Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 22 (29.5.1890)
- Date
- 1890-05-29
- Page
- Seite 165 (sequence 5)
- Language
- German
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165 bann noch eine kaum absehbar« Reihe von vagen folgt«. Seine Lrnnennusit erklang; auch nur eine bescheiden« Zahl von Prinzen wurde von den, den Sarg geleitenden Männern demselben nach» getragen. Dal Alle» entsprach dem bestimmt aulgedrllckten letzten Wunsch und Villen de» trefflichen Manne», den man zur letzten Ruhestatt führte, seinem jeder Ostrn.Iation, jedem Hevo-trelen mit der eigenen Person, jedem eitein Prunken mit den eigenen Verdiensten, tief abgeneigten schlichten Sinn und innersten Wesen. Der Ber- &»rb«ne war einer der verdientesten Berliner Mitbürger mosaischer leligion, besten Namen in weiten Preisen unserer Bevölker »ng, und teine»weg» nur seiner Glaubensgenossen, mit Dankbarkeit und Ber- «hriing genannt wird, der Maler Bodenstein, der in vora-iaegangener Woche »ach langem schwerem (Herz») Leiden im 72. Lebensjahr dieser Srankheit erlege» war. Seinen siebzigsten vebrrtstag hatte er noch, im Februar 1839, im Preise der Seiiugen, zahlreicher Freunde und Begllickwünschungsdepu'a-ionen freudig und rüstig zu feiern vermocht. Alle jene Vereine und ttörperschaften, w.-lch« zu diesem Dag« ihr« Lertreiec mit Adreffen, Anreden. Ehrengaben an den verehrten Meister und Sohlthäter entsendet hatten, gaben ihm nun auch da» letzte Ehrengeleit; die jüdische Armenkommission, die Gesell,chaft jüdischer Hindwerker und ttÜnstler zur Unterstützung in Srankheit»- fällen, die Gesellschaft der Freund«, der Brüderverein, die Gesellschaft Magine Reim, der Talmudverein, die Gesellschaft Beth-Hamidrasch, der Verein der Danziger, der der «estpreußen, der aesellige Verein der Handwerker, die Gesellschaft zur Verbreitung d:« Handwerk« und de» Ackerbau«» unter den Juden im preußischen Staat, die Maler- Innung, viele Inhaber kunstgewerblicher Institute und Werkstätten, Deputationen von zahlreichen konfesstonälosen Vereinen, hervorragend« Architekten. Brrus»genost«n de» verstarb.׳»!?», Sünstier und «unsthandwerk-r anderer Fächer. Schweigend bewegte stch der lange Zug über die sonntäglich heiler klebten im Frühlingssonnenglanz gebadeten Straßen und Plätze seinem entlegenen Ziel entgegen. Dort aus dem alten i»raelitischen Friedhof, in dessen Erde kaum noch der kleinste Fleck frei geblieben ist, um ei»em neuen Ankömmling eine neue Gruft »u gewähren, wurde der Sarg von dem Wag!» gehoben, zunächst in der hinter ihm geschloffenen Leichenhalle aus die Bahr« gesetzt, auf welcher dann die nächsten männlichen Familienangehörigen und Freunde de» verstorbenen ihn zu der nahen, offenen, ungeschmückien Säulen- Halle trugen. Nur wenig« hebräische und deutsch« Schristwone und »In Gebet wurden hier zur Einsegnung über den Sarg gesprochen. Jene Männer, der einzige Sohn, der Landschaftsmaler Iuliu» Boden» stein, an der Spitze, hoben die lhenre Last wieder auf ihre Schultern und trugen sie so ans dem engen Pfade durch da» Labyrinth der hier dicht zusammengedrängten Grabgitter und Leichensteine zu der offenen Gruft de» Erbbegräbniffe», in welche «an ihn lautlos einsenkte. — Der dort zur ewigen Ruh« Gebettete war 1319 in Danzig geboren, und vor fünfzig Jahren als armer