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Israelitische Wochenschrift · 1890-05-22 · 21 (22.5.1890) · p. Seite 156

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Journal
Israelitische Wochenschrift
Volume
21 (1890)
Issue
21 (22.5.1890)
Date
1890-05-22
Page
Seite 156 (sequence 4)
Language
German
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Wohlgemerkt, wir übernehmen keine Bürgschaft für die Zukunft, es kann sein, e« ist sogar wahrscheinlich, daß die unbedingte Sonntagsruhe, die Einstellung alle» gewerblichen und geschäftlichen Betriebe» immer energischer von Staat«- wegen gefordert wird; so weit sind wir aber heute noch lange nicht; heute würde eS viele Juten in kleineren Städten und in Dörfern weit mehr schädigen, am Sonntag ihre Läden und ihre Werkstätten zu schließen, als wenn sie die« am Sonnabend thun. Denn der Sonntag ist der Hauptgeschäftslag; unsere christlichen Mitbürger, besonder» die auf dem Lande wohnenden, sind darauf eingerichtet, vor und nach dem Kirchgang ihre Einkäufe und Verkäufe zu besorgen. Wa» die Jugend anbetrifft, so hatte diese an den meisten Orten li» zur Prima hinauf einen geordneten Religion»- unterricht, der einigen Ersatz für die fehlende Sabbaterbauung bieten kann, und sodann ist die Anregung de» Rabb iner v erbandes, einen Jugendgottesdienst einzurichten, an vielen Orten auf fruchtbaren Boden gefallen. Darum liegt für den Moment gar kein Grund vor, das Meffer des Chirurgen zu so gewagtem Einschnitt anzurufen. Bor der Hand würden viele Juden, die den Sabbat halten, sogar ein schlechte» Geschäft machen, wenn sie die Sonntagsruhe dafür einsührten. Aber e» kann vielleicht e׳ne Zeit kommen, wo un» der Staat so eiuengt und so gebieterisch Sonntagsruhe heischt, daß dann der religiöse deutsche Jude zwei Tage feiern müßte, dann köon'e man sich vielleicht de» Worte» de» Rabbi Simon b. Menassta erinnern, welche» wir in d,n talmudischen Schriften lesen: העובת מסורה לכם ואין אתם מסורים לשכת »Der Sabbat ist euch übergeben, aber ihr seid nicht dem Sabbat übergeben." Jndeß diese Sorgen der Zukunft gehen un» heute nicht» an; wer heute den Sabbat oushrbt, der schlägt unsere» Erachtens nur noch eine Brücke mehr zum Christenthum. Dorum finden wir den Vorschlag nicht auffällig im Munde de» Herrn Schwalb, de» christlichen Prediger», der e» in einer seiner Schriften der protestantischen Orthodoxie zum Borwurf macht, daß sie e» nicht verstanden hat die Juden zu gewinnen, weniger begreiflich ist r», wenn auch Herr Dr. Leo» un» diese Heilmittel empfiehlt, jedoch deffen Ansichten verlangen und verdienen eine eingehend« Würdigung, die wir in einem folgenden Artikel versuche,« wollen. Gerichte und Correspondrnzen. Deutschland. Magdeburg, 15. Mai. Einen RuhmeStagS de» Herren- Hause» nennt die ,Sreuzzeitung" die Hep - Hep - Sitzung desselben vom 9. d. Mt»., sie preist deu »attpreußischen christlichen Geist," der die Mehrheit der ,Herren" erfüllt habe. Nun wir glauben, daß CultuSminister von Goßler und Mollke, die nicht zu dieser Mehrheit gehörten, doch auch gute Preußen und Christen sind, ja vielleicht noch bessere, denn sie halten fest an der altpreußischen Tradition, daß alle Bürger sich gleichen Rechtsschutzes zu erfreuen haben, daß jeder nach seiner Foyon selig werde; ihnen ist Christenthum nicht identisch mit Unduldsamkeit und BerfolgungSsucht, sie wissen, daß da» ,Liebe deinen Nebenmenschen wie dich s:lbst," dem Judenthum und Christenthum gemeinsame, höchste Grundlehre der Ethik ist; und wer nach diesem Grundsätze handelt, der ist un» der bessere Christ, wie auch der bessere Jude. Wohl aber hat die .Sreuzzeitung" darin Recht, daß der Kampf de» Antisemitismus gegen die Gleichberrchtigung der Juden mit dem Beschluß des Herrenhauses in ein neue» Stadium getreten ist. Zum ersten Male ist da», wa» bisher nur eine Hetze in Wort und Schrift war, dadurch zu eine Forderung an die Gesetzgebung formulirt. Es ist rin ernstes Symptom der Lage, daß die Reaktion sich mit einem Vorstoß gegen die jüdischen Staat»- bürger hervorwagt, die sie selbst al» den Anfang eine» Kampfe» bezeichnet, ak» deffen Zielpunkt die »Entbürgerung der Juden" ganz offen bezeichnet wird. ,In solcher Lage," schreibt die ,Franks. Zeit." mit vollem Recht, ,bleibt