Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1890)
- Issue
- 22 (29.5.1890)
- Date
- 1890-05-29
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
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fett adeligen Gesinnung יי) und, bei den kindliche» Grundbefitzen! wurzelt. Aach da» jüngste Rencontre de» Reichskanzler« und B amberger« bei der Kolvmaldebattr de« Reichstag« streifte un» bemerkt und versteckt den Antisemitismus. Erfterer tadelte an Bamberger, der (als Jude) auf dem Finanz gebiete nur groß sei. daß er ausschließlich die wirthschaftliche Seite der Frage in« Auge fasse, aber den deutschen und christlichen Idealismus, welcher bei Gründung der afrikanischen Kolonien auch die christliche Mission «ad die Befreiung der Sklaven bn Auge hatte, nicht kenne; es liege die« eben in dem individuellen Standpunkte jede« einzelnen. Selbst Windthorst, der doch diesem specifischeu Idealismus am nächsten steht. Widersprach dem Reichskanzler und stimmle indirekt Bamberger zu. Und da« Judenthum stand doch wohl früher der universellen Verbreitung religiöser GotteSkenntoiß und Sittenlehre wie einer humanen Lösung der Sclavensrage nahe, als da« Ehristenthum; also liegt ein dahin zielender Idealismus den Juden nicht so fern. Man sieht aber daran, die Gefahr für un« Juden wird bedrohlicher. Wenn der Antrag de« Herrenhauses vorläufig auch noch keine Folgen für die praktische Gesetzgebung haben wir», so ist doch da« Samenkorn de» Unkrauts auSgestrcut, e« hat Boden gefunden und Wurzel gefaßt; soll eungestört fortwuchern? Rabbiner stehen nicht au der Initiative, zumal die Sache keine intern-religiöse ist; selbst für diese werden sie ja häuftg genug umgangen. E« ist an den Vorständen und dem D. I. G. B. die Initiative zu ergreifen — zur Bekämpfung unserer Gegner, ehe sie erstarke», und zur Wahrung unserer Rechte, eh« sie in« Wanken geralhen. Die Schuldebatte im Herrenhaus, kurz und bezeichnend ,Jlldendebaltrgenannt, erinnert wreder an den bekannten AuSspruch Kaiser Friedrich'- über den Antisemitismus. Wie passen» dieser AuSkpruch ist, beweisen auch die geistesverwandten Tagcsbläller, wie die Sr uzzrituog, welche au« diejer neuen antlsemitischeu Bestrebung der Hocharistokratie Capital zu gewinnen und diese« in steine Münze für da« Volk umzuprägen sucht. Die Regierung svrach zwar auch von schultechnischen Schwierigkeiten, welche dadurch entstehen, daß eine große Zahl der Schüler Israeliten seien. Die Regierung spricht aber nur von schul-technischen, nicht konfessionellen Schwierigkeiten und steht antisemitischen Tendenzen zur etwaigen RechtSbeschränkuug der Juden fern. Jndrß werden die gefürchteten Schwierigkeiten weder übergroß noch unüber- »indlich sein, da wohl nicht jüd.-orthodoxe Schüler in Massenanzahl eine den Gesammtuntrrricht gefährdende Berückfichtigung »er- und erlangen werden- Wir würden die Zurück- Weisung jeder jüd.-eonfesfiourllen Berücksichtigung gerechtfertigt Sidru, wenn die Regieruug nur schul-technische Fragen in« ugr faßte, eonfesstonrlle aber, auch christlich - konfessionelle, unberücksichtigt ließe. Denn die höheren Schulen gehören »er Wissenschaft, der Pflege derselbeu oder der Vorbereitung dafür; sie sind keine Erziehungsanstalten. Ja iutercoofessto- «lleu Ausialte» ist der wifsätschaftliche Unterricht gemeinsa», der eoufeffimeelle getrennt. Für die Wissenschaft ist e« gleichgültig, welcher ReUgiou und Eoosesstou der uuterrichtende »der Vortragende Lehrer uud die zu uuterrichteudeu »ud hörenden Schüler angehöre«. Gabbathe und Festtage sind «eisten« für jüdische Schüler schon längst keiu Hinderniß mehr. Schule zu besuchen und am Unterricht sich zu berhetltgrn; die Ledensprapi« ist hier, wie in vielen andere» Fragen, der ReltgiouSthrorie voraugrrilt. War» sich hier einzelne a«Sschließe», so werdeu sie nicht ausgeschlossen, sonder» sie schließe» sich selbst au«; für die Schule entsteht daraus keine technisch« Schwierigkeit, sie ist gleichgültig dagegen und trägt für etwaige Folge» keine Verantwortlichkeit. Ader die ge- »altthättge Ausschließung der jüdische« Schüler, welch« da» Herrnchau» erstrebt, ist eia Braud, den da« Feuer des AntisemiltuthnmS »»gezündet hat; die Regieruug sollte die Funken, welche die Fackel de« RrligionShadtrS und fanatischer BerfolgungSfttcht ««streut, sofort «nStreten uud löschen, eh« sie Brennstoff finden «ud z«r Hellen Flamme auflodern. Hier wollen wir die Regierung mit Entschiedenheit und Offenheit handeln sehen, nicht nur reden hören, wenn wir glauben sollen, daß es der Regierung mit ihier Bekämpfung de» Antisemitismus, mit der Wahrung unserer Rechte voller Ernst sei. _ (Schlublsolgt.) Der Reformstreit r« London. Bei den englischen Juden hat der Rabbiner eine Bedeu'ung, er hat Macht uud Einfluß und ist nicht nur eine DecorationSfigur, wie >n Deutschland. Man begreift daher den Ernst, welchen die bevorstehende Neuwahl eine« Oberradbiurr« für England und speciell für London hat. Deshalb ist jetzt dort der Streit über die Reform de« Eultu» und Ritus in gleicher Weise entbraunt, wie in Deutschland vor 50 Jahren. In Versammlungen, Predigten und Brochüren erklärt mau die Reform für nolhwendig und zulässig, denn da» Judenthum unterliege, gleich Allem, wa« Lebeu hat, dem Fortschritt, dem Wachsen, der Entwicklung, wie in der Natur und Pflanzenwelt, so auf religiösem, geistigem Gebiete. Ein Baum, der nicht wehr wächst und treibt, ist tobt, abgestorben; eine Religion ohne Einfluß aus da« Leben, ist ohne Leben. Unter der Devise de« Bibelwort« Exod. 14,15: »Sie sollen vorwärts schreiten!" wird der religiöse Fortschritt als eine Forderung Sötte«, die Reform al« ein religiöse« Gebot hingeftellt, deren Verweigerung den Untergang de« Jude»- thum«, da» Absterben, den Tod de- GlaubruSbaueS nach sich ziehen würde. An dem Baum de« Judenthum« seien die religiös Indifferenten den dürr gewordenen, abgestorbenen Zweigen gleich. Diesen gegenüber stehen die Interessenten der Religion: 1. die Anhänger de« Fortschritt- und der Ent- Wicklung mit Srstrebung einer Reform de» Ritus in LultuS und Leben; 2. die Anhänger der Tradition, welch« keine Refe bewilligen, nicht» abäudern, alles belassen wollen, wie -s ist. Ein Theil dieser Orthodoxen erklärt sogar, daß die Reformer anfgehört haben, Juden zu sein, daß sie außerhalb stehen und keine Verbindung mit den GefetzeStreuea haben, vergessend, daß das spätere Judenthum nicht durchaus dem ursprünglichen gleiche, daß da» raddinische nicht wie da« talmudtsche uud diese« nicht wie da« mosaische sei, baß jede Zeit ihre Abänderungen aufweise und gerade in der Tradition der Beweis für die Nothweodigkeit der Reform liege. Die besonnenen Refor-rr geben zu, daß, wie jede» Geschenk nicht im Sinne und für da« Bedürfnis de« Geber«, sondern de« Empfänger« zu wählen sei, so auch die Reform dem Gin» und Bedürfnis der Gemeinde augepaßt »erde» müsse, der sie dienen solle. Hiermit ist tudeß nur da« Princip der Reform gerechtfertigt und gesagt: man darf nicht stehea bleiben, mau muß fortschreitea und reformiren, aber nicht über Art, Maß »ud Ziel der Reform entschieden, uicht gesagt, wie, wo uud wie wett mau reformireu dürfe. Wir rathe» daher, au Deutschland ein Beispiel zu nehme» uud vor allem Trennung von der Orthodoxie, Spaltung der Semeiadeu zu verhüte», sowie ei«e erzwungen«, »ctroyirte Reform zu vermctden. Mau st׳ht sonst trotz verbrfferuug. verschöneruug uud Hebung de« Gottesdienstes verlassen und vereinsamt i» leeren Synagogen, mau hat keine Interessenten »ud Theil- »ehmer «ehr, man verliert die Orthodoxen «nd gewinnt uicht die Reformer. Di« Indifferenten kämpfen, aber nutzen de« Steg nicht au», sie nehme» da« Geschenk der Reform, aber stelle» e« gleichgiltig in die Ecke und benutzen e« uicht, machen keinen Gebrauch davon, weil sie kein Bedürsutß dafür haben. Indifferente» welche da« Interesse für die Religion verloren haben, kämpfen nur um de« Kampfewilleu, so lang dieser dauert, uud bi« der Sieg eriuugeu ist; ab« sie find bereit« der Religion zu sehr abgestorben, um derselben ein dauerndes und lebendige« Interesse zu bewahrra; di« religiöse Ftuluiß hat zu sehr um sich gegriffen» der Glaube»«- bäum ihre« HerzeuS ist tobt oder stirbt ad. Mau reformire daher uur für die wahren Jatrreffeuten, langsam fortschreitend^