jüdischer Handw«rk»gesclle, — damal» rin« selten« Au»nahm« — nach Berlin gewandert. Trotz der vorurtheile, mit denen «in solcher zu kämpfe» hatte und trotz seiner Mittelosigkeit, gelang es seiner Energie, seinem eisernen Fleiß und seiner Lharoltertüchtigkeit sich durchzuringen i« harten Lebenskamps und sich «in« unabhängige, höchst ehrenvolle bürgerliche Stellung in Berlin zu erobern. Mit der großartigen Entwickelung unserer Stadt, und besonder« »tut) der Privatarchitektur in derselben, ging die der Werkstatt und der kunsthandwerklichen Thätigkeit Bodenstein» Hand in Hand. Die umsaffendsten Aufgaben der dekorativen Malerei und der gesammten künstlerischen Innendekoration von Pracht- und Sohnräumen wurden seiner Firma in strt» wachsender Zahl und Größe übertragen. In der immer gesteigerten Vollendung der Durchsührung dieser Aufgaben durch dies« Werkstatt reilektirte sich freilich da» stetige glänzend« Fortschreiten des Berliner Sunstgewerbe» während der letzten tzweinndzwanzig Jahre, seit der Begründung des deutschen Gewerbe» «ukeum». Seine höchste Befriedigung fand der merkwürdig« Mann, neben feiner Beruisthätlgkeit, i« unablässigen Wirken für da» al» gemeine Best«, skr die innere und äußer« Befreiung seiner Glaubens- Effen von den Fesseln eigener herkömmlicher Gewohnheit und den Vorunheil», für die Linderung der Noth der Armen und den ohne Unterschied de« Glauben», im prunnosen Wohlthun in Kder Richtung. Der Stil und dt« Ausdehnung, woNn er dasselbe übte, könnt« unsere Reichsten und die, welch« die gr»ße Glocke zum g« ihrer deranigen Verdienste am lauteste» tönen lassen, beschämen, «tue« Wesen und Leben blieb er sich zei'.leben» getreu, der Feind blos äußerlichen glänzenden Scheine»; einfach, still nutz wahrg- Dieser SinuesaN ganz gemäß war denn auch di« von ihm vorgeschriebe»« An sNne» Begräbnisses. Sein« Hinterbliebenen haben diese Anordnungen pinäwoll neulich befolgt. Und gewiß, der Eiadruck dieser schlichten Feier war nur um so ergreifender. L. P. Gr. tfffe*, 27. Mai. (Or.-Eorr.) Daß da» Gebäude der autisemittscheo Partei tu allen Fügen zu krachen beginnt und über kurz oder lang auseiuauderfallru muß, wissen wir nicht bloß au» den gerichtlichen Klagen und Gegenklagen in Wien, sondern auch in unsrrm lieben Vaterland,. Da» in Witten erscheinende »Märkische Tageblatthat e« bereit» öffentlich ausgesprochen, daß Männer wie Pickeubach und Lvckel den Autisemtteu mehr schaden al» nützen, und ist diesen mit AebenswürdigkeUen zu Leibe gegimgen, die auf einen Bruch der Aatisemiten Hinweisen. 8» wird diese» am besten klar, wenn wir eine Eorresponbeaz au» der »volkSzritnnghier wiedergeben: Witten. ZoUchcn den Antisemiten Dr. König hier׳ selbst und Dr. Bäckcl in Marburg wird zur Zeit eine hitzige Zcitungsfehoe ausgefochleii. In dem »Märkischen Tageblatt-, dem rheinisch-westfälisch:» Organe der Aittise» miten, erschien bekanntlich kurz nach der gießen er Wahl ein Artikel, in welchem der Pickenbach ein .Halsabschneider" und Dr. Säckel «in »Unglück für unsere Bewegung" genannt wurde. Da» hat den Dr. Bäckel niht wenig gewurmt, und somit forderte er von KSatg, vieler solle auf sein Ehrenwort versichern, daß er jenen Auslastungen völlig fernstehe. König aber erwiderte, daß er der vom »Märkischen Tageblatt" geäußerten Ansicht so