonder» berufe«. L.-Gl. Die Schrildebatte tm preutz. Herreuhause. Bon Rabbiner Dr. Rothschild. lLchluß.) Wie ist denn in dieser HerrenhauS-Debatte der Anti« semitiSmu» begründet worden? Wiederum in alter, nur noch grellerer Weise. Der christliche Seist, in dem die Jugend erzogen werde und das Volk lebe, sagt man, leide Nolh durch da« Zusammenleben jüdischer und christlicher Linder in den gemeinsamen Schulen. Erinnert diese gefürchtete Uebermacht des jüdischen Geistes nicht lebhaft an die Anekdote der »Fliegenden Blätter", nach welcher ei» jüdischer Knabe, in eine christliche Schule geschickt worden, um richtige» Deutsch sprechen zu lernen, nach Jahresfrist aber mit seinem verderbte« Deutsch wieder heimkehrte und, gefragt, warum er nicht besser sprechen gelernt Hab«, erklärte: di« ganze Schule mauschelt jetzt, die Schüler wie die Lehrer. Dir Herren scheinen die erdichtete Anekdote für eine wirkliche Thatsache zu halten und die Möglichkeit eine» solchen Erfolg» in Wirklichkeit zu fürchten. Glauben sie denn wirklich an eine solche Uebermacht de» jüdischen Geiste«, und halten sie in der That die Widerstandskraft de» christlichen Geiste» für so gering? Dab.'i haben die Juden doch noch immer nicht die Ueberzahl, weder in der Schule, noch im Leben, denn Preußen : zählt auf ca. l.0 Millionen Christen kaum '/, Millionen I Juden. Merken die Herren denn nicht, daß sie mit dieser 1 eingebildeten Furcht ihrem christlichen Geist ein ArmuthSj zeugniß ausstellea, wenn sie vor Angst zittern, daß die > wenigen jüdischen Schuljungen während der kurzen Schulzeit im Stande sei:«, den christlichen Seist der andern, an Zahl überwiegende» Jugend zu gefährden, zu besiegen und zu vernichten? Dabei sprechen die Herren noch von der Geistesträgheit und Dummheit der Juvenjungen, womit sie ten Lehrern zur Last fallen und den geistigen Fortschritt der Schule hemmen, obwohl umgekehrt in allen Schulen die geistige Ueberlegenheit. der Fleiß, die Tüchtigkeit und da« sittliche Betragen der jüdischen Schüler fast durchgängig gerühmt wird. Merken die Herren da wiederum nicht, daß : sir mit sich und der Welt in Widerspruch gerathen? Was verstehen denn die Herren unter »christlichem Geist", von dem fie fürchten, daß er durch die Juden, '.und zudem durch die jüdische Schuljugend, verloren gehen könne? E» scheint, daß ihnen da« Bewußtsein davon und der Glaube daran fehlt, und der Ausspruch nur «ine Redensart oder unbewußte Lüge ist. Der christliche Geist ist doch der Geist dr« Cdristenthllw« und der in demselben erzogenen und lebende» Christenheit. Dieser aber ist nicht« andere«, al« der vom Judenthum übernommene Geist monotheistischer GotteSerkrnntniß und Sittlichkeit, eine« Leben» in Brrbrüderong aller Menschen, in Gerechtigkeit und Liebe gegen fie. Dafür zu wirke«, ist auch Aufgabe und Beruf der Juden; so lehrt r» biblische« und talmudischrS Schriftthum, daran halten die Juden bi» auf den heutigen Tag fest, dafür haben sie zu allen Zeiten die größten Opfer an Gut und Blut gebracht. Wie kann man nun fürchten, daß die Jude« diesem Geiste rutgegenwirken, der ihr eigner Geist ist. daß fie die Bibel verleugnen werden, deren Träger sie find, und von der sie getragen werden? Der Jrrthum liegt darin, daß man glaubt, ein so idealer! Geist sei den Juden fremd geworden und nur noch den Christen eigen; der Geist, da« Denke«, Streben und Leben der Juden sei in MaterialiSmu«, Gewinnuud Habsucht versunken, auf Gelderwerb, Betrug und Wucher gerichtet. Such diese Ansicht ist eine überkommene und bewußtlo» nachgesprochene Phrase, oder eine bewußte Lüge, auf Unken״ tniß oder Fälschung de» Judenthuw« und der jüdischen Geschichte in Vergangenheit und Gegenwart beruhend. Schon der Dekalog, die Grundlage der jüdischen nod christlichen Religio», wie aller moralischen und pvlitischen Gesetzgebung, weist auf die Nothwendigkeit von Besitz uud Eigenthum hiu (»Du sollst nicht stehlen). Schon um dr« Besitze« und ReichlhumS au Erdengütern willen, den man an« Jrrthum »der Feindseligkeit den Juden zuschreibt, müssen fie ja Gegner dr« SozialiSwu« und Kowmuui«mu« sein, dem, wie die Jude»- feinde sagen, sir anhäogrn, ja den sie begründet haben und dessen Führer sie sein sollen. Jener Grundsatz de« Dekalog« macht die Juden geradezu zu prinzipiellen Gegner» der Sozialdeiookratic, da er die Individualität jede« Einzelnen ei halten will, welche nur durch den Einzelbrsitz ermöglicht wird, während der CommuniSmuS alle« Gut zu einem gemeinsameo macht und den Besitz, damit auch dir Selbständigfeit des Einzelnen aufhebt. Auch auf die Ehe und da« Familienleben richtet die Sozialdemokratie ihre» Angriff, und wie heilig gelten diese Güter den Jude» grundsätzlich und i» praktifchen Leben! Denn auch hier lehrt der Dekalog: