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Israelitische Wochenschrift · 1890-05-29 · 22 (29.5.1890) · p. Seite 162

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
22 (29.5.1890)
Date
1890-05-29
Page
Seite 162 (sequence 2)
Language
German
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Hr. Dr. Leon sagt: ״Die Ueberfülluug der höher» Lehranstalten, der Drang nach Bildung and freier BethLtigung der Seistesftäfte seiten» eine» TheilS unserer Natron gttt einem andern Theile und anscheinend auch der Söuiglichen Staatsregierung als ein Mißstand. Mit dieser Thatsache habe» die Juden in Deutschland fortan zu rechnen.- Nein, mit di-ser Thatsache haben wir kaum im Moment zu rechnen, denn die Lönigl. StaatSregierung hat sich mit der Frage gar nicht beschäftigt; Hr. ». Goßler hat fich im Laufe weniger Wochen schon wieder eine» Andern besonnen, und Herr Stöcker wird fich wieder einschränken, wenn ihm auch nur die leiseste Andeutung wird, daß sein Auftreten für nicht ganz opportun gilt. Also wir Juden können im Segentheil die ganze Debatte aus unserer Rechnung streichen. Ganz unab hängig davon bleibt freilich die Auf» gäbe, das Judeuthu«, so viel als wir nur vermögen, mit den Institutionen des Staates und der Gesellschaft, in denen wir leben, in Einklang zu bringen. Aber gerade wenn ein Errigniß, dessen Wirkungen wir als freilich ganz vorübergehende auschen, uns iu eine große Erregung versetzt, find wir am wenigsten geeignet, diese Fragen, deren Besprechung nur bei ruhigem Gewüth ersprießlich ist, zu diskutiren. So lange dre Bewegung, die Goller veranlaßt hat, noch ihre Wellen treebt, find wir am allerweuigfteu befähigt, Vorschläge zu erfiunen, die auf lange Zeit hinaus dem Judenthu« eine andere Gestalt geben sollen. Herr Dr. Leon empfiehlt uns den ,praktischen Sinn,- der uns so oft nachgerühmt wird, darin zu bethätigen, daß wir alle religiöse Einrichtungen beseitigen, durch die wir irgendwie auffallen, die unsere Volksgenossen christlichen Bekenntnisseeigenthümlich berühren könnten. Judeß wir Juden müßten uuS schämen, wenn wir so praktisch wären; so praktisch waren unsere Vorfahren nicht, die ihr Leben hingegebeu haben zur Heiligung des Namen« Gotte». Die uns religiös bessern und erziehen wollen, sollen nicht praktisch sondern idealistisch sein. Dr. Leon ist sehr geschickt, Gegensätze zwischen dem Judenthum und dem modernen Staat zu koustruiren, jagen wir es heraus: zu erfinden. Ordnet die Glaubenslehre äußere Handlungen oder Unterlassungen an, die mit den Anforderungen des Staate» an seine Bürger im Widerspruch stegrn, so giebt eS nur eine Wahl: auszuwanderu und fich dem Lcnflikte zu entzieheu, oder aber fich demselben (d. i. dem Staate) bedingungslos zu unterwerfen.- Wir ftagen erstaunt: wo hat fich denn dieser Gegensatz gezeigt? Ist dieser Herr Dr. Leon, dem wir e» gern glauben möchten, daß er ein warmes Herz für da» Judenthum hat, nicht in seinen Forderungen schlimmer, als die Stahl, Wagner, -leist» Retzow u. Genossen? Der Staat guckt uu» nicht in die Töpfe» stöbert nicht in uusrrn Stuben, prüft nicht Herz und Nieren, er stell! konkrete Forderungen an seine Bürger, an seme Beamte«, find diese Forderungen erfüllt, so hat sich bisher der Staat nicht weiter um uns bekümmert; aber der Jude Leon ist staatlicher als der Staat; wir wissen, e» verbittert de» Streü, wenn man die dou» iides de» Gegners anzweifelt, aber e» kostet «uS große Anstrengung nnd wir müssen unserm Herzen eine» gewaltigen Stoß gebe», um zu glauben, daß Dr. Leon e« nicht nur mit den Jude», sondern auch mit dem Judenthu» ehrlich meint. ,Alle äußern öffentlichen Bethätigungen unserer rituelle» Borschrifteu soll«, wir sorgsam vermeiden.- ,Der jüdische Sabbat, di« zahlreiche» Feiertage mit ihren Hemmschuhen uud Bremsen machen fich au; allen Gebiet«, de« gewerblichen uud «iffeuschaftlichrn Leben», m Handel »ad Jadustrir, iu der Schule, auf dem Gerichte, uud nicht zum miudefteu auf der Straß«, als» überall äffrutlich gelteud.- Herr Dr. Leo» steht ein, daß er kleinliche Gesichtspunkte gelteud «acht. »Aber, meint er, die Form bedeutet viel i» der Gesellschaft unsere» Zeitalters, «st Alles; e» mag die» bedauerlich se», aber mir werden und lim.a die» nicht ändern, s» lauge wir die Menscheunatur selbst nicht umzubilden vermöge».- Wessen Menschennatur? Die eine» kleinlichen Forme«» meuschen; wahrhaft fittliche Naturen, schlichte biedere Lente werden danach fragen, ob einer da» Herz auf de« rechte» Fleck hat, ob einer redlich ist im Handel nnd Wandel; di« beste Waffe gegen den Antisemitismus bleibt: sich die zehn Gebote ordentlich einzuprägeu; wir find au» religiösen Gründen dafür, daß die BethLtigung der Frömmig. keil fich nicht hinaus auf den Markt des Leben» dräogeu soll; auch uns stört die Sabbatkleidung jüdischer Frauen zu« weilen, weil fie oft geschmacklos uud luxuriös ist. Aber der fromme Christ denkt besser und gerechter, als der Jude Leon; er fühlt fich nicht verletzt, wenn der Jude am Sabbat feiert. Gelänge es Herrn Leon, den moralischenZustand der Juden zu heben, da» wäre eine Reform, auf» innigste zu wünschen; wir sind nicht schlechter als die Andern; aber wir sollen besser, viel besser sein al» sie, da» ist unser Ehrgeiz, unser Reformeifer; die zehn Gebote sollen eine Wahrheit werden. Wir lesen zuviel jüdische Sonkurse und nicht immer find fie nur auf geschäftliches Unglück zurückzuführen; cS begegnen unS immer noch zu viel Juden bei Anklagen de» Betrugs uud anderer Bcrbr chen. Die Hyperolhodoxen sind uns zuwider, weil fie oft, ohne eS zu wollen, bei der großen Menge die Meinung begünstigen, als könne mau Gott durch Eeremoniendieast ein Aequivalent bieteu für Betrug und Täuschung de» Nebenwenschen. Aber in der tiefsten Seele zuwider sind un» auch Diejenigen, die, obgleich das Judenthum ihnen völlig gleich» giltig geworden ist, sich un» als ReligionSoerbrfferer auf» drängen, die vielleicht am Jomkippur bei einer guten Eigarre und einem guten Mahle ihre Reformgedanken auSspinnen, die sich längs losgesagt haben und au» den kleinlichsten Motiven die gewaltigsten Neuerungen anstreben. Die Verleguug de» SabdatS, die Einschränkung und Bereinfachung der Feiertage sind Postullate de» Herrn Leon; .der Drang nach höherer Bildung, der jüdische Familiensinn, der WohlthätigkeitSsinn wirken oft verderblich.- Herr Leon reformirt so von Grund aus, daß für seinen Nachfolger etwa nur noch die Aufgabe bliebe, dem Judenthum die Grabrede zu halten. Die Furcht, da» Gift solcher Gedanken könnte, weil e» in süße Worte gehüllt ist, wettere» Eingaug finden, zwingt un», noch etwa» ausführlicher über da» Einzelne zu reden._L-Gl. Die Schrüdebatte im preutz. Herreichtmse. Bon Rabbiner Dr. Rothschild. Dir -läge Stöcker'» im preuß. Abgrordueteuhause «ad die Zustimmung de» Minister«, daß die Auzahl jüdischer Schüler an einzelnen Gymnasien technische Dchwierigketteu bereite, hatte izn Herreuhause den Antrag zur Folge, jüdi» sche Schüler von den christlichen Schulen möglichst auSzuschließe». Der HauSmiuister de» Laiser» stimmte zu, der ikuttuS minister aber hatte administrative Schwierigkeiten uud Verfassung»., frage» dagegen eiuzuwrudeu. Erstere, erklärte mau, säe» leicht zu überwinden und letzter« seien dünnen ZwirnSfäde» gleich, welch« leicht zu zerreiße» sein würde». Zur Be« gründung galt wieder die atte Phrase von der Gefahr des zur Herrschaft gelaugteu jüdischen Geiste» für Ehristeuthum uud Christen, uud die »eue Alge vo» der Last, »elch« dir Dummheit uud Trägheit der jüd. Schuljuugeu de» sichrer» bereiten, während doch umgekehrt fast alle Schule» di« grtstiße Prävaleaz der jüd. Schüler rühme» und auch t» Leb«» »au sie gleichsam fürchtet. Uud doch diese offene B«rlech»m«gderSahr« hettl Gerade au» dieser Furcht oor de, Jude», »elche uu» begründet, erklärt fich die Feindschaft gege» sie, »elche »»berechtigt, dem, bei de» hohe» Herren, nicht bei dem uiederu Volke herrscht diese Feindschaft; mir erkeuueu dar» wieder, daß der Antisemitismus im Adel (wie ist e» da mtt

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