lange beitrete, bi» Pickenbich durch einen;.egen Profestor Stengel angestrengten Prozeß den Bewei« erbracht habe, daß er verleumdet worden sei. Falls aber Pickenbach da» Blatt gerichtlich belangen wolle, sei er gern bereit, ihm einen tüchtigen wittener Rechtsanwalt zu empfehlen. Run aber war Böckel'» christliche Langmut zu Ende; in seinem .Herold" erklärte er, daß er die Kandidatur Sänig» für Gießen zurückgewiesen habe, weil König erklärt habe, sich im Falle seiner Wahl der konservativen Partei anschließen zu Boden; au« Aerger über diese Ablehnung versuche Sänig nun, dem antisemitischen Erwählten ein Bein zu stellen. König seiurrseit» parirt diesen Schlag durch die Behauptung, daß er keineSwe« für Gießen habe kandidireu wollen; er habe vielmehr IVO Mart zur Wahl Pickenbach'S beigesteuert. — 100 Mark für die Wahl de» »Halsabschneider" l Hat Dr. König vielleicht gar auch zu gewissen Altmentenzahlungen eine» antisemitischen Abgeordneten Subventionen geleistet? So thut einer dieser Herren den andern ab. Uns ist'» schon recht i Manschet«, 20. Mai. Da in unserem Reichstag». Wahlbezirke neuerding» die antisemitischen Bewegungen eine größere Ausdehnung auzunehmen scheinen, so hat der Wahlou»schuß der nationalliberalrn Partei an die Bertraucn«mänuer folgende» Rundschreiben ergehen lasten: »Wir erlauben uns, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß seit einigen Wochen in einzelnen Orten unsere« Wahlkreise» durch auswärtige Elemente versucht wird, der sogen. »Deutsch-sozialen Partei" Eingang zu verschaffe». Diese Partei verfolgt unter dem Deckmantel volkSihümlicher Reformen den offen ausgesprochene» Zweck, antisemitische Strömungen herbeizuführeo» und, wo solche vorhanden, zu fördern. Ei» solches gehässiges Treibe» kann dem öffenilichen und gesellschaftlichen Lebe» nach keiner Richtung zuträglich erscheinen und wir richten deshalb 0» Sie die dringende Bitte, nach Kräfte« dahin zu wirken, daß jene Partei keinen Boden bet un» finde, damit der konfesfionelle Friede in unserem Wahlkreise erhalten bleibe."' im Mai. (Nekrolog. S. Nr. 20.) Rabbi Abraham Deutsch im Jahre!»03 zu Zülz in Oberschlrsirn geboren, wurde von seinem frommen, hoch,«lehrten Vater, dem R. Mordechat Deutschמ״ל, dem RabblnalS-Assessor der damal» hochbedeutenden Gemeind«, früh in da» Studium der Thorah und de» Talmud» eingeführt. Seine wettere Ausbildung genoß er al» Jüngling aus der Jeschiwa zu Proßnitz in Mähre«. Im Alter von etwa 23 Jahren führte er eine Tochter de» frommen und gelehrten Eantor» unserer Gemeinde, de» R. Mose» Kirsch«׳r דל, al» Gattin heim. Seit jener Zeit hat er unsere Stadt nie verlassen. Unmittelbar nach seiner Berheirathung gründete er ein Geschäft, aber er, der Talmud Lernende und Lehrende, fand in dieser Beschäftiguug weder Befriedigung noch Glück. Rach einem Jahre mußte er da» Geschäft auflüsen. Er lebte fortan unausgesetzt seine» talmudischen und rabbinischen Studien. Wegen sckner klaren» lichtvollm Unterrichtsweise war er al» Talmudlehrer sehr belicht. Obgleich e» fta» seiner persönlichen Eigenart entsprach in schlichtester Zurückgezogenheit zu lebe», nie um die Gunst der Mächtige« und Einflußreichen zu buhlen nicht die Anderen aufzusuche», sondern sich lieber von chnen aufsuchen zu lass«, so erwiese« sich doch zu Zetten die Brw