den Angriffeneu nicht» andere» übrig, als die unbeugsame Lertheidigung ihrer Rechte, die ihnen gleich« bedeutend sind mit ihrer Existenz Die Katholiken haben in der P.riode de» Kulturkämpfe» da» leuchtende Beispiel gegeben, wie erfolgreich der Widerstand einer Minderheit sein kann, wenn er, in dem RechtSbodea wurzelnd, unermüdlich und unbeugsam sich bewährt. Versuchungen wie Angriffen in gleicher Weise trotzend. Mit der Waffe de» Recht» kann auch eine so geringe Minderheit, wie sie die Juden im Reiche und in Preußen darstellen, sich allen Gewalten zum Trotz erhalte» und mit Zuversicht hoffen, auch an ihr wird sich, wenn sie in den Widerstand ihre Bollkraft legt, das Wort erfüllen: ,Sich wehren bringt zu Ehren!" A. Nerlin, bin 16. Mai. (Or.-Corr.) Die in der vor. Nr. Ihres gesch. Blattes unter ,Berlin, den 11. Mai" gebrachte sensationelle Mittheilung die Familie des Glasermeister« Satz betreffend, und die sich daranschließende Behauptung, daß Frau Minister von Goßler deren Kind unter der Bedingung adoptiren wolle, daß es im christlichen Glauben erzogen werden sollte, war für mich al» jüdischen Handwerksmeister, der ich während de» Neubaues de» Cullus« Ministerium» öfter mit Frau v. Goßler geschäftliche Besprechungen hatte, Veranlassung genug, mich sofort bei K. nach den näheren Umständen de» ganzen Vorfälle» zu erkundigen. Bon Herrn K. und seiner noch leidenden Frau erhielt ich ausführliche Mittheilungen, die die Thatsache bestätigen, daß sie allerdings 10 Jahre hindurch, seit 1878 — al» sich Frau K. in der v. Langinleckschen Universität«.Klinik, einer eben so selteurn, wie schwierigen aber geglückten Nasenoperation unterziehe» mußte — bi» 1888 direkt von Herrn und Frau v. Goßler sich ungezählter Unterstützungen und Gunstdezeugungen und freundlicher Ausnahmen, die sich auch auf die Linder erstreckten, ja selbst, während der langen ReconvaleSzenz sich auch auf Besuche in der S.'schen Wohnung ausdehnten, zu erfreuen hatte.*) Daß Frau v. Goßler auch den Heranwachsenden Kindern Aufmerksamkeit schenkte, ein damal» zehnjährige» Mädchen in «ine Mädchenschule und dann zur weitern Ausbildung in einen Verein mit wirthschaftlicher Tendenz »nterzubringen sich erbot — da» Alle» find so sehr menschenfreundliche Züge und Handlungen, daß sie in jeder Weise der hohen Dame zur Zierde gereichen und ebenso der jüdischen wie christlichen Sillenlehre entsprechen. Eine» jedoch ist zu berichtigen. E» war niemals die Rede davon, da» Lind zu adoptiren oder im christlichen Glauben zu erziehen.**) Die Eltern wollten damals die Erziehung ihre« Kinde» nicht au» der Hand geben und lehnte der p. Latz da» Wohlwollen in etwa» ungeschickter Weise dankend ab. Da» war Anfang 1888. Seitdem hat sich Frau v. Goßler zurückgezogen. *J5־iäü K — schreibt unser Gewährsmann — kann gar nicht genug die Art der Hilf«, die Ausnahme, di« Fürsorge seiten» der Frau v. G. schildern. Eie weinte heiße BankrSthräncn für di« zehnjährigen Gunslbezeugungea au» dem v.^Goßler'sche״ Hause. (Eine» tllbeud» fuhren sogar Herr v. G. und setne Gemahlin bei« Gemeinbehause in der Oranienburgerstr. vor, um für Unterstützung der Famitie 8. sich persönlich zu verwenden. Ta» Bureau war aber schon zu. Tie Beamten sollen damal» gisagt haben: wenn sie hätten ahnen können, toß eia solcher Besuch zu erwarten gewesen wäre, so würden sie bi» in di« Nacht anwesend gbliiben sein.) **) Wir erhalten kurz vor Schluß tiefer Nr. von einer hohen, der edlen Frau v- Goßler am nächsten stehenden Person ebenfall» eine diesbezüglich« berichtigend« Notiz mit tem Hinweise daraus, daß da» v. Goßler'sche Ehepaar sich de» Kindersegen» ersreue und schon darum gar nicht in der Lage war, «in fremde» Kind zu adoptiren. Indent wir e» ausrichtig bedauern, daß unser sonst gut unterrichteter Berichterftatter indem ei ne» Punkt über'» Ziel hinauSschoß, freue» wir un» doch die von allen Zeiten bestätigte Thatsache gemeldet zu haben, wie seiten» der hochverehrten Frau Minister echte werkthätig« Menschenliebe ge übt wird, wie sie al» hilfebringender Engel in der Wohnung einer armen leidenden jüdischen Handwerkersamilie erscheint. Wir rufen ihr die Segentzworle an Ruth (2,12) zu: ,Der Herr lohne Dein Thun! (R.